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Artist of the Week — BalkaNova: Viktoria Lasaroff, Andreas Brunn, Horst Nonnenmacher

3 Juli, 2012 von · 1 Kommentar

Interview von Jasmina Tacheva mit den Mitgliedern von BalkaNova – Viktoria Lasaroff (voc), Andreas Brunn (git), Horst Nonnenmacher (db), feat. Stoyan Yankoulov (dr, tupan)

BalkaNova

Durch das einzigartige Arrangement und die Verwendung von unkonventionellen (für die typische bulgarische Volksmusik) Instrumenten wie Percussion und Kontrabass in der Musik von BalkaNova ensteht eine markante Elektrik, eine neue Interpretation der Tradition, die aber die archetypischen Emotionen und Botschaften des Originals bewahrt und mit der Energie und Vitalität von Jazz bereichert.

Könnten Sie sich für unsere Leser kurz einmal vorstellen? Wie und wann haben Sie mit der Musik angefangen?

VIKTORIA: Ich bin in Sofia geboren. Meine Eltern lebten schon vorher in Ost Berlin, meine Mutter war dort Tänzerin am Berliner Metropol Theater, und so kam ich ein paar Monate nach meiner Geburt in die DDR. Meine Ferien verbrachte ich fortan in Sofia bei meinen Großeltern und am Schwarzen Meer.

Ich reise gerne, habe über 40 Länder besucht, aber Bulgarien ist jedes Jahr für mehrere Wochen ein fester Bestandteil in meinem Reiseplan. Dort freue ich mich Freunde und Verwandte wiederzutreffen und genieße dieses wunderbare Land, welches trotz der allgegenwärtigen komplizierten Lage und unglaublicher bürokratischer Unwegsamkeiten doch immer noch „Das Land der unbegrenzten (Un)möglichkeiten“ für mich ist.

Ich lebe nach wie vor in Berlin, gebe Konzerte in Deutschland und Europa, sowohl im klassischen Bereich in renomierten Konzertsälen, wie der Hamburger Laiiszhalle, dem Wiener Konzerthaus oder der Alten Oper in Frankfurt, als auch mit meiner Band BalkaNova, mit der ich zuletzt beim Jazzfest in Malaga gespielt habe. Zudem unterrichte ich an der Universität der Künste im Fach Gesang.

Lasarova

ANDREAS: Mein Name ist Andreas Brunn. Ich wurde 1964 in Weimar geboren (damalige DDR) und lernte seit dem sechsten Lebensjahr Klarinette spielen.

Im Alter von vierzehn Jahren begann ich, inspiriert von Blues & Rockmusik, Gitarre zu erlernen. 1980 geriet ich ins Visier der Staatssicherheit und war 4 Monate in Untersuchungshaft. Danach war Musik für mich ein Freiraum in einer beengten Gesellschaft. Ich spielte in den frühen 80zigern einer erfolgreichen Bluesband, welche jede Woche unterwegs war.

Von 1985-1991 studierte ich an der Hochschule für Musik “Franz Liszt” in Weimar Gitarre und Musiktheorie Methodik und begann in dieser Zeit auch zu komponieren.

2000 wurde meine Komposition “Two Faces” mit dem 1. Preis beim Gitarrenkompositionswettbewerb Open Strings des deutschen Gitarrenmagazins AKUSTIKGitarre ausgezeichnet.

Inzwischen konzertierte ich auf vielen Festivals (von Memphis, Tennessee bis Lahore, Pakistan) und arbeitete mit internationalen Musikern (z.B. Ferenc Snetberger, Petri Hakala oder Ateshhan Hiusseinov)

Erwähnenswert ist vielleicht noch das Projekt JUNGE MUSIK KARAWANE, welches ich leitete und dafür auch die Projektidee entwickelte: Junge Musiker wurden unterstützt durch die EU, zwei mal mit einem gemeinsam gestalteten Programm, das europäische Folklore, populäre Musik sowie Jazz beinhaltet, in Europa unterwegs. Die erste Karawane fand 2004 mit großem Erfolg statt und bewegte sich rund um die Ostsee. www.young-music-caravan.com.

2007 waren wir mit der zweiten JUNGE MUSIK KARAWANE fünf Wochen, 7.700 km auf Tournee und spielten in dieser Zeit 25 Konzerte auf vielen Festivals (u.a. Summer Jazz Festival Krakow, Bratislava Summer Cultural Festival, Bansko Jazz Festival, Jazzfest Saalfelden).

Die Tournee ging durch Deutschland, Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Kroatien Slowenien und Österreich. www.myspace.com/youngmusiccaravan.

BalkaNova

HORST: Mein Name ist Horst Nonnenmacher, ich habe in Berlin an der damaligen HdK (heute UdK) klassischen Kontrabass studiert, lebe seit 1984 in Berlin und spiele seit 1980 regelmässig live.

Meine erste Band spielte klassischen Hardrock, alsbald begann ich mit Kontrabass, denn ich interessierte mich sehr für Jazz und Klassik…., es gibt annähernd 30 CD Veröffentlichungen mit meiner Mitwirkung, so z.B. mit Alexander von Schlippenbach und Sam Rivers, hauptsächlich beschäftige ich mich momentan mit frei improvierter Musik, Jazz, brasilianischer Musik, ich spiele und komponiere u.a. für das „COMPOSERS ORCHESTRA BERLIN“ und unterrichte momentan in den Studienvorbereitetenden jazzabteilungen der Musikschulen Cizy West und Neukölln.

Viktoria, wie und wann haben Sie mit der Musik angefangen?

VIKTORIA: Durch das Berliner Metropoltheater war ich bereits in meiner frühen Kindheit immer mit Musik, Tanz und Theater umgeben.
Mit 3 Jahren meldete mich meine Mutter im „Haus der Jungen Talente“ bei Frau Sauer zur musikalischen Früherziehung an.

Diese Frau und auch Frau Howitz meine erste Blockflötenlehrerin, die ich neulich zu Ihrem 80. Geburtstag besucht habe, waren die Initialzündung für mich und so nahm alles seine Lauf. Mit 4 Jahren Flöte, ab 5 Jahren Klavier, mit 6 das erste Mal auf der Bühne am Metropoltheater und mit 8 wurde ich in die damalige Spezialschule für Musik „Georg Friedrich Händel“ und in den Rundfunk Kinderchor Berlin aufgenommen.

Dort erhielt ich eine solide musikalische und sängerische Ausbildung und machte wichtige Erfahrungen bei Konzerten, auf Tourneen (Europa, Russland bzw. UdSSR, Japan etc.) und im Rundfunk.

Mit 15 ging ich quasi heimlich, denn das war den Chorsängerinnen des Rundfunkkinderchores, wie so vieles andere, eigentlich verboten, zum Solo Gesangsunterricht in die Musikschule Friedrichshain. Mit 16 erhielt ich ein Stipendium des Julius Stern Institutes und war damit die erste Jungstudentin im Fach Gesang der heutigen Universität der Künste Berlin.

Nach dem Abitur studierte ich dort Musikpädagogik und Gesang bei Kammersängerin Prof. Jutta Schlegel. Immer wieder nahm ich an Seminaren und Workshops teil, auch außerhalb der sogenannten Klassik. Ebenso nahm ich Jazzgesangsstunden als Ergänzung zu meiner klassischen Ausbildung. Seit einigen Jahren habe ich meine stimmliche Betreuung bei Ruthild Engert gefunden.

Welche Musik mögen sie? Wie kamen sie zu Jazz und Oper? Was hat Sie an bulgarischer Volksmusik angezogen?

VIKTORIA: Ich mag Musik durch alle Stilrichtungen oder Epochen. Es ist eher eine Frage der Energie eines Stückes oder der Interpretation, ob mich etwas begeistert oder nicht so sehr anspricht.

Für Jazz interessierte ich mich schon recht früh, mit 15 ungefähr, und ein Freund meines Vaters mit einer riesigen Plattensammlung in Sofia, stillte meinen Hunger bei jedem Treffen mit ein paar aufgenommenen Kassetten.

Sowohl die Freiheit in der Interpretation als auch die Improvisation sind Elemente, die ich sehr genieße. Bis heute ist Ella Fitzgerald für mich die absolute Königin. Aber mein musikalisches Leben spielte sich hauptsächlich im klassischen Bereich ab und das wie schon erwähnt bereits im Kindesalter auf professioneller Ebene. Und ich liebe eben auch das. Also studierte ich klassischen Gesang und so kam ich natürlich auch zur Oper.

Oper wurde mir erst vertraut als ich meine ersten Rollen spielte und spürte, wie wahr diese Musik doch ist und welche emotionale Macht und Ausdruckskraft sie besitzt. Die meisten Dinge muss man eben erst einmal machen, um sie zu begreifen. Zudem kommt hier das Theater wieder hinzu, welches mir immer sehr nah war. Ich liebe Oper und inzwischen kann ich sie auch genießen, wenn ich im Publikum sitze.

BalkaNova

Die bulgarische Opernregisseurin Vera Nemirova war eine der ersten Regisseurinnen mit der ich gearbeitet habe. Sie hat mich mitgerissen. Ich habe bei ihr sehr viel gelernt und bin bis heute dankbar für diese Zeit.

Sie inszeniert in allen großen Häusern der Welt und hat einen ganz besonderen Instinkt für die Musik, das Sujet und die Menschen mit denen sie arbeitet. Wer die Vorstellungen der Oper „L’elisir d’amore“ von Gaetano Donizetti in der Sofioter Oper in diesem Jahr gesehen hat, weiß, wozu diese außergewöhnliche Regisseurin fähig ist. Sie reißt einfach alle mit.

Bei meinen Großeltern in Sofia habe ich sehr viel bulgarische Musik gehört und lieben gelernt. Meine Oma hat bis ins hohe Alter sehr gerne und schön gesungen. Auch mein Vater hatte eine sehr schöne Stimme und sang zum Akkordeon bulgarische Lieder, wenn wir Gäste hatten und der Abend lang wurde. Sein tolles Scandalli Akkordeon spiele ich heute auf den BalkaNova Konzerten, aber er konnte es viel besser spielen.

Später besuchte ich Konzerte und Festivals in Bulgarien. Musiker, wie den bulgarischen Kavalspieler Theodossi Spassov faszinierten mich. Die „Apolonia“ in Sozopol ist jedes Jahr ein absolutes „Muss“. Dort hörte ich vor vielen Jahren zum ersten Mal, dass die wunderschöne bulgarische Volksmusik nicht nur für sich selbst ein weltweit einmaligen musikalischen Reichtum hat, sondern auch ein enormes Potenzial besitzt beim Einfluss in anderen Musikrichtungen, wie Jazz oder Rock.
Aber noch einmal zur Volksmusik.

Jede Volksmusik spiegelt die Geschichte, die Kultur und die Seele Ihres Volkes wieder. Ich würde sagen Volksmusik ist das musikalische Geschichtsbuch eines Volkes. Die bulgarische Geschichte ist nicht nur eine der ältesten, sondern auch sehr bewegt -im wahrsten Sinne des Wortes. In einigen Phasen hat Bulgarien viel bewegt oder in anderen historischen Abschnitten, wurde es durch äußere Einflüsse viel bewegt.

Dadurch entstand über die Jahrhunderte eine sehr vielfältige Mischung der Ethnien auf verhältnismäßig kleinem Raum. Alle haben etwas mitgebracht und so entstand der unglaubliche Reichtum an Formen, Skalen, Rhythmen, Taktarten, Melodien und Instrumentierung, den wir heute finden und der uns zum Glück solange im aktiven musikalischen Leben erhalten geblieben ist.

Zudem ist Bulgarien ein sehr bergiges Land und somit findet man streckenweise in jedem Dorf kleine typische Veränderungen, die die Musik charakterisieren. Das ist sehr interessant und es gibt Spezialisten, die an winzigen kleinen Verzierungen erkennen können, aus welchem Dorf ein Lied stammt.

Ist das nicht faszinierend? Ich denke, ich liebe die bulgarische Musik nicht nur auf Grund meiner Herzensverbindung zu ihr, sondern wegen der schönen Melodien und der feinen Rhythmik, die doch so wahr und glaubhaft jeden ach so verrückten Gefühlszustand darstellen kann.

ANDREAS: Den ersten Kontakt mit bulgarischer Musik ergab sich für mich im Sommer 1987. Die Hochschule für Musik “Franz Liszt” hatte damals eine Hochschulpartnerschaft mit der Musikhochschule in Plovdiv. Ich hatte in Rahmen eines Studentenaustausches die Möglichkeit zwei Monate in Bulgarien zu leben, was für mich eine sehr besondere Erfahrung war.

Die Einbindung von traditioneller Musik Europas (besonders Osteuropas) in den Jazz würde ich als einen Schwerpunkt meiner Arbeit bezeichnen. Mich hat am Jazz immer fasziniert, wie verschiedene Protagonisten die zu Ihrer Zeit vorherrschenden Spielweisen durch Aufnahme neuer musikalischer Elemente bereichert und weiterentwickelt haben.

Als beispielgebend möchte ich u.a. Art Blakey (Abdullah Ibn Buhaina), Miles Davis, Arturo Sandoval, John McLaughlin, Jan Gabarek und Louis Sclavis erwähnen. Diese Auswahl ist absolut willkürlich und natürlich unvollständig, aber für alle diese Musiker gilt, dass sie fortwährend oder in bestimmten Phasen Ihres Schaffens Elemente anderer Musikkulturen in Ihre Art Jazz zu spielen gebracht haben.

Ich verstehe mich als einen europäischen Jazzmusiker, der in Berlin lebend, die musikalischen Einflüsse in sein Spiel und seine Kompositionen aufnimmt, die hier und heute in einem zusammenwachsenden Europa relevant sind. Ein Schwerpunkt sind in den letzten Jahren dabei für mich die Einflüsse der osteuropäischen Musik geworden.

HORST: Zum Jazz kam ich durch den Enthusiasmus meines Vaters (er hat als Jazzfan eine umfangreiche Plattensammlung) und Jazz ist für mich immer noch die Musik der grössten individuellen Freiheit und Ausdrucksmöglichkeit in einem Team.

BalkaNova

Zur bulgarischen Musik kam ich durch den Saxofonisten Vladimir Karparov, mit dessen Quartett eine CD entstanden ist, ihn lernte ich durch meine häufigen Aufenthalte in Rumänien kennen, wo ich Ende der 90iger Jahre regelmässig tourte.

Mich fasziniert die emotionale Tiefe der bulgarischen Musik, gepaart mit Kraft und Lebensfreude, anspruchsvoller Rhythmik und Melodik, nicht zu vergessen: das kleine anarchische Moment des Humors….

Wie haben Sie Viktoria kennen gelernt und wie hat sie Ihr Interesse an bulgarischer Musik geweckt?

HORST: Durch den unvermeidlichen Kontakt zu anderen interessanten Musikern in Berlin, in jenem Fall Andreas Brunn

ANDREAS: Viktoria und ich wohnen im selben Berliner Stadtbezirk: Friedrichshain. Ich denke, wir lernten uns 2005 im OXIDENT kennen, einen damals sehr angesagten Musikclub. Trotz der Größe Berlins treffen die Menschen mit ähnlichen Interessen irgendwann zwangsläufig aufeinander.

Mein Interesse für die Musik Bulgariens bestand zu dem Zeitpunkt schon lange. Seit 2001 spielte ich mit Vladimir Karparov im Duo und im Quartett FOR FREE HANDS. Außerdem war ich 2003 als Stipendiat der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Berlin in Bulgarien um meine Kenntnisse über bulgarische Musik zu vertiefen.

Im Quartett FOR FREE HANDS spielen wir ausschließlich eigene Kompositionen. Für dieses Ensemble ist die Verwendung von ungeradzahligen Metren und Melodieelementen des Balkans ein thematischer Schwerpunkt. For Free Hands ist mit Vladimir Karparov (BG), Dimitris Christides (GR), Scott White (Can) beispielgebend für die in Berlin lebende internationale Jazz Community.

Ganz Aktuell: FOR FREE HANDS ist diesjähriger Preisträger des vom Berliner Kultursenat ausgerichteten Studiopreis Jazz. Das vergangene Jahr war für FFH erfolgreich: Wir konzertierten z.B. auf zwei spanischen Festivals: (MuniJazz und Jazzfestival MALAGA). Weiterhin war das Quartett im Oktober 2011 in Österreich auf Tournee mit Konzerten u.a. im ausverkauften PORGY & BESS in WIEN. www.akustikartkontakt.de und
www.youtube.com/AkustikArtKontakt (dort finden sich natürlich auch Infos & Videos zu BalkaNova)

VIKTORIA: Als ich Andreas in Berlin kennenlernte, war die bulgarische Musik für ihn kein Neuland mehr und darüber war ich sehr glücklich, denn endlich hatte ich jemanden in Berlin gefunden, mit dem ich mich auf diesem Gebiet ausprobieren konnte, was ein langersehnter Wunsch von mir war.

Dass dabei so eine spezielle Musik entsteht, wie wir sie heute als BalkaNova spielen, war in keiner Weise absehbar. Wir haben einfach zusammen getan, was wir kannten und da Andreas ja eher der Jazzer ist und ich eben die Klassikerin, haben wir vielleicht eine ganz neue Form gefunden, diese schöne Volksmusik zu spielen.

Ich hatte immer den Anspruch, ähnlich wie im Kunstlied, die Texte stärker durch die Musik zu interpretieren, als im Volkslied, wo sich die Begleitung von Strophe zu Strophe kaum ändert. Unsere Arrangements sind eher durchkomponiert, wie man im klassischen Sprachgebrauch sagen würde. Andreas konnte diese Ideen mit seinem individuellen jazzharmonischen Verständnis und herausragenden Fertigkeiten auf der Gitarre umsetzen.

In Horst Nonnenmacher haben wir einen perfekten Partner gefunden. Er ist ein großartiger Musiker und ein sehr guter Bassist. Seine Sensibilität und seine musikalische Erfahrung erlauben ihm höchste Aufmerksamkeit auf die Besonderheiten der bulgarischen Musik. Ich liebe es, wie er die feinen Nuancen meiner Interpretation des Textes aufnimmt und immer wieder neu in sein Bassspiel einfließen lässt.

Ich glaube er ist gleichermaßen Jazzmusiker und Klassiker und da schafft er wiederum eine weitere Verbindung zwischen Andreas und mir. In jedem Konzert bin ich von neuem gespannt, mit welchen Ideen und neuen Soli mich meine beiden Kollegen überraschen werden.

BalkaNova

Wie kommt es, dass der Bandname „BalkaNova“ ist? Ist das vielleicht eine Kombination von Balkan(folk) und Bossa (Nova)?

ANDREAS: Viktoria und ich suchten nach gemeinsam einen passenden Namen. BalkaNova ist ein Wortspiel und soll unseren neuen Weg sich der Bulgarischen Musik anzunähern beschreiben.

VIKTORIA: Ich liebe BossaNova und vielleicht kam daher die Eingebung, allerdings würde ich das „Nova“ im Zusammenhang mit BalkaNova eher im Wortsinn von „Neu“ sehen. Es ist ein Wortspiel aus „Balkan“ und „neu“. Das „N“ ist großgeschrieben, um Verwechslungen mit dem weiblichen Familiennamen Balkanova zu vermeiden. Keiner von uns trägt diesen Namen:)

Sie planen für Oktober 2012 die Premiere Ihres Debütalbums. Können Sie uns etwas mehr darüber erzählen? Was werden wir darin finden?

ANDREAS: Unser neues Album „Heartbeats“ ist eine herausragende CD. Wir arbeiteten gemeinsam an Arrangements, welche stark auf den Text in jedem Song eingehen. Harmonie, Rhythmus, Metrum und Dynamik folgen respektvoll der Bedeutung des Liedinhaltes. Auf diese Weise sind Begleitung, Melodie und Text eng miteinander verwoben.

BalkaNova gibt traditionellen Volkslieder neue individuelle Formen. Es sind ruhige balladeske Titel zu hören wie z.B. „Hubava si moja goro“ wo z.B. Horst Nonnenmacher mit unglaublich schönen getrichenen Bassmelodien zu hören ist oder eine sehr stürmische Version von „Cerni oci imas mome“. Unser Gast und Freund Stoyan Yankoulov trägt natürlich auch dazu bei unserer CD „Heartbeats“ eine besondere Energie zu geben.

VIKTORIA: Volksliedtexte sind etwas ganz besonderes. Oft stellen sie Szenen aus dem Alltag dar und konservieren somit historische Lebensweisen, Traditionen und Abläufe. Natürlich geht um die essenziellen Themen des Menschen und somit zu einem großen Teil um die Liebe.

Auf unserer CD repräsentieren viele Lieder die Anfänge eine Liebe oder einer Liebesbeziehung und somit ist unsere Musik im Großen und Ganzen mit positiven Gefühlen besetzt, auch wenn in dem ein oder anderen Lied ein verrückt gewordener, frischverliebter junger Mann vielleicht nicht ganz so schnell zu seinem Ziel kommt, wie es sein Temperament verlangt.“Jovano, Jovanke“ oder „Snoshti si go vidoch, mamo“. In diesem Lied bittet der Protagonist, verzweifelt vor Verlangen nach seiner Angebeteten, seine eigene Mutter um Mithilfe.

Es gibt aber auch Lieder in denen Wasserkrüge zu Bruch gehen sollen oder Blumenschmuck aus dem Haar gerissen werden soll, damit das auserwählte Mädchen mal einen Blick vom Brunnen herüberwirft. „Tragnala Rumjana za voda studena, lele“ Hier entscheidet sich der Verliebte für einen Kuss, weil dieser nicht käuflich zu erwerben ist, Honig fürs Herz sei und Balsam für die Seele.

In einem anderen sehr bekannten Lied ist es die Frau, die mit allen möglichen Verwandlungstricks, mal als Vogel, mal als Fisch versucht, ihren Geliebten von einer ernsthafteren, ewigen Bindung zu überzeugen. Als dieser ihr in der dritten Strophe gesteht, dass er zu Hause ein schöne Frau und zwei, drei Kinder (orig. Volksliedtext) hat, ist sie bereit, zu kriminelleren Maßnahmen zu greifen, möchte sich in die Pest verwandeln, seine Frau töten und an ihrer statt die Kinder groß ziehen, um doch nur für ewig mit ihrem Schatz vereint zu sein „Nazad, nazad mome Kalino“.

Auf der CD sind aber auch Songs, die eigentlich in ihrem Ursprung gar nicht aus der Volksmusik kommen sondern aus der Roma Tradition, wie Ederlezi. Auf dem Balkan und wahrscheinlich eher noch von Albanien bis Georgien kennt es jeder in einer anderen Fassung mit seinem eigenen Text, und im „Rest der Welt“ wurde es spätestens durch die mehrmalige Verwendung als Filmmusik in einigen Filmen von Emir Kusturica berühmt.

Auf der CD sind nicht nur wir drei zu hören, sondern auch ein ganz besonderer Gast- Stoyan Yankoulov. Er hat nach einem Konzert mit uns beim „Balkan Slam“ in Berlin einige unserer Lieder mit außerordentlich reizvollen, sensiblen und mitreißenden perkussiven Begleitungen und Soli auf seinem Drumset und Tupan bereichert.

Unsere erste CD die übrigens „HeartBeats“ heißt ist das Ergebnis aus vier sehr verschiedenen Musikern, die alles was sie haben in einen Topf schmeißen, in mehreren Jahren gemeinsamer Konzerterfahrung kräftig darin herumgerührt, durchgezogen und nachgewürzt haben, um damit Lieder vom Balkan neu zu interpretieren.

Was denken Sie, sind die besonderen Eigenschaften der bulgarischen Volksmusik, die dazu beitragen, dass sie die Welt schon seit Jahrhunderten fasziniert ist?

ANDREAS: Die Musik Bulgariens schöpft die Musik aus einem großen Reichtum von vielfältigen, in Mitteleuropa teilweise völlig unbekannten Rhythmen, sowie einer wirklichen Hochkultur des Umgangs mit Melodielinien.

Neben den in Mitteleuropa üblichen rhythmischen Modellen des 2/4 -, 3/4 – und 4/4 – Taktes gibt es alle ungeradzahligen Achteltakte zwischen 5/8 und 15/8.

Bulgarische Musiker die eine Melodie spielen, verdeutlichen intensiv das Wesentliche des Stückes wie rhythmisches Modell und die Skale. Darüber hinaus geben sie durch Phrasierung, Ornamentierung bzw. Verzierungen dem Thema eine ganz persönliche, besondere Note.

HORST: s.o. („Mich fasziniert die emotionale Tiefe der bulgarischen Musik, gepaart mit Kraft und Lebensfreude, anspruchsvoller Rhythmik und Melodik, nicht zu vergessen: das kleine anarchische Moment des Humors….“)

Die Songs von BalkaNova sind auf Bulgarisch. Ist es ein besonderes Gefühl, in dieser Sprache Musik zu machen? Sind Sie schon mal in Bulgarien gewesen?

VIKTORIA: Ja, es macht mich glücklich in dieser Sprache zu singen. Ein deutscher Gesangslehrer am Anfang meiner Ausbildung an der UdK sagte einmal zu mir, dass meine Stimme viel schöner klänge, wenn ich bulgarisch singe.

Im Opernrepertoire singe ich in vielen verschiedenen Sprachen, italienisch, französisch, russisch, deutsch oder tschechisch. Ich habe einmal eine bulgarische Arie aus einer bulgarischen Oper gesungen, aber das kommt eher selten vor.

Es gibt jedoch noch ein anderes Herzensprojekt „Slavianska Dushá“, welches ich hier gerne erwähnen möchte, in dem ich bulgarisch singe. Seit einigen Jahren gestalte ich Liederabende mit einer ukrainischen Pianistin, Olga Romanchenko. Wir sind befreundet und Kolleginnen an der Universität der Künste.

Zur Vorstellung der neuen EU Kandidaten 2007 waren wir im Berliner Senatssaal zu einem Konzert geladen. Das war eine besondere Erfahrung für mich und ich war sehr stolz, dass wir mit unserem Programm einen Beitrag leisten konnten. Unser Repertoire besteht hauptsächlich aus bulgarischen Kunstliedern von Komponisten, deren Werke leider kaum gespielt werden. Georgi Slatev-Tscherkin, Pancho Vladiguerov, Lili Lesitchkova oder Paraschkev Hadshiev.

Diese Lieder sind wunderschön und bereichern die bulgarische Musiklandschaft um ein Genre, welches eigentlich eher dem deutschen Sprachraum zugeschrieben wird. Ich habe sie in mehreren Jahren Recherche in Musikläden, Archiven, Bibliotheken oder auch aus zweiter Hand auf bulgarischen Antikbüchermärkten zusammengetragen.

Einige dieser Lieder haben wir bereits aufgenommen und wir träumen von einer eigenen CD. Hier kann ich mich wiederum auf einer ganz anderen Ebene mit der bulgarischen Sprache im Gesang auseinander setzen. Die Texte stammen häufig von großen bulgarischen Dichtern wie Ivan Vasov oder Dimcho Debelianov und die Komponisten haben eben diese schöne Poesie mit ihrer Musik zu neuen Kunstwerken gemacht, die einmal mehr die bulgarische Seele wiederspiegeln. Oft wurden auch Volksliedtexte oder Volkslieder neu vertont.

(So wie es in Deutschland zum Beispiel Johannes Brahms viel gemacht hat und damit eine großen Beitrag zur Erhaltung des deutschen Volksliedes geleistet hat.)

Teilweise überschneiden sie sich mit den Liedern aus dem BalkaNova Repertoire.

BalkaNova

ANDREAS: Ich lernte in der Schule Russisch und war ja schon einige Male in Bulgarien. Trotzdem verstehe ich leider nicht die Facetten der Texte. Hier half mir Viktoria, die mir in der Phase des Arrangierens den Inhalt vermittelte und wir so dann gemeinsam die musikalischen Ideen für die Transformation der Titel erarbeiteten.

HORST: Ich bereits öfers dort, verstehe aber kein Wort…, Vicky erzählt ja den Ihalt der Texte auf deutsch….ich nehme den Text als Klang auf….

Das Publikum ist nach jeder Performance von BalkaNova einfach ekstatisch. Wie schaffen Sie das? Woher nehmen Sie Ihre Inspiration, Ihre unnachahmliche, ansteckende Energie auf der Szene und im Studio?

VIKTORIA: Es fällt mir schwer auf diese Frage zu antworten….
…Ich mache es einfach gerne…

ANDREAS: Wir lieben die Musik von BalkaNova. Für uns ist jedes Konzert ein besonderes Erlebnis. Wir geben alles und sind konzentriert. Die Musik fließt durch uns zu den Zuhörenden.

HORST: dito

Wie haben Sie Stoyan Yankoulov kennen gelernt? Was ist seine Rolle im anstehenden Album?

VIKTORIA: Es muss ungefähr um die Jahrtausendwende gewesen sein, als ich Stoyan das erste Mal bei der Apolonia in Sozopol erlebte. Ich glaube es war ein Konzert mit seiner Band „ZONA C“ und ich war fasziniert. So etwas hatte ich zuvor noch nie gehört und gesehen.

Er spielte gleichzeitig Tupan und Schlagzeug, kombinierte alle möglichen Stile, spielte mit exzellenter Genauigkeit in rasanten Tempi für mich teilweise undurchschaubare Artmeter – Konstruktionen – die Ihren Ursprung natürlich in der bulgarische Volksmusik haben- schlafwandlerisch, wie ein lebendiges wild gewordenes Uhrwerk.

Ich war in Trance und bemerkte erst, als einer seiner Bandkollegen ihm seinen einen Drumstick zurückbrachte, dass er wohl eine ganze Weile all das nur mit einem Stick gespielt haben muss.

Jedes Jahr im September gehe ich zu all seinen Konzerten und höre mir seine neuen Projekte an. Ich bin ein Fan von ihm.

Ich kann es eigentlich immer noch nicht so recht glauben, dass wir nun zusammen auf einer CD zu hören sind. Danke Stoyane.

ANDREAS: Ich kenne Stoyan seit meinem Stipendium 2003. Er war mir ein sehr guter Lehrer in bulgarischen Rhythmen. 2010 spielte BalkaNova gemeinsam mit ihm beim BERLIN BALKAN SLAM Festival. Dort entstand auch die Idee seiner Beteiligung an der BalkaNova CD.

Er verkörpert auf unserer CD besonders die rhythmischen Facetten der Bulgarischen Musik und unterstützt mit seinem unglaublich intensiven Spiel unsere Arrangements.

HORST: ich lernte Stoyan über Vladimir Karparov kennen, wir hatten die Ehre, zunächst in Ruse mit Atoni Dontchev im Quartett zu spielen, danach etliche Male in Berlin und Sofia…

Morgen spielen Sie im b-flat in Berlin. Was können wir vom Konzert erwarten?

ANDREAS: Eine herausragende Performance. …

HORST: ja

ANDREAS: (30.06.2012)… Inzwischen spielten wir ja das Konzert im b-flat und es war einfach wunderbar. Das deutsche Publikum war bedingt durch das EM Halbfinale Deutschland – Italien kaum vertreten.

Trotzdem war der Club nicht leer. Uns erwartete ein ausgewähltes Balkanpublikum. Überwiegend Bulgarischer Nationalität, aber auch z.B. ein graubärtiger serbischer Vater mit seinem Sohn.

Das Publikum sang viele Titel mit. z.B. „Jovano Jovanke“ oder auch „Makedonsko Djevoike“ und einige klatschen die Rhythmen der Lieder und waren dabei gut mit uns zusammen.

Eine für Berlin besondere Konstellation. Das Konzert hätte so auch in Bulgarien stattfinden können!

Viktoria, dieses Jahr werden Sie wieder das Gesangseminar der Sommer-Akademie in Bad Bevensen leiten. Was für ein Seminar ist das?

Die Sommerakademie in Bad Bevensen jährt sich in diesem Jahr zu 24. Mal. Dort hat sich eine Gemeinschaft zusammen gefunden, die jedes Jahr für 10 Tage malt, musiziert, Steine behaut, Bronze gießt, kreativ ist und die schöne Natur an der Illmenau, (ein idyllischer Fluss in Deutschland) genießt.

Ich leite dort das Gesangsseminar. Die Sänger sind ganz verschieden, manche sind Laien, manche sind zwar Musiker, aber keine Sänger, sondern spielen zum Beispiel ein Instrument oder sind Pädagogen. Aber alle haben sich für diese 10 Tage ausschließlich dem Gesang verschrieben. Wir erarbeiten Literatur aus verschiedenen Stilen und Ländern; Sololieder, kleine Ensemble und Chorwerke.

Etwas bulgarisches ist immer dabei. Die Teilnehmer erwarten jedes Jahr von mir ein neues bulgarisches Lied und lernen mehrere Strophen bulgarischer Texte. Das rührt mich immer wieder tief. Zum Abschluss des Seminars geben wir ein Konzert in der Kirche des benachbarten Klosters Medingen.

Olga Romanchenko, die mich bei der Seminararbeit unterstützt begleitet das Konzert am Flügel. Die Kirche platzt jedes Jahr aus den Nähten und als Zugabe singen wir mit dem Publikum zusammen, wie es auch bei den BalkaNova Konzerten zur Tradition geworden ist.

BalkaNova

Wo und wann kann man Ihre Musik diese Saison live hören?

ANDREAS: z.B.

07.07.2012 Boskovice (CZ), Kulturfestival – www.boskovice-festival.cz

14.07.2012 Berlin, Botanische Nacht – Sommerfest im Botanischen Garten – www.botanische-nacht.de

16.08.2012 Berlin, KaffeeBurger – www.kaffeeburger.de

06.10.2012 Klempenow, Appelmarkt Festival – www.burg-klempenow.de/appelmarkt

26.10.2012 Berlin, Werkstatt der Kulturen – www.werkstatt-der-kulturen.de

(CD-Release Konzert)

Darüber hinaus gibt es noch etliche weitere Tourplanung in 2013.
(siehe auch www.akustikartkontakt.de)

VIKTORIA: Ich freue mich sehr auf ein Konzert beim Festival in Boskovice am nächsten Wochenende und am darauffolgenden Wochenende spielen wir ganz exotisch über Mitternacht im Botanischen Garten Berlin.

BalkaNova

Danke für das Interview!

ANDREAS: GERN GESCHEHEN:)
Vielen Dank für das Engagement für die Kultur und die Musik. Und viel Erfolg mit Public Republic.

HORST: mit Vergnügen, H***

VIKTORIA: Ich danke Ihnen für Interesse und Ihre Geduld.
Alles Gute und viel Erfolg mit Public Republic!

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