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48 Corvinhof bei Olbendorf, 8. Juni 2007, ab 20 Uhr 30

13 Oktober, 2009 von · Keine Kommentare

Ilija Dürhammer
aus: Tödlicher Chat. Roman

Teller
Foto: 27147

SCHON vor fünf Tagen, in der Nacht, in der Karl nicht einschlafen konnte und dann in Alex’ Wohnbus so intensiv geträumt hatte, hatte Alex mit den Vorbereitungen für die Bolitas de oro begonnen. Sie hatte Trüffeln in Chilischoten und diese wiederum in seitlich aufgeschnittene Stierhoden gesteckt, mit Zahnstochern verschlossen und drei Tage in Balsamicoessig eingelegt. Sie tat es, als Inge schon schlief, und stellte die Stierhoden nicht in den Kühlschrank im Hof, sondern in ihren Bus. Der Essig sorgte dafür, daß sie nicht verdarben.

Am Abend nach Gregors Initiation im Tempel hatte sie Zwiebeln angeröstet und mit Suppengrün eine Stunde köcheln lassen. Dann entfernte sie das Wurzelwerk und gab die Stierhoden bei, würzte mit Muskatnuß, Oregano sowie Salz und ließ sie eine halbe Stunde in der Gemüsesuppe ziehen.

Währenddessen rührte sie aus Obers und Zitronensaft eine Sauce an, bis sie fest wurde, legte die Stierhoden hinein und goß Kokosmilch über die Hoden. Jetzt war das Gericht nicht mehr koscher. Doch Gabor war auch nicht zum Essen eingeladen. Zwei Tage ruhten die Stierhoden noch im Eisfach. Heute Abend war der Tag des Genusses gekommen.

Karl wunderte sich über Alex’ Eifer in der Küche. Sie waren nur zu zweit, und es sah alles nach einem Festessen aus in einer Küche, in der gewöhnlich nur Hausmannskost zubereitet wurde, Deftiges, wenn es nach ihm, Vegetarisches mit viel Kräutern, wenn es nach Inge ging. Jetzt roch die Küche nach Gewürzen, die hier sonst so gut wie nie zu riechen waren.

Denn Alex hatte die Bolitas de oro nur als Vorspeise geplant. Eigentlich war für diesen Abend indische Küche angesagt. Sie hatte bereits am frühen Abend begonnen, aus dem Bus Gewürze in die Küche zu tragen. Zuerst rührte sie ein Garam masala in einem Mörser an, indem sie grüne Kardamomkapseln, Zimstangen, Koriander- und Kreuzkümmelsamen sowie Nelken und Pfefferkörner fein zerrieb.

Aus geriebenem Ingwer und geschabtem Knoblauch bereitete sie eine feine Paste.
Heute Morgen hatte Karl ein Huhn geschlachtet, entweidet und gemeinsam mit Alex gerupft. Alex hatte die Keulen, das halbierte Bruststück und die Flügeln enthäutet. Die Hühnerstücke schmorten bereits in der Ingwer-Knoblauch-Paste und dem Garam masala auf einer Grundlage von gerösteten Zwiebeln, Kardamom und Kreuzkümmelsamen sowie dem duftenden weißen Currykraut aus Kathis Kräutergarten. Es duftete schon intensiv nach orientalischen Aromen.
»Was hast du denn da noch vor?«

»Ein Turka Daal gibt es dazu mit roten Linsen in Kurkuma mit denselben Gewürzmischungen, dazu ein bißchen Chilis und einen Pfefferoni. Das Ganze wird mit Knoblauch-Butter cremig abgeschmeckt. Wirst sehen, wie das mundet.«

»Und warum heute dieses Festessen? Ist ja wie ein Abschiedssouper.«
Alex sah traurig weg und kümmerte sich um die köchelnden Töpfe. Sie trug wieder eines ihrer dunkelroten Wickelkleider, von denen sie eine ganze Sammlung in verschiedenen Rot-tönen besaß. Sie machte immer einen Knoten knapp über den zarten Brüsten, wobei ihre dunklen schön geformten Arme frei blieben. Sie wirkte darin heute besonders verführerisch.

Karl beobachtete sie von hinten. Es tat ihm gut, sie zu betrachten, ihre raffinierten Handgriffe, ihre geschickten Hände zu bewundern. Außerdem war der Hunger mittlerweile ziemlich groß. Er pflegte sonst viel früher zu Abend zu essen. Doch er genoß es, von Alex heute Nacht mit Exotischem verwöhnt zu werden, und genoß sogar diesen Hunger. Dann aber dachte er an seinen Traum: er dachte an Erdbeeren und den Ribiselzweig, an die Hagebutten, die er nicht pflückte, an den Kuß auf die Wange …

»Aber das wird doch jetzt kein Abschied sein? Alex, du weißt, daß du hier immer willkomen bist.« Der Gedanke war Karl gar nicht recht. Er hatte sich an den Wohnbus vor seinem Hof und an die bereichernden Gespräche gewöhnt. Und außerdem …
»Es ist nun Zeit zu gehen.«

»Ist es wegen der Morde? Hältst du es hier nicht mehr aus?«

Alex schwieg.

Und als sie sich zum Essen setzten, Alex hatte das Hühnercurry noch mit Magerjoghurt und frischer Minze verfeinert, schwiegen sie längere Zeit. Die Braun- und Orange-Töne der Speisen waren ganz nach Karls Geschmack. Auf dem orange-gelben Turka Daal lagen dekorativ zwei rote halbierte Chilis.

Sie reichte Karl zuerst von den aufgeschnittenen Stierhodenhälften, die er sehr interessiert und dann mit Begeisterung als besondere Delikatesse langsam auf dem Gaumen zerdrückte. Feurig und zart. Das Taurin schien ihm ins Hirn zu steigen. Oder war es nur Einbildung?

Er blickte Alex in das ungeschminkte Gesicht mit den großen mandelförmigen Augen, die von dichten Wimpern umrahmt waren. Ihre Lippen glänzten von der Kokosmilch. Ihm war alles so vertraut, als ob er Alex schon seit immer kannte. Die roten Locken hätte er am liebsten … Er bemerkte, daß sie im Ansatz nachdunkelten. Die Farbe war wahrscheinlich das einzig Unechte an Alex. Sie war etwas Besonderes.

Es fehlten noch Erdbeeren. Karl holte sie aus dem Kühlschrank und dazu eine Flasche Sekt. Sie tunkten die Erdbeeren in den Sekt, ehe sie davon aßen.

»Komm, gehen wir noch etwas hinaus! Es ist so eine laue Nacht. «Alex nahm ihn bei der Hand. Sie waren beide etwas angeheitert. Vor dem Sekt hatten sie bereits eine Flasche Cabernet Sauvignon vom Eisenberg gemeinsam zum Abschiedssouper geleert.

Alex drehte indische Musik in ihrem Bus auf und begann vor dem Zelt eine Art Bauchtanz. Karl sah erst nur zu, doch dann forderte sie ihn auf, ebenfalls mitzutanzen. Er glaubte es nicht zu können. Sie riß ihn allerdings mit, und da war er völlig in ihrer Welt. Hier war nichts mehr von Morden, Polizei und schrecklichen Funden. Alles war Tanz. Der abnehmende Mond stand im Widder und leuchtete – nur für die beiden, nur für sie.

Als sie vom Tanzen erschöpft waren, zog Alex ihn in den Bus. Er fiel in das Bett mit den Samtdecken und roten Polstern. Heute roch es hier nicht nur, wie gewöhnlich, nach Patschuli, sondern auch noch zart nach Zeder, Zypresse, Nelke, Rosmarin und Ingwer.
»Willst du heute …?« Doch es war nicht das, was Karl womöglich einen Moment gedacht hatte.

Alex griff zu dem Glas über dem Bett, indem die eingelegten Fliegenpilze waren: »amanita muscaria«
»Du kennst sogar den lateinischen Namen?«
»Ich kenne die meisten lateinischen heimischen Pfanzennamen …« Alex zerdrückte im Mörser zwei Pilze und goß ein wenig Sauermilch darüber.
»Warum das?«
»Nimmt die Bitterstoffe. – Da trink!«

Karl zögerte nicht lange. Er leerte die ganze Schale auf einmal, während Alex deutlich zurückhaltender war. Sie kannte halt die Wirkung schon.

Um die Zeit zu überbrücken, bis die halluzinogenen Stoffe zu wirken begannen, nahm Alex ihren Kristallstab heraus, ließ Karl sich ausziehen. Sie bearbeitete Schultern- und Lendenbereich mit den Fingerkuppen, indem sie gleichzeitig Rosmarinöl über seinen Rücken träufelte. Sie strich mit dem Stab über seinen muskulösen, wenig behaarten Körper und massierte ihn erst zärtlich, dann kräftiger, besonders auch die Fußsohlen an ganz bestimmten Punkten, die sie mit größter Treffsicherheit berührte.

Das laute Geräusch eines Motorradmotors und der grelle Pfauenschrei schreckte ihn nicht mehr. Karl war bereits zu lethargisch, um dem größere Beachtung zu schenken. Nur Alex horchte schon darauf. Sie war auf einmal sehr verunsichert und hielt in der Massage inne.

Karl hatte sich indes schwerfällig auf den Rücken gelegt und präsentierte sein Muttermal, das sich am Unterbauch über der Milz befand. Er hätte lieber weiterhin Alex’ kundige Hände auf seinem Körper gespürt. Das Taurin der Bolitas de oro schien seine Wirkung zu entfalten. Er hätte auch noch gerne eine Erdbeere gegessen. Ein Fuchs. Er war wieder ein Fuchs und sperrte den Einbrecher in den Keller …

War Karl kurz eingenickt? Da war doch wieder ein Motorengeräusch, diesmal von einem Auto. Was war mit dem Motorradfahrer geworden? Er war doch beim Corvinhof stehen geblieben … Eine Autotür fiel ins Schloß. Alex hatte das Licht im Bus abgeschaltet. Sie war sehr nervös. Karl bemerkte es, aber irgendwie hatte er keine Kraft, sie zu beruhigen. Es war ihm überhaupt nicht nach Sprechen und Bewegen zumute. Irgendwie war alles um ihn herum in zarte Nebel gehüllt. Bilder sprangen in seinem Kopf herum: Früchte, Tiere … Er fühlte sich eins mit der Natur.

KATHI war in die beleuchtete Küche getreten. Sie rief nach Karl. Es roch noch überall nach dem indischen Essen. Da sah sie die letzte Stierhodenhälfte in der Sauce liegen. Angewidert zog sie sich von der Porzellanschüssel zurück. Wo war Karl denn nur? Sein Handy war scheinbar abgeschaltet. Sie mußte ihn doch warnen. Sie fühlte, daß er in Lebensgefahr war.

Was war das für ein Geräusch? Die Hunde hatten sich auch jäh aufgerichtet. Was sollte sie machen? Sie hatte fürchterliche Angst. Sie mußte an Demir denken, wie er für sie in den Eisenberger Wald mitten in der Nacht gefahren war. Wollte sie es wieder gutmachen? Sie drüclte Demirs Rohsmaragden, den sie unter der Bluse trug, so fest an das Brustbein, daß es schmerzte. Was könnte sie ausrichten, wenn der Mörder schon da war? Wie könnte sie sich wehren? Hatte er am Ende Karl schon? Sie griff nach einem der langen Küchenmesser, die an der Wand hingen.

Nervös hielt sie ihre Goldkette in der anderen Hand und ließ die Glieder mit dem Obsidian durch die Finger gleiten: »Heilige Maria Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Ablebens …«

Nein, sie konnte nicht länger bleiben. Weg, nur weg, solange es noch ging! Als sie die Tür öffnete und hinaus ins Dunkle treten wollte, berührte sie etwas am Unterschenkel. Sie schrie auf. Sie rannte, rannte um ihr Leben. Wo war der Autoschlüssel? Um Gottes Willen, der Autoschlüssel! Da, da. Und warum ging jetzt die Fernbedienung für das Schloß nicht? Das durfte doch nicht sein …

Endlich saß sie in ihrem Auto. Und jetzt sah sie Rosso im Scheinwerferlicht. War es am Ende nur er gewesen, der sie berührt hatte? Kathis Adrenalinspiegel war so angestiegen, daß sie zitterte und zuckte und der Motor daher zweimal abstarb. Endlich ging der Motor wieder an, und sie fuhr schnell, schnell weg, nur weit, weit genug von hier weg. Hier lag der Tod in der Luft.

ALS Alex das kleine Salzlicht hinter dem Computer im Bus wieder andrehte, sah Karl einen Bund Vergißmeinicht in einer kleinen Vase stehen. Sie erinnerten ihn an alte Zeiten. Und dann bemerkte er noch etwas anderes. Oder träumte er schon wieder? Es war ein leeeres Schneckenhaus, das Haus einer Purpurschnecke. – – »Chris!«

Alex sah ihn erstaunt an.
»Ich habe sie Chris geschenkt zum … vierzehnten Geburtstag.«
»Die Schnecke sehen im Traum heißt: Habe Geduld! Wenn sie sich verkriecht, dann bedeutet es, daß dich der zappeln läßt, bei dem du etwas erreichen willst.«
»Wenn sie wer ißt …?«
»Dann stellt er deine Geduld auf eine harte Probe.«
»Und wird sie zertreten?«
»Dann war wohl jemand etwas zu schnell und hat jetzt das Nachsehen …«
»Du bist es, Chris? Deshalb …«

Alex massierte seine Fußfesseln und das ›Dritte Auge‹ mit der Außenseite des Handballens. »Schlaf nur, mein Süßer, schlaf! Es wird alles gut.« Und dabei küßte Alex ihn auf die Stirn, während er bereits von Erdbeeren träumte, die so rot waren wie der Fliegenpilz und mit tausend weißen klebrigen Flecken bedeckt waren.

Kategorien: Art Café · Frontpage

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