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“30 Pounds” – ein Roman von Martin Ralchevski

24 Juni, 2015 von · Keine Kommentare

Autor: Martin Ralchevski
Übersetzung: Velina Weber

london

Foto: Luc Mercelis

Link zum bulgarischen Originaltext

Mitten im Winter. Nordschottland. Ein armer und ermüdeter Schäfer geht mit langsamen Schritten durch die Ödnis. Seine Schritte knirschen im Schnee. Es ist still. So still, als wäre die Zeit stehen geblieben. Allein der schneidende Wind erinnert rau daran, wer der Herrscher hierzulande ist. Es ist kalt und seine Hände frieren. Sein Gesicht ist bereift. Es gibt kein Leben ringsherum. Selbst die Vögel fliegen nicht am Himmel. Der Schäfer heißt Thomas und ist sechsundsiebzig Jahre alt. Er verlor bereits in seiner Jugend Familie und sein Hab und Gut und war gezwungen, in dieser ungastlichen Gegend zu leben. Alles, was er besitzt, sind eine kleine Holzhütte und einige Schafe. Zweimal im Monat steigt er hinunter in das nahe Dorf, um sich Brot und Öl zu kaufen. Seit er denken kann, hat er kein Fleisch gegessen. Milch und Käse jedoch hat er ausreichend, weil er beides selbst herstellt. Der Schäfer geht langsam und kämpft gegen den eisigen Wind. Das Dorf liegt etwa zwanzig Meilen entfernt. Die Entfernung macht ihm jedoch keine Angst. Seit den letzten vierzig Jahren geht er mühelos den vertrauten langen Weg. Dieser Tag scheint allerdings kälter als gewöhnlich zu sein. Während Thomas zum Dorf schreitet, denkt er an seine Schafe. Er macht sich Sorgen, dass sie bei diesem kalten Wetter erkranken könnten. Plötzlich erblickt er etwas, was ihn verdutzt: Menschliche Spuren haben seinen Weg gequert. Zugeschneit, kaum bemerkbar, aber immerhin – Spuren.

 

Sie kommen vom Feld und führen zum nahegelegenen Wald. Thomas stutzt – solange er sich erinnern kann, ist er in dieser Gegend immer allein gewesen. Es widerfuhr ihm zwar manchmal, dass er anderen Menschen begegnete, aber dies geschah ganz selten und dann immer in den warmen Monaten. Jetzt ist freilich Winter und das ein grimmiger Winter. Und in all den Jahren der Einsamkeit hat er hierzulande im Winter keine Menschenseele zu Gesicht bekommen. Sein Weg aber ist nun plötzlich von Spuren gekreuzt worden. Wer mag wohl hier entlang gegangen sein? Und weshalb? Thomas‘ Argwohn wächst mit jeder Minute. Dort, wo die Schritte verschwinden, liegt Nichts weiter als der Wald. Dahinter fließt ein kleiner Fluss, und dann kommt ein weiterer Wald. Am Ende des zweiten Waldes liegt ein Sumpf, und dahinter erstreckt sich ein Feld. Thomas kennt sich in der Gegend gut aus und gerade deshalb lassen ihm diese Spuren keine Ruhe. Er schaut sie sich an und zögert. Es ist schon fast Mittag. Bis zum Dorf ist es noch sehr weit. Wenn er es noch im Hellen erreichen möchte, darf er nicht vom Weg abweichen.

Die Zeit läuft gegen ihn und er muss sich schnell entscheiden, wie er vorgehen will. Thomas steht mitten im Weg und sieht zum nahegelegenen Wald. Wenn er heute nicht zum Dorf geht, muss er das unbedingt morgen tun, weil seine Vorräte erschöpft sind. Er hat sich allerdings bisher niemals an zwei aufeinanderfolgenden Tagen auf den Weg zum Dorf gemacht. Der Weg ist lang und erfordert viel Mühe. Thomas weiß, dass er in seinem Alter und bei diesem schlechten Wetter wohl kaum die Kraft haben wird, am nächsten Tag erneut den Weg auf sich zu nehmen. Die Entscheidung, also in Richtung Dorf weiterzulaufen, kommt daher fast wie von selbst. Kaum hat er jedoch einige Schritte getan, da fühlt er eine seltsame Kraft, wie, bis zu diesem Moment, nie zuvor in seinem Leben und dieses Gefühl lässt ihn innehalten.

 

Einen kurzen Moment danach, als ob er den gesunden Verstand verloren hätte, weicht er von seinem Weg ab und tritt in den dunklen Wald ein. Unter den hochragenden Kiefern ist der Wind nicht so stark zu spüren wie auf dem offenen Feld und Thomas holt tief Luft. Ohne anzuhalten, folgt er den Spuren im Schnee und ist auf der Hut, diese nicht aus dem Auge zu verlieren. So vergeht einegute Stunde und allmählich beginnt er seinen Entschluss zu bedauern. Er hat sich ziemlich weit entfernt, hat jedoch niemand entdeckt. Er beginnt zu schwanken, ob er nicht aufgeben und lieber umkehren soll. Einen Augenblick lang hält er an und sieht sich um. Er steht allein mitten im Nichts und hat wertvolle Zeit vergeudet. Er ärgert sich über sich selbst und schickt sich gerade an, zurückzukehren, als er in der Ferne eine menschliche Silhouette erblickt. Zunächst ist er darüber erschrocken, dann sammelt er sich und schreitet schnellen Schrittes auf die unbekannte Gestalt zu. Es dauert nicht lange und vor seinem Blick enthüllt sich das eigenartigste Bild, das er je gesehen hat. Im Schnee kniend, mit empor gehaltenen Armen, zeichnet sich vor seinen Augen die Gestalt eines Mannes ab, gekleidet in eine schwarze Mönchskutte. Thomas hält fassungslos inne. Nach einem kurzen Zögern nähert er sich ihm und fragt ihn, was der Andere hier in der Einöde mache. Daraufhin dreht sich der Kuttenträger um und sieht ihn an. Als sich die Blicke der beiden Männer treffen, geschieht mit Thomas etwas Ungewöhnliches – aus seinen Augen strömen Tränen. – Antoniy – sagt der Mönch, – mein Name ist Antoniy.

 

Thomas beginnt zu zittern. Die Augen des Unbekannten durchdringen ihn und er beugt sich instinktiv vor, um seine Hand zu küssen. Der junge Mann zieht jedoch seine Rechte zurück und sagt ihm, dass er allein bleiben möchte. Thomas versichert ihm, weiterzugehen, er bittet jedoch vorher um Erlaubnis, den jungen Mönch besuchen zu dürfen. Der Mönch segnet ihn und gibt ihm eine kleine Ikone. Thomas begibt sich zurück zu seiner Hütte. Sein Beutel ist leer geblieben. Er enthält weder Öl noch Brot, seine Seele jedoch ist erfüllt. Er hat etwas erhalten, das er in keine Worte fassen kann. Am Morgen fühlt er einen ungewöhnlichen Zustrom an Kraft. Entgegen seinen Erwartungen, dass er am nächsten Tag nicht in der Lage sein würde, zum Dorf zu gehen, macht er sich munteren Schrittes erneut auf den Weg dahin. Am Nachmittag desselben Tages hat das Gerücht über den merkwürdigen Träger der schwarzen Kutte bereits die Dorfbevölkerung erreicht.

Kategorien: Art Café · Frontpage · Modern Times · Um die Welt

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