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Artist of the Week — Elizabeth Ross

9 November, 2009 von · Keine Kommentare

Interview von Mariana Velichkova mit der Malerin Elizabeth Ross
Übersetzung: Rossitza Yotkovska

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Nomadin in Venedig

Würdest Du uns bitte über Deine ersten Schritte in Richtung Kunst erzählen?

In meiner Kindheit lebte ich ziemlich zurückgezogen und es gefiel mir, Sachen aus dem „Nichts” zu schaffen, die eigentlich schon existierten. Ich mochte das Geheimnisvolle im Prozess des Schaffens. Nach diesen Jahren habe ich nie über die Kunst oder über mich als Künstlerin nachgedacht. Meine Familie war nicht am Kulturleben interessiert und der logische Weg war für mich die Orientierung an die soziale Laufbahn. Ich versuchte sogar im Gebiet der Kommunikationen, zu arbeiten. Einige Jahre später zog ich in eine andere Stadt um und ich fand mich in einer Kunstschule wieder.

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Kannibale

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Wir möchten sie

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So lernte ich, Ton zu bearbeiten, Stein zu gravieren, ich habe meine ersten Schritte in der Fotografie vorgenommen, aber die Zeiten forderten mich zu einem anderen Weg auf und ich verließ die Schule und ging, um im Wald zu leben. Aber die Samen waren schon gesät. Ich verbrachte wenig Zeit in der Kunstschule und das führte zum Beginn meiner eigenen Suche und von jener Zeit an bin ich autodidakte Künstlerin. Ich habe jahrelang mit Ton gearbeitet und danach bin ich zu anderen Techniken und Materiealien übergegangen.

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Der Tod ist Lüge

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Wunde

Noch mit meinen ersten Skulpturen entdeckte ich, dass ich kein Töpfer und Handwerker bin und dass ich die Kunst in meinem Leben anzunehmen habe, dass das Künstlersein nicht nur die Freude des Schaffens umfasst, sondern auch den Verwaltungsteil: Man schafft etwas und man muss es danach auch vor der Außenwelt präsentieren, die Schöpfung soll öffentlich durchgesetzt werden. Zu jener Zeit nahm ich bewusst an: Ich bin Künstlerin. Ich begann, meine Werke in meiner eigenen Galerie auszustellen und im Jahre 1990 machte ich meine erste selbstständige Ausstellung.

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Bewirten der Feen

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Schlangenschwanz

Was provoziert Dich “in den Wolken zu schweben“ und was “bringt Dich zur Landung“?

Meine Arbeit, besonders mit Ton, hat die Fähigkeit mich zur Landung zu bringen, sowie auch die Erde selbst. Das Kunstschaffen verlangt Konzentration und Fokussierung. Das Gleiche gilt auch bei Videoaufnahmen und bei der Darstellungsbearbeitung. Gleichzeitig erlaubt es mir aber zu träumen und unterschiedliche magische Welten und Lücken zwischen den Welten, die sich zu Werken verwandeln, zu bauen. Als Künstlerin lebe ich gleichzeitig in zwei Dimensionen, manchmal nimmt die eine die Oberhand über die andere.

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Vom Norden

Für Dich ist die Kunst… ?

Sie ist eine symbolhafte Darstellung der Welt mit allen ihren sichtbaren und unsichtbaren Sphären – das bedeutet mit allen menschlichen Tätigkeiten – von dem Träumen und Gefühlen bis zur Politik und den öffentlichen Themen. Sie ist auch ein Prozess der auf eine subtile Art mit den Anderen verbindet, ein Dialog, der Bedeutsamkeit voraussetzt.

Auf eine andere Weise kann Kunst helfen, mindestens für einige Momente, die Welt zu stoppen und visionäre Einblicke zu bieten. Und natürlich, sie ist auch ein Mittel, ein „Werkzeug“ der Entwicklung.

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Gold auf Wasser

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Qual

Was ist für Dich als Künstlerin die größte Herausforderung bzw. das größte Hindernis?

Finanziell durch meine Kunst leben zu können! Das ist ein ziemlich schwieriges Abenteuer, besonders wenn du nicht ein Teil der allgemeinen Strömung bist, die vom Großmarkt bzw. von den globalen Kunstbehörden und ihren Kuratoren verwaltet wird. Es ist nicht leicht, genügend Finanzmittel zur Verwirklichung bestimmter Projekte zu bekommen. Aber als Künstlerin, die hauptsächlich in einem Land der Dritten Welt mit einem sehr knappen Markt gearbeitet hat, habe ich mich daran angepasst, auch damit zu arbeiten, was zugänglich ist und die “Möglichkeiten“ des Materials, mit dem ich schaffe, zu erweitern.

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Diese zwei Tatsachen brachten mich zum Verständnis, dass wir die Strukturen, die über die Kunst und die Künstler verhängt sind und die uns von den anderen Menschen isolieren, zu „zerbrechen“ haben. Deshalb habe ich auch Identidades, ein Treffen von unabhängigen Künstlern im öffentlichen Raum, und auch andere Kunstereignisse, die die Künstler direkt mit der Öffentlichkeit verbinden, veranstaltet.

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Linien

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Gerade Linie

So musste ich auch alternative Verdienstweisen, wie Organisation von Projekten und Seminaren, immer aber mit der Kunst verbunden, suchen. Ich gründete auch die Organisation 5célula arte y comunidad, die diese Projekte leitet.

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Der größte Teil der Menschen interessiert sich hauptsächlich für die hochtechnologiesierte Kunst. Das ist eine Herausforderung. Ich wende die Technologien an, aber ich bin nicht so sehr an diese Kultur der “Cyborgs” interessiert. Beiträger „unmoderner“ Kunst werden, da sie für altmodisch gehalten werden, abgelehnt.
Die Kunst ist aber keine Mode!

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Hergestellt in Mexiko

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Schaukeln

Was bringt dir die größte Freude und Genugtuung im schöpferischen Prozess?

Der Prozess selbst bringt mir eine große Genugtuung, obwohl es manchmal schwierig ist. Die physische Natur meiner Tonarbeit, das Design eines neuen Projekts, die Videomontage bis zu jenem Augenblick, in dem du die Welt erneut anhältst und das Publikum mit dem Rätsel der Schwelle, die du für gezählte Sekunden geöffnet hast, mitreißt.

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Noch von Kind an mag ich die geheimnisvolle Alchemie des schöpferischen Prozesses, der zu erwarteten und unerwarteten Ergebnissen führt und der dir den Atem stockt und den Zeitgeist anhält, um ihn in Kunst zu verwandeln. Und natürlich ist es sehr zufriedenstellend, die Annahme / das Verständnis / das Mitgefühl der Menschen, die sich in ein teilnehmendes Publikum transformiert haben, mitzuerleben.

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Märchen

Was ist die Hauptquelle deiner Inspiration und was ist die Hauptquelle deiner Verzweiflung?

Ich erlebe mich als “lebenslängliche“ Künstlerin. Das, was für mich eine Bedeutung hat, ist das Leben und das, was das Leben für jeden sein soll. Das Leben, angereichert mit Erinnerungen, Träumen, Mythologien, Identität, aber auch mit Kämpfen, Widerstand, Bewusstsein. Die Frauen nehmen einen Zentralplatz in meinen Werken ein, dabei gehe ich davon aus, was ich es weiß. Das ist, demzufolge, ein feministisches Werk, dessen Hauptthema die Aufmerksamkeit an die Probleme und die sichtbaren und unsichtbaren Kennzeichen der weiblichen Natur als die „Andere“ richtet.

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Notlallo Ton

Das ist auch eine kulturell differenzierte Kunst, die von den Wurzeln und den alternativen Dimensionen der „Mexikanerität“, auf die Globalbühne aufgeführt, gefüttert wird.

Und die Verzweiflung … man kann sie als Hilflosigkeitsgefühl in Bezug auf die Änderung der einzelnen Dinge, z.B. auf die Gewalt, definieren … Ich arbeite daran.

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Unser Wasser

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Erde

Welche sind die wesentlichsten Lebenslehren, die Du dich bisher angeeignet hast?

Ach! Was könnte ich darüber sagen … Vielleicht das, dass ich für die Ebben und Fluten im Leben offen sein muss und dass ich ihnen anvertrauen muss. An mich selbst und an meiner Arbeit, unabhängig was sie ist, zu glauben und mich ihr als Existenzweise in dieser Welt zu widmen.

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Ich bin eine Künstlerin und das ist es, was ich in dieser Welt gewählt bin, zu sein. Wichtig sind auch das Streben nach Kenntniserwerben und der Kenntnisübergabe, immerzu. Und natürlich das von größter Bedeutung der Weg selbst und nicht das Erlangen des Endpunktes ist. Der Endpunkt existiert nur als Unterweisung, als Kompass, als Utopie.

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Stein der Kraft

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Welche sind die neuen Horizonte, wonach du strebst?

Im schöpferischen Bereich und als autodidakte Künstlerin möchte ich weitere, neue Techniken lernen, meine Fähigkeiten vervollkommnen und mehr mit allem, was ich zum Schaffen meiner Werke verwende, experimentieren. Auf dieser Etappe meines Lebens ist für mich wichtig, ähnliche und verschiedene Herangehensweisen zur Kunst und zum Leben zu finden, die mich auch bereichern.

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Beständigkeit

In praktischer Hinsicht bin ich auf dem Weg, meine Flügel aufzuschlagen und weit weg zu fliegen. Als spanische Staatsbürgerin werde ich in Europa für eine gewisse Zeit leben, das wird mir neue Chancen als Künstlerin geben. Ich habe schon einige Jahre hier gelebt und es gefällt mir, wie meine Werke hier angenommen wurden. Mit Rücksicht auf die Krise ist das eine besondere Herausforderung, aber ich hoffe, dass ich hier mein Leben einrichten werde.

Vielen Dank für die Antworten meiner Fragen!

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Seetanz

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Wir möchten sie lebendig

Lebenslauf

Das Gedächtnis, unfassbar und entgleitend, ist die Bindung zwischen der Biologie, also dem Körper, den wir bewohnen, und der Geschichte, dem Weg, der uns die Existenz in der Gegenwart ermöglicht. Das Erkennen der Tiefwurzeln lädt sie – das Erkennen der Wurzeln, von den bodenlosen Gewässern gespeist; die sie nur anziehen, drin zu tauchen.

Elizabeth Ross hat spanisches, keltisches und Nahuatl-indianisches Blut – soweit sie es verfolgen kann. Sie hält sich an die Mythen und Identitäten, wobei sie versucht, ihre eigene abwechslungsreiche Persönlichkeit zu verstehen, die das Gefühl hat, dass sie “ist“. Sie ist Keltin, wenn sie sich nach einem Tropfen vom magischen Kessel von Ceridwen sehnt.
Eine Spanerin, wenn ihre Arme wie Taubenflügel unter der Faszination des Flamencos spielen.
Und natürlich, eine Mexikanerin mit gemischtem Indianerblut, das sie zum Geheimnisvollen treibt.

Dann sind das Gedächtnis, die Identität und das Geheimnisvolle ihre Gäste.

Don Juan sagt, dass wir die Absicht, das Mysterium zu enthüllen, brauchen, obwohl unser Wissen sagt, dass es unenthüllbar ist. Das ist ihr Weg in die Kunst. Als Frau beginnt sie natürlich mit dem primären, reichlichen und konkreten Material, das für eine Frau zugänglich ist, und das ist neben dem Fleisch die Erde selbst, Ton.

Von ihren ersten Skulpturen, die großen Steinsäulen ähneln, entwickelt sich ihre Arbeit natürlich in Installation. Sie versteht, dass sie den Mythos erzählt und macht das am besten durch die Installation.

Sie zeigt solche Werke seit dem Jahr 1990 und als sie nach Morelia umzieht, die Stadt, wo sie schon 17 Jahre lebt und die sie bald verlassen wird, “verzeichnet“ sie ihre sich entwickelnde Laufbahn mit 135 unikalen Skulpturen. Wobei sie für 3 Jahre im ganzen Land reist und sogar El Paso, die Grenze mit dem „Monster“ USA, erreicht.

Die Mexikanerin in ihr spornt sie an, an Notlallo zu arbeiten, was auf die Sprache Nahuatl beides bedeutet: Mein Körper und Meine Erde.
Sie entwickelt die alte mexikanische Auffassung, wonach die Menschen aus Mais und Lehm geschaffen sind. Die Menschen sind gente de maiz, Maismenschen, und in diesen transgenetischen Zeiten ist das mehr eine politische Aussage als eine mythologische Erinnerung.

Ihre Arbeit entwickelt sich weiter mit der Erfindung der neuen Elemente und Materialien zum Schaffen. Sie schließt die Kunstschule nicht ab, sie war immer autodidakt. Skulptur und Installation, Literatur und Journalistik sowie natürlich entstandene Leistungen, die sie Ritual Axions nennt, zerbrechen bald die Grenzen des Tons, wobei ihre Arbeit zeilgerichteter wird.

Die von ihr verwendeten Kunstsprachen vermehren sich parallel mit ihren Literatur- und Bühnenauftritten. Ihre Fotografie wird digital, da sie beginnt, intensiver zu reisen. Hinzu kommen Tonaufnahmen und Videos. Sie bezeichnet sich selbst als multidisziplinäre Künstlerin mit Bewusstsein. Vielleicht wegen ihrer multiplen Herkunft oder wegen der multiplen Mythen, die ineinander fließen. Oder vielleicht fordert ihre exotische Persönlichkeit sie dazu auf.

Ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit ist die Gemeinschaft, die Identidades genannt ist – ein Treffen von unabhängigen Künstlern im öffentlichen Raum. Austausch, Zusammenleben, öffentliche Kunst. Das sind manche der eingeschlossenen Themen, aber das Hauptthema ist die Erweiterung des Territoriums und der Künstler im Verstand der Menschen.

Sie können sie Künstlerin, Zauberin, Aufrührerin nennen. Nennen sie sie beharrlich, stark und sogar wunderschön.
Sie weiß einfach, dass man sie nicht halten kann.

Kategorien: Frontpage · Visual Arts

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