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“Allein mit Onkel Kuddel” von Jan Koneffke – Teil I

14 August, 2009 von · Keine Kommentare


Foto: Hermés

„Wenn du nicht artig bist“, schimpfte mein Vater gelegentlich, „liefere ich dich bei Kuddel ab.“

Etwas Schlimmeres konnte er mir gar nicht androhen. Wenn mir ein Mensch nicht geheuer war, war es sein Bruder. Teils hing das mit Kuddels Erscheinung zusammen, der schmuddligen Kleidung, dem schlechten Gebiß. Er roch muffig, war niemals rasiert, sein Gesicht wirkte finster wie Unwetterwolken.

Und es rankten sich wilde Geschichten um Kuddel. Vor Jahren war er an den Main umgezogen, wo er Großvaters Erbschaft verprasst hatte. Als er kein Geld mehr besaß, mußte er eine feuchte Behausung mit Kohlenofen anmieten und verdiente sein Geld mit Gelegenheitsarbeiten.

Was war Onkel Kuddel nicht alles gewesen. Kneipenkellner und Kartenabreißer im Kino. Nachtportier in einem kleinen Hotel. Taxi- und Lastwagenfahrer. Und Sargschlepper. Und bei einem Beerdigungsinstitut habe er Leichen gewaschen, behauptete Vater.

Bis er sich auf Einbruch verlegt hatte. Kuddel stieg in fremde Wohnungen ein und entwendete Geld oder Wertsachen. Das ging ein paar Monate gut, bis er auf einen Wohnungsbesitzer stieß, der Onkel Kuddel mit seiner Pistole in Schach hielt, bis die benachrichtigte Polizei eintraf.

Kuddel verbrachte drei Jahre im Knast. Und als er seine Entlassungspapiere enthielt, zog er wieder auf Großvaters Hof. Er trug Zeitungen aus oder sprang bei der Post ein, wenn ein Paket- oder Briefbote krank war.

Bis zum Hof waren es rund zwanzig Autominuten, trotzdem sahen wir Kuddel fast nie. Vater lehnte Kontakte zum Bruder ab, den er auch zu keiner Familiengeselligkeit einlud. Geburtstage, Weihnachten oder Sylvester fanden ausnahmslos ohne den „Lebensversager“ statt.

Kuddel machte sich seinerseits rar. Er tauchte im Abstand von Monaten bei uns auf, bisweilen verging auch ein Jahr. Und wenn er in unseren Wohnungsflur trat, hatte Kuddel ein schlechtes Gewissen, das merkte ich.

„Ist dein Vater daheim?“ fragte er. Aus seinem verfleckten Jackett kramte Kuddel Bonbons, die er mir vor die Brust hielt.
„Ja“, stammelte ich, „er ist in seinem Zimmer.“
„Nimm meine Bonbons“, sagte Kuddel, „und ruf deinen Vater.“

Widerwillig nahm ich seine Hustenbonbons, die in verflustem Papier steckten und sagte trotzig: „Vater wird nicht begeistert sein, wenn er dich sieht.“
„Dachte ich mir“, meinte Kuddel und grinste. Es war ein komisches Grinsen, teils frech, teils verlegen und, ja, eine Winzigkeit traurig.

Was sollte ich machen, ich rief meinen Vater, und als die beiden im Korridor standen, warf ich Kuddels Bonbons in den Abfallkorb.

Kuddel bat Vater um Geld, das war klar. Er konnte den Strom nicht bezahlen oder mußte, ich weiß nicht bei wem, seine Schulden begleichen. Ich lauschte den Stimmen im Korridor. Vater war eisig und zischte den Bruder an: „Laß mich in Ruhe. Ich werde dir nie wieder Geld geben, hast du kapiert?“

Kuddels Stimme klang bettelnd und gleichzeitig vorwurfsvoll: „Ich brauche es dringend, Anton, dringender als je. Du kannst mich nicht einfach im Stich lassen.“

Vater schwieg, was bedeutete, Kuddel bekam sein Geld.

Beim Abendbrottisch schimpfte Mutter: „Und du konntest wieder nicht hart bleiben, Anton.“
„Du weißt“, knurrte Vater, „warum ich den Lebensversager nicht abwimmeln darf. Unsere Stadt ist ein Nest, man zerreißt sich das Maul. Er kann meinen Ruf ruinieren, wenn er will. Und meine Stelle als Sparkassenchef bin ich los, falls mein Bruder aufs Neue zu stehlen beginnt.“

Wenn mir in jenem Sommer der Einfall kam, Großvaters Bauernhof einen Besuch abzustatten, geschah das aus Neugierde und langer Weile. Vaters Absicht, mit uns an der Adria Urlaub zu machen, hatte sich kurz vor den Ferien zerschlagen, was mit einer „Sparkassenumstrukturierung“ zusammenhing – keine Ahnung, was das wieder sein wollte. Meine Freundinnen waren alle in Urlaub und Mutter erkrankte – aus Protest gegen Vaters Verpflichtungen, nehme ich an.

Am dritten Ferientag setzte ich mich aufs Fahrrad und strampelte hoch bis zur Bergkuppe. Ich flitzte durch Mischwald und Felder ins Nachbartal und folgte dem Bach, der sich glitzernd nach Norden wand.

Allein zu sein, machte mir nicht das Geringste aus. Mit jedem Meter, den ich mich von meinem Zuhause entfernte, kam ich mir nur freier vor. Kein Vater war neben mir, der mich ermahnte, und ich mußte mich nicht nach dem Willen meiner Freundinnen richten. Ich konnte tun, was ich wollte.

Es scherte mich auch nicht besonders, nie in dieser Gegend gewesen zu sein. Vor meiner Brust baumelte eine Karte, auf der Vater den Bauernhof mit einem Kreuz markiert hatte.

Außerdem lockte der Großvaterhof mit Geheimnissen, die mir von Kilometerstein zu Kilometerstein unwiderstehlicher vorkamen.

Klar, es war nicht meine Absicht, beileibe nicht!, mit meinem Onkel zusammenzutreffen. Ich wollte erst sichergehen, ob er zu Hause war. Er besaß einen ollen, verbeulten VW, mit dem er zur Kneipe am Bahnhof fuhr, wo er am Zapfhahn stand, oder zur Post, wenn er wieder als Briefbote einsprang.

Von weitem erkannte ich Großvaters Hof, der grau und verkommen weit abseits des Dorfes lag. Ein Stall war halb niedergebrannt, eine Scheune zerfallen, das Bauernhausdach sank an mehreren Stellen ein, und es konnte nur eine Frage der Zeit sein, bis es in die Wohnstube krachte. Ganz zu schweigen vom wuchernden Unkraut im Hof und dem verwilderten Obstgarten.

Ich versteckte mein Fahrrad am Bachufer und nahm mein Fernglas zur Hilfe, um auszukundschaften, ob Kuddels VW zu entdecken war. War er nicht, und ich schlich mich zu Fuß bis zum Lattenzaun.

Mein klopfendes Herz konnte mich nicht mehr aufhalten. Ich duckte mich tief in das bauchnabelhohe Gras, als ich zum Bauernhaus lief. Ehe ich mich in den Innenhof wagte, warf ich ein paar Steine ans Fenster und wartete. Nichts passierte. Anscheinend war ich wirklich allein.

Kuddel hatte das Haus nicht verschlossen. Er rechnete nicht mit Besuchern, und vor einem Dieb mußte er keine Angst haben. In den niedrigen Stuben gab es keine wertvollen Dinge. Standuhr und Radio gingen nicht mehr, im Buffettschrank befand sich Geschirr, das zersprungen und von einer mehligen Staubschicht bedeckt war.

Abfall stapelte sich in der Diele, im Wohnzimmer trat man auf Bierflaschen, leere Konserven. Es herrschte ein Dreck in den feuchten und schimmligen Zimmern, vor dem es mir grauste.

Als eine Eidechse vor mir vom sonnigen Fensterbrett huschte, stieß ich einen Schrei aus. Motten flatterten aus den zerfressenen Teppichen, es lauerten Spinnen in den Ecken. Wie man es in dieser Verwahrlosung aushalten konnte, war mir unvorstellbar.

Und die schlimmste Entdeckung stand mir noch bevor. Ein komisches Fiepen verleitete mich, an der Klappe des Ofens zu ziehen.

In seinem Innern befand sich ein Rattennest! Vier nackte und zappelnde Junge, bewacht von der Mutter, die gleich auf mich losgehen wollte. Rechtzeitig ließ ich die Herdklappe zuknallen und floh aus dem schaurigen Haus.

Ich schlenderte um die Ruine des Schweinstalls, bis mir der Wohnwagen auffiel. Er stand in einer schattigen Ecke des Hofs zwischen Apfel- und Pflaumenbaum mit platten Reifen im Gras. Auf dem Dach lagen Zweige und matschiges Obst, vor den Fenstern hingen graue Gardinen.

Nun wurde mir klar, daß mein Onkel nicht mehr im verfallenen Bauernhaus lebte. Er benutzte den Wohnwagen als sein Zuhause, den er sich, wer weiß wo, besorgt hatte. Ich umkreiste den Caravan mehrere Male. Anfangs wagte ich nicht, meine Hand auf die Klinke zu legen. Und als ich sie behutsam nach unten bewegte, drang Motorenradau an mein Ohr.

In Nullkommanichts war ich wieder im Obstgarten, hetzte zum Lattenzaun, rannte, vom Maisfeld verborgen, zur Stelle am Bach, wo mein Fahrrad versteckt war und ließ mich ins Gras plumpsen. Und im Fernglas erkannte ich Kuddels verbeulten VW, der vors Bauernhaus rollte.

Sechs naßkalte Tage vergingen. Es regnete Strippen, es platschte und klatschte, und Mutter verlangte Gesellschaft am Krankenbett. Sie ließ sich von mir aus Romanen vorlesen, die ich nicht verstand und kotzlangweilig fand. Vaters Laune sank in diesen Tagen auf unter Null, was von seiner dussligen „Umstrukturierung“ kam. Und am frustrierendsten waren die Postkarten, die ich aus dem Briefkasten zog. Meine Freundinnen schickten mir mitleidlos sonnige Alpen- und Mittelmeeransichten.

Als es am siebten Tag aufklarte, gab es kein Halten mehr. Ich schwang mich aufs Fahrrad und strampelte los. Wieder ging es zur Bergkuppe und durch den Mischwald ins Nachbartal, wo ich dem sprudelnden Bach folgte, bis Großvaters Anwesen auftauchte.

Es war ein warmer und sonniger Tag. Ich scherte mich nicht um das drohende Wolkengebirge am Horizont, ließ mein Fahrrad ins Gras fallen und eilte zum Obstgarten. Von Kuddels verbeultem VW fehlte jede Spur.

Zu meinem Erstaunen stand der Wohnwagen nicht mehr am alten Platz. Er erwartete seinen Besitzer im Hof – mit erneuerten Reifen und Radkappen. Kuddel hatte die Karosserie weiß gespritzt, die verrosteten Stellen behandelt, das matschige Obst und die Zweige vom Wohnwagendach entfernt. Sein Caravan sah zwar nicht gerade fabrikfrisch aus, aber auch nicht mehr schrottreif wie in der vergangenen Woche.

Wollte mein Onkel auf Reisen gehen?
Ich faßte die kleine Metallklinke an und die Luke zum Eingang sprang auf.
„Ist da wer?“

Ich erhielt keine Antwort, zerteilte den aus Plastikstreifen bestehenden Vorhang und stieg in den Wohnwagen ein. Im Inneren empfing mich verbrauchte Luft und eine Hitze, die schwer zu ertragen war. Es stank nach Zigarettenqualm, Schweiß und Vergorenem.

Ich stieß als erstes die Dachluke auf und packte den randvollen Aschenbecher, den ich vor dem Eingang entleerte. Was an Kleidern und Socken am Boden verstreut war, faßte ich lieber nicht an. Ich nahm bloß die offene Dose mit Sauerkraut, die auf dem Tisch stand, und schleuderte sie in den Hof.

Anschließend begann ich mit meinen Erkundungen. Ich klappte den ersten Schrank auf – nichts als Bettzeug –, den zweiten, in dem ich ein Album entdeckte, das alte, gelbstichige Fotos enthielt. Es waren Familienaufnahmen: Mein Vater und Kuddel vorm Weihnachtsbaum, an einem Schneemann bauend oder beim Baden im Bach. Sie waren ein Bruderpaar wie aus dem Bilderbuch.

Im dritten Schrank stieß ich auf zahllose Briefe, die Kuddel an Vater geschickt hatte, als er in der Strafanstalt von Sachsenhausen gewesen war. Vater hatte nicht einen gelesen. Auf jedem Briefumschlag prangte ein Stempel mit der grausamen Auskunft: „Annahme verweigert.“ Deshalb waren sie wieder beim Onkel gelandet.

Als sich ein ohrenzerreißender Knall entlud, sprang ich entsetzt auf die Beine. Schlagartig war es pechschwarz auf dem Bauernhof. Es blitzte und donnerte, Hagel brach los, und ich klappte die Dachluke zu.

Was sollte ich machen? Zum Bach rennen, mein Fahrrad nehmen, bei diesem Unwetter heim strampeln? Nein, es war besser im Wohnwagen auszuharren, bis sich das Gewitter verzog.

Ich kauerte mich auf die Eckbank und lauschte, zur Flucht bereit, falls Onkel Kuddel nach Hause kommen sollte.

Kategorien: Art Café · Frontpage

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