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Ankunft in Widin

24 Juli, 2010 von · Keine Kommentare

Vladimir Zarev

Auszug aus dem Roman „Feuerköpfe“
Aus dem Bulgarischen von Thomas Frahm

erscheint in der Zeitschrift schreibheft, Heft 75, Rigodon-Verlag, Essen 2010

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Mich,Detroit

Der Mann kam in die Stadt von der Seite des alten Tors her, von da, wo der Weg nach Kula ging. Er eilte nicht, und trotz der Backofenhitze war er nicht verschwitzt. Sein Gesicht wirkte abwesend und teilnahmslos, seine Bewegungen waren zugleich gespannt und träge, so als habe der Sommer selbst ihn ausgebrütet. Die Glut huschte tuschelnd mit den Feuersalamandern durch Kletten und Disteln, knackte unter den Hufen des Mulis und in den vergilbten Blättern der Maulbeerbäume.

Er war ungewöhnlich gekleidet, genauer gesagt: nichts von dem komischen Zeug, das er am Leib trug, passte zusammen. Eine lederne Landvermesserjacke bedeckte seine ausgeprägten Schultern, seine Hosen waren gestreift, auf dem Kopf trug er einen gut erhaltenen Strohhut, wie ihn die Walachen nördlich der Donau gern trugen, und seine Füße steckten in staubigen, rissigen Kavalleristenstiefeln, an denen eine Spore fehlte, so dass nur jeder zweite Schritt des Mannes von einem Rasseln begleitet war.

Doch auch diese Spore wirkte überflüssig. Schaute man sich das alte, vollkommen ergraute Maultier an, das er am Zügel führte, fragte man sich, was beim besten Willen es hier noch anzuspornen gab? Das Tier gehörte dem Mann vermutlich nicht, sondern war nur gemietet. Es gehorchte nicht im geringsten seinen Befehlen, sondern nur dem Weg, der es durch seine pure Erstreckung zum Weitertrotten nötigte, beladen mit dem ganzen Hausrat dieses komischen und dennoch unbesieglich wirkenden Mannes – vier großen Bündeln. An den Seiten klapperten Kessel und Aluminiumteller, Emaillegefäße stießen aneinander. Das Linnen knisterte beim Aneinanderreiben mit dem Webteppich. Die Ärmel einer Frauentracht baumelten herab. Die ganze Szene sah derart eingewickelt aus in Staub und Ermattung, als sei der Mann schon ein Lebtag lang dabei, sturköpfig immer wieder gegen die Stadt anzurennen, werde aber durch eine unsichtbare lebendige Membran daran gehindert, hineinzugelangen, wo das neugierige Gaffen der Widiner auf seine Unberührbarkeit getroffen wäre.

Ein paar Schritte hinter dem Grautier ging eine zerbrechlich wirkende alte Frau mit schwarzem Kopftuch. Die Stadt war ihr völlig egal; ankommen wollte sie, nur ankommen. Sie schaukelte beim Gehen wie ein Seemann auf Landgang, weil ihr linkes Bein verkrüppelt und kürzer war als das rechte. Sie lächelte wie unter Schmerzen und nickte, wenn der Mann ab und zu sanft fragte: „Kannst du noch, Mama? Es ist nicht mehr weit!“

Als sie Widin genau zur Mittagszeit betraten, wirkten sie gar nicht wie Ankömmlinge, sondern eher wie herausgerissen aus einer anderen, anders verrückten Welt mit anderen Gesetzen. Der stämmige Körper des Mannes warf keinen Schatten. Seltsam nur, dass auch später niemand seinen Schatten erblickte, als sei seine materielle Erscheinung zwar dem menschlichen Blick zugänglich, nicht aber den Naturgesetzen unterworfen, dem optischen Zusammenhang von Sonnenstrahl und Körper. Er war weder ein fahrender Händler noch ein Dieb; er war aber auch kein Walache, der auf den Markt wollte. Er war kein Lehrer, und er sah nicht wie ein Übeltäter aus, dem Böses leicht von der Hand ging. Seine Augen waren azurblau und doch durchscheinend. Sein Blick aber war nicht verlegen, sondern fest. Diese Augen strahlten eine Warnung aus, ließen kein Mitgefühl aufkommen.

Weder der Mann noch die alte Frau kannten die Straßen von Widin, und auch sie selbst gingen unerkannt über die Hauptgeschäftsstraße. Erst vor der Schänke Zum Hasenblut hielten sie an. Der Schlaffe Kosta war der erste, der die seltsame Ausstrahlung des Mannes erlebte, die penetrant war wie Salmiakgeruch und keinen Widerspruch duldete.
„Guten Tag, der Herr“, redete Kosta ihn an, „wohin des Wegs in dieser Hitze?“
„Hier gefällt’s mir, gefallen tut es mir“, erwiderte der Mann umständlich und sah die Gäste des Wirtshauses an, als seien ihre Gesichter dunkle Löcher im berstenden Licht. Dann wandte er seinen Blick zum strapazierten Grün des Donauuferparks, als wolle er die satte Unbeweglichkeit der Landschaft provozieren, das in der Glut dahinschmelzende Dach des Offizierscasinos und nicht zuletzt die träge Neugier der Leute. Schließlich verhielt sein Blick und trank sich satt am Anblick der sandigen Fluten des Stromes.
„Er erinnert mich an irgend jemanden“, beugte sich der Schlaffe Kosta zurück.
„An wen denkst du?“, fragte Trentscho, der Barbier.
„Mit diesen blauen Augen, die einem Schuldgefühle einflößen, diesem gedrungenen Nacken und hochgereckten Kinn … na, an Ilijas Sohn, Boshidar Weltschev!“

Sie verwarfen den Vergleich aber sofort wieder, denn der Mann vor ihnen hatte keinen Namen, also auch keine Vergangenheit. Er kam aus dem Ungewissen und stand vor dem Wirtshaus-Eingang wie ausgedacht. Trotzdem wirkte er bedrohlich, auf genau so eine unbestimmte Art bedrohlich wie Gott.
„Wie komme ich zum Bezirkskomitee der Partei?“, fragte der Mann ruhig.
Als er erfahren hatte, was er wollte, klapperten die Hufe seines Maultiers weiter über die Pflastersteine der Hauptstraße, und der Schwanz des Tieres verscheuchte die wild gewordenen Fliegen.

Kategorien: Art Café · Frontpage

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