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Artist of the Week – Anders Peev

21 September, 2009 von · Keine Kommentare

Musik aus dem Norden

Interview von Vanya Nikolaeva mit dem Musiker Anders Peev
Übersetzung: Dessislava Georgieva

Nyckelharpa ist ein traditionelles schwedisches Instrument, das bereits im XIV. Jahrhundert in Skandinavien verwendet wird. Im XVI. und XVII. Jahrhundert wird es auch in Deutschland bekannt. In den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts stellt die nyckelharpa eines der Hauptinstrumente am Königlichen Musik-College in Stockholm dar. Heute ist es nicht nur ein Teil der Folkloremusik, sondern hat sich auch in anderen Stilen erfolgreich durchgesetzt.

Wer ist Anders Peev und was sollten wir über ihn wissen?

Ich bin Komponist und Musiker mit Schwerpunkten in traditioneller schwedischer Folklore und Metal. Meine Eltern kamen während des Zweiten Weltkriegs als Flüchtlinge nach Schweden – aus Bulgarien und Finnland.

Meine Kinderjahre verbrachte ich in den Vororten von Stockholm – als Mitglied örtlicher Musikgruppen im Luftschutzkeller einer Schule. Das waren die Jahre des Kalten Krieges und das Versteck war für den Fall eines Atomangriffs vorgesehen. Unsere Lehrer jedoch erlaubten uns, dort zu proben und stellten einen Satz Schlaginstrumente und alte Verstärker zur Verfügung.

Warum die nyckelharpa? Was macht das Instrument für dich so besonders?

Eigentlich bin ich Gitarrist. Als ich sechs Jahre alt war, fing ich an, Gitarre zu spielen und mich mit Musik zu beschäftigen. Bis ich 20 wurde, hatte ich keine Berührung mit Folklore oder der nyckelharpa. Als ich diese Musik entdeckte, begriff ich, dass alle bedeutenden schwedischen Folk-Interpreten fiddle spielten (ein Instrument, ähnlich der Geige oder der Fiedel)… Ich dachte, dass es unheimlich kompliziert zu lernen wäre und dass es sehr viel Zeit in Anspruch nehmen würde… Als Kompromiss-Variante zwischen Gitarre und fiddle kaufte ich mir deshalb die nyckelharpa und glaubte, dass dieses Instrument einfach zu beherrschen wäre, aber das war es nicht!


Nach Jahren des Unterrichts kam ich endlich zu dem Schluss, dass ich in einer Sache recht gehabt hatte: Für mich stellt die nyckelharpa eine Möglichkeit dar, gleichzeitig fiddle und Gitarre zu spielen. Ich kann all das spielen, was meine Kollegen auf der fiddle spielen. Zudem nutzen mir meine Jahre als Gitarrist viel, wenn es um Akkorde und Begleitung geht.

Warst du schon mal in Bulgarien? Kennst du die bulgarische Folklore-Musik?

Ich war schon einige Male in Bulgarien. Leider spreche ich kein Bulgarisch, da die schwedische Einwanderungspolitik der 50er Jahre vorschrieb, dass sich alle Ausländer maximal in die schwedische Gesellschaft integrieren sollten. Nur wenige Einwanderer, die in den 50er Jahren nach Schweden gekommen waren, gaben ihre Muttersprache an ihre Kinder weiter.

Ich habe 2001 an einem Folklore-Festival in Veliko Tarnovo teilgenommen, was unglaublich war! Ich war in Blagoevgrad, wo mein Vater seine Schuljahre verbracht hat. Die östliche Schwarzmeerküste habe ich ebenfalls gesehen, allerdings nicht den Strand, sondern im Rahmen einer improvisierten Musikveranstaltung mit talentierten Roma-Musikern. Nach dem Konzert in Veliko Tarnovo bin ich mit meinem schwedischen Freund, einem Klarinettenspieler, zufällig nach Varvara gefahren. Dort sind wir aus dem Bus gestiegen, haben die Instrumente ausgepackt und angefangen, vor einem kleinen Café im Zentrum zu spielen – in der Hoffnung, mit unserer Musik auf uns aufmerksam zu machen. Bald darauf tauchten heimische Musiker auf. Wir spielten zusammen und kamen sogar für eine Woche in deren Haus unter. All diese Menschen benutzten unterschiedliche Sprachen (Bulgarisch, Russisch, Türkisch und Roma), wir hatten nicht viele gemeinsame Worte, also spielten wir die ganze Woche Musik.

Ich finde Bulgarien schön, besonders die Berge im Westen, über die mein Vater mir so viel berichtet hat. Es ist seltsam, in ein Land zu kommen, in dem man nicht versteht, was die Leute sagen, dafür aber mit dem Essen und den Gewürzen vollkommen vertraut ist. Überall servierte man die Gerichte meines Vaters! Er hat mir viele Geschichten über sein Leben in Bulgarien erzählt und ich kenne einige Perioden der bulgarischen Geschichte. Es ist so, als wäre man unterwegs und gleichzeitig daheim.

Ich kenne die bulgarische Volksmusik und habe sogar ihren komplizierten Rhythmus studiert.

Wie sehen deine Tage aus?

Ich wache morgens früh auf… zumindest versuche ich das! Danach verbringe ich die meiste Zeit im Studio, mache Aufnahmen und komponiere für verschiedene Projekte. Manchmal für eine meiner Bands oder für mein Solorepertoire, manchmal für Theaterstücke oder Filmprojekte. In den letzten Jahren habe ich viel für Chöre geschrieben. Wenn ich kein Konzert habe, dann komponiere ich abends gewöhnlich oder mache Aufnahmen, zumindest so lange, bis meine Katzen mir deutlich machen, dass sie genug haben! Zweimal wöchentlich nehme ich mir einige Stunden, um mein isländisches Pferd zu reiten, das ich diesen Sommer gekauft habe.

Was sind deine Erinnerungen an deinen ersten Bühnenauftritt?

Ich glaube, dass ich acht Jahre alt war, als ich zum ersten Mal auf einer Bühne stand. Auf einem Schulfest trug ich den Eltern einen eigenen Song vor. Zeitweise empfinde ich noch immer eine Art Aufregung vor Publikumsauftritten – die Zeit bleibt stehen und ich fühle mich, als würde ich fliegen und gleichzeitig nackt auf der Bühne stehen.

Eines deiner Projekte ist Anda. Wie lange existiert es, wie hast du Mattias Ristholm kennengelernt (Vocals und Saz (türkische Laute)) und wie sehen eure zukünftigen Musikpläne aus?

Mattias und ich lernten uns 1998 in der Musikschule in Malung, Nordschweden, kennen. Die Schule ist klein und für Leute vorgesehen, die sich mit schwedischem Folk beschäftigen. Seitdem machen wir gemeinsam Musik und gründeten Anda im Jahr 2001.

Gerade haben wir unser erstes Album fertiggestellt und aus diesem Anlass vor einigen Wochen eine Party in Stockholm veranstaltet. Im Sommer werden wir durch Schweden touren.

Und dein Nebenprojekt- Godrun?

Godrun ist ein langsam wahrwerdender Traum. Die Idee besteht darin, richtig gute Rock- und Metal-Songs für Bands ohne Gitarren zu komponieren. Stattdessen benutzen wir fiddle, nyckelharpa und lute (Laute). Das Ziel ist, eine Verschmelzung aus Rockmusik und schwedischem Folk zu erreichen – ohne die folkloristischen Texte und Besonderheiten. Die Texte sind auf Englisch und in einem ganz kleinen Maße mit den traditionellen schwedischen Liedern verbunden, dafür aber in einem hohen Maße mit dem Klimawandel und der postkolonialen Welt.

Was definierst du als das Wichtigste in deinem Leben?

Die Ehrlichkeit zu mir selbst, um auch zu den anderen Menschen und der Welt, die mich umgibt, ehrlich sein zu können. Und das Aufhalten des Klimawandels!

Mein Traum ist es …

Den Tag zu erleben, an dem auch der letzte Krieg auf der Welt beendet sein wird.

Wofür findest du immer Zeit, unabhängig von den Umständen?

Ich finde immer Zeit für meine Freundin und meine Tiere sowie auch für die Möglichkeit, in der Natur zu sein. Trotz der Tatsache, dass ich gerne in der Stadt lebe, bemühe ich mich, sooft es geht in den Wald zu gehen.

Deiner Meinung nach ist der beste Song, der jemals komponiert wurde…

Das ist eine schwierige Frage… Es gibt so viele. Die Meinung über meinen Lieblingssong ändere ich jede Woche, und zurzeit ist es „Fly on the wall“ von T.A.T.U.

Ich vergleiche den Sonnenuntergang mit…

Er ist unvergleichlich!

Inwiefern muss Musik kommerziell sein und in welchem Maße muss sie mit den geistigen Bedürfnissen der Menschen verbunden sein?

Ich denke, dass Musik und Kunst weder ohne Herz, noch ohne finanzielle Unterstützung existieren können. Meiner Meinung nach muss jede Musik bis zu dem Maße kommerziell sein, das notwendig ist, um aus der Arbeit als Musiker Einnahmen zu erzielen. Ebenso glaube ich, dass man unmöglich mit Musik Geld verdienen kann, die ohne Herz entstanden ist. Ganz gleich, was Menschen über bestimmte populäre Musikstile sagen, indem sie sie als kommerziell im negativen Sinne definieren: Dahinter steckt immer ein brillanter Komponist oder Interpret, der fest daran glaubt, was er tut. Und im Laufe der Jahre werden sich diese Interpreten, die des Kommerzes beschuldigt wurden, in Berühmtheiten verwandeln.

Es gibt viele Beispiele wie die Beatles, ABBA, Led Zeppelin, Elvis Presley – sie alle wurden von den Medien und von namhaften Persönlichkeiten der Kulturbranche für kommerziell und herzlos in ihrer Kunst gehalten. Jetzt denken wir jedoch anders.

Mein Lieblingsgedanke von George Martin, dem bekannten Beatles-Produzenten, lautet: „Ob du einen guten Geschmack hast oder nicht, hängt davon ab, wie viele Menschen deiner Meinung sind.“

Kategorien: Frontpage · Szene · Visual Arts

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