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Artist of the Week – Benedict Wells

14 Dezember, 2015 von · Keine Kommentare

Interview von Dessislava Berndt mit dem Autor Benedict Wells

© Bogenberger  autorenfotos
Benedict Wells, Foto: Bogenberger/autorenfotos.com

Benedict, es sind fünf Jahre seit unserem letzten Interview vergangen. In dieser Zeit erschien Dein dritter Roman “Fast genial” und „Becks letzter Sommer“ wurde mit Christian Ulmen verfilmt und als Hörspiel vertont. Du bist in dieser Zeit auch von Barcelona zurückgekommen und lebst jetzt in Berlin. Wie geht es Dir?

Mir geht es gut, Danke. Und wenn ich das alles höre, wird mir noch einmal bewusst, wie viel ich in den vergangenen Jahren erlebt habe, und besonders, wieviel Schönes mir dabei widerfahren ist.


Benedict Wells liest aus seinem Roman “Fast Genial”

Haben die Erfahrungen der letzten Jahre positive oder negative Spuren hinterlassen?

Das meiste ist sehr positiv. Nicht nur das, was mir als Autor widerfahren ist, auch die Jahre in Barcelona waren eine Erfahrung, für die ich immer sehr dankbar sein werde. Ich konnte ja kein Wort Spanisch, kannte niemanden dort und hatte wirklich Angst vor dem Sprung. Heute bin ich unendlich froh, dass ich es gemacht habe. Negativ empfunden habe ich höchstens den medialen Wellengang, der oft einer Veröffentlichung folgt.

Ich stehe einfach nicht so gern im Mittepunkt und finde, es sollte nur um die Bücher gehen. Aus diesem Grund sage ich nach wie vor alle Talkshowanfragen ab und mache nur ganz selten etwas, wenn ich das Gefühl habe, es dient den Büchern. Aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau.

Wodurch unterscheidet sich das Leben im Ausland (Barcelona) von Deinem Leben in Berlin?

Barcelona war ein einziger Rausch, zumindest eine Zeit lang. Das Leben dort war sicher etwas wilder, man ist öfter unterwegs, trifft beständig neue Menschen, mit denen man plötzlich bis zum Morgen zusammensitzt und stundenlang redet, alles ist offen. Meine WG war im Raval, ich hatte nicht mal eine richtige Tür und war lange Zeit – bis „Fast genial“ kam – recht pleite, aber ich habe diese Zeit geliebt. Aufstehen, in den Sprachkurs gehen, wo man mit Leuten aus aller Welt sitzt, danach gemeinsam an den Strand, abends oft große Essen in der WG zu neunt oder zu zehnt. Dann vielleicht noch ausgehen, oder aber auch viele einsame Nächte am Schreibtisch. Doch natürlich hält so eine Zeit nicht ewig. Immer mehr Freunde zogen weg, schlussendlich auch ich selbst. Aber überhaupt dreieinhalb so tolle Jahre in Spanien gehabt zu haben, macht mich sehr glücklich.

Berlin dagegen ist entspannter, es gibt mehr Alltag, doch genau das habe ich nach der Zeit in Barcelona auch ein wenig gesucht. Hier fühle ich mich einfach mehr zu Hause, bin näher an Familie und Freunden.

Welche sind Deine Lieblingsplätze in Berlin und Barcelona?

In Barcelona mochte ich am liebsten Gracia mitsamt dem Placa del Sol, den oft menschenleeren Garten oben auf dem Montjuic oder auch der Platz vor dem MACBA. Dazu gab es unendlich viele kleine Ecken, Cafés und Bars, wo man sich mit Freunden traf, Schach spielte, las oder einfach rumhing. Natürlich war es auch nicht ganz unwichtig, dass man immer zum Strand konnte.

In Berlin suche ich noch meine Lieblingsorte.

Wie war die Erfahrung mit der Verfilmung und der Premiere von „Becks letzter Sommer“ für Dich?

Zunächst sehr surreal. Vor allem der Besuch am Filmset, als die Figuren aus dem Buch plötzlich lebendig vor mir standen und Dialoge sprachen, die ich mir vor Ewigkeiten ausgedacht hatte. Hatte ein wenig was von dem Film „Stranger than fiction“.

Film_Christian Schulz

Christian Schulz
Filmpremiere von “Becks letzter Sommer”, Fotos: Christian Schulz

Am Schönsten war jedoch die Premiere in Berlin, als ich mit Freunden und Verwandten ins Kino ging und wir gemeinsam die Adaption einer Geschichte anschauen konnten, die ich zehn Jahre zuvor geschrieben hatte. Das war ein unglaublicher Abend, das werde ich nie vergessen.

film

Welche Tipps würdest Du an junge Autoren weitergeben wollen?

Ganz klassisch: Nie aufgeben, auch wenn es erstmal nichtssagend klingt. Aber es ist ja nicht nur normal, zunächst viele Ablehnungen und Absagen zu kriegen, es ist auch genauso normal, erstmal schlechte Fassungen zu schreiben. Wie oft hat man eine schemenhafte, leuchtend bunte und wortlose Idee im Kopf, schreibt sie dann in Worten schwarz auf weiß aufs Papier – und ist enttäuscht. Der Übersetzer zwischen Hirn und Papier hat offenbar völlig versagt. Aber das ist häufig so, das passiert jedem. Es ist eine oft jahrelange Arbeit, dass etwas geschrieben genauso rüberkommt, wie man es ursprünglich als Idee im Kopf hatte. Deshalb sollte man sich nie entmutigen lassen und immer weitermachen.

Was hat Dir in den schwierigen Phasen Deines Lebens geholfen?

Das Wissen, dass ich nicht allein bin, und Gespräche mit mir sehr wichtigen Menschen.

Was steht als nächstes an? Woran arbeitest Du?

Gerade habe ich den nächsten Roman “Vom Ende der Einsamkeit” beendet, nach fast sieben Jahren Arbeit.

Cover VOM ENDE DER EINSAMKEIT

Er ist für mich das wichtigste, was ich bisher geschrieben habe, und jetzt, wo ich endlich abgegeben habe, spüre ich ein unwirkliches Gefühl von Freiheit. Umso mehr freue ich mich nun auf die nächsten Projekte. Ich habe ein paar Buchideen im Kopf, werde sie austesten und dann überlegen, was davon ich als Erstes in Angriff nehme.

Gibt es Termine für Lesungen?

Noch keine fixen, aber wenn der Roman nächstes Frühjahr erscheint, wird es sicher wieder ein, zwei Lesetouren geben.

Was möchtest Du noch umsetzen/realisieren?

Als Autor möchte ich einfach alle Ideen und Geschichten umsetzen, die ich im Kopf habe. Als Mensch möchte ich unbedingt mit der Transsibirischen Eisenbahn nach China.

Benedict, vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg und gute Geschichten!

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Benedict Wells wurde 1984 in München geboren. Im Alter von sechs Jahren begann seine Reise durch drei bayerische Internate. Nach dem Abitur 2003 zog er nach Berlin. Dort entschied er sich gegen ein Studium und widmete sich dem Schreiben. Seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Sein vielbeachtetes Debüt ›Becks letzter Sommer‹ erschien 2008, wurde mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet und 2015 fürs Kino verfilmt. Sein dritter Roman ›Fast genial‹ stand monatelang auf der Bestsellerliste. Nach Jahren in Barcelona lebt Wells inzwischen wieder in Berlin.

Kategorien: Art Café · Frontpage · Szene

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