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“Radetzkymarsch” und “Die Kapuzinergruft”: Anzeichen des Zerfalls einer Monarchie und der Krise ganzen Europas

15 Januar, 2012 von · Keine Kommentare

Jasmina Tacheva

Europa
Foto: cod_gabriel

Je mehr sich das Ende des Ersten Weltkriegs nährte, desto deutlicher wurde es, dass die österreichisch-ungarische Monarchie zerfallen würde. Seit langem war Österreich-Ungarn nicht mehr imstande, die nationalen Interessen der verschiedenen Nationen innerhalb der Monarchie zu vereinen.

Infolgedessen, haben die Führer der Kronländer entweder ihre eigenen nationalen Staaten proklamiert, oder sich an andere Staaten angeschlossen. So nannten letztendlich die Parlamentarier des letzten Reichsrats am 21. Oktober 1918 das von ihnen vertretene Gebiet offiziell “Deutschösterreich”.

In seinen Meisterwerken “Radetzkymarsch” und “Die Kapuzinergruft” stellt Joseph Roth durch die Geschichte vom Geschlecht der Trottas die verschiedenartigen Ursachen des Verfalls der Donaumonarchie dar: historische, gesellschaftliche, ethnische, wirtschaftliche und religiöse. Darin kann man auch die Anzeichen einer unvermeidlichen Krise, die ganz Europa in den Abgrund zu reißen bedrohte, sehen.

Am 11. November 1911 erklärte August Bebel im Reichstag, dass der Konflikt zwischen Deutschland und Frankreich eine ernsthafte Gefahr sei, und nicht nur ein Trugbild, wie ihn die meisten Deutschen wahrzunehmen schienen:

“So wird man eben von allen Seiten rüsten und wieder rüsten, man wird rüsten bis zu dem Punkte, dass der eine oder andere Teil sagt: lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. (…) Alsdann wird in Europa der große Generalmarsch geschlagen, auf den hin 16 bis 18 Millionen Männer, die Männerblüte der verschiedenen Nationen, ausgerüstet mit den besten Mordwerkzeugen, gegeneinander als Feinde ins Feld rücken. Aber nach meiner Überzeugung steht hinter dem großen Generalmarsch der große Kladderadatsch (…) Die Götterdämmerung der bürgerlichen Welt ist im Anzuge.”

Obwohl der Erste Weltkrieg in der Tat nicht zum Zusammenbruch des Kapitalismus und zum Triumph des Sozialismus geführt hat, ist es Bebel dennoch gelungen, die künftigen Ereignisse in Europa, nämlich, den globalen Kataklysmus des Krieges bemerkenswert klar vorherzusehen.

Joseph Roth
Foto: center_for_jewish_history

Dieselbe Klarheit des Blickes im Bezug auf die politischen und kulturellen Tendenzen dieser stürmischen Epoche kann man in den Romanen von Joseph Roth merken.

„Es handelt sich nicht mehr darum zu ‚dichten’. Das Wichtigste ist das Beobachtete.“ schrieb er 1927 im Vorwort seines Romans “Die Flucht ohne Ende” – Worte, die zum Motto der Neuen Sachlichkeit geworden sind. Man strebt sich also laut der Literaturkanons dieses Stils nach Wahrheit und nicht nach Schönheit, und doch besitzt Roths Sprachegebrauch eine außergewöhnliche Lebhaftigkeit und Poesie.

Die Charaktere der Figuren stellt er sehr anschaulich dar, indem er ihre Wesenszüge nicht ausdrücklich auszusprechen braucht, denn durch die genaue Beschreibung ihres Verhaltens und ihrer Taten ermöglicht er den Leser sie selbst zu entdecken.

Während in “Radetzkymarsch” der Autor vom Standpunkt der neutralen Erzählperspektive berichtet und damit ein hervorragendes Gefühl der Unvermeidlichkeit des Untergangs der Monarchie und der menschlichen Machtlosigkeit gegen das Schicksal vermittelt, wird in “Die Kapuzinergruft” die Erzählperspektive zu einer Ich-Perspektive, die ein Erlebnis des Krieges aus erster Hand anbietet.

Joseph Roth
Foto: Antiquariat Dr. Haack

Die Ursachen des Verfalls der Donaumonarchie sind in beiden Romanen durch verschiedene literarische Mittel geschildert. Man kann eine deutliche Vielschichtigkeit der Beschreibung spüren: unter der Oberfläche von menschlichen Beziehungen und Ereignisse existiert eine metaphorische Schicht der Symbole und Allegorien.

Die Titel der beiden Werke selbst sind zwei der wichtigsten Symbole im Kontext von Roths Konzeption. Der Radetskymarsch ist die Pointe des einen Romans und die Kapuzinergruft die des anderen. In der Epoche bevor dem großen Krieg hat der Radetzkymarsch als Symbol für die Macht der Monarchie gegolten, das eine anspornende und bezaubernde Wirkung auf das österreichische Volk hat.

Während das Publikum jubelt, hält der Kapellmeister in “Radetzkymarsch” für notwendig “jede Note vom Blatt zu lesen”, denn er ist fest davon überzeugt, dass Disziplin einer der wichtigsten Grundpfeiler der Monarchie sei. Kaisertreu zu sein bedeutet Traditionalist zu sein, weil z. B. die Nachlässigkeit der Kollegen vom Dirigenten und andere solchen unverzeihlichen Untugenden der Dekadenz der neuen Zeit entsprächen; so was hat es zur Zeit des Höhepunkts Österreich-Ungarns gar nicht gegeben.

Im Roman “Die Kapuzinergruft”, der um die Zeit des Ersten Weltkriegs spielt, andererseits, ist die Funktion des Radetskymarsches von der Grabstätte der österreichischen Kaiser übernommen. Genau wie der Marsch den Höhepunkt der Donaumonarchie bezeichnet, stellt die Kapuzinergruft den Verfall dieses dar. Interessanterweise, stehen beide Symbole für historische Ereignisse, die schon zur Zeit der Handlung der Vergangenheit gehören: das Hauptteil von “Radetskymarsch” findet buchstäblich während der letzten Augenblicke Österreich-Ungarns statt, also in einem Moment, wo die Blütezeit der Monarchie schon längst vergangen ist.

Franz Joseph I
Foto: Franz Xaver Winterhalter

Dasselbe gilt für “Die Kapuzinergruft”: der Erste Weltkrieg ist schon Jahrzehnte her, als Franz-Ferdinand im letzten Kapitel des Buchs vor dem entscheidenden Dilemma seines Lebens steht: “Wohin soll ich jetzt, ein Trotta?”. Da gibt es nur eine mögliche Lösung: “Ich will den Sarg meines Kaisers Franz Joseph besuchen”.

Beide Symbole sind Überbleibsel einer vergangenen Epoche, die sich nie wieder wiederholen wird, und dennoch verkörpert das Geschlecht der Trottas das beharrliche Sehnen nach ihrer unmöglichen Auferstehung.
Der Bezirkshauptmann Joseph von Trotta aus “Radetskymarsch” ist als einer der hingegebensten Traditionalisten dargestellt. Er versucht die Zustände der Monarchie um jeden Preis zu bewahren und seinen Sohn derengemäß zu erziehen.

Obwohl er sich im Laufe der Zeit deutlich verändert, abweicht und nicht mehr so streng und unergiebig ist, verzichtet er dennoch auf die Würde der Monarchie nicht; solange er am Leben ist, geht er seiner Treue zum Kaiser nicht fremd. Beide hegen eine große Sehnsucht nach der “guten alten Zeit”, nach dem Höhepunkt der Monarchie.

Der Schlacht von Solferino ist ein tatsächlicher Kampf zwischen Österreich und Italien, aber der Held von Solferino ist keine echte historische Figur. Das Geschlecht der Trottas ist von Joseph Roth erdacht, um einem für die Erklärung des Verfalls Österreich-Ungarns ganz wesentlichen Zweck zu dienen: Der Aufstieg der Trottas von Bauern aus Sipolije zu veradelten Baronen ist ein Verfahren des Autors, das ihn einen weiteren Grund für den Zerfall zu beschreiben ermöglicht.

Nämlich – die damalige gesellschaftliche Struktur. Es ist kein Zufall, dass Carl Joseph, der oft unter den Ansprüchen seines Vaters und des Militärs leidet, sich immer wieder vom Land seiner sipolischen Vorgänger gerufen fühlt. Ein Bauer, der sich nur um seinen Acker und sein Vieh kümmern muss, ist nicht mit der enormen Verantwortung eines Leutnants beauftragt.

Kaiserin Elisabeth von Österreich. Gemälde von Franz Xaver Winterhalter, 1865
Foto: Franz Xaver Winterhalter

Eine oft unerträgliche Verantwortlichkeit, die letztendlich so schwer wird, dass sie in tragischen Fehlgriffen wie dem Befehl Carl Josephs, auf die streikenden Arbeiter zu schießen, resultiert. So halten es Traditionalisten wie Franz von Trotta von etwas ganz Natürlichem, dass es eine Hierarchie mit strikt abgesonderten Grenzen zwischen den verschiedenen Schichten, die sie bilden, geben muss, und dass es sich von sich selbst versteht, welche die regierende und welche die unterstellte Klasse sein soll.

In so einer Gesellschaft der Regeln und Normen ist eine Beziehung wie die zwischen Carl Joseph und Frau Slama, derer Ehemann Herrn von Trotta untergeben ist, untypisch, marginal und unerwünscht. In so einer Gesellschaft muss und darf Carl Joseph nicht, seinem Offiziersburschen Onufrij jegliche Zuneigung zeigen. In so einer Welt ist Onufrijs Geste, seine Ersparnisse seinem Herrn zu übergegen, vom Blickwinkel der Macht aus, eine schamvolle Schande.

Die Anzeichen der Hierarchie sind überall im Buch zu sehen: für den Bezirkshauptmann ist es natürlich, dass der Sohn des Kapellmeisters zeit seines Lebens es nicht weiter als die Infanterie machen wird. Er ist von der “dreisten” Antwort des Vaters, dass er in die Kavallerie zu rücken hoffe, ganz und gar überrascht. Dasselbe gilt für die Kavalleristen im Regiment Carl Josephs, die gar nicht imstande sind anzunehmen, dass es für einen Juden je eine höhere militärische Stellung geben wird als die bei der Infanterie.

Die Verschichtung der Gesellschaft in “Die Kapuzinergruft” ist nach einer anderen Methode organisiert. Noch am Anfang des Buchs wird die scharfe Grenze zwischen Franz-Ferdinand und seinem Vetter Joseph Branco nicht ohne Ironie hingelegt: “Ja, während ich ihn so die Suppe schlürfen sah, erschien es mir beinahe rätselhaft, dass die Menschen überhaupt Löffel erfunden hatten, lächerliche Geräte… Und ich erfuhr also, dass mein Vetter Joseph Branco Frühling, Sommer und Herbst ein Bauer war, dem Feld hingegeben, winters war er ein Maronibrater.”

So eine seltsame Erscheinung ist der Slowene für Franz-Ferdinands Freunde, ein Teil der damaligen Wiener jeunesse dorèe, dass sie “hätten… mir am liebsten den ganzen Vetter abgekauft, meine Verwandtschaft und mein Sipolje.”

Franz Josef I - ca 1885
Foto: Carl Pietzner

Ein bedeutender Aspekt der Kaisertreue ist ihre bemerkenswerte Fähigkeit, so viele Kronländer so lange wenigstens formell zu vereinigen. Alle Ethnologen und politischen Geographen stimmen überein, dass um ein friedliches Zusammenleben in einem multikulturellen Staat möglich zu sein, ist es nicht genug, ein gemeinsames Territorium zu teilen. Die Völker innerhalb des Staates sollen irgendeine historische, ethnische, sprachliche oder religiöse Verbindung miteinander haben, denn das sind nämlich die Voraussetzungen, die für die Formierung einer Nation nötig sind.

Eine solche Verbindung soll wenigstens vorhanden sein, um die Einheit möglich zu machen, andernfalls werden die verschiedenen Volksgruppen auf ewig einander fremd bleiben, und fremd bleiben bedeutet ein schwellender Konflikt, eine Zeitzünderbombe, die jeden Moment detonieren kann. Außerdem weiss man freilich, dass solche Konflikte besonders blutig und grausam gerade deshalb sind, weil die ethnische Identität in Gefahr schwebt.

Franz Joseph I. verkörpert diese kritische Verbindung. Sein kaiserlicher Titel lautet: “von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich, apostolischer König von Ungarn”. Laut der Worte von Chojnicki, die Monarchie “ist gegründet auf dem Glauben, dass Gott die Habsburger erwählt hat über mehrere christliche Völker zu regieren”, also ist er an erster Stelle von der Gnade Gottes, aber dann auch von dem Glauben der Völker unter seiner Regierung abhängig. Wenn, wie der Graf sagt, “die neue Religion” der Nationalismus ist, kann sich der Kaiser nur noch auf der Treue seiner Beamten und seines Militärs stützen.

In “Die Kapuzinergruft”, andererseits, ist ein ganzes Kapitel der Religion gewidmet: “Ich hätte mich geschämt, wenn ich meinen Freunden hätte sagen müssen, dass ich zur Kirche gegangen sei. Es war keine wirkliche Feindseligkeit gegen die Religion in ihnen, sondern eine Art Hochmut, die Tradition anzuerkennen, in der sie aufgewachsen waren. Zwar wollten sie das Wesentliche ihrer Tradition nicht aufgeben; aber sie – und ich gehörte zu ihnen – wir rebellierten gegen die Formen der Tradition, denn wir wussten nicht, dass wahre Form mit dem Wesen identisch sei und dass es kindisch war, eines von dem andern zu trennen.”

Vielsagend sind die Worte Chojnickis, des Bruders vom Grafen Chojnicki aus “Radetskymarsch”, der alle, die die Kirche vernachlässigen, für halbe Anarchisten hält: “»Die römische Kirche«, so pflegte er zu sagen, »ist in dieser morschen Welt noch die einzige Formgeberin, Formerhalterin. Ja, man kann sagen, Formspenderin.” Dennoch weiss der Erzähler selbst, dass er an den religiösen Formen noch festhält nicht aus purer Gläubigkeit, sondern “dank dem Gefühl, dass die Noblesse ihn dazu verpflichtete, die Vorschriften der Religion zu befolgen.”

Zusammen mit “Radetskymarsch” vollenden diese Aussagen das Bild der Römischen Kirche, die kein funktionierendes Haus Gottes mehr ist, sondern eher ein hohles, verfallendes Pantheon des Glaubens der Aristokratie, die sich selbst betrügen will, dass die Sicherheit und der Schutz, die die Lebensordnung der Monarchie anbietet, ewig und unverletzbar sein wird.

Kapuzinergruft
Foto: Rsuessbr

Die Anzeichen des Verfalls in den zwei Endzeitromanen sind am deutlichsten in dem Verhalten der Personen zu spüren. Sie kommen nämlich in zwei Abarten: in der Form einer sich verstärkenden Verzweiflung der Anhänger der Monarchie, beziehungsweise der Tradition, und in der Form eines selbstgefälligen Jubels jener, die mit dem epochalen Wandel des Systems zufrieden sind, oder wenigstens zufrieden zu sein glauben.

Was die erste Gruppe besonders betrübt, sind nämlich die Verhaltensweisen der zweiten, die die für nichtgestattete Anomalien und Deviationen halten, da sie den festgesetzten Normen total widersprechen. In die erste Gruppe kann der Bezirkshauptmann von Trotta eingeordnet werden, denn Leben ist eine formelhafte Routine. Zur zweiten Gruppe gehören die verzweifelten Soldaten im Regiment Carl Josephs, die wegen schmerzhafter Inaktivität Beute dem Hasardspiel und dem Neunziggrädigen geworden sind.

Zu dieser Gruppe zählen auch die Frau Professor Jolanth Szatmary und zum Teil Franz-Ferdinands Schwiegervater. Die Professorin – wegen ihres Verhaltens, das als maskulin empfunden ist, und deshalb – als anormal, und der Schwiegervater wegen seiner zweifelhaften Geschäfte, die der ehrlichen Durchsichtigkeit der Beziehungen unter Mitgliedern der Aristokratie gar nicht entsprechen. Es gibt in den Romanen aber auch einige, so zu sagen, “Zwischen-Fälle”, die nicht ganz zu dieser Kategorien passen.

Eigentlich sind diese Figuren die Hauptpersonen der Bücher – Carl Joseph aus “Radetzkymarsch” und Franz-Ferdinand aus “Die Kapuzinergruft”. Der erste sehnt sich oft nach den “alten Tagen” der Kindheit, nach dem Radetzkymarsch, also empfindet er Nostalgie für die Vergangenheit, und jedoch spürt er, dass er nicht zur Armee gehört, obwohl er den Kaiser so sehr verehrt. Sein Großvater hat sein Leben gerettet, und das Wertvollste, das er während Friedenszeit tun kann, ist sein Porträt vom sündhaften Bordell zu “befreien”. Franz-Ferdinands Charakter, andererseits, ist auch nicht nur schwarz oder weiss. Z. B., ihm gefällt das Benehmen der Frau Professorin nicht, aber nicht weil er zu konservativ wie seine Mutter ist, sondern eher, weil diese Frau seine Ehefrau zu beeinflussen versucht.

Unglaublich viel hat sich nach dem Ersten Weltkrieg geändert. Während bevor dem Krieg “Gefühle kaum einen Platz [hatten], Leidenschaften gar waren verpönt” und Franz-Ferdinand “hätte viele Gelegenheiten finden können, um mit dem Mädchen allein zu sein, obwohl es in jener Zeit noch nicht zu den Selbstverständlichkeiten gehörte, dass junge Damen allein in Gesellschaft junger Herren ohne einen schicklichen, geradezu legitimen Vorwand länger als eine Stunde bleiben konnten”, ist es nun üblich geworden, dass Frauen auch genauso viel Macht haben können, wie Männer, und manchmal sogar größere, wie im Fall von Franz-Ferdinand, Elisabeth und Jolanth.

Das ist auch ein Zeichen des Untergangs der Monarchie und ihre Lebensordnung, wo jedes Geschlecht, jede ethnische Gruppe, jeder Beruf, ja jedes Individuum seinen eigenen Platz im System hatte und die gesellschaftliche Rolle jeder Mensch noch bevor seiner Geburt bestimmt wurde, denn um von einer sozialen Kaste in eine höhere zu kommen, würde sich etwas wirklich Außergewöhnliches ereignen sollen, um diesen Aufstieg zu ermöglichen, z. B. die Rettung des Kaisers von dem Helden von Solferino.

Jetzt aber, da es keine Monarchie mehr gibt, sind diese künstlichen Mechanismen, welche, weil sie so lange das Leben aller Menschen innerhalb des Staates bestimmt haben, die Leute für natürlich zu halten begonnen haben, verschwunden, was eine katastrophale Verwirrung in der Weltanschauung der Bevölkerung verursacht hat. Denn nun wissen die Menschen nicht mehr was natürlich und gerecht ist. Diese Funktion, das festzusetzen, hat bisher dem Kaiser gehört, und nun soll jeder für sich selbst nicht nur sein eigenes Schicksal und seine eigene Rolle in der Gesellschaft bestimmen, sondern auch seine Stellung dem Rest der Welt gegenüber wählen – was er für akzeptabel, beziehungsweise unzulässig, hält.

So weiss man nicht mehr, ob man mit der neugewonnenen Freiheit und Unabhängigkeit zufrieden sein muss, oder den Verlust des festen Gefüges der monarchischen Staatsform zu beweinen. Auf den ersten Blick bietet der Verfall der Monarchie eine ausgezeichnete Gelegenheit an, die Grenzen zwischen den sozialen Schichten ein für alle mal zu erlöschen, und die diskriminierenden Vorurteile Arbeitern, armen Leuten oder Bauern gegenüber zu vergessen und ganz von vorn anzufangen, eine neue, demokratische Gesellschaft aufzubauen, die allen Menschen Gleichheit einräumen wird.

Doch diese neue Epoche wird nicht nur zum Anfang des Aufbaus neuer Strukturen – sie ist auch der Beginn des Zerfalls von alten Strukturen, die lange bevor der Entstehung der Monarchie da waren, was nur bedeuten kann, dass sie wahrhaftig natürlich gewesen waren, nämlich, die Einheit der Familie. Der Erste Weltkrieg, wie das Ende von “Radetzkymarsch” und das größte Teil von “Die Kapuzinergruft” zeigen, hat zu hässlichen Deformationen innerhalb der Familie geführt – zahlreiche jungen Männer sind ums Leben gekommen; zahlreiche Frauen haben ihre Söhne oder Ehemänner verloren, und auch die, die die Schrecknisse des Krieges überlebt haben, sind nicht mehr dieselben – auch wenn ihre Wunden nicht sichtbar sind, sind sie schwer und unheilbar.

Doch ich habe den Mut zu behaupten, dass sogar diese Katastrophe nicht das Schlimmste für die Familie in Österreich, Europa, Amerika, ja in der ganzen industriellen Welt ist. Meiner Meinung nach, gibt es etwas gefährlicheres, eine der Folgen des Krieges eigentlich – die Entfremdung. Der Zerfall der Monarchie, den Österreich erlebte, war, in unterschiedlicher Form von mehreren anderen europäischen Ländern auch gespürt. Auch in Bulgarien, das im 1978 vom Ottomanischen Imperium befreit und zur Monarchie wurde und dann an zwei Balkankriegen teilnahm, letztendlich auch an dem Ersten Weltkrieg, waren dieselben Prozesse der Demokratisierung und “Entmonarchierung” vorhanden.

Elin Pelin
Foto: Lost Buglaria

In seiner Erzählung “Die Geracken” hat der bulgarische Schriftsteller Elin Pelin ganz anschaulich den Einfluss der kapitalistischen Gesellschaft auf die patriarchale Familie dargestellt. Das wohlhabendste Geschlecht in einem bulgarischen Dorf, die Geracken, leben alle zusammen – der alte Gerack, seine Ehefrau und seine drei Söhne. Doch als der alten Frau auf einmal gesundheitlich nicht so gut zu gehen beginnt, nähert sich auch der Untergang der Familie – die drei Söhne ziehen aus, sie verlassen das Dorf und gehen in die große Stadt, jeder zu sich selbst, als ob sie sich nicht mehr kannten, und versuchen durch verschiedenste Geschäfte, Geld zu gewinnen.

Der Vater und die kranke Mutter bleiben zu Hause, sie kümmern sich weiter um den Acker und ihr Vieh, aber keiner von den Söhnen will zurück nach Hause gehen und ihnen helfen – die Stadt verlockt ihnen mit ihrer Pracht und ihrem Versprechen für schnelle Bereicherung. Dann, als die Mutter stirbt, kehren sie endlich zurück, aber nur um das Vermögen unter sich zu teilen, indem jeder versucht, die anderen zu betrügen, um den Löwenanteil zu bekommen. Der Vater, der bei diesem Prospekt niedergeschlagen wird, stirbt kurz nach seiner Frau. Die Söhne sind zu selbstvergessen und von Gier und Bosheit ergriffen, um um ihn zu trauern. Das Ende der Geracks ist nah…

Geo Milew
Foto: next bg trip

Ungefähr zur selben Zeit, als Elin Pelin tätig war, also um den Ersten Weltkrieg, erschien einer der bedeutendsten Dichter Bulgariens – Geo Milew, der mit den Vertretern der Wiener Moderne: Schiele, Klimt und Kokoschka, befreundet war. Seine kulturellen Ansichten waren unter dem Einfluss von Mallarme und Nietzsche gebildet, aber eine besonders starke Wirkung auf ihn hatte die Philosophie Oswald Spenglers ausgeübt. Ich denke nämlich, dass sein Werk “Der Untergang des Abendlandes” als eine alternative Antwort auf die Frage, was hat zum Verfall der Donaumonarchie, beziehungsweise, zum Ersten Weltkrieg, geführt, dienen könnte. Die Hauptidee des Buchs ist, dass Kulturen immer wieder neu entstehen, eine Blütezeit erleben und nach dieser Vollendung untergehen.

Genau wie “Radetzkymarsch” und “Die Kapuzinergruft” stellt Spenglers Theorie kein optimistisches Bild der europäischen Zukunft dar, sondern eine Welt der Trauer, Verzweiflung und Angst vor der Ungewissheit. Das österreichische Volk mag mehr Freiheit und Unabhängigkeit nach dem Zerfall der Monarchie gehabt hat, doch weniger als zwanzig Jahre nach dem Ersten Weltkrieg ist es in eine neue Form der Autokratie geraten – den Nationalsozialismus.

Einer der Gründe dafür hat Chojnicki in “Die Kapuzinergruft” noch auf den ersten Seiten des Buchs erwähnt: “Ich will damit sagen, dass das so genannte Merkwürdige für Österreich-Ungarn das Selbstverständliche ist. Ich will zugleich damit auch sagen, dass nur diesem verrückten Europa der Nationalstaaten und der Nationalismen das Selbstverständliche sonderbar erscheint. Freilich sind es die Slowenen, die polnischen und ruthenischen Galizianer, die Kaftanjuden aus Boryslaw, die Pferdehändler aus der Bacska, die Moslems aus Sarajevo, die Maronibrater aus Mostar, die ›Gott erhalte› singen.

Aber die deutschen Studenten aus Brunn und Eger, die Zahnärzte, Apotheker, Friseurgehilfen, Kunstphotographen aus Linz, Graz, Knittelfeld, die Kröpfe aus den Alpentälern, sie alle singen ›Die Wacht am Rhein›. Österreich wird an dieser Nibelungentreue zugrunde gehn, meine Herren! Das Wesen Österreichs ist nicht Zentrum, sondern Peripherie. Österreich ist nicht in den Alpen zu finden, Gemsen gibt es dort und Edelweiß und Enzian, aber kaum eine Ahnung von einem Doppeladler. Die österreichische Substanz wird genährt und immer wieder aufgefüllt von den Kronländern.«”

Die Sehnsucht des österreichischen Volkes nach der alten und bekannten, also sicheren, Lebensordnung, zusammen mit ihrer Überzeugung, dass Österreich und Deutschland zusammen gehören, hat den Anschluss möglich gemacht. War Österreich das erste Opfer von Hitlers Aggression, oder war es am Zweiten Weltkrieg mitschuldig? Ich glaube, dass es keine eindeutige Antwort auf diese Frage gibt und dass sie einfach, genau so wie der Versuch, Carl Joseph und Franz-Ferdinand in eine der beiden Kategorien einzuordnen, nicht nur schwarz oder weiß ist.

Eine wichtigere Frage jedoch, ist die Frage, ob eine solche Anomalie des Regierungssystems wie der Nationalsozialismus, heutzutage möglich sein kann. Der deutsche Film “Die Welle” aus dem Jahr 2008 versucht diese Frage zu beantworten. Ein deutscher Lehrer startet ein Experiment mit seiner Schulklasse, womit er seinen Schülern zeigen will, wie Hitler geschafft hatte, so viele Menschen an sich zu binden und an die Macht zu kommen, aber auch, was so eine Bewegung wie die der Nationalsozialisten verlangt, um gestern, heute oder morgen zu existieren.

Die Prinzipien der Gruppe, die seine Schüler allmählich formieren, sind „Macht durch Disziplin“, „Macht durch Gemeinschaft“ und „Macht durch Handeln“. Bald warden eine Uniform und ein Logo eingeführt. Die Mundpropaganda der Mitglieder verlockt mehrere anderen Schüler an dem Projekt teilzunehmen. “Der Zusammenhalt wächst, die Welle-Mitglieder beschützen einander vor außenstehenden Pöblern, sprühen das Welle-Logo nachts in wilden Gruppenaktionen an Wände in der ganzen Stadt und veranstalten eine spontane Fete.”

Der Drehbuchautor Dennis Gansel fasst die Idee des Films zusammen: „Genau darin liegt die große Gefahr. Es ist interessant, dass man immer meint, den anderen passiere so etwas und nie einem selbst. Man schiebt es auf die anderen, die weniger gut ausgebildeten oder die Ostdeutschen usw. Aber im Dritten Reich war der Hausmeister genauso von der Bewegung fasziniert wie ein Intellektueller.“ Ich denke, dass es keinen besseren Zusatz zu dieser Aussage geben könnte, als die Worte Joseph Roths:

“Alles, was wuchs, brauchte viel Zeit zum Wachsen; und alles, was unterging, brauchte lange Zeit, um vergessen zu werden. Alles aber, was einmal vorhanden gewesen war, hatte seine Spuren hinterlassen, und man lebte dazumal von den Erinnerungen, wie man heutzutage lebt von der Fähigkeit, schnell und nachdrücklich zu vergessen.“

Kategorien: Frontpage · Lebensfragen

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