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Artist of the Week — Alexander Michaylov

27 September, 2010 von · Keine Kommentare

Interview von Rumyana Raykova mit dem Fotografen Alexander Michaylov
Übersetzung aus dem Bulgarischen: Rossitza Yotkovska

Alexander Michaylov: “Du musst das Foto gesehen haben, bevor du es machst”


Foto: Nikolay Nikolov

Sasho Michaylov ist in Sofia im Jahre 1982 geboren. Seine Hochschulausbildung schließt er in der Universität „St. Kliment Ochridski” in Sofia ab. Sein erstes veröffentlichtes Foto ist in der Zeitung „Sega” im Jahre 1998. Bis zum Jahr 2007 ist er ein hauptberuflicher Reporter nacheinander bei den Zeitschriften „Sega“, „Monitor“ und „Politika“. Seine Fotos werden von mehreren bulgarischen und internationalen Medien publiziert – die Agentur „The Associated press“, „The Sun“, die Zeitschrift „AMICA“, u. a. Zurzeit ist er Chefredakteur der Zeitung „Express“ und ein ordentlicher Kontributor der bulgarischen Zeitschrift „MAXIM“. Er hat zwei selbstständige Ausstellungen und ein selbstständiges Album.

Mein Treffen mit Sasho Michaylov fand in einem angenehmen Café am Hauptstadtsee Ariana statt. Mir gegenüber stellte sich ein sympathischer junger Mann, mit bezauberndes Lächeln und fesselnden Augen, der Selbstsicherheit und Ruhe ausstrahlte.


Foto: Nikolay Nikolov

Ein einzigartiger Fotograf und Professionalist, mit solider Erfahrung und Vorbereitung im Hinblick auf sein jugendliches Alter. Mein Treffen mit ihm war ein echtes Vergnügen.

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Wie hast du die Fotografie entdeckt und wann hast du gespürt, dass sie dein Berufsweg ist?

Mit der Fotografie ist meine Mittelschulausbildung verbunden. Jeden Sommer habe ich als Schüler etwas gearbeitet. Wie fing ich Feuer? Der Appetit kommt beim Essen. Eines Tages entschied ich, dass ich mich mit Fotografie beschäftigen muss. Ich hatte eine Gitarre, ich verkaufte sie und kaufte mir eine Kamera. Ich beschloss, dass ich supergut bin und dass ich diesen Sommer bei einer Zeitung arbeiten muss. Ich begann bei der Zeitung „Sega“. Man hat mich zuerst nur für den Sommer eingestellt. Und so habe ich dann bei der Zeitung „Sega“ 7 Jahre gearbeitet, danach wechselte ich zu „Monitor“.

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Womit hat dich die Fotografie gefesselt?

Dieser Beruf hat mit dadurch gefesselt, dass er sehr dynamisch ist, dennoch begann ich damit ziemlich jung, mit 15-16 Jahren, und ich stieß auf gewisse Sachen, auf die ein sechzehnjähriger Junge nicht stoßen kann. Ich wage sogar zu behaupten, dass ich Dinge gesehen habe, die viele Menschen bis zum Ende ihres Lebens nicht sehen werden. Darin besteht auch der Charme des Berufs.

Ich habe mir sogar die Frage gestellt, ob ich mehr das Fotografieren selbst oder die Erlebnisse in Bezug auf die Fotos mag. Ich meine, dass mir mehr die Erlebnisse gefallen. Im Großen und Ganzen, Fotos machen kann jeder …

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Was ist dein Element in der Fotografie ?

Die Reportage ist mein Element – das ist meine erste Liebe in der Fotografie und ist immer noch die Sache, die ich machen mag. Im Prinzip arbeite ich aber in einem breiten Spektrum. Ich arbeite auch für die Zeitschrift „MAXIM“, dort fotografiere ich Fotosessionen, ich habe Erfahrung auch mit anderen Typen von Medien.

In Großen und Ganzen stellen sich die Leute unter „Reportage” Protokollaufnahmen wie diejenigen, auf denen sich zwei Politiker die Hand reichen, vor. Eigentlich besteht der Reiz der journalistischen Arbeit darin, eine Geschichte zu erzählen, egal ob mit Wörtern oder mit Gestalten.

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Wie “geschieht“ das Foto?

Das, was ich sagen werde, ist nicht nur in der Fotografie, sondern auch in vielen anderen Bereichen gültig, hier ist es aber ausschlaggebend – du musst das Foto gesehen haben, bevor du es machst. Man muss im voraus denken. Ob du das Foto einen Monat vor dem Aufnehmen sehen wirst, ein Thema vormerkst oder du etwas sehen wirst, worauf du augenblicklich reagieren musst, um es aufzunehmen.

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Aus welcher Quelle tankst du Inspiration?

Viele Kollegen können stundenlang über die Inspiration, über die Sonnenuntergänge sprechen und vielleicht gewinnen auf diese Weise die Sympathie des zarten Geschlechts. Eigentlich ist aber unser Job das Schaffen eines Bildes – entweder es gibt eine Abbildung, oder es gibt keine. Wenn du auf Inspiration wartest, und diese nicht kommt, kannst du sehr wichtige Dinge verpassen. So ist es nicht nur in der Fotografie, sondern grundsätzlich im Leben.

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Wie würdest du deinen Stil als Fotograf beschreiben?

Was den Stil betrifft, ist die Reportagefotografie in der Art, in der sie in den Westländern und weltweit konvertierbar ist, viel mehr als eine Protokollaufnahme von zwei Personen, die sich die Hand reichen. Die Reportage hat auch eine soziale Rolle – du blickst dort hinein, was für die anderen unmöglich ist und zeigst Gestalten, die sie durch dich sehen.
Mein Stil ist die Reportage.

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Was kannst du über das Projekt “Europa in Bildern” erzählen?

Das war ein Projekt, an dem ich durch das Staatliche Kulturinstitut beim Außenministerium teilnahm. Ich reichte einige Bilder ein, die Bulgarien vorstellten. Es war im vorigen oder im vorvorigen Jahr. Man schraubt die Ansprüche in einem Augenblick höher und höher … Nach meiner selbstständigen Ausstellung mit 18 Jahren habe ich an vielen Sammelausstellungen teilgenommen, ich erinnere mich nicht an alle.

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Wie würdest du die Arbeit des Reporters definieren?

Die Arbeit des Reporters ist ein tagtäglicher Wettbewerb.

Ist dein Autorenprojekt „Traditionen” der höchste eroberte Gipfel bis zu diesem Zeitpunkt?

Ja, das ist das größte Projekt, das ich bis zu diesem Zeitpunkt gemacht habe. Ich würde ihn nicht als Gipfel bezeichnen, da, was die Gipfel betrifft, du weißt schon … Der Gipfel setzt voraus, dass du auch hinabsteigen musst, und ich will nicht hinabsteigen, es ist noch nicht die Zeit für mich.

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Wer half dir für die Herausgabe des Fotoalbums “Traditionen”?

Das Album wurde mit der Unterstützung des Staatlichen Kulturinstituts beim Außenministerium herausgegeben. Das ist wirklich eine europäische Organisation. Neben der Finanzbeihilfe bekam ich auch eine starke moralische Unterstützung, da das Album eine schwere Geburt hatte. Ich ging zu ihnen mit meinen Fotos, ohne Erfahrung.

Eigentlich habe ich dieses Album selbst herausgegeben, einschließlich das Management, die Texte. Ich ging zu ihnen mit Fotos, die ihnen sehr gefielen und sie nahmen sich vor, sie durch eine Ausstellung zu zeigen, die schon die Welt umreiste und immer noch reist – sie war vielleicht in mehr als 30 Destinationen auf 4 Kontinenten. Außergewöhnlich hochwertige Menschen, sehr kleines Team, aber fleißig.

Ich habe an viele Türen geklopft, bevor ich sie fand, aber leider ist es sehr schwer, sich im Rahmen eines Projekts zu bewerben, wenn du keine Erfahrung bzw. so etwas noch nicht hinter dir hast. Die Anforderungen sind sehr hoch, auch in rein bürokratischer Hinsicht und die Fristen sind zu kurz, um nicht unmöglich zu sagen.

okoErzähle uns bitte detaillierter über dieses Projekt.

Das Projekt selbst begann, wie die meisten Dinge, zufällig. Die Idee entstand auch zufällig. Noch als Schüler war ich sehr beeindruckt, als ich an einem Kukerfest [1] in Stadt Pernik teilnahm – ein sehr bildhaftes Erlebnis. Es hatte nichts mit der Ethnografie zu tun, auf die Weise, auf die wir gewöhnt sind, sie im TV zu sehen – irgendwelche geschminkten Mädels mit Schleifen, die mit Lächeln im Gesicht hüpfen.
Das hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Die Volksfeste und Bräuche tragen die Energie in sich, die sehr echt und ab und zu sogar grob ist, aber genau das muss gezeigt werden.

Schritt für Schritt entstand die Idee, dass ich eine Serie aus solchen Volksfesten in ihrem authentischem Milieu aufnehme. Diese Feste beginnen im Januar und gehen während des ganzen Jahres weiter. Zwei, drei Jahre verpasste ich immer wieder den Januar und der Januar ist sehr inhaltsreich. Es begann so, dass ich das Fest „Jordanov den“ aufnahm und ich habe mir gesagt: So, jetzt fange ich an. Und ich fing an.

Ich wurde mir bewusst, dass es sinnlos ist, die Fotos als Fotoausstellung zu machen, die unbestritten auf die Menschen wirkt, aber nur sehr vorübergehend. Deshalb beschloss ich, in Richtung eines Fotoalbums zu denken, wo diese Feste auch beschrieben werden. Nicht alle, natürlich, nur die attraktivsten und die weniger bekannten.

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Wie viel Zeit nahm das in Anspruch?

Ungefähr 3 Jahre dauerte die Sammelarbeit, da du bis zum nächsten Jahr warten musst, wenn du ein Ereignis verpasst. Oder ich war mit den Aufnahmen nicht zufrieden … Deswegen dehnte sich der Prozess um diese Zeit aus, obwohl ich mir vorstellte, dass alles in einem Jahr fertig werden würde.

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Würdest du über einen Brauch erzählen, der dich am meisten beeindruckt hat?

Alle sind beeindruckend. Es gibt eine Sekte der Kalderascha – eine Richtung im nichttraditionellen Islam, sie sind sehr wenig Menschen. Im Osmanischen Reich wurden sie im 17. Jh. einem grausamen Genozid unterworfen. Das, was sie machen, ist eine Häresie in der Islamdoktrin, da sie Abbildungen verehren und Kerzen anzünden. Es ist sehr interessant und so etwas gibt es nur hier.

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Wie hast du sie entdeckt?

Wenn man sucht, findet man. Die Information ist vorhanden. Ich hatte auch einen Berater.

Ich habe schöne Models in deiner Webseite gesehen. Wählst du sie selbst aus?

Ich habe mir den Luxus erlaubt, für das, was ich mache, Vergütung zu bekommen. Für mich verliert ein Foto, das nicht veröffentlicht ist, ein bisschen an Wert. Deshalb sind alle Sessionen der Mädchen, die ich fotografiert habe, zur Veröffentlichung. Ein Teil der Sessionen sind für die Zeitschrift MAXIM und im größten Teil davon arbeite ich bevorzugt allein.

Welche sind die wichtigsten Projekte vor dir?

Meine Freundin erwartet ein Kind, das ist mein erwartetstes Projekt.
Gerade vor der Herausgabe des Albums „Traditionen“ gingen mir mindestens 4 Ideen durch meinen Kopf, wo ich aber keine Zeit hatte, sie zu realisieren. Man hat mich beraten, das Tempo zu beschleunigen und ein bisschen darüber nachzudenken, das dass Projekt „Traditionen“ wirklich auf sehr hohem Niveau ist und die Latte ziemlich hoch gehoben hat. Denn so ein Projekt wurde bisher von noch keinem bulgarischen Autor gemacht. Das Nächste muss etwas größer sein, also zurzeit habe ich keine grandiosen Pläne.

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Was sind die Träume, die mit deinem Beruf verbunden sind?

Als ich als Mitarbeiter an der Zeitung einstieg, war mein Traum, ein Kriegsreporter zu werden und die Heißzonen zu besuchen. Diesen Traum habe ich noch nicht verwirklicht, aber ich hoffe, dass mir eines Tages gelingt.

Unentbehrlich ist die Frage über das Adrenalin …

Oh, ja, das, war mir an der Reporterarbeit wirklich gefällt, ist das Adrenalin, das, würde ich sagen, weniger in der Studiofotografie ist. Dort ist der Kick anders. Ich möchte, natürlich, das Eine nicht auf Kosten des Anderen unterschätzen. Ich würde nicht sagen, dass ich ein großer Sucher starker Emotionen bin, aber es gibt Dinge, die, falls ich darüber zu erzählen beginne, kaum zu glauben sind.

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Erzähle bitte einige von diesen Vorfällen, sie sind das Salz deines Berufs.

Einmal, vor ungefähr 6 Jahren, haben wir einen Artikel über Drogen vorbereitet und ich habe mich an Drogenspitzen gestochen, als ich in einem verlassenen Bad Fotos aufnahm. Ich fiel in ein Loch, 4 Meter tief. Ich fiel auf den Müll, auf Steine und auf diese Spitzen … Ich hab mir das Bein zerrissen und meine Kamera ging kaputt … Ich hinkte noch lange Zeit danach, aber mein Kopf war wenigstens in Ordnung … Doch ich habe einige Fotos gemacht. Im Großen und Ganzen eine abscheuliche Geschichte.

Die andere Geschichte war, als um meinen Kopf Granaten flogen. Das war im Dorf Chelopechene, während der Explosionen. Da es keine Möglichkeit gab, dass ich die erste Explosion aufnehme (sie war früh am Morgen), entschied ich mich mit einem Kollegen (Freiberufler), in das Gebiet selbst einzudringen und dort aufzunehmen, was möglich ist. Das Gebiet wurde von Polizisten überbewacht und von 10 Uhr am Morgen bis 15 Uhr am Nachmittag liefen wir herum. Es gelang uns, auf Umwege und durch Wiesen das Gebiet zu erreichen.

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Bei der zweiten Explosion, gegen 15 Uhr, waren wir ca. 50 Meter von der Explosion entfernt. Ich fotografierte und zur gleichen Zeit klingelt mein Handy. Es war die Chefredakteurin, um zu fragen, ob es Aufnahmen gibt und gleichzeitig geschah das … ich habe die Explosion aufgenommen.

Ich habe mir ein Hemd um den Kopf gewickelt, zum Mildern des Stoßes, falls etwas losfliegt. Man muss seinen Kopf bewahren … Wir gingen in das Gebiet und ich entschied eine Hülse zum Andenken mitzunehmen, sogar eine noch für meinen Kollegen. Ich nahm eine, die schon explodiert war. Dann erschrak ich, als ich mich umsah, denn mindestens noch zehn unexplodierte Geschosse lagen da. Und die Erde brannte und glomm. Das Wichtigste aber war, dass es mir gelang, dort hinein- und herauszugehen.

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Was sind die drei, der unglaublichsten Geschichten und Herausforderungen, die dir passiert sind?

Eine interessante Reportage habe ich für die Menschen gemacht, die unter der Erde, in den Fernheizungskanälen leben. Damals nahm ich die Idee von der Zeitung „Standard“, die als erste eine Reihe von Reportagen über diese Menschen herausgegeben hat. Aber ihre Artikel waren ohne Fotos und ich wagte zu behaupten, dass ein Teil von den Berichten übertrieben waren. Ich hatte auch dort interessante Vorkommnisse. Es war eine Herausforderung.

Ich glaubte nicht, dass es in Bulgarien solche unterirdischen Menschen gibt und beschloss, sie um jeden Preis zu fotografieren. Damals ist mir eine Gaspistole in die Tasche geknallt. Danach entschied ich, einem Freund anzurufen und ihn als Leibgarde mitzunehmen. Ich hatte einige Orte vorgemerkt – ein Loch auf der Straße „Botev“, aber dort wagte ich sowieso nicht hineinzugehen.

Damals suchten wir in einem kleinen Wagen – ich, zwei Penner als Reiseführer, und zwei Leibwächter – verschiedene Orte auf. Im Allgemeinen: eine Woche Emotionen; danach konnte ich mich von Penneranrufen 2 Monate nicht retten.

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Wie möchtest du dich noch vor den Lesern von Public Republic vorstellen?

Die Chinesen sagen, dass der Mensch vier Gesichter hat – das eine ist das, was der Mensch denkt, dass er ist, das andere ist das sichtbare, das dritte ist das, das er zeigen will, und das vierte … ich hab es vergessen.
Sich selbst zu bestimmen ist riskant.

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Was ist dein Rat an die angehenden und noch unerfahrenen Fotografen?

Aufzunehmen und Fotos anzusehen – das ist das Wichtigste in diesem Beruf. Aufzunehmen. Und das Andere – nicht zu vergessen, dass die Fotografie ein Mittel ist und das jeder aufnehmen kann. Das Wichtigste ist, das Objekt richtig zu wählen und zu wissen, warum du es machst, damit du etwas Qualitätsvolles machen kannst.

An Sonnenuntergängen haben wir uns satt gesehen. Alles ist sehr einfach – ein Foto musst du entweder erklären oder es wird dir einfach gefallen, wenn du es siehst. Und je mehr Leuten es gefällt, desto besser. Ich wünsche ihnen Fotos zu machen, die mehreren Menschen gefallen.

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Foto: Nikolay Nikolov

Fußnoten

1. Als Dämon für ein Volksfest verkleideter Mensch in Bulgarien

Kategorien: Frontpage · Visual Arts

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