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Artist of the Week — Boris Becker

28 Mai, 2010 von · Keine Kommentare

Ein Interview von Dessilava Berndt mit dem Fotografen Boris Becker

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Boris Becker: Ich sehe die reale Welt unter den Möglichkeiten einer digitalen und einer interpretierbaren künstlerischen Umsetzung

Herr Becker, was oder wen fotografieren Sie am liebsten?

Ich habe eigentlich keine besonderen Vorlieben, es ist eher so, dass ich gleichzeitig auf verschiedenen Plattformen arbeite. Im April z.B. war ich im Rahmen eines Projekts zum Thema Lawrence von Arabien in Jordanien und Syrien und habe dort nach längerer Zeit wieder Landschaften aufgenommen. Vor drei Jahren konnte ich im Rahmen eines anderen Projekts Flüchtlinge in der West Sahara besuchen und fotografieren. Im gleichen Zeitraum habe ich mich seinerzeit allerdings hauptsächlich mit dem Thema der abstrahierten Konstruktionen beschäftigt. Im Grunde reagiere ich eher intuitiv auf die unterschiedlichsten Einflüsse aus dem Alltag, aus meinem persönlichen Umfeld und aus den Medien, die mich zu einer bestimmten Thematik inspirieren und hinleiten.

Wann und warum haben Sie sich für die Fotografie als Beruf entschieden?

Zunächst wollte ich eigentlich Filmemacher werden und habe in jungen Jahren mit einer alten Super-8 Kamera experimentelle Kurzfilme gedreht. Im Laufe meines ersten Studiums an der HDK Berlin (heute Universität der Künste) habe ich allerdings sehr schnell festgestellt, dass der Autorenfilm für mich, auch aufgrund der damals noch sehr aufwendigen Technik, nicht das richtige Medium war und habe mich in der Folge auf die künstlerische Fotografie konzentriert.

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Haben Sie Projekte/Kooperation mit anderen Künstlern?

Eigentlich leider zu wenig. Ich hatte vor zwei Jahren die Gelegenheit eine Ausstellung zum Thema Distanzen zu kuratieren, die in drei Ausstellungsblöcken gezeigt wurde. Das war eine sehr gute Gelegenheit und eine wertvolle Erfahrung sich mit den unterschiedlichen Positionen bekannter und befreundeter Künstler auseinander zu setzen und die eigene Arbeit in diesem Kontext zur Disposition zu stellen. In der Regel laufen solche Projekte aber immer selten und die meisten Kollegen arbeiten doch eher für sich.

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Wie finden Sie die heutige Entwicklung zur Digitalfotografie? Kann heute jeder aufgrund der Technik ein guter Fotograf sein?

Das ist sicher ein Trugschluss. Gute ausgereifte Technik war für mich noch nie ein Gradmesser für gute Bilder oder gute Kunst. Das war aber auch schon vor der Digitalisierung der Fall. Die Welt war und ist voll mit Technikforen, in denen immer wieder die gleichen Bilder gezeigt werden, an denen man sehr leicht ablesen kann, dass eigentlich nur die technische Umsetzung im Vordergrund stand. Da rein technisch ja zurzeit alles möglich ist, erkenne ich zunehmend wie zögerlich sich jemand auf ein ganz einfaches, sehr persönliches Thema einlässt. Alles muss immer unglaublich großartig daherkommen.

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Ich persönlich arbeite analog und digital und weiß die Vorzüge beider Techniken zu schätzen. Dinge, die ich in früheren Zeiten sehr umständlich und zeitaufwendig realisieren musste, sind heute am Rechner sehr viel sauberer und schneller umzusetzen. Die Frage ist ja auch eher die, ob sich eine neue Bildsprache und eine Art neue Wahrnehmung durch die Digitalisierung ergeben hat und für mich und meine Arbeit kann ich erkennen, dass ich die reale Welt zunehmend unter den Möglichkeiten einer digitalen und damit weiter interpretierbaren künstlerischen Umsetzung sehe und entsprechend arbeite.

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Was ist ihr Erfolgsrezept? Welche Eigenschaften muss ein erfolgreicher Fotograf unbedingt haben?

Ich habe mich eigentlich immer nur mit den Sachen auseinandergesetzt, die für mich von Interesse waren und kann daher nicht auf ein bestimmtes Erfolgsrezept verweisen. Wenn ich ein solches hätte, würde ich es Ihnen gerne mitteilen, aber für mich stand eher eine kindliche Neugier und Offenheit im Vordergrund, sich auf etwas Fremdes oder Unvertrautes einlassen zu wollen, als ein kurzfristiger Erfolg.

Ich kann auch nicht eine allgemeinverbindliche Formel benennen wie ein erfolgreicher Fotograf zu arbeiten hat. Das muss jeder mit sich alleine ausmachen.

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Würden Sie Ihre Erfahrung an junge Fotografen weitergeben?

Das habe ich bereits im Rahmen einer Gastprofessur an der Hochschule der Künste Bremen und in diversen Workshops getan. Ich finde die Arbeit mit jungen Leuten sehr spannend und die Auseinandersetzung mit neuen künstlerischen Ansätzen für meine eigene Arbeit äußerst inspirierend. Insofern unterrichte ich auch sehr eigennützig, da die künstlerische Lehre hilft, den eigenen Werkprozess zu überprüfen.

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Wie sehen Ihre Pläne in 2010 aus?

Zurzeit arbeite ich an dem erwähnten Projekt zum Thema Lawrence von Arabien und werde im Sommersemester eine Gastprofessur an der Kunsthochschule für Medien in Köln wahrnehmen. Außerdem versuche ich mich wieder dem Thema Film zu nähern, ein Interesse, das sich im vergangenen Jahr wieder neu entwickelt hat. Für ein Ausstellungsprojekt am Hetjens Museum in Düsseldorf konnte ich zwei kurze Filmarbeiten realisieren, die sich mit der Thematik des Wertes eines Museumexponats auseinandersetzen.

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Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

So eine Trennung in Freizeit und Arbeitszeit kenne ich eigentlich nicht. Selbst wenn ich vordergründig profanen Dingen nachgehe, kommt es oft vor, dass ich diese Tätigkeiten in künstlerische Prozesse einbinde, oder dadurch auf neue Themen aufmerksam werde. Das hört sich vielleicht etwas übertrieben an, aber selbst so etwas wie Marathonlaufen, was ich sehr gerne betreibe, ermöglicht mir eher Einsichten zu gewinnen, als wenn ich stundenlang in meinem Atelier hocke.

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Wo kann man Ihre Arbeiten sehen oder kaufen?

Bis zum 18. Mai ist eine umfangreiche Ausstellung zu meinen Arbeiten der letzten 25 Jahre in der Landesgalerie Linz/AT zu sehen, zu der ein Katalog beim DuMont Verlag Köln erschienen ist. Vertreten werde ich durch die Galerie Heinz Holtmann, Köln.

www.boris-becker.com

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Kurzbiografie Boris Becker:

1961 geboren in Köln;
1982 – 1984 Studium an der Hochschule der Künste Berlin bei Professor Wolfgang Ramsbott;
1984 – 1990 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf bei Professor Bernd Becher;
1988 Meisterschüler;
1996 – 1997 Aufenthalt in Rom;
2004 – 2006 Gastprofessur für Fotografie an der Hochschule für Künste Bremen;
Heute lebt und arbeitet in Köln;

Auszeichnungen:

1993 Arbeitsstipendium des Landes Schleswig – Holstein;
1995 Villa Massimo, Rom (für 1996);
1996 Chargesheimer – Preis der Stadt Köln;
2003 Arbeitsstipendium Künstlerhaus Lukas, Ahrenshoop (für 2004);
2004 Künstlerdorf Schöppingen;
2008 Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf;

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Kategorien: Frontpage · Visual Arts

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