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Artist of the Week- Alejandro Acisum

27 November, 2013 von · Keine Kommentare

Alejandro Acisum: Tänzer, Wissenschaftler, Mensch

Ein Interview von Anna Simitchieva
Redaktion: Gabriella Rochberg

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Hallo Alejandro, als Teil der Berliner Salsaszene bist Du längst nicht mehr einer von vielen, sondern einer der beliebtesten Tänzer und Tanzlehrer. Was bringt Dich dazu, jeden Tag die Tanzfläche zu betreten?

Erstmal danke ich sehr für das schmeichelhafte Kompliment! Es ist aber natürlich auch nicht so, dass ich jeden Tag die Tanzfläche betrete – was aber mein Wünsch wäre! Ach, meine Motivation vermute ich, ist dieselbe, die viele andere Menschen auf dem Parkett teilen: Freude, Entspannung, körperliche Aktivität, soziale Interaktion etc.

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Nun, ich bin mit beiden Kunstformen aufgewachsen, mit Musik und Tanz, so dass, obwohl ich manchmal für das Ein oder Andere eine längere Pause einlege, beide Kunstformen längst Bestandteil meiner Existenz geworden sind.


Wie lange bist Du bereits als Tänzer unterwegs und mit welchen Tanzarten identifizierst Du Dich am meisten?

Solche Fragen sind für eine Person, die mit música latina aufgewachsen ist, schwierig zu beantworten. Wenn Du z.B. in Deutschland geboren und gefragt worden bist, wie lange Du Salsa tanzt, kannst Du ganz genau beantworten, wann es bei Dir losging, da Du den ersten Tag deines Tanzunterrichts in Erinnerung hast.

Für Kubaner, Puerto Rikaner, Kolumbianer oder Venezolaner ist die Sache anders, da das Tanzen karibischer Rhythmen ein Teil unserer Kultur ist.

Man kann sagen, dass ich seit meinem fünften Lebensjahr als Tänzer unterwegs bin; übrigens hat es mir meine Mutter beigebracht. Man kommt sich aber ein wenig dümmlich und v.a. angeberisch vor, wenn man so etwas sagt.

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Ich identifiziere mich sehr stark mit dem kubanischen Son („Salsa“), obwohl ich mich in den letzten drei Jahren sehr viel mit Bachata (Musik ursprünglich aus der Dominikanischen Republik) beschäftigte.

Inwieweit bist Du mit den Vorurteilen Deiner Herkunft konfrontiert? Erhöht die Tatsache, dass Du aus Kolumbien, und auch noch aus der Salsa-Tanzstadt Cali stammst, den Erwartungsdruck?

Sicher. Insbesondere wegen der Entwicklung des Salsatanzes außerhalb Kolumbiens, von der die Kolumbianer bis vor ein paar Jahren nichts wussten! Als ich nach Hamburg kam und zum ersten Mal einen Latin Club besuchte, (etwa 2002, als YouTube noch nicht existierte!), wollte ich „allen zeigen, wie man es richtig macht“.

Meine eigene Überschätzung bezahlte ich teuer, als ich sah, wie toll deutsche Tänzer „kubanische Salsa“ tanzten. So viele Kombinationen machen wir in Cali normalerweise nicht, eher Schrittkombinationen (Footwork). Für mich hieß es dann aufholen, andere Stile lernen – und bescheiden werden.

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Ach, Folgendes mögen viele Latinos nicht hören, da diese Musik ein großer Identifikationsträger für uns ist, aber die schnelle Tanzentwicklung des Salsatanzes fand außerhalb Lateinamerikas statt. Dasselbe passiert seit ein paar Jahren mit Bachata, aber viel, viel schneller als mit Salsa – Gründe dafür gibt es viele. Wir bleiben aber natürlich am Ball.

Inwieweit ist Deine Tanzinspiration mit der hochanalytischen Welt der Wissenschaft zu vereinbaren? Lässt sich das wissenschaftliche Vorgehen auf das Schaffen neuer Choreographien übertragen oder sind das separate Weltansichten, die Du streng voneinander trennst?

Was ich streng voneinander trenne, ist der Personenkreis beider Aktivitäten. Da bin ich sehr deutsch geworden, glaube ich. Aber klar, analytisch an Probleme heranzugehen, läßt sich auf viele Bereiche des Tanzens übertragen, wie z.B. auf den Tanzunterricht. Bewegungsabläufe zu analysieren und wie sie am besten vermittelt werden können, wird durch die geistige Arbeit enorm gefördert.

Das Choreographieren ist etwa anders, da Inspiration durch Analytik erst in späteren Stadien operationalisiert wird, nämlich wenn schon etwas Konkretes vorliegt, und es zu entwickeln gilt. Nun, ich bin kein studierter Choreograph, aber ich kann neue Kombinationen für den Tanzunterricht zum sozialen Tanzen oftmals eher leicht schaffen. Nun, komplette Tanzshows sind da selbstverständlich von einem anderen Schlag.

Für komplexe Paarchoreographien steht mir immer die Inspiration, Unsterstützung und Erfahrung meiner Tanzpartnerin Sarah Balzat zur Seite, die eine professionelle Choreographin und unglaublich kreativ ist. Es hat sich herausgestellt, dass meine Kreativität in diesem Bereich auch nicht gering ist, so dass wir unsere Shows gemeinsam erstellen.

Was würdest Du jenen Personen, welche sich aufgrund von Hemmungen nicht trauen zum Tanzunterricht zu gehen, erklären? Ist Salsa eine Stillrichtung für Tänzer aus anderen Bereichen oder ist es auch für Tanzanfänger geeignet?

Ich würde Ihnen mitteilen: „Kommt und lernt mit uns eines der abwechslungsreichsten Hobbys, die es gibt!“ Aber gut, den ersten Schritt müssen sie gewiss selber machen. Wenn sie bereits Tanzunterricht haben, dann sorgen wir dafür, dass die üblichen Hemmungen peu-a-peu abgebaut werden.

Übliche Hemmungen sind z.B. Angst, sich vor anderen lächerlich zu machen, Frustration, wenn ein neu erlernter Bewegungsablauf nicht schnell klappt, Schüchternheit, Angst vor körperlichem Kontakt mit Fremden etc.

Es ist erstaunlich zu beobachten, was das Erlernen von Salsa- oder Bachatatanzen zum Vorschein bringen kann. Zugleich ist erfreulicherweise bemerkbar, wie Menschen dadurch geistig und körperlich innerhalb weniger Wochen selbstbewusster werden!

Nun, erfahrene Tänzer aus anderen Bereichen wie Standard, Zeitgenössisch, Hip Hop, oder Ballet haben es nicht immer leicht, Salsa zu lernen, denn obwohl sie Erfahrung und zumeist unglaubliche körperliche Vorbedingungen mitbringen – die selbst die meisten Latino-Tänzer nicht haben – sind sie mit einer anderen Art zu tanzen konfrontiert.

Auch kommt es manchmal vor, dass sie sich nicht viel sagen lassen wollen; das ist so eine professionelle Ego-Sache, die ich gut verstehe, die aber Nerven kostet.

Alejandro Acisum ist in Cali, Kolumbien geboren und stammt aus einer musikalischen Familie. Alejandro hat sich lange Zeit der Musik gewidmet: seitdem er 7 Jahre alt war hat er Gitarre-, und Klavierunterricht genommen. Als Teenager kombinierte er Hobbys wie Kampfkunst, klassische Gitarre und klassisches Ballet. Das Tanzen hat immer seine Entwicklung begleitet.

Sein Diplom als Agraringenieur hat er in Kolumbien erworben. Seit Ende 2001 befindet er sich in Deutschland und momentan ist er als Doktorand, (PhD Ökologische-, und Ressourcenökonomie) an der Humboldt Universität Berlin und als (Show-,)Tänzer und Tanzlehrer an der Cumbancha Salsa Tanzschule in Berlin tätig.

Kategorien: Art Café · Frontpage · Modern Times · Szene

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