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“Allein mit Onkel Kuddel” von Jan Koneffke – Teil II

18 August, 2009 von · Keine Kommentare


Foto: Hermés

Als ich aufwachte, wußte ich nicht, wo ich war. Ich stieß mit der Stirn an die Tischkante neben der Eckbank und rieb mir die schmerzende Stelle, die im Handumdrehen zu einer Beule anschwoll.

Es war stockfinster im Wohnwagen. Nein, ab und zu streifte ein gelblicher Schimmer den Kochherd beim Eingang, den Tisch und die Eckbank, bevor er zum Hochbett der Wohnwagenstirnseite wanderte, wo er erlosch.

Das war die erste Beobachtung, die mich beunruhigte. Und als der Stapel mit Briefen vom Tisch rutschte, schob ich mich benommen vom Polster. Ich stand auf dem zitternden Boden des Wohnwagens. Ja, er zitterte, schlingerte, war in Bewegung, wie ein Schiffsboden auf hoher See.

Leider befand ich mich nicht auf dem Meer und der Wohnwagen war keine Dampferkabine!

Ich streifte eine Gardine beiseite und lugte ins Freie.
Es war nicht zu fassen: Wir waren auf der Autobahn!

Ich stieg auf der Leiter zum Bett Onkels Kuddels hoch. Trotz meines Ekels vorm sauren Geruch in der Bettnische, schob ich mich bis ans Fenster der Stirnseite. Es war nicht sein VW, der den Wohnwagen zog. Kuddel hatte sich anscheinend ein besseres Auto besorgt, das mehr Zugkraft besaß und bequemer war.

Ich mußte mich zwingen, nicht panisch zu werden.

Wußte Kuddel von mir, meiner Gegenwart? Hatte er mich, seine Nichte, absichtlich verschleppt? Oder war er in zu großer Eile gewesen und hatte sich nicht mehr im Wohnwagen umgesehen?

In Eile, das schien er wahrhaftig zu sein. Er hielt an keinem Rastplatz und an keiner Tankstelle, sein Benzintank war anscheinend voll. Wollte er schleunigst ans Ziel kommen? Oder verhindern, daß ich aus dem Wohnwagen sprang? Oder befand er sich auf der Flucht?

Um Mitternacht hielten wir an einer Grenze, was ich an Schildern und Schlagbaum erkannte. Ein uniformierter Beamter studierte den Ausweis und warf einen Blick auf den Wohnwagen. Ich kletterte von Kuddels Hochbett, entschlossen, ins Freie zu springen und um Hilfe zu schreien.

Mir stockte der Atem, die Klinke ließ sich nicht bewegen, Kuddel hatte die Luke von außen verriegelt!

In der Zwischenzeit setzten wir uns in Bewegung, und ich hatte keine Gelegenheit mehr, mich beim Grenzer bemerkbar zu machen.

Ich kroch auf die Eckbank und schluchzte vor Heimweh und Kummer. Ich war allein, mutterseelenallein. Und was schlimmer war, ich war nicht wirklich allein. Ich war Kuddel allein, meinem finsteren Onkel, dem Lebensversager und Einbrecher. Und der konnte anstellen mit mir, was er wollte.

Irgendwann schlief ich wieder ein, trostlos, verloren, und erwachte erst, als mich ein Sonnenstrahl kitzelte, in eine muffige Decke gewickelt.

Kalt war mir gewesen in dieser Nacht. Stundenlang waren wir bergauf gefahren, wie ich an der Neigung des Wohnwagens festgestellt hatte. Jetzt rollten wir auf einem schimmernden Teerband bergab.

Ich rieb meine Augen beim Anblick der Berge. Sie standen vorm Horizont wie eine schwarze Wand. Schroffe, zackige Gipfel, die schneebedeckt waren, strahlten eisige Einsamkeit aus. Ich mußte tief Luft holen, als ich sie betrachtete.

Ich wehrte mich gegen den Kloß in der Kehle, stieg aufs Hochbett und preßte das nasse Gesicht an die Scheibe des vorderen Fensters. Vor uns lag weites und glitzerndes Land, das sich in der dunstigen Ferne verlor.

Als eine weitere Stunde verstrichen war, hielten wir an einem See. Er mußte riesig sein, von seinem anderen Ufer war nichts zu erkennen. Wind spielte im Wasser und riffelte es, Palmen wiegten sich neben der Seepromenade.

Und Kuddel stieg aus seinem Pkw! Er reckte und rekelte sich in der Sonne, fuhr sich mit der Hand durch die Haare und strich um den Stoppelbart, der seine Wangen bedeckte. Und jetzt drehte er sich zum Wohnwagen um.

Ich krabbelte flink aus dem Hochbett und setzte mich auf eine Kante der Eckbank. Ich durfte nicht klein und verzagt wirken vor meinem Onkel. Wenn ich keinen Mut zeigte, war ich verloren. Insbesondere, falls er mich verschleppt haben sollte, um Rache an Vater zu nehmen.

Zugegeben, ich hatte kein großes Vertrauen in mich, meinen Mut, meine Tapferkeit. Ich stellte mir vor, in den Arm meines Onkels zu beißen, wenn er mich grob anfaßte, bis er mich losließ vor Schmerz und Erstaunen.

Ich stellte mir vor, Kuddels Glasaschenbecher zu packen, und wenn es erforderlich war, dieses schwere Ding auf seinen Kopf zu knallen. Und wenn er blutend zu Boden ging, wollte ich aus seinem Wohnwagen springen. Ob ich am Ende entschlossen genug war, stand leider auf einem ganz anderen Blatt.

Wenn ich mich heute an diese Sekunden erinnere, habe ich Mitleid mit Kuddel. Und andererseits muß ich innerlich schmunzeln, trotz des tragischen Endes, das unsere Geschichte nahm.

Pfeifend schloß Kuddel den Wohnwagen auf. Pfeifend band er den Vorhang im Eingang zusammen. Pfeifend kletterte er in den Caravan. Pfeifend kam er auf mich zu – und erstarrte.

Sein Pfeifen brach schlagartig ab. Kuddel starrte mich an, als ob er ein Gespenst vor sich habe, und stammelte: „Um Himmelswillen … was machst du … was machst du bei mir?“ Mehr zu sagen, das brachte mein Onkel nicht fertig. Er taumelte, weiß im Gesicht, aus dem Wohnwagen.

Verwirrt stand ich von meinem Platz auf der Eckbank auf und strich die Gardine beiseite. Onkel Kuddel ließ sich auf dem Bordsteinrand nieder, wo er Zigaretten aus seinem Jackett kramte. Er steckte sich eine mit zitternden Fingern an.

Seine Erregung verging nicht beim Rauchen. Im Gegenteil. Er warf die Kippe zu Boden, sprang auf beide Beine und trat mit der Schuhspitze gegen ein Wohnwagenrad. „Scheiße! Verdammte! Hirnrissige Mistkacke! Himmelarschwolkenbruch!“ fluchte mein Onkel. Schimpfworte prasselten aus seinem Mund, und er schlug mit der Faust an die Wohnwagenwand.

Es dauerte, bis er sich wieder beruhigte. Irgendwann drehte er sich auf dem Absatz um, stapfte zur Seepromenade, sank auf eine Uferbank, stierte ins Wasser.

Mir fiel ein Stein von der Brust. Erstens hatte er mich nicht verschleppt, das stand fest, ich behinderte nur seine Reiseabsichten. Und zweitens ließ er seine Wut nicht an mir aus.

Vom Trittbrett des Wohnwageneinstiegs aus, wo ich mich niederließ, schaute ich Kuddel beim Rauchen zu und hielt mein Gesicht in die Sonne. Mich an seine Seite zu setzen, das wagte ich nicht.

„Du wirst bestimmt hungrig sein“, sagte mein Onkel. Er war nicht mehr erregt, als er vor mir stand und mich aus blinzelnden Augen betrachtete. Und was ich niemals bemerkte hatte, fiel mir bei dieser Gelegenheit auf: Er hatte Vaters ovales Gesicht, seine Lippen, die schnurgerade Nase. Bloß seine Augen waren anders, wie anders, das konnte ich nicht richtig feststellen, vielleicht, weil er blinzelte.

Kuddel holte uns etwas zu essen aus einer Bar, die auf der anderen Seite der Straße lag, Schokoladeteigtaschen und Weißbrot, das mit Mozarella und Schinken belegt war. Er stellte die Sachen aufs Trittbrett und trabte ein zweites Mal los, um uns mit Mineralwasser, Kaffee und heißem Kakao zu versorgen. Wir setzten uns auf eine Bank an der Seepromenade.

Das war nicht der Onkel, den ich in Erinnerung hatte, kein finsterer Mensch, der mir Angst machte.

„Schmeckt es dir?“ wollte er wissen.
Ich nickte.

Schweigend verzehrten wir unsere Schnitten. Kuddel nippte an seinem Kaffeebecher und streifte mich ab und zu mit seinen Blicken, um anschließend wieder aufs glitzernde Wasser zu schauen.

Er streckte den Arm aus: „Erkennst du das Segelboot?“
„Ja.“
Ich trank meinen Kakao aus und sagte: „Es tut mir leid.
Ich hätte nicht in deinen Wohnwagen einsteigen dürfen.“
„Mhm“, machte Kuddel und rieb seine Bartstoppeln.
Er sagte nichts anderes als: „Mhm“.
„Und jetzt mußt du mich wieder nach Hause bringen.“
„Ja“, erwiderte Kuddel, „mir bleibt keine andere Wahl.“

Seine Antwort erleichterte mich. Es war nicht seine Absicht, mich an diesem See auszusetzen und weiterzufahren. Oder mich zu einem Bahnhof zu bringen und alleine nach Hause zu schicken.

Wieder verfielen wir ins Schweigen. Ich weiß nicht, warum mir die Postkarten meiner am Mittelmeer badenden Freundinnen einfielen. Und schlagartig hatte ich eine Idee.

„Hast du ein Reiseziel?“ fragte ich neugierig.
„Kein bestimmtes“, erwiderte Kuddel.
„Willst du nicht ans Meer?“
„Klar“, antwortete Kuddel, „ich will bis zum Golf von Neapel.“
„Ist das an der Adria?“ wollte ich wissen.
„Nein“, sagte er lachend, „das ist auf der anderen Seite Italiens, im Westen.“
„Vater wollte mit uns an die Adria reisen. Wegen seiner bescheuerten Sparkassenumstrukturierung hat das nicht geklappt.“
„Ach was“, meinte Kuddel und kicherte.

Das Segelboot stand in der Weite des dunstigen Sees und bewegte sich nicht von der Stelle.

„Und wenn ich dich bis zum Golf von Neapel begleite?“
Fassungslos schaute Kuddel mich an. Erst wirkte er nichts als erschrocken und abwehrend. Und dann entdeckte ich in seinen Augen den Ausdruck von heimlicher Freude.

Er strengte sich an, diese Freude vor mir zu verbergen.
„Du kennst mich nicht“, sagte er heiser und abweisend, „einem Menschen wie mir darf ein Kind sich nicht anvertrauen.“
„Ich bin aber kein Kind mehr“, versetzte ich trotzig.
„Ich muß dich nach Hause bringen zu deinen Eltern. Sie werden schon außer sich sein“, sagte Kuddel schroff.

„Und wenn wir sie anrufen“, schlug ich vor, „und einfach sagen, wir seien in Italien, um Urlaub zu machen?“
„Um Urlaub zu machen. Wir beide?“
„Ist das etwa schlimm, wenn man mit seinem Onkel verreist?“
„Ich bin kein beliebiger Onkel, ich bin Onkel Kuddel“, bemerkte er mißmutig, „ein Lebensversager mit drei Jahren Knast auf dem Buckel. Wollen wir wetten? Dein Vater wird zur Polizei gehen. Nein. Nein. Ich will nicht wegen Kindesraub wieder im Bau landen.“

Dem war wenig entgegenzusetzen. Klar, zeigte mein Vater den Bruder an, von dem er sich nichts anderes vorstellen konnte, als mich, seine Tochter, gekidnappt zu haben. Ich selbst hatte Kuddel das zugetraut.

„Wir brechen auf“, sagte er und erhob sich.
Und in dieser Sekunde bemerkte ich, wie sich das Segelboot drehte und Fahrt aufnahm. Es entfernte sich, schnell wie ein Pfeil, in die andere Richtung.

Ich durfte im Pkw sitzen bei Kuddel, der von seiner Kindheit sprach, von meinem Vater, den Streichen, die beide begangen hatten. Und er sagte dem Bruder nichts Schlechtes nach. „Als Kinder waren wir siamesische Zwillinge“, bemerkte er lachend, „nichts konnte uns trennen. Und wenn wir allein waren, ohne den anderen, waren wir beide tieftraurig.“

Vor der Grenzstation kletterte ich in den Wohnwagen und versteckte mich in der Toilettenkabine.

Bei Dunkelheit waren wir wieder daheim.

„Und jetzt wirst zum Hof fahren?“
„Oh nein“, sagte Kuddel, „ich drehe um.“
„Sofort?“
„Ja, sofort“, sagte er, „ich will endlich den Golf von Neapel erreichen. Kalabrien. Sizilien. Und ein neues Leben
beginnen.“
„Schreibst du mir eine Karte?“
„Na klar.“

Ich verriet meinen Eltern nicht, wo ich gewesen war, und behalf mir mit einer abstrusen Geschichte. Sie waren zu selig, mich wieder zu haben, um heikle Fragen zu stellen.

Onkel Kuddels versprochene Karte traf niemals ein. In der ersten Zeit tat mir sein Schweigen weh, bis ich mir sagte, er wird es nicht ernst gemeint haben. Was Kuddel verspricht, ist nichts wert.

Ein Jahr war vergangen, wir saßen am Mittagstisch, als Vater den Teller mit Braten beiseite schob.

„Onkel Kuddel ist tot“, sagte er.
Ich erstarrte.
„Er erlitt einen Herzinfarkt. In seiner Zelle.“
„In einer Zelle? Wieso?“ rief ich aus, „war er nicht auf Sizilien?“
„Du hast eine lebhafte Fantasie“, sagte mein Vater, „vor rund einem Jahr hat man Kuddel verhaftet. An der bayrischen Grenze, wenn ich mich nicht irre.“
„In den Tagen, als wir dich vermißt haben“, warf Mutter ein.

Vater schaute mich mißtrauisch an. „Ja, das stimmt.“
„Und warum mußte er wieder einsitzen?“
„Er hatte einen Privatsafe erleichtert, um rund Hunderttausend“, versetzte mein Vater, „und wollte sich schleunigst ins Ausland absetzen. Man fand das Geld in seinem Wohnwagen. Und du hast Recht, vor Gericht sagte Kuddel aus, er habe Sizilien erreichen wollen“, Vater beugte sich vor, „von wem wußtest du das?“
„Und wenn es in Wirklichkeit sein Geld war?“ meinte ich heiser. Halb wollte ich Vaters Mißtrauen zerstreuen und halb meinen Onkel in Schutz nehmen.

„Kuddel besaß keinen Pfennig“, erwiderte Vater hart, „und die Banknoten waren nummeriert. Es handelte sich um das Geld aus dem Safe, ohne Zweifel.“

Unser Telefon klingelte, Vater ging zum Apparat. Und als er sich wieder zu Tisch setzte, hatte er andere Dinge im Kopf. Er vergaß seinen vagen Verdacht.

Er brachte den Bauernhof wieder auf Vordermann, den er nun alleine besaß. Und mich lud er dauernd ein, mitzukommen, um auf den Spuren seiner Kindheit zu wandeln, mir dies oder jenes zu zeigen.

Statt meinen Vater zum Hof zu begleiten, fuhr ich mit dem Fahrrad zum Baggersee. Ich ließ mich ins Gras fallen und dachte ans Ufer, an dem ich mit Kuddel gewesen war. In einem vergangen Leben. Wir beide allein.

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