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All die besonderen Augenblicke

30 Oktober, 2009 von Viara · Keine Kommentare

Viara Jekova

Portraet
Foto: Patrizia Burra

Er stand da, vor der geschlossenen Tür und traute sich nicht mehr hereinzutreten. Es fiel ihm schwer seine Hände aus den Manteltaschen herauszunehmen und so wie früher auf das alte Holz kräftig zu drücken und die Welt da draußen hinter sich zu lassen. Er setzte sich kurz auf die Treppe vor der riesigen Eingangstür. Fassungslos.

„Charlie, komm doch herein, ich weiß du bist es, der wieder in mein Haus eingedrungen ist.“ Ihre Stimme traf ihn wie eine Welle aus der Tiefe des Hauses. Wie konnte sie denn nur immer so sicher sein, dass er es war. Plötzlich stand sie vor ihm. „Und? Was für Fragen quälen deinen ruhigen Geist heute, mein lieber Freund? Oh, ich muss dir unbedingt etwas zeigen!“. Sie griff seine Hand und zog ihn durch den Korridor.

Fast rennend kamen sie zu einem kleinen Raum. Aber sicher, das Zimmer mit all den Gegenständen, die sie für „einen besonderen Moment“ aufhob, dachte er. Sie holte zwei wunderschöne Weingläser aus dem Schrank heraus: „Was sagst du dazu?

Ist das nicht die absolute Perfektion, die von menschlicher Hand je erschaffen wurde?“ Sie stand regungslos da und betrachtete eine Weile die Gläser, als ob sie in ihrer Durchsichtigkeit eine andere Welt erlebte. „Warum tust du das? Du sollst mal endlich anfangen jetzt zu leben und nicht in einer verträumten Zukunft, die wahrscheinlich nicht mehr kommt.“

Die letzten Worte sagte er sehr leise. Er wusste genau was danach folgen würde, konnte aber die Gedanken nicht mehr unterdrücken. Sie sah ihn an und sagte lächelnd „Du wirst schon meinen besonderen Augenblick mit mir erleben dürfen, versprochen, ich lasse dich daran teilhaben. Nur Geduld, mein Lieber, und vergiss unsere Wette nicht.“

Als er sie kennen lernte, war sie um die fünfundzwanzig. Er fand sie so beeindruckend, weil sie mit sich diese herrliche Ausstrahlung trug, die er selbst nie besaß, aber deren Besitz er sich tief wünschte. An jenem Abend saß er in dem teuren Cafe-Salon, wo sie damals die Wünsche und Anregungen ihrer teuren Kundschaft bedienen sollte. Am Tisch neben ihm saß ein junger Herr, der offensichtlich die Fröhlichkeit seiner Bedienung nicht ausstehen konnte.

Er sah so aus, als ob ihn die Helligkeit dieses Wesens noch mehr unterdrückte, als er es schon war. Plötzlich bewegte er sich, er hatte etwas vor – abzurechnen. Die bezaubernde Bedienung war gleich da. Der Herr machte seine Geldbörse auf und bezahlte die genannte Summe genau. Dann schaute er sie an.

Danach schnüffelte er kurz in seinem Kleingeld und legte genau einen Cent auf dem Tisch „Für sie!“ Sie strahlte vor Freude „Oh, ein Glücksbringer!“ Offensichtlich enttäuscht und zutiefst erschüttert, dass seine boshaften Absichten nicht die erwünschte Reaktion bei dem fröhlichen Wesen da weckten, ging der junge Herr schnell aus dem Salon.

Charlie sprach die nette Bedienung an.

Mit der Zeit entwickelte sich ihre Freundschaft immer mehr und mehr. Sie konnten über alles sprechen, aber sie stritten sich auch oft sehr bitter. Sie schaffte es nicht ihn zu überzeugen, dass jeder irgendwann einen sehr besonderen Moment erleben wird, und von da an wird dieser Moment immer über sein Wesen herrschen.

„Wenn sich zwei Menschen wirklich lieben, Charlie, können sie gegenseitig ihre Seelen verstehen, ohne miteinander reden zu müssen“, sagte sie. Er verstand sie nicht, wenn sie so redete und das tat sie so oft. Seinerseits schaffte er es nie sie zu überzeugen, dass es so wie sie es meint nie passieren wird, und sie bloß fantasierte.

Ihre Diskussionen waren manchmal sogar heftig, aber trotzdem blieben sie Freunde. Sie bewunderte seine Unverletzbarkeit. Er dagegen war von ihrem unruhigen, lebhaften und gleichzeitig mysteriösen Geist begeistert. Aber eine Sache konnte er nicht begreifen – sie wartete.

Sie wartete auf irgendjemand oder irgendetwas, das sie „meinen besonderen Moment“ nannte und wollte ihm nie erklären was oder wer das war. Was ihn am meisten aus der Fassung brachte war ihre Manie sich Sachen zu kaufen, die sie nie benutzte, sondern für einen „besonderen Anlass“ aufbewahrte.

Irgendwann schlossen sie eine Wette, die es endlich klar machen sollte, ob sie mit ihren Philosophien über den besonderen Moment recht hatte.

Eine Sache wusste allerdings Charlie noch über sie. Das erzählte sie ihm kurz, nachdem sich die beiden kennen lernten. Als sie einundzwanzig war, kannte sie jemand, einen viel älteren Mann. Sie erzählte damals, sie glaube in ihn verliebt zu sein, könne das aber nie richtig beurteilen, weil sie ihn nicht persönlich kannte.

Sie habe es zwar geschafft zwei mal mit ihm zu reden, aber kurz danach sei er bei einem Autounfall verstorben. Diese Geschichte erzählte sie Charlie auf so eine einfache Weise, so dass er sie anfangs nicht sehr ernst nahm.

In ihrem letzten Gespräch vor circa einer Woche, fast 15 Jahre, nachdem sich die beiden kennen gelernt haben, hatte sie zu ihm gesagt: „Nur Geduld, mein Lieber, vergiss unsere Wette nicht.“

Er saß immer noch da, auf der Treppe vor der riesengroßen Eingangstür. Sie war aber weg, so plötzlich, so unerwartet war sie weg. Sie rief ihn nicht an, um sich zu verabschieden, sie besprach mit ihm nicht, was sie vorhatte, wie sie es sonst immer tat. Vielleicht hatte sie sich gedacht er würde sie nicht verstehen.

Plötzlich dachte er wieder an den älteren Herrn, in den sie glaubte verliebt zu sein. Er sollte damals ungefähr genauso alt gewesen sein, wie sie jetzt war. Nun lag sie sehr wahrscheinlich in seinen Armen, weit weg von hier. Sie hat auf ihren besonderen Augenblick gewartet und ihr Wesen war von jetzt an immer an diesen Augenblick gebunden. Sie gewann die Wette.

Diese Wahrheit entgegengenommen, stand Charlie auf, drehte sich zum Haus um, schlug kraftvoll die alte hölzerne Tür auf – letztendlich war es Zeit, die äußere Welt auch am Leben dieses Hauses teilnehmen zu lassen.

Er traute sich nicht ins Haus herein zu treten, immerhin wusste er nicht was für eine Form der Anwesenheit er in dem kleinen Raum mit all den besonderen Gegenständen für besondere Momente spüren würde.

Kategorien: Art Café · Frontpage

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