Zu Favoriten hinzufügen
Public Republic random header image

Artist of the Week — Anne Zimmer

26 Juni, 2012 von · Keine Kommentare

Interview von Jasmina Tacheva mit der Goldschmiedin und Metalldesignerin Anne Zimmer

Porträt Anne Zimmer

Würden Sie sich unseren Lesern einmal kurz vorstellen?

Ich heiße Anne Zimmer, bin 44 Jahre alt, lebe in Hamburg und bin seit 2000 selbständig als Goldschmiedin und Metalldesignerin.

Anne Zimmer - Alea Tempus

Wie hat Ihre Karriere als Schmuckdesignerin begonnen?

Ursprünglich hat mich das „Schmuckmachen-Können“ gereizt, da meine Hände immer schon gerne gebastelt, geschraubt und zerlegt haben. Um einen Ausbildungsplatz zu bekommen, musste ich erst 1 Jahr Praktikum machen. Es folgten die Lehre und nach einem Auslandsaufenthalt (mal ein bisschen die Welt ankucken) noch 2 Gesellenjahre.

Anne Zimmer - Collectum Stilla

Aber die Kreativität und Gestaltung fehlten in der Ausbildung komplett, obwohl man immer auch gestaltet, wenn man ein Schmuckstück macht. Deshalb habe ich dann noch Metalldesign studiert. Und anschließend ging es in die Selbständigkeit.

Anne Zimmer - Alea

Neben Schmuck, arbeiten Sie auch viele creative Dekorationsobjekte aus. Worin unterscheiden sich beide Kunstprozesse und was verbindet sie?

Im Prinzip sind die Arbeitstechniken für beide relativ gleich. Schmuck ist aber kleiner und man kommt viel schneller zum Ergebnis oder kann mal eben etwas ausprobieren. Bei Gerät und Gefäß wird es mit Treibarbeiten schnell aufwändig und zeitraubend. So wird es schnell kostspielig und es wird schwerer, die Objekte zu verkaufen.

Anne Zimmer - Collectum Stilla Aurum

Mit Stahl kann man dagegen schnell größere Konstruktionen bauen (schweißen) und der Anspruch an die Oberflächen ist meist nicht so hoch, wie beim Schmuck oder Gerät. Im „Kleinen“ zu denken und zu entwerfen fällt mir aber am leichtesten. Das Herstellen größerer Objekte hat mir geholfen, auch beim Schmuckmachen schneller zum Ergebnis zu kommen, weil ich erst mal gröber ran gehe und seitdem ist z.B. der Schraubstock mein bester, starker Helfer.

Anne Zimmer - Alea Gruppe

Und man muss natürlich immer die Funktion im Auge haben, egal, was man bauen will.
Eine Teekanne, die beim Gießen immer kleckert, macht mich wahnsinnig, und ein Ring, der einen quält, ist auch missraten.

Anne Zimmer - Aurifera

“Wer in einem silbernen Bett schläft, hat goldene Träume.” oder: “Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.” – Selbst in deutscher Folklore scheint Silber im Vergleich zu Gold viel zu oft unterschätzt zu werden… Was fasziniert Sie persönlich an Silber?

Da ich viel mit durchscheinendem, farbigem Epoxid arbeite, bietet Silber mir den neutralen „weißen“ Grund, der die Farben nicht verändert (z.B. blau auf Gelbgold wird grün).

Und da ich gerne großen Schmuck mache, würde der mit Gold ,gerade jetzt, beinahe unerschwinglich. Mein Schmuck soll aber auch für normalverdienende Leute kaufbar sein.

Und ich finde Silber leicht zu verarbeiten.

Anne Zimmer - Colea

In Ihrer Arbeit verwenden Sie oft auch Epoxid. Können sie uns mehr davon erzählen?

Epoxid ist ein Kunstharz, der aus dem Harz selbst und einem Härter in einem bestimmten Verhältnis gemischt werden muss. Dann beginnt erst das Aushärten. Man arbeitet also erst mit einer (etwas zähen) Flüssigkeit.

Anne Zimmer - DUO mit fac. Prasiolith

Die kann man einfärben, man kann etwas mit eingießen (Fotos, Gräser, Perlen …) und kann so viel Farbe und Abwechslung in das Schmuckdesign bringen, ohne dass es gleich teuer oder schwer wird, weil der Harz sehr leicht und gleichzeitig (ausreichend) hart ist, außerdem lösemittelbeständig, dabei aber nicht so spröde wie Edelsteine. Hat aber gedauert, bis ich das Material einigermaßen im Griff hatte. Ist doch ganz anders als Metall.

Anne Zimmer - Eischale

Frauen sind diejenigen, die normalerweise Schmuck mehr lieben und tragen. Doch Sie bieten auch Herrenschmuck an. Gibt es viele Männer, die sich Schmuck kaufen?

Nach meinem Empfinden viel zu wenige. Und die wenigen sind oft auch noch sehr ängstlich, sie könnten zu „weiblich“ wirken. Herrenschmuck darf nicht zu verspielt sein.

Homosexuelle sind da meist freier und mutiger.

Anne Zimmer - Duo

Aber bei den Jüngeren scheint sich das langsam hoffentlich zu verändern.

Und ich habe den großen Ehrgeiz, noch viele Männer zum Schmucktragen (und nicht nur den Trauring) zu verführen. Man muss nur das passende Schmuckstück für den jeweiligen Mann finden, damit er nicht verkleidet wirkt- wie bei Frauen übrigens auch.

Anne Zimmer - Floramini

Beschenken auch Frauen ihre Männer, so wie Männer Damen oft mit Schmuck überraschen?

Das ist eher selten, kommt aber vor. Dann aber meist was für´s Büro (Manschettenknöpfe, Krawattenklammern). Und meist nur, wenn sie sicher sind, dass er Schmuck trägt. Männer lassen sich ja nicht gerne fremd bestimmen, obwohl ich festgestellt habe, dass viele Frauen ihre Männer gerne mit dem passenden Schmuck sehen würden.

Anne Zimmer - Infinita

Wie hat sich das Schmuckgeschäft in letzter Zeit verändert?

Da die Goldkurse so gestiegen sind, wird wieder mehr Silber verkauft und auch andere Materialien finden sich zunehmend mehr im Schmuck. Das liegt mich Sicherheit auch daran, dass durch die gestalterischen Schmuck-Studiengänge zunehmend mehr frischer Wind in die Branche kommt.

Anne Zimmer - Kette Alea

Das hatte das schwerfällige Goldschmiedehandwerk (dominiert von älteren Herren) dringend nötig.
Daneben wird immer mehr Individualität gefragt, also nix von der Stange, sondern extra für mich entworfen und gefertigt.

Anne Zimmer - Kettenanhänger

Woran denken Sie, wenn Sie Schmuck entwerfen? Woher nehmen Sie die Inspiration?

Meine Erfahrung ist, dass Kreativität ein Prozess ist: Je mehr man macht, desto mehr fällt einem ein. Manchmal habe ich eine Form im Kopf (woher? weiß ich nicht), manchmal ganz plötzlich, manchmal reift etwas in meinem Kopf.

Wenn ich für jemanden etwas entwerfen soll, führe ich erst mal ein Gespräch mit der Person, um sie kennen zu lernen und um herauszufinden, was das Ziel ist. Dann denke ich tagelang darauf rum und es entstehen erste Ansätze, aus denen dann ein Entwurf entsteht.

Anne Zimmer - Kugelkanne

Meine Augen sehen täglich viele Formen, im Alltag in der Stadt, in der Kunst, der Natur usw., die man manchmal bewusst wahrnimmt, manchmal aber auch unbewusst. Und das alles spukt einem ja im Hirn rum.

Manche Entwürfe entstehen auch beim Arbeiten. Habe inzwischen so viele kleine Formen und Teile gesammelt, mit denen ich immer mal wieder gerne spiele.

Anne Zimmer - Peridot

Was ist ihr persönliches Lieblingsschmuckstück und tragen Sie Ihre eigenen Schmuckkreationen?

Mein aktuelles Lieblingsstück ist der Ring DUO (Startseite meine Homepage), den ich seit Jahren trage. Aber eine weitere Variante davon schwebt schon, noch nicht ganz fertig, in meinem Kopf und die wird dann hoffentlich bald hergestellt und den alten DUO ablösen.

Sie sind also immer Lieblingsstücke auf Zeit. Daneben trage ich zur Zeit die Ohrhänger STILLA in hellblau. Ketten fast nie.

Beruflich bedingt trage ich eigentlich seit langem nur meinen eigenen Schmuck. Als Schmuckdesignerin schenkt einem keiner Schmuck.

Anne Zimmer - Prenuit

Zusammen mit der Designerin Sybille Homann betreiben Sie das Atelier Kunst und Gemüse (Wexstraße 28, 20355 Hamburg). Ist das wo Ihre Kreationen gesehen werden können? Was steckt hinter diesem begeisternden und gesunden Namen?

Ja, da arbeite und verkaufe ich meinen Schmuck. Wir sind vor knapp 3 Jahren da hingezogen. Waren vorher im Karoviertel in einer Nebenstraße, wo es einen Namen brauchte, der die Leute die 30m zu unserem Laden lockte.

Anne Zimmer - Pulvina

Und es sind eben verschiedene Gewerke im Laden (meine Kollegin arbeitet mit Glas und wir haben noch Produkte vieler anderer Designer im Programm), also wie nennt man ihn dann, auch wenn das mal wechselt?

Aus einem alten Leuchtkasten vom Flohmarkt, auf dem „Obst und Gemüse“ stand, kreierte Sybille Homann damals den Namen „Kunst und Gemüse“ und wir haben ihn behalten, auch weil er auffällig ist, damit einprägsam und uns schon viele unter dem Namen kannten.

Anne Zimmer - Teres

“Ein Schmuck soll einen nicht wohlhabend erscheinen lassen, sondern schmücken.” (Coco Chanel) – Stimmen Sie dieser Aussage zu? Ihrer Meinung nach, welche Rolle spielen Bijouterie und Juwelenkunst in unserem Leben?

Absolut. Schmuck als reines Statussymbol interessiert mich überhaupt nicht, auch wenn er oft deswegen getragen wird. Warum soll er per se teuer sein? Er kann es ganz schnell werden, mit den entsprechenden Materialien. Muss aber nicht sein. Viel wichtiger ist, dass er zur Person passt und sie gut aussehen lässt.

Anne Zimmer - Zeitobjekt

Modeschmuck hat seine Berechtigung, wenn man für ein bestimmtes Outfit einen passenden Schmuck braucht, aber nicht gleich viel ausgeben mag. Und gestalterisch hat der sich -teilweise- in den letzten 10 Jahren durchaus brauchbar entwickelt, auch wenn es da immer noch ganz schlimme Sachen gibt.

Juwelenkunst finde ich dagegen selten aufregend. Immer gleich klassisch langweilig und vollgeknallt mit Brillanten, oft auch noch ein dicker Farbstein und als Krönung noch die Marke gut sichtbar platziert… wer’s braucht.

Anne Zimmer - Cicinus

Gerade in dem Bereich fehlt mir gut durchdachtes, interessantes Design, das mit Bedacht und Sinn die Zutaten wählt und sie so einsetzt, das Ihre Schönheit optimal zur Geltung kommt.

Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg in Ihrer Karriere!

Ich danke Ihnen!

Kategorien: Frontpage · Visual Arts

Tags: , , , ,

Keine Kommentare bis jetzt ↓

  • Noch hat keiner kommentiert. Machen Sie den Anfang!

Kommentar schreiben