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Artist of the Week — Dr. Peter Böhm

26 April, 2012 von · Keine Kommentare

Dagmar Freitag, Peter Böhm und Studenten aus den USA

Interview von Jasmina Tacheva mit Herrn Dr. Peter Böhm

Dr. Peter Böhm: “…trotzdem ist es wichtig, den jungen Leuten zu zeigen, dass es Situationen in der Geschichte geben kann, auch in der eigenen persönlichen Entwicklung, wo man mehr riskieren muss als das Bankkonto.”

Ich heiße Peter Böhm. Ich lebe seit 1996 in den Vereinigten Staaten. Eigentlich erst seit Dezember 1996, also seit 15 Jahren, und war bis dahin in Deutschland gewesen. Ich bin im Alter von 45 Jahren in die USA gekommen.

Ich habe das Gymnasium in Bad Kissingen besucht (das ist meine Heimatstadt auch) und habe dann nach dem Militärdienst im Jahr 1971 mein Studium an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg begonnen, das ich mit einem Magistergrad in Philosophie und Germanistik abgeschlossen, und relativ kurz danach mit einer Dissertation zu Theodor Lessing den Doktorgrad erworben habe.

Ich habe eine sehr lange Zeit als Lehrer für Deutsch an einer amerikanischen Schule in der Nähe von Würzburg unterrichtet (Kinder im Alter zwischen 10 und 13 Jahren – so was würde man heute in Amerika “middle school” nennen) und bin dann im Jahr 1993 nach Schwäbisch Gmünd gegangen – dort gab es einen internationalen Campus der Universität Maryland. Meine Frau ist Amerikanerin und deshalb sind wir im Jahr 1995 (ich – erst 1996) nach Amerika gekommen und ich habe dann kurze Zeit später die Arbeit an Canisius College angenommen.

Ausstellung

Drei Monate lang, zwischen Oktober und November 2011, war die Ausstellung “Weiße Rose” am Canisius College in Buffalo, NY, zu sehen. Was wollen Sie mit dem mutigen Beispiel der Mitglieder der Widerstandsgruppe den jungen amerikanischen Studenten sagen?

Zunächst, dass die jungen Leute hier in Amerika sehen, dass es in Deutschland junge Studenten gab, in der Zeit des Totalitarismus, der Nazi-Diktatur, die,, trotz ihres jungen Alters, eine politische Meinung hatten und diese politische Meinung vertreten hatten, auch wenn sie ihre Meinung mit ihrem Leben bezahlen mussten.

Ich meine, dass der große Unterschied zwischen den Vereinigten Staaten und der Anti-Diktatur der ist, dass junge Amerikaner in einer funktionierenden Demokratie leben und dass sie existenzielle Probleme nicht zu gewärtigen haben. Natürlich kann man sagen, dass wirtschaftliche Probleme, ganz wie sie gerade heute existieren, existenzielle Probleme sind, aber wir wollen nicht vergessen, dass diese Probleme sich innerhalb von einer freiheitlichen Demokratie finden und nicht in einem Unterdrückungsstaat.

Ausstellung

Jeder amerikanische Bürger hat das Recht, seine Meinung zu sagen, und diese Meinung kann der offiziellen Meinung der amerikanischen Regierung konträr zuwiderlaufen, aber man riskiert mit seiner Meinungsäußerung nicht sein Leben. Das war aber der Fall in Deutschland gewesen und trotzdem haben die Mitglieder der Weißen Rose ihre Meinung nicht nur im privaten Kreis vertreten, sondern auch durch ihre Parolenanschreiben an Mauern in München, einen weiteren Kreis von Menschen zu überzeugen versuchten, dass der Weg der Nationalsozialisten der falsche Weg ist.

All diese Notlagen finden junge Leute nicht in Amerika aufgrund der politischen Situation hier und trotzdem ist es wichtig, den jungen Leuten zu zeigen, dass es Situationen in der Geschichte geben kann, auch in der eigenen persönlichen Entwicklung, wo man mehr riskieren muss als das Bankkonto. Und ich hoffe, dass die jungen Leute, wenn sie die Ausstellung besucht haben, dass sie eine neue Beziehung zu sich und auch zum amerikanischen Staat bekommen können; dass sie wissen, dass obwohl die politische Situation in Amerika nicht ganz befriedigend sein mag, die Demokratie der rechte Weg ist.

Ausstellung

Ihrer persönlichen Eindruck nach, worin besteht die Symbolkraft des 9. Novembers?

Der 9. November scheint ein wichtiger Tag in der deutschen Geschichte zu sein. Die beiden großen gegensätzlichen Tage sind die so genannte Kristallnacht im Jahr 1938 und dann als positives Ereignis der Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989. Symbolkraft… Das ist eine interessante Frage natürlich, weil in diesem Wort, “Symbolkraft”, mehr steckt als auf den ersten Blick zu meinen ist.

Dieser Tag ist sicherlich ein Tag, der uns in Deutschland auffordern soll, unsere eigene Geschichte mit ihren sämtlichen Facetten uns zu erinnern, nämlich die negativen und auch positiven Facetten. Ich bin der Politik eigentlich dankbar, dass man in der Zeit der Mauerfall immerwieder die Leute daran erinnert, dass es auch diese Schattenseite der deutschen Entwicklung gibt und dass man nicht in eine Euphorie hineingerät am 9. November, die nur der Wiedervereinigung Deutschlands ein Jahr später dann überdimensioniert.

Ausstellung

Für mich ist der 9. November, wie ich gesagt habe, ein Gedenktag, ein Tag des Rückblicks, und es ist sowohl ein Tag der Freude, weil ich über die vielen Jahre immer gehofft hatte, dass es tatsächlich, während meiner Lebenszeit möglich würde, dass Deutschland sich zu einer Wiedervereinigung finden könnte, aber auch ein Tag der Erinnerung an die Abscheulichkeiten des Nationalsozialismus.

Es ist nicht so, dass ich an diesem Tag dann einerseits depressiv und andererseits euphorisch wäre, sondern es ist ein Tag, der mich glücklich macht. “Glücklich” nicht in dem Sinn, dass ich mit strahlendem Gesicht durch die Gegend ginge, sondern glücklich in der Hinsicht, dass ich mir dessen bewusst bin, was der 9. November angerichtet hat.

Seit Jahren leben Sie schon in den USA. Der 9. November ein Anlass zum Feiern für Sie; wie begehen Sie diesen Tag?

Also, die Frage kann ich durchaus mit “ja” beantworten; ist das ein Anlass für Feiern für mich – allerdings nicht ein euphorisches, übersteigertes Feiern; ich selbst, zu Hause, begehe den Tag nicht, aber ich weise, sofern ich Studenten habe, die sich dafür auch interessieren, was der Fall war, die Studenten daraufhin, was dieser Tag bedeutet neben dem Fall der Berliner Mauer.

Ausstellung

Gott sei dank, fallen die Studenten, die ich betreue, nicht in diese Euphorie hinein, dass der Kommunismus an diesem Tag zu Ende gekommen sei, sie sind viel wacher. Also, ich persönlich feiere mehr in meiner Funktion als Dozent hier, am Canisius College, denn als eine Privatperson zu Hause.

Wo waren Sie am 9. November 1989?

Das ist wiederum eine interessante Frage und die Antwort ist ein bisschen belustigend – ich persönlich war, als die Ankündigung des Herrn Schabowski gemacht wurde, ich war auf dem Weg zu einer Chorprobe gewesen und habe, weil ich ein bisschen zu spät dran war, die Nachricht um 8 Uhr gehört, im Autoradio, und habe dann erfahren, dass das in Zukunft eine Reisemöglichkeit den Bewohnern der DDR geben sollte, und damit war die Nachricht eigentlich schon beendet und hat zum nächsten Punkt der Nachrichten übergegangen.

Nach der Chorprobe bin ich nach Hause gefahren, ohne eine Ahnung davon zu haben, was sich zwischenzeitlich in Berlin ereignen würde, oder ereignet hat. Ich kam nach Hause und es war ungefähr 10 Uhr am Abend gewesen, meine Frau hat noch Hausarbeit gemacht und ich habe ihr dabei ein bisschen geholfen.

Ausstellung

Wir hatten den Fernseher laufen, was wir sehr oft auch heute noch tun, und was mir aufgefallen ist, dass Helmut Kohl, der, meinen Gewissens nach, zu einem Staatsbesuch in Polen gewesen sein sollte, plötzlich in Berlin, auf einem Balkon eines dieser Rathäuser stand, zusammen mit dem Bürgermeister Momper, Willy Brandt und Hans-Dietrich Genscher, war und plötzlich hat das Telefon geklingelt.

Eine Freundin meiner Frau aus Kalifornien hat angerufen und uns dazu gratuliert, dass die Mauer gefallen sei und uns war in dem Augenblick in unserem kleinen Umfeld, in unserem Haus, nicht bewusst, das es tatsächlich ein historischer Tag wäre und haben erst durch den Telefonanruf aus Kalifornien erfahren, was hier passiert war, denn die Bilder im Fernsehen konnten wir uns nicht erklären. Wir haben zwar diese Politiker aus den verschiedenen Parteien gesehen, aber dass Kohl unter ihnen sein sollte, schien mir sonderbar zu sein.

Hat Deutschland, Ihrer Meinung nach, den richtigen Weg eingeschlagen und was sind die größten Erfolge Deutschlands in kultureller Hinsicht?

Ich meine in der Tat, dass Deutschland den richtigen Weg eingeschlagen hat mit der Wiedervereinigung und auch wenn man Helmut Kohl politisch nicht so nahe steht, muss man sagen, dass er derjenige war, der dieses Fenster der Gelegenheit richtig erkannt hat und wir müssen ihm dankbar sein, dass das passiert ist.

Heutzutage mit den wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die wir weltweit sehen können, gibt es auch Stimmen, die diesen Weg, den Deutschland seit der Vereinigung geht, zurückgehen machen wollten, aber wir können trotzdem sagen, dass das Leben nicht für jeden einzelnen Deutschen, aber für Deutschland insgesamt besser geworden ist, seit 1989 für beiden Seiten Deutschlands. Eine Konfiguration, so wie sie z. B. Günter Grass vorgeschlagen hat, Ostdeutschland Österreich ähnlich zu machen, das wäre meiner Meinung nach, der falsche Weg gewesen.

Das es durch diesen Weg Schwierigkeiten gegeben hat und das es auch Vorurteile gibt, das ist nicht zu verheimlichen, aber es ist eine Aufgabe der Politik, und da meine ich, dass die deutschen Politiker gute Vorschritte machen, diese Vorurteile aufzubauen und die Wirtschaftprobleme, die sich durch die Wiedervereinigung ergeben haben, aus der Welt zu schaffen.

Kultureller Hinsicht, ich würde sagen, dass der kulturelle Austausch zwischen Ost und West das wesentliche Element ist, und wenn ich “kultureller Austausch” sage, dann meine ich nicht Orchester von Ostdeutschland, die in Westdeutschland gastieren, oder dass es einfacher ist, dass Schauspielertruppen sich nach Ostdeutschland begeben, sondern dass die Leute ohne irgendwelche Schwierigkeiten sich besuchen können und die kulturellen Möglichkeiten geniessen können; dass Museen zugänglich sind in Dresden, in dem früheren Ostberlin, das, meine ich, ist ein sehr guter Fortschritt.

Die politischen und wirtschaftlichen Probleme, die wir in Deutschland Ost und West finden, sind natürlich ein Anlass dazu, kulturell zu antworten, und wenn man darüber sprechen will, dann würde ich sagen, dass die neuen Begebenheiten Auslöser waren für kulturelle Reaktionen, ob das jetzt darstellende Kunst war, ob das jetzt Filme oder Literatur war, das spielt keine Rolle, aber diese neue Situation, diese neue Herausforderung an die Kultur und an die Kulturschaffenden, ich meine das ist etwas, wofür man dankbar sein kann.

Was denken Sie, wo gibt es eine besser entwickelte Willkommenskultur gegenüber Einwanderern – in Deutschland oder in den Vereinigten Staaten? Wo fühlt sich Ihre eigene Familie mehr zu Hause?

Ich muss leider antworten, dass ich meine, dass die Willkommenskultur in Amerika ausgeprägter ist als die in Deutschland. Man kann natürlich historisch argumentieren und sagen, dass Amerika schon immer ein Einwanderungsland war, und dass Deutschland, sagen wir bis 1955 so eine Einwanderungsland nicht war.

Allerdings, stimmt das nicht mehr: wenn man nach dem Ruhrgebiet schaut, nach der Stellen, wo Kohle gefördert wurden, da gab es eine große Einwanderungswell aus Pollen und die Leute waren als Arbeiter willkommen, sind dann heimisch geworden und sind plötzlich integriert.

Der große Fehler, wenn ich vorher sehr positiv über die deutsche Politik gesprochen habe, der große Fehler seit langen, langen Jahren, war, dass man, den Charakter des deutschen Landes fälschlicherweise immer als Nichtseinwanderungsort ausgesprochen hat und dass dann die Bevölkerung in Deutschland tatsächlich der Meinung war, dass Deutschland kein Land ist, wo Einwanderung passiert und dass man deshalb auch die Leute, die aus anderen Ländern nach Deutschland kommen, eigentlich nicht willkommen sind.

Amerika hat immer dann floriert (und floriert schon sehr lange), wenn Leute aus anderen Kulturkreisen nach Amerika gekommen sind. Ihre Frage, wo unsere Familie sich wohler fühlt, diese Frage ist nicht sehr einfach zu beantworten, und zwar nicht, weil ich nicht antworten wollte – uns fehlt, solange wir hier, in Amerika, sind, sehr viel das, woran wir in Deutschland gewohnt waren, oder woran wir in Europa gewohnt waren, und in dem Augenblick, wo wir in Europa sind längere Zeit, fehlen uns Aspekte unseres Lebens in Amerika. Also, ich kann die Frage nicht klar beantworten, und was meine Frau und unsere Zukunftspläne sind, unsere Zeit zwischen den beiden Ländern zu teilen.

Buffalo hat ein ziemlich reiches deutsches Erbe; ich glaube sogar, dass die Stadt von Deutschen gegründet wurde…

Das weiß ich nicht, ob die Gründung der Stadt von deutschen Emigranten passiert ist; was ich weiß, ist das unser College, Canisius College, von deutschen Jesuiten gegründet worden ist, auf Anforderung der deutschen Bevölkerung hier.

In diesem Zusammenhang, wie unterscheidet sich Buffalo von anderen amerikanischen Städten, die über kein solches deutsches Erbe verfügen?

Man findet hier in Buffalo natürlich Dinge, die man in anderen Städten ohne einen deutschen Hintergrund finden kann – deutsche Restaurants gibt es ein paar. Was man allerdings hier findet und anderswo nicht, ist, dass es Sportveranstaltungen gibt von den professionellen Clubs, die im Vorfeld dann umgewandelt werden in einen deutschen Abend oder wo das Motiv des Abends ein deutsches Motiv ist.

Was man findet, ist, dass Leute mit deutscher Herkunft sehr eng beieinander sind hier in Buffalo; ob das in anderen Städten möglich ist, wenn man eine kleinere deutsche Gemeinde hat, das weiß ich nicht. Ob das ein Unterschied ist zu den Italienern, Franzosen oder Asiaten in Buffalo ist, das weiß ich nicht, aber ich meine schon (und das sehen wir hier, am College), dass es eine große Unterstützung von Deutschen für Studenten der deutschen Sprache gibt, mehr als für die anderen Sprachen.

Wie groß ist eigentlich die deutsche Gemeinde in Buffalo?

Das kann ich Ihnen nicht sagen, aber was ich Ihnen sagen kann, ist, dass unsere Weihnachtmesse, die wir dieses Jahr zum 44. Mal feiern, dass diese Messe immer sehr gut besucht ist und dass “sehr gut besucht” in diesem Fall ungefähr 180 bis 219 bedeutet. Woher weiß ich das? – Wir geben immer Gebetbüchleine heraus und normalerweise lassen wir ungefähr 200-220 drucken.

Wie sind die deutschen Kultur und Wirtschaft in den Vereinigten Staaten vertreten?

Es gibt nicht nur in New York City, sondern in vielen, den meisten, amerikanischen Großstädten eine so genannte Deutsch-amerikanische Handelskammer, und sie bemüht sich sehr darum, Interessenten aus Deutschland nach Amerika zu bringen – der wirtschaftliche Austausche zwischen Deutschland und Amerika ist sehr gut und das heißt auch, dass die deutsche Wirtschaft hier, in den USA, auch sehr gut vertreten ist.

Die Kultur – hier müssen Sie in die großen Städte gehen, die normalerweise and den Küsten sind, also New York, Washington, Boston, San Francisco, Los Angeles – dort ist die deutsche Kultur sehr gut vertreten. Das Goethe-Institut bemüht sich sehr darum, die deutsche Kultur bekannt zu machen und es gibt auch private Geldgeber, die deutsche Facette hier in Amerika bringen.

Was vermissen Sie am meisten, wenn Sie von Deutschland weg sind?

Die kurzen Entfernungen – wenn es darum geht, einzukaufen, ich bin in Deutschland immer mit dem Fahrrad unterwegs gewesen, um meinen täglichen Bedarf zu befriedigen -das konnte ich alles entweder zu Fuss machen, oder, wenn es eine weitere Entfernung war, dann mit dem Fahrrad machen. Das fehlt mir am meisten.

Kategorien: Frontpage · Lebensfragen · Um die Welt

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