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Acht Wochen verrückt

5 September, 2011 von · 3 Kommentare

Auszug aus dem Buch von Eva Lohmann
mit freundlicher Unterstützung des Piper-Verlags, München

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Eva Lohmann: Acht Wochen verrückt
(c) 2011 Piper Verlag GmbH, München

Ich lehne mich im Sessel zurück und denke an die vergangene Woche. An meinen letzten Arbeitstag, von dem ich morgens beim Aufstehen noch nicht wusste, dass er für eine lange Zeit mein letzter Arbeitstag sein würde. Trotz des lähmenden Gefühls in meinem Kopf und dem Betonklotz auf meiner Brust war ich aufgestanden, hatte mich geduscht, geschminkt und angezogen.

Das Gefühl war schließlich nicht neu. Ich hatte mich genauso ins Büro geschleppt wie die vielen Wochen zuvor. Nachdem ich dort ein paar Dinge erledigt hatte, die mir einfach nur lächerlich und bedeutungslos erschienen, schaltete ich vor lauter Sinnlosigkeit irgendwann ab. Der Computer hielt noch eine Weile durch, dann erschien auch bei ihm der Bildschirmschoner.

Ich starrte noch ein, zwei Stunden auf die animierten Aquariumfische in meinem Rechner. Und das war’s. Ich konnte nicht mehr, und ich wollte nicht mehr, und dann ging ich. Habe den Computer ausgeschaltet und das Büro verlassen. Das erste Mal seit Jahren ohne ein schlechtes Gewissen dabei zu haben.
Ich wusste, dass ich einfach nicht mehr funktionierte.

Ich bin nach Hause gegangen und habe mich auf mein Sofa gelegt. Dann hab ich mich fallen lassen. Endlich fallen lassen. Heraus aus der bleiernen Hülle meines Körpers durch den groben Sofastoff, hinein bis in die Tiefen der Schaumstofffüllung. Hier war es dicht und still. Der Rest meines Körpers lag in meinem Wohnzimmer wie eine Puppe. Aus der Ferne verfolgte ich, wie meine Umwelt weiter funktionierte, während ich abgeschaltet worden war.

Ich sah, wie mein Freund mir eine Decke brachte und eine Wärmflasche in die Arme legte. Wie Stunden später meine Mutter kam, angereist aus einer anderen Stadt, und sich an mein Sofa setzte. Mit mir sprach und sagte, dass alles gut werde jetzt. Ich glaubte ihr. Mir ging es auch gar nicht schlecht, fand ich. Mir ging es irgendwie überhaupt nicht mehr.

Plötzlich war ich gefühllos wie ein eingeschlafener Arm. Ich wurde in ein Auto gesteckt und zum Arzt gefahren. Von dort aus zum Psychiater. Ich bekam nicht viel mit an diesem Tag. Es war mir auch irgendwie egal. Ich war so lange ganz allein und hilflos gewesen. Sollten sie machen, was sie wollten. Ich jedenfalls machte gar nichts mehr, war einfach nicht mehr da. Nur ab und zu weinte ich. Am Ende dieses Tages bekam ich eine Akuteinweisung für eine psychosomatische Klinik. Ich hatte keine Ahnung, was das sein soll. Und drei Tage später erklärte mir meine Mutter, dass nun in einer Klinik ein Bett für mich frei sei. Dass sie mich hinbringen würden, weil dort Menschen seien, die mir helfen würden. In dem Moment hörte etwas in mir auf. Und ich spürte, dass etwas anderes anfing. Im Nachhinein würde ich es am ehesten als Erleichterung beschreiben.

Es war offiziell: Ich hatte eine Krankheit, war nicht falsch oder egoistisch oder faul. Ich war krank, und ich durfte krank sein. Endlich Verantwortung abgeben. Das war das erste positive Gefühl, das mich nach langer Zeit wieder erreichte. Die Maschinerie war ins Rollen gekommen, und ich selbst war ab sofort nur noch ein passiver Teil der Abläufe.

Kategorien: Art Café · Frontpage · Szene

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