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Artist of the Week — Corinna Ketterling

14 Dezember, 2009 von · 2 Kommentare

Ein Interview von Natalia Nikolaeva mit der Designerin Corinna Ketterling

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Wie offen bist du für Veränderungen?

Veränderungen geben immer Anlass zu Reaktion und Entwicklung. Während das Reagieren auf Veränderungen bei Rassen nach Darwin dem Überleben diente, führt für das Individuum das aktive Reagieren auf Veränderungen zu gesteigertem Wohlbefinden.

Ich liebe den Fluss der Entwicklung und will mitschwimmen, deshalb sehe ich Veränderungen als positiv an. Vor allem gesellschaftliche Veränderungen sind für mich Quelle von Ideen und Inspiration.


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Hast du ein Lebensmotto? Und welches wäre dein „Fashion-Motto“?

Mein Lebensmotto könnte lauten, “zu versuchen, die Sachen zu nehmen, wie sie sind”. Dazu gehört auch, sich nicht darüber zu ärgern, was andere alles nicht tun, sondern sich über das zu freuen, was sie tun.

Oft ist der Standpunkt entscheidend und ungünstige Standpunkte führen zu unrealistischen Erwartungen. Und das kann Menschen sehr frustrieren. Vor allem aber ist es eine komplette Energieverschwendung.

Mein Fashion-Motto könnte lauten: “Sei wer du bist, trag was du willst.”

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Was bedeutet das Kreieren von Modeaccessoires für dich?

Ich glaube, dass jeder Mensch besondere Aufgaben oder auch eine Bestimmung hat und manchmal ist diese schwer zu finden, viele Leute finden sie ihr ganzes Leben lang nicht.
Zwar weiß ich nicht, warum, aber ich weiß, dass dies meine Aufgabe ist.

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Welcher Modetyp bist du? Welche ist deine ideale Kundin?

Ich liebe Armani. Ansonsten bin ich eine Individualistin, Bastlerin und Experimentierfreudige. Ich mag Flohmärkte, kombiniere selbst, nähe und ändere um. Ich kann sehr perfektionistisch sein, laufe aber oft herum, wie ein Schlumpf, muss ich gestehen. :-S

Das liegt aber auch daran, dass ich mich selbst nicht so wichtig nehme und dass ich in Berlin wohne.

Meine ideale Kundin ist eine selbstbewusste Frau, die Qualität liebt und sich mit einzigartigen Produkten von der Masse gezielt abheben möchte.

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Welche war oder ist deine verückteste Mode-Idee?

Das kann ich hier nicht sagen, weil sie noch nicht patentiert ist, aber ich kann versichern, dass es eine Revolution unter den Taschen sein wird … also behaltet C6?! im Auge…

Ansonsten ist die moderne Männerhandtasche in Form eines Pistolenhalfters ja auch recht ausgefallen…

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Wann fühlst du dich wirklich frei?

Für mich hat Freiheit viel mit Natur zu tun, besonders mit dem Meer. Aber ich glaube auch an die persönliche Freiheit, die man sich in seinem Leben aber auch in jedem einzelnen Moment schaffen kann, wenn man genug Mut besitzt und sich nicht von imaginären Grenzen einschränken lässt.

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Welche Art Kunst liebst du am meisten?

Ich bin sehr offen. Generell bin ich an Formen des Jugendstils beispielsweise mehr interessiert als an der Moderne. Die Flick-Collection hat mich wütend gemacht und ich war überwältigt von der Lalique-Schmuck-Ausstellung. Ich liebe Klimt, aber habe mich auch — bezogen auf meine Taschen — vom russischen Konstruktivismus inspirieren lassen. Es gibt so viel sehenswerte wunderbare Kunst, aber trotzdem bleibt die Natur für mich die perfekte Künstlerin, die mich am meisten bezaubert und immer wieder überrascht.

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Lässt du dich beim Designen von einer Devise leiten?

Meine Devise ist der Spagat zwischen Qualität und Preis und zwischen Design und Kundennutzen. Meistens sind das Trade-Off-Beziehungen, andererseits glaube ich weniger an Kompromisse als an die perfekte Mischung.
Vielleicht kann man verkürzt sagen, ich bin auf der Suche nach Perfektion.

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Welche Farbkombinationen setzt du bei der Accesoiresdesign am liebsten ein? Warum?

Die C6?!-Farben sind schwarz, weiß und rot – also auch die Basis-Farben des russischen Konstruktivismus, wobei Rot ja die einzige echte Farbe der drei ist. Schwarz ist die Abwesenheit von Farbe, Weiß ist das Zusammenwirken aller Farben und diese beiden lassen sich immer gut zu allem kombinieren – eben Basics.

Rot ist eine Farbe, die wie keine andere starke Gefühle, aber auch Gegensätze wie Liebe und Aggression in sich vereint. Rot hat eine enorme Kraft und Signalwirkung – es ist jedenfalls eine Farbe, die traditionell in unserer Familie großen Zuspruch findet :-).

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Welche ist deine Muse im Moment? Wie bleibst du offen für die Inspiration?

Meine beiden Musen heißen VITA und WELT. Ich schaue Leute an, wie sie sich kleiden, am liebsten natürlich auf Reisen. Wobei in Berlin die Menschen mit ihrer skrupellosen Individualität auch sehr inspirierend sind. Die Italiener sind zwar modischer, aber eben auch Konformisten – für die Entwicklung und Inspiration kann Kreuzberg oder Mitte dann schon nützlicher sein.
Was die Berliner so aus Omas Kleiderschrank noch vorzaubern, das würden sich andere gar nicht trauen…

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Die Kollektion, die du nicht vergessen würdest?

Abgesehen von einigen Designer-Kollektionen, die für mich wichtig waren, werde ich bestimmt nicht meine erste C6?!-Kollektion vergessen und all die Mühe und Unwägbarkeiten, die damit verbunden waren, aber auch nicht das Abenteuer und den Spaß.

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Welche ist deine Fashion-Vision von einer Frau? Und von einem Mann?

Mein Fashion-Mann ist befreit von Konventionen, wann immer er das wünscht. So konsequent und mutig wie die Frauen sich alle männlichen Mode-Elemente erschlossen und angeeignet haben, würde das auch mein Fashion-Mann tun – allerdings ohne Röcke zu tragen, es sei denn, er würde sich die Beine depilieren…

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Meine Fashion-Frau ist eine, die Mode benutzt, sich aber von ihr nicht versklaven lässt. Madonna ist nach meinem Verständnis viel mehr Fashionfrau als Victoria Beckham.
Mode bedeutet für mich Freiheit und Selbstverwirklichung und Freiheit kann auch Turnschuhe und Jogging-Anzug bedeuten.

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Wie kamst du auf den Namen deiner Modemarke?

Das ist lustig, dass das mal jemand fragt. Ich lebte zu der Zeit in Florenz und war an einem stickigen Sommertag im Auto unterwegs, im zähflüssigen Kreisverkehr vor der “Ponte delle Vittoria”, als ich das Nummernschild vom Auto vor mir las: C6… und dachte “Ci Sei” … das ist ja ein lustiges Wortspiel…

Denn “Ci SEI” bedeutet auf Italienisch “Du bist da/angekommen”, es kann aber auch “Hast du kapiert?!” heißen.

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Wann hast du das Label C6?! gegründet und wie würdest du deine Arbeitsmethode beschreiben?

C6?! wurde zum ersten Mal schon 2002 in Italien als DOB-Pronto Moda-Label (ready to wear) gegründet. 2006 wurde das Label dann in Berlin mit dem jetzigen Image, Produkt- und Preissegment reaktiviert. Das erste Konzept war in Italien aufgrund der Marktsituation nicht konkurrenzfähig. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich auch noch nicht mit den theoretischen Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre beschäftigt.

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Meine Arbeitsmethode beruht auf Recherche, Analyse und Marktforschung. Die Kreativität bezieht sich meist auf Details oder innovative Varianten, Formgebung oder auch Umformungsmöglichkeiten. Ich entwickle die Pappmodelle für meine Taschen selbst und lasse sie dann von italienischen Fachbetrieben herstellen. Auch die Materialrecherche ist sehr wichtig, dazu gehören auch individualisierte Kurzwaren.

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Wurzelt die Kunst des Entwerfens in der Kunst des Lebens?

Ja, auf jeden Fall. Mode spiegelt den Zeitgeist und das Leben direkt wieder. Deshalb gehört Mode auch nicht zu den freien Künsten – Mode soll dienen.

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Dein Lieblingsaccesoire von deiner aktuellen Kollektion?

Mein Lieblingsaccessoire ist die Mandala Red.
Es ist die beste Tasche, die ich jemals hatte. Es hat auch lange gedauert, sie zu entwickeln aber ich liebe sie heiß und innig. Auch wenn die schwarze besser zu allem passt und die weiße am edelsten aussieht… ich mag die Rote besonders.

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Würdest du bitte folgende Sätze zu Ende führen:

Das wichtigste Werkzeug eines Designers … ist sein Kopf.
Meine Rituale bei der Arbeit … sind unter anderem, meine Kater zu bitten, vom Schnittmuster aufzustehen.
Der größte Feind der Inspiration… ist Rigidität und Kontrolle.
Designer und Künstler… haben unterschiedliche Aufgaben.

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Wovon träumst du?

Von einem C6?! Wolkenkratzer am Berliner Hauptbahnhof mit Blick auf die Spree mit einem integrierten Kindergarten im Erdgeschoss und einem Swimmingpool mit Sauna auf dem Dach. Von Leuten, die bei C6?! ihren Weg zufrieden beschreiten und zusammen mit Spaß ein global operierendes Unternehmen leiten. Von Eltern, die in der Mittagspause unten mit ihren Kindern essen und einem Unternehmen, das keinen Betriebsrat braucht, weil die Mitarbeiter frei ihre Meinung äußern können, respektvoll behandelt werden und keinen Grund haben, sich zu beklagen.

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Wo sind deine Kreationen zu finden?

Wir strukturieren gerade das Vertriebskonzept um und haben uns von einigen Vertriebspartnern getrennt.
Es gibt nach wie vor unseren Online-Shop (ohne Versandkosten und mit zwei Jahren Produktgarantie) und wir sind neuerdings im Hotel Marriott am Potsdamer Platz im Gift-Shop und mit einer eigenen Vitrine vertreten.
Auch in Zukunft wird sich das Konzept in Richtung Direktverkauf und Luxushotels bewegen.

Corinna

Kategorien: Art Café · Frontpage · Lifestyle

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2 Kommentare bis jetzt ↓

  • MG // 17 Dez, 2009 //

    Wunderbares Interview. Ich habe es sehr gern gelesen. Schöne Mode. Ich wünsche noch viel Erfolg…

  • Psy3ôen // 18 Aug, 2010 //

    Haut mich ja um ;)) Eine wunderbare Collection und ein tolles Interview. Hört sich vielversprechend. Veränderung als Inspiration zu sehen, finde ich einen sehr guten Ansatz. Grüße von umme Ecke ;)

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