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Artist of the Week – Deufert&Plischke

5 November, 2012 von · Keine Kommentare

Kattrin Deufert und Thomas Plischke im Interview mit Anelia Stoyanova

Deufert&Plischke

Kattrin Deufert und Thomas Plischke (gemeinsam der Künstlerzwilling deufert&plischke) leben und arbeiten in Berlin. In den letzten 10 Jahren realisierten sie zahlreiche Theaterprojekte, die sich mit Situationen der künstlerischen Produktion und der komplexen Dynamik künstlerischer Prozesse befassen.

Ihre Arbeiten reichen über den Rahmen von Tanz und Theater hinaus und fokusieren die individuelle Teilhabe und den sozialen Alltag im künstlerischen Geschehen. In ihren Arbeiten entstehen immer unterschiedliche künstlerische Umgebungen, die den Alltag aufheben, indem sie ihn umfassend in die Kunst integrieren und aufarbeiten.

In enger Zusammenarbeit mit befreundeten KünstlerInnen und TheoretikerInnen (u.a. Marcus Steinweg, Alain Franco, Jeroen Peeters, Sandra Noeth, Elke van Campenhout) entstanden in den letzten Jahren die Anarchiv-Serie (2008-11, u.a. Kaaitheater Brüssel, Kampnagel Hamburg, Tanzquartier Wien), die Emergence Rooms (2010-, u.a. Mumok Wien, Triennale Hasselt, Kunstverein Stuttgart) und das Entropische Institut (2012-, Berlin und Sofia).

Deufert&Plischke

Alle Arbeitsserien spannen thematisch weite Bögen von den Ursprüngen griechischer Mythologie (der Arachne Mythos, der Hermaphrodit, die Medusa) bis zu den dringenden Fragen unserer Zeit: wie kommunizieren wir in und teilen eine Gemeinschaft der Fremden?

deufert&plischke vermitteln ihre Kompositionsweise Reformulieren seit 11 Jahren an Kunsthochschulen im In- und Ausland. 2006 und 2008 übernahmen sie jeweils künstlerische Gastprofessuren an der Universität Hamburg (MA Studiengang Performance Studies) und an der JLU Giessen (Institut für Angewandte Theaterwissenschaft).
Seit 2010 sind sie Professoren im BA Studiengang Tanz, Kontext, Choreografie am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz Berlin.

Vor ihrer Begegnung in Brüssel 2001 war Kattrin Deufert Theaterwissenschaftlerin und promovierte sich 2001 an der FU Berlin mit ihrer Disserationsschrift John Cages Theater der Präsenz. Thomas Plischke war Choreograf und tourte international erfolgreich mit seinen 3 Soloarbeiten und mehreren Gruppenstücken.

www.artistwin.de
www.hzt-berlin.de

Entropic Institute Berlin from Deufert & Plischke on Vimeo.

Würden Sie bitte den Lesern erzählen, womit Sie sich genau beschäftigen?

Gerade haben wir in Sofia unser neues Projekt “Entropisches Institut” realisiert.
Es geht darin zentral darum, gemeinsam mit dem Publikum soziale Räume choreographisch zu entdecken und in einer Stadt einen neuen Begriff und Erfahungsfomen von Theater und Tanz zu ermöglichen.

Was hat „Entropie“ mit Ihrer Tätigkeit zu tun? Warum haben Sie nämlich diesen Begriff gewählt?

Das (En)Tropische Institut borgt sich den Begriff der Tropen und der Entropie sowohl aus der Sprachphilosophie als auch aus der Geografie und sucht die Verknüpfungen / Anknüpfungsmöglichkeiten dieser Mehrdeutigkeit, ist hier eben nicht nur die gleichnamige Klimazone gemeint.

Trope ist ein begriffliches Werkzeug, um eine Sammlung zu beginnen, einen hermeneutischen Atlas, steht es doch sowohl für einen geografischen Ort, als auch für eine ganze Reihe von Bedeutungen. Entropie steht für die Innen-Wende, für einen Zustand in dem ein Informationsmangel eine Rolle spielt, sie versucht Aussagen über die Messbarkeit des Unwissens zu machen, stellt die Unumkehrbarkeit eines Vorganges fest und ist Maß für die Unordnung.

Deufert&Plischke

Das (En)Tropische Institut ist eine Weiterentwicklung von Ihrem Project „Emergence Room“. Inwieweit unterschiedlich sind die beiden Ideen?

Mit dem (En)Tropischen Institut startete ein neuer Arbeitszyklus des Künstlerzwillings deufert&plischke und damit auch die Suche nach neuen Verfahren. Es geht zentral um die Frage, wie sich ein choreografischer Raum herstellt und was Choreografie entstehen lässt, welche Umstände Choreografie als gemeinsame soziale Bewegung in Raum und Zeit auslösen.

Wie schon im Emergnece Room steht das (En)Tropische Institut für eine bewusste Abkehr vom Verständnis von Choreografie als einer für die Zentralperspektive organisierten Körperschau, wie es vor allem in einem neu-konservativen Tanzverständnis immer wieder zu sehen ist.

Deufert&Plischke

Das (En)Tropische Institut geht dabei noch einen wichtigen Schritt weiter (und in die Zukunft!). Als Ausgangspunkt der Recherche fordert das (En)Tropische Institut von Choreografie unbedingter Teil eines Theaters im Zwischen von Teilhabe und Verantwortung zu sein: eine gemeinsam geteilte und (mit)teilbare Bewegung im Hier und Jetzt; Theater als sozialer Ort (nicht Raum), oder wie es Antonin Artaud fordert, ein Theater, das die Menschen einlädt, mit ihrem Körper auszugehen.

Deufert&Plischke

Was bedeutet der Tanz als eine Art von Kunst für Sie? Wo liegt der Zusammenhang zwischen Tanz und Mythologie?

In allen Mythen entstehen, noch bevor die Hauptakteure der Erzählungen erscheinen, die Grundkategorien von Raum und Zeit, von Leben, von Landschaften. So entstehen Tag und Nacht, Himmel und Erde, Wasser und Land, Mann und Frau, Mensch und Tier, durch die Trennung von ursprünglich Vereintem.

Was sie dann sowohl trennt als auch verbindet sind Zwischenbereiche, Fugen: die Dämmerung, der Sumpf, der Zwitter, der Engpass, … mit dem Begriff der Trope (Wende / Wendung) könnten diese Bereiche vielleicht am besten benannt werden, sind es doch die Raum- und Zeitfelder der bestimmten Unbestimmtheit in denen eine Wende, ein Wechsel passieren kann.

Deufert&Plischke

Was unterscheidet den choreografischen Raum von einer Tanz-Aufführung? Die offensichtlichste Unterscheidung, die vielleicht gemacht werden kann, ist die, dass man sich eine Aufführung ansieht, in einem choreografischen Raum befindet man sich aber, man verbringt Zeit.

Wie schon in ihrer erfolgreichen Adaption von Richard Wagners “Ring des Nibelungen”, der letzten Arbeit der Anarchiv-Trilogie, soll weiter daran gearbeitet werden, dass der choreografische Raum nicht der Ort ist, in dem Choreografie präsentiert wird, sondern Choreografie präsent wird indem sie aus diesem Raum entsteht.

Deufert&Plischke

Was für ein Ziel hat das Entropische Institut? Auf welche Weise sollte es auf das Publikum reflektieren?

Das (En)tropische Institut ist ein von deufert&plischke entworfener künstlerischer Arbeitsraum der für eine bestimmte Zeit installiert und geöffnet wird. Funktion des temporären Instituts ist es, gemeinsam mit anderen Künstlern choreografische Räume zu entwickeln und zu präsentieren.

Ausgangspunkt für die Entstehung des (En)tropischen Instituts sind Mythen und Sagen, die nach den Erzählungen der für Choreografie relevanten Ursprungskategorien (Körper: Mensch, Tier, Gott, Mann, Frau; Raum: Himmel, Erde, Meer, Land; Zeit: Tag, Nacht, Geburt, Tod …) untersucht werden.

Aus diesen Erzählungen von Ursprung und Trennung gestalten deufert&plischke einen Atlas der als Orientierung dient, und der mit jeder Installation eines (En)tropischen Instituts erweitert und ergänzt wird.

Deufert&Plischke

Das Tanzverständnis von deufert&plischke basiert darauf, dass jede(r) Künstler/in, der/die im Bereich Tanz arbeitet einen eigenen Begriff von Tanz definieren muss, um sich in kritischer Distanz zu schon existierenden Techniken, Schulen, Stilen und Verfahren selbständig zu bewegen.

Deswegen ist die ständige Entwicklung, Offenlegung und Weitergabe eigener Verfahren eine wichtige politische Komponente ihrer Arbeit, um künstlerisch in enger Zusammenarbeit mit Anderen in die Zukunft zu arbeiten, und nicht immer wieder auf schon bestehende Methoden zurückzugreifen.

Deufert&Plischke

Wie ist das Festival in Sofia verlaufen? Welche anderen Artisten haben auch daran teilgenommen?

Wir haben in Sofia für zwei Wochen mit lokalen KünstlerInnen gearbeitet. Mit der international bekannten Choreografin Galina Borisova, unserem langjährigen Freund und Begleuter Willy Prager, der uns im Jahr 2004 nach Sofia holte und in vielen unserer Projekten mitwirkte und mit Maja Stevanowa, einer hochbegabten und sehr performativen Übersetzerin.

Als Gäste kamen dann der belgische Pianist Alain Franco, mit dem wir seit 2010 immer wieder an dem Spannungsverhältnis von Musik und Tanz arbeiten sowie Arnd Wesemann, ein Berliner Jounalist, der für einen der Vorträge kam.

Begeleitet wurde das Projekt dann von dem Bulgarischen Philosophen Boyan Manchev, der die Aktivitäten in The Frodge kuratiert bzw. selbst ausgerichtet hat.

Deufert&Plischke

Wie beeindrucken Sie die Hauptstadt von Bulgarien und ihre Bewohner? Wie hat sich die Berührung zwischen Ihr und dem bulgarischen Publikum realisiert?

Wir arbeiten seit 2004 regelmässig in Bulgarien bzw. in der Haupstadt Sofia. Wir machen jedesmal sehr gute Erfahrungen mit dem Publikum. Es war sehr aktiv und wurde somit ein zentraler Bestandteil im Zustandekommen unseres Kunstwerks.

Gibt es ein Vergleich zwischen Sofia und Berlin Ihrer Meinung nach?
Beides sind Hauptstädte. Beide brauchen die experimentelle Kunst als kritischen Gegenpol zum Mainstream.

Haben Sie vor, Ihr Entropisches Institut auch in anderen Städten vorzustellen?
Ja, in Amsterdam, Hamburg, Brüssel, …

Deufert&Plischke

Was für ein Team ist Deufert&Plischke?

Die Berliner Choreografen Kattrin Deufert und Thomas Plischke, zusammen der Künstlerzwilling deufert&plischke, entwickelten in den vergangenen 10 Jahren nicht nur eine Vielzahl von Arbeiten, sondern immer auch eigene künstlerische Verfahren, die sie dokumentieren und auch im Rahmen ihrer Tätigkeit als Professoren am HZT Berlin unterrichten.

So entwickelte der Berliner Künstlerzwilling für die Arbeit an der Directory-Trilogie (2003-2006) den Prozess des Reformulierens, ein eigenes choreografisches Verfahren zur Materialgenerierung und -setzung, das sie seit nunmehr 6 Jahren anwenden und in unterschiedlichen Arbeitskontexten immer wieder neu definieren.

Reformulieren ermöglicht Choreografie als kollektiven Gestaltungsprozess, jenseits der Improvisation, ohne Konsenszwang und ohne Zwangshomogenisierung.

Deufert&Plischke

In der Anarchiv-Trilogie (2009-2011) wurde in konsequenter Folge der Prozess des Topographierens entwickelt, ein Verfahren, das Arbeitsmaterialien ordnet und nach einer bestimmten Systematik im Raum verteilt, so dass sich multiple Verbindungen zu den jeweils anderen benachbarten Materialien herstellen lassen.

Daraus bilden sich konzeptuelle Landschaften: Raumwege, Lektürestrecken und Themenfelder, durch die man sich bewegen kann. Mit Verknüpfen entwickelten deufert&plischke ein Instrument zur gemeinsamen choreografischen Setzung, indem in Echtzeit unterschiedliche Bewegungsmaterialien auf solche Beziehungen hin untersucht werden, die auf Ähnlichkeiten basieren. Diese Ähnlichkeiten werden festgelegt und bilden die Grundstruktur der Choreografie.

In ihrer Arbeit Emergence Room, die 2010 zum ersten mal in Wien im Museum Moderner Kunst installiert wurde, ging es dann darum, durch eine gezielte Vernetzung des Materials, das Publikum aktiv in den gestalterischen Prozess mit einzubeziehen.

Deufert&Plischke

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus? Arbeiten Sie an einem neuen Projekt?

Ja, wir arbeiten gerade an einem neuen Projekt unter dem Titel Hotel Ockzidental.

Immer wieder wird und wurde in der Kunst und in der Politik der Begriff der Freiheit beansprucht, behauptet und verhandelt. Eine Arbeitshypothese des Projektes Hotel Okzidental ist, dass diese Begriffe in Amerika und Europa unterschiedlich verhandelt werden.

Die Autonomie des Subjekts, Willensfreiheit, Handlungsfreiheit, Vernunft, Liberalität sind dabei nur einige der Begriffe, die in Nuancen ihrer unterschiedlichen Auslegung zu einem stetigen Unsicherheitsverhältnis in der abendländischen Kunst und westlichen Philosophiegeschichte zwischen Amerika und Europa führen.

Deufert&Plischke

Setzt man beide Kontinente, Europa und Amerika, als Ursprungskategorien begegnen beide in einem irreduziblen Konflikt zwischen Ursprung und Horizont, Vergangenheit und Zukunft, Verlangsamung und Überstürzung. Die Unsicherheitsbeziehung und Differenzsetzung beider Kontinente kann als transhistorische Bewegung entdeckt werden, die – markiert von Desastern – ein unscharfes dies- und jenseits des atlantischen Ozeans behaupten und gegenseitige Überschreitungen vollziehen.

In künstlerischen transkontinentalen Bewegungen und Begegnungen zieht Tradition sich anders zurück als in politischen Verbindungen und sozialen Verträgen, der Schleier der Geschichte wird zerrissen, indem er sich in Gegenbewegungen zu Tradition und historischer Bildung löst und entblösst.

Würden Sie etwas den Public-Republic-Lesern sagen?

Schön, dass Sie diesen Artikel bis hierher gelesen haben.

Deufert&Plischke

1. Der Begriff Tropen (vom griechischen τρόπος (tropos): Wechsel, Wende) steht für eine Vielzahl von Bedeutungen und Praxen. So steht er für die Klimazone der Sonnenwende, bei den griechischen Skeptikern für bestimmte Argumente, die zeigen sollen dass kein positives Urteil (mithin kein sicheres Wissen) möglich ist. In der Rhetorik kann eine Trope Metapher, ironische Figur, Metonymie und Synekdoche sein und in der Metaphysik für eine bestimmte und eigene Instanz, zum Beispiel das bestimmte Rot einer Rose stehen.

Kategorien: Frontpage · Modern Times

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