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Artist of the Week – Nicki Pawlow

4 Dezember, 2012 von · Keine Kommentare

Interview von Dessislava Berndt mit der Autorin Nicki Pawlow

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Nicki Pawlow, Foto: Dieter E. Hoppe, www.berlin-fotografie.de.

Die Anthologie “Ein Spaziergang war es nicht”, herausgegeben von Anna und Susanne Schädlich, erzählt die Geschichten der Töchter und Söhne ehemaliger DDR-Dissidenten und -Künstler, die in den 70er und 80er Jahren aus der DDR ausgereist sind oder abgeschoben wurden. Es sind sehr persönliche und ehrliche Geschichten, die von dem neuen Leben im “Westen”, von der Suche nach Heimat und dem Sein zwischen Ost und West handeln.

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Buchcover der Anthologie “Ein Spaziergang war es nicht”, Heyne-Verlag 2012

Neben Cornelia Franck, Nadja Klier, Julia Franck, Moritz Kirsch, Anna Langhoff u.a. schildert Nicki Pawlow in “Später! wird das Leben schön” ihre eigene Erlebnisse und Erfahrungen nach der Fluchtreise ihrer Familie aus der DDR. Wir haben die Autorin, die unseren Lesern mit dem Buch “Die Frau in der Streichholzschachtel” bekannt ist, zu dem Anthologieprojekt und anderen Plänen befragt.


Nicki, wie kam es zur Einladung zu diesem Projekt und wie erfolgte die Zusammenstellung der Autoren?

Vor einem Jahr rief mich meine Kollegin Susanne Schädlich an und fragte, ob ich Lust hätte, für die Anthologie, die sie mit ihrer Schwester Anna herausgeben würde, die Geschichte meines Wechsels von Ost nach West zu erzählen. Sie sagte, dass etliche heute erwachsene Kinder ehemaliger DDR-Dissidenten und –Künstler mitmachen würden, unter ihnen Eliyah Havemann, Nadja Klier, Julia Franck, Moritz Kirsch.

Ich war sofort begeistert von diesem Projekt. Zwar sind meine Eltern keine Dissidenten oder Künstler gewesen, außerdem sind wir auch nicht wie alle anderen ausgereist, oder wurden abgeschoben, sondern sind geflüchtet, doch das war nicht von Belang. Was zählte, war die Ähnlichkeit der Erfahrung, der als Kind erlebte Bruch, aus dem gewohnten Leben in der DDR gerissen und heimatlos zu werden, sich in einem anderen System zurechtfinden zu müssen.

Die Ausreisen und Ausbürgerungen bekannter DDR-Dissidenten und –Künstler in den 70er und 80er Jahren gingen auf westlicher Seite ja meist mit einem großen Medienecho einher. Dabei waren stets nur die Eltern im Fokus, nie deren Kinder. Die waren „kein leichtes Gepäck“, wie es Anna Langhoff in ihrer Geschichte formulierte. Warum das so war und was sich daraus entwickelte, nämlich eine zwischen Ost und West zerrissene Generation, das wollten Anna und Susanne Schädlich an die Öffentlichkeit bringen. Und es ist beider Verdienst, erstmals die Stimmen dieser Kinder zu Gehör gebracht und damit eine wichtige Facette der deutsch-deutschen Geschichte beleuchtet zu haben.

Die Geschichte, die Du erzählst ist sehr bewegend und sehr persönlich. War es für Dich schwierig, darüber zu schreiben?

Diese Geschichte ist die persönlichste, die ich bisher geschrieben habe. Für mich zeigt „Später! wird das Leben schön“ exemplarisch, was passieren kann, wenn du dich weigerst, die Narben deiner Vergangenheit ehrlich zu betrachten, die damit verbundenen schmerzlichen Gefühle zuzulassen und schließlich anzunehmen. Wenn dich deine Vergangenheit nicht loslässt, du dich ihr jedoch nicht bewusst stellst und dauerhaft Verdrängung praktizierst, so wie ich das lange Jahre getan habe, befördert dies Unglück, Krankheit, Chaos.

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Meine Geschichte zeigt aber auch, dass es immer wieder Situationen im Leben gibt, ja ich glaube, das Leben bietet dir diese immer wieder an, die bewirken können, dass du „aufwachst“. Ich kann natürlich nur für mich sprechen, doch indem mir nach und nach die Zusammenhänge in meiner persönlichen Erfahrungskette bewusst wurden, konnte ich mit mir und meinem Leben ins Reine kommen.

Früher hätte ich diese Geschichte so nicht schreiben können. Sicher klang manches in meinen anderen Texten schon an, doch den Mut zu dieser schonungslosen Offenheit musste ich erst entwickeln.

Was hast du aus Deinen Erfahrungen für die Zukunft abgeleitet?

Ich betrachte meine Gegenwart nicht mehr als einen Zustand, den es zu überwinden gilt, weil ich mich in ihm nicht wohlfühle. Folglich projiziere ich nicht mehr all meine Hoffnungen und Wünsche in die Zukunft. Denn meine Zukunft ist ja nie präsent, sondern immer nur auf dem Weg zu mir. Ich definiere mich auch nicht mehr, so wie früher, über meine Vergangenheit. Denn meine Vergangenheit ist, auch wenn sie mich geprägt hat, vergangen. Ich versuche, mich so gut wie möglich, mit Kopf und Herz, in meiner Gegenwart „aufzuhalten“. Heute liebe ich mein Leben mit allen Höhen und Tiefen und bin dankbar für jeden neuen Tag.

Welche Botschaft möchtest Du den jungen Menschen auf den Weg geben?

Dass es ein großes Glück ist, dass Deutschland und die meisten Länder des ehemaligen „Ostblocks“ von Diktaturen befreit sind. Dass es lohnenswert ist, sich für Freiheit und Selbstbestimmung einzusetzen. Dass wir dabei und generell andere Menschen stets so behandeln sollten, wie wir selbst behandelt werden möchten.

Gibt es andere Termine und Projekte in näherer Zukunft?

Nach einer kreativen Salon-Pause, in der ich meinen neuen Roman fertiggeschrieben habe, kann ich mich nun wieder mehr meinem Salon „SÜ36“ widmen.

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Maike Wetzel zu Gast in Nicki Pawlow’s Salon SÜ36, Foto: MGNotbohm

Im November las die Schriftstellerin Maike Wetzel in unserem Wohnzimmer und im Januar 2013 kommt Ingo Schulze.

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Maike Wetzel zu Gast in Nicki Pawlow’s Salon SÜ36, Foto: MGNotbohm

Dietmar Wunder hatte auch eine Lesung bei uns. Er ist die deutsche Synchron-Stimme von James Bond (Daniel Craig), “Skyfall” läuft ja jetzt in den Kinos.

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Dietmar Wunder zu Gast in Nicki Pawlow’s Salon SÜ36, Foto: MGNotbohm

Außerdem ist er eine der bekanntesten deutschen Synchron- und Hörbuchstimmen. Bei der Lesung spielten wir einige Szenen aus dem letzten Bond-Film nach, mit Life-Synchronisation; er war James, ich – das Bondgirl Vesper.

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Dietmar Wunder zu Gast in Nicki Pawlow’s Salon SÜ36, Foto: MGNotbohm

Dann wurde im Oktober, im Rahmen der „Europäischen Woche der Fotografie“, in der Berliner Galerie “pavlov’s dog” die Ausstellung “Pawlow und Pawlow” eröffnet. Ich freue mich, als Foto-Objekt mit dabei gewesen zu sein!

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Ausstellung “Pawlow und Pawlow” in der Galerie “Pavlov’s Dog”, WWW.PAVLOVSDOG.ORG

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Nicki Pawlow als Foto-Objekt für die Ausstellung “Pawlow und Pawlow”

Auch deshalb, weil der Fotograf Michael Wesely ist, der durch seine mit extremen Langzeitbelichtungen aufgenommenen Bilder, die z.B. im Museum of Modern Art in New York zu sehen sind, bekannt geworden ist.

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Milko Pavlov, Foto: Michael Wesely

Für dieses Projekt wurden Menschen gesucht, die Pawlow heißen und in Berlin leben. Und so kommt es, dass ich neben anderen Pawlows, darunter auch meine Mutter eine Zeitlang in dieser Galerie in Berlin-Mitte „hing“.

Außerdem schreibe ich gerade wieder eine Geschichte für eine Anthologie, die Anfang nächsten Jahres erscheinen wird und ich arbeite, wie könnte es anders sein, an meinem nächsten Buch.

www.nickipawlow.de

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Nicki Pawlow, Foto: Dieter E. Hoppe, www.berlin-fotografie.de.

Nicki Pawlow wurde 1964 in Köthen/Sachsen-Anhalt geboren und wuchs in Nordhausen/Thüringen auf. 1977 flüchtete die Familie in den Westen. In Rottweil/Baden-Württemberg machte Nicki ihr Abitur 1983. Danach studierte sie Politikwissenschaften, Slawische Philologie und Neuere Geschichte in München. Nach dem Mauerfall 1989 zog sie nach Berlin um. 1990 erschien ihr Sachbuch „Innerdeutsche Städtepartnerschaften“. Seither arbeitete sie als Pressesprecherin in der Politik, war Zeitungsreporterin, Referentin in der politischen Erwachsenenbildung, Moderatorin und Drehbuchautorin. Seit 2000 ist Nicki Pawlow freischaffende Autorin und Schriftstellerin.

Seit 2006 veranstaltet sie den Künstlersalon SÜ36. Der Künstlersalon SÜ36 bietet Schriftstellern und Schauspielern die Möglichkeit, ihre Werke und Aufführungen öffentlich vorzustellen. Lese- und Spielbühne ist der Teppich im heimischen Wohnzimmer von Nicki Pawlow in Berlin-Zehlendorf. Die Gästeliste umfasst jeweils 45 geladene Besucher. Nach der künstlerischen Darbietung gibt es einen Büchertisch für Autoren, für Schauspieler wird gesammelt.

Kategorien: Art Café · Frontpage · Szene

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