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Artist of the Week — Doreen Reichmann

23 November, 2009 von · 1 Kommentar

Interview von Natalia Nikolaeva mit der Fotografin Doreen Reichmann

Doreen Reichmann

Mein Name ist Doreen Reichmann. Ich bin 27 Jahre alt und wohne in Hamburg. Tagsüber arbeite ich im Büro, nachts treibe ich mich in den Clubs von St. Pauli rum. Die Fotos, die dabei entstehen, kann man auf meiner Homepage www.doreen.es verfolgen.

Was fasziniert Sie an der Fotografie, bzw. an der Konzertfotografie?

An der Fotografie fasziniert mich, dass ich die Welt so zeigen kann, wie ich sie sehe. Manchmal fallen einem Dinge auf, die ein anderer so nicht gesehen hat. Auch verblassen die Erinnerungen schnell. Durch Fotos kann man sie schnell wieder zurückholen.

An der Konzertfotografie reizt mich, die Konzertszenerie möglichst detailgetreu festzuhalten. Also auch Licht, Farben, Accessoires etc. Ich fotografiere vor allem kleine Clubkonzerte, was mit eines der anspruchsvollsten Gebiete in der Fotografie ist. Wenig Licht, dazu meist rot. Oft ist es eng, es gibt keinen Fotograben, außerdem meist die Beschränkung auf die ersten 3 Lieder. Aber ich mag diese Herausforderung.

Ich käme nicht auf die Idee, dieses stimmungsvolle Licht einfach tot zu blitzen (sofern erlaubt). Sondern es weckt in mir den Ehrgeiz, auch in solch schwierigen Situationen noch gute Fotos zu machen. Konzertfotos bei Tag, etwa auf einer Festivalbühne, langweilen mich dagegen sogar etwas.

ATW: Doreen Reichmann

Sie nennen sich selbst „Musikjunkie“. Wie kam es dazu Konzertfotos zu machen?

Das „Musikjunkie“ rührt daher, dass ich seit nun mehr als 17 Jahren süchtig nach neuer Musik bin. Ein Leben ohne Musik und Konzerte könnte ich mir nicht vorstellen. Ich höre quasi in jeder freien Minute Musik. Fernsehen oder Filme schaue ich dagegen eher selten.

Zur Konzertfotografie kam ich auf ganz natürliche Weise. Konzerte besuche ich seit 14 Jahren und faszinierten mich von der ersten Minute an. Sehr schnell wollte ich diese besonderen Momente mittels Kamera festhalten. Lange Zeit reichten mir diese Schnappschussfotos auch. Eine professionelle Spiegelreflexkamera erschien mir zu groß, zu schwer, zu kompliziert und damals natürlich auch zu teuer.

Mit der Zeit wuchs aber die Unzufriedenheit über die Qualität der Bilder. Mittlerweile sollten die Fotos nicht mehr nur zur reinen Dokumentation dienen, sondern ich hatte auch einen künstlerischen Anspruch. Letztes Jahr im Mai hab ich mich also überwinden können und mir eine gebrauchte Einsteiger-DSLR-Kamera gekauft. Seitdem betreibe ich die Konzertfotografie noch ernsthafter. So ernsthaft, dass ich mir schon nach einem halben Jahr eine bessere Kamera gekauft habe. Seitdem bin ich 100%ig glücklich mit meinem Equipment und kann mich ganz auf das Fotografieren konzentrieren.

ATW: Doreen Reichmann

Sind sie selbst auch Musikerin? Kann man sagen, dass Musik Ihre Lieblingskunstform ist?

Ja, Musik ist definitiv meine Lieblingskunstform, gepaart mit der Fotografie, welche man ja auch zur Kunst zählt.
Selbst mache ich keine Musik. Ich habe zwar eine Gitarre, aber leider hatte ich nie die Zeit und Geduld, sie spielen zu lernen. Irgendwann möchte ich das aber auf jeden Fall noch nachholen.

ATW: Doreen Reichmann

Theater, Menschen, Musik – was beeinflusst Sie am meisten?

Natürlich die Musik. Sie bestimmt mein ganzes Tun und Handeln. Vor allem auch wegen der Musik hat es mich in die Großstadt gezogen. Davon träumte ich schon als junger Teenager. In meiner Heimat Thüringen gab es eher selten Konzerte und wenn, musste ich auch etwa 1 Stunde fahren. Und ohne die Musik wäre ich auch nicht zur Fotografie gekommen …

ATW: Doreen Reichmann

Sie haben nur drei Wörter, welche beschreiben Sie am treffendsten?

Perfektionistisch, ruhig, ausgeglichen.

ATW: Doreen Reichmann

Welchen Musiker und Fotograf möchten Sie unbedingt persönlich kennenlernen? Warum?

Da ich mich mal wieder nicht entscheiden kann, würde ich zusammen mit Dave Grohl und Pete Doherty im Molotow ein Bier trinken. Dave Grohl, weil ich glaube, dass er ein ziemlich lässiger Typ ist. Außerdem war ich früher großer Nirvana & Foo Fighters-Fan. Und Pete, weil er wahrscheinlich ein ganz anderer Mensch ist als durch die Medien dargestellt.

Gute Konzertfotografen gibt es viele, aber der erste, der mich so richtig beeindruckt hat, war Andrew Kendall aus London. Er hat sich, ähnlich wie ich, den Indiebands in den kleinen Clubs verschrieben. Er ist mit einem Libertines-Foto mehr oder weniger durch Zufall vor ein paar Jahren im NME (wichtigste Musikzeitschrift in England) gelandet. Seitdem ging es mit seiner Karriere steil bergauf. Beeindruckt hat mich die herausragende Qualität der Fotos. So clean, farbenfroh und 200% scharf. Mit ihm würde ich gern mal zum Erfahrungsaustausch im Barfly (Club in Camden/London) vorbeischauen.

ATW: Doreen Reichmann

Welche Themen und Motive beschäftigen Sie hauptsächlich in Ihren Bildern?

Hauptsächlich natürlich Konzerte (vor allem Porträts), aber ich fotografiere auch gern Landschaften, Städte, etc.

ATW: Doreen Reichmann

Was ist das wichtigste bei einem Porträt auf einem Konzert?

Dass es scharf ist ;) . Aber das allerwichtigste ist wohl: Wenn der Betrachter das Foto sieht, muss er sich in das Konzert hineindenken und -fühlen können. Also sollte man auf möglichst ausdrucksstarke Mimiken und Gestiken achten. Und auf das Licht im Hintergrund, das kann Freund oder Feind sein.

ATW: Doreen Reichmann

Welche war eine der einschneidendsten Erfahrungen für Sie als Fotograf?

Der Umstieg auf eine DSLR-Kamera. Endlich konnte ich die Dinge so fotografieren, wie ich sie sehe: mehr Weitwinkel, geringere Tiefenschärfe (also der Hintergrund verschwommen), und insbesondere der Quantensprung in der Konzertfotografie: endlich garantiert verwacklungsfreie Fotos und trotzdem korrekt belichtet. Alles davor war meist nur ein schlechter Kompromiss. Zumindest in den kleinen Clubs. Früher hatte ich Angst vor der Technik, heute liebe ich die volle Kontrolle über meine Fotos und fotografiere nur noch manuell.

Doch ich erinnere mich noch an ein weiteres einschneidendes Erlebnis. 2003 fotografierte ich auf einem Konzert von Die Happy. Damals noch mit einer analogen Kompaktkamera. Die Bedingungen waren furchtbar schlecht: es war sehr eng, alles sprang, das Licht schwierig. Bei einem weiteren Konzert traf ich Sängerin Marta (man kannte sich durch die vielen Konzerte schon etwas) und zeigte ihr einen vergrößerten Abzug eines Fotos. Sie war sehr beeindruckt und zeigte es ihren Kollegen. Das spornte mich an, weiter zu machen und gab mir das Gefühl, zumindest etwas Talent zum Fotografieren zu besitzen ;) .

ATW: Doreen Reichmann

Ihre Top Ten Lieblingsplätze in Hamburg?

Ich wohne ja erst seit 2 Jahren in Hamburg, deshalb kenne ich noch nicht jeden Winkel der Stadt. Meine momentane Top 10 würde so ausschauen:

1
Molotow - quasi mein Wohnzimmer

2
Knust - einfach gemütlich dort

3
Prinzenbar - wunderschöner Club

4
Uebel & Gefährlich – zwar ein etwas größerer Club, wirkt aber verhältnismäßig klein und gemütlich

5
Schanzenviertel - hat diese besondere Atmosphäre, die ich liebe

6
Michelle Records – nicht nur wegen der Schaufensterkonzerte, auch wegen der guten Plattenauswahl

7
Gängeviertel - erst kürzlich entdeckt, birgt viele tolle Motive

8
Alster - zum Paddeln, Radfahren oder Fotografieren

9
Hafen - Ich liebe den Moment wenn man mit der U3 aus Richtung Hauptbahnhof kommend auf die U Baumwall zusteuert und sich der Hafen in seiner ganzen Pracht zeigt

10
Portugiesenviertel - Ich mag Spanien und seine Küche. Umso schöner wenn man sich ein bisschen Spanien ins kalte Hamburg holen kann …

ATW: Doreen Reichmann

Haben Sie ein paar Musiktipps für unsere Leser?

Da gäbe es so einige. Fink, Stompin Souls, The Stills, The Joy Formidable, Ra Ra Riot, … Auf meiner Homepage www.doreen.es gebe ich wöchentlich Musiktipps von vorrangig noch unbekannten Bands. Schaut einfach mal vorbei. Wenn einmal nichts kommt, dann weil ich vor lauter Konzertbesuchen nicht zum Schreiben komme. Die Liste in meinem Kopf ist jedoch endlos …

ATW: Doreen Reichmann

Wie geht es weiter?

Im Moment ist Konzerthochsaison. Ich bin also fast täglich in den Hamburger Clubs unterwegs. In den nächsten Wochen werden somit viele Fotos auf meiner Homepage folgen.
Ich hoffe, dass ich auf lange Sicht meine Fotos einem größeren Publikum präsentieren kann. Bisher ist alles ganz natürlich gewachsen, ich hoffe, dass dies auch so weiter geht.

ATW: Doreen Reichmann

Wovon träumen Sie?

Dass sich die Libertines wiedervereinen, im Molotow ihr Reunion-Konzert geben und mein Foto im NME oder der Visions auf dem Cover landet.

Spaß beiseite, eines davon würde mir schon reichen ;) . Einmal ein Foto von mir in der Visions zu sehen ist schon ein ernsthaftes Ziel von mir.

Aber ich habe auch Träume abseits der Musik und Konzerte: Ich würde gern mit dem Rucksack einmal um die Welt, natürlich mit Kamera im Gepäck. Und im Anschluss vielleicht eins, zwei Bildbände herausbringen mit den schönsten Fotos. Das Reisen ist nämlich eine andere große Liebe von mir …

ATW: Doreen Reichmann

ATW: Doreen Reichmann

ATW: Doreen Reichmann

ATW: Doreen Reichmann

ATW: Doreen Reichmann

ATW: Doreen Reichmann

ATW: Doreen Reichmann

ATW: Doreen Reichmann

ATW: Doreen Reichmann

ATW: Doreen Reichmann

ATW: Doreen Reichmann

ATW: Doreen Reichmann

ATW: Doreen Reichmann

Fotos:Doreen Reichmann

Kategorien: Frontpage · Szene · Visual Arts

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