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Artist of the Week – Ensemble Noisten

20 März, 2017 von · Keine Kommentare

Interview von Dessislava Berndt mit Reinald Noisten, Musiker und Gründer des Ensemble Noisten

Klezmer trifft Derwisch trifft Orgel from Bernd Thissen on Vimeo.

Reinald, warum spielt ihr Klezmer? Welchen Bezug hat die Band zur jüdischen Musik?

In unserer Band gibt es keine Mitglieder jüdischer Abstammung. Die Frage kann ich aus meiner Sicht so beantworten: Ich habe Musik studiert und dabei kam mir alles sehr „verkopft“ vor; es fehlte für mich irgendwas an Emotionalität.

Nach dem Studium habe ich einen Kurs vom Klezmer-Klarinettisten Giora Feidman besuchen dürfen. Er ist ein Musiker, der in Argentinien geboren ist und nach Israel ging, wo er als Bassklarinettist beim Israel Philharmonic Orchestra 18 Jahre lang spielte. Später zog er als Klezmer-Musiker nach New York und Deutschland. Er hat in den 90er Jahren die Klezmer-Musik in Deutschland sehr populär gemacht.

Ich fand sein Spielen sehr berührend und komplett anders als alles was ich von der klassischen Musik kannte und habe mich dazu verführen lassen, mich mehr mit dieser Musik zu beschäftigen.

Zur damaligen Zeit hatten wir ansatzweise eine Band, in der Andreas Kneip und verschiedene Gitarristen wie Claus Schmidt auftraten. Wir wussten noch nicht genau in welche Richtung wir als Band gehen wollten.

Nach dem Workshop bei Giora Feidmann war klar, dass wir mit Klezmer weiter machen. Dabei ging es uns nicht um eine stilistische und intellektuell analytische Auseinandersetzung mit der Musik, sondern darum, ein Gefühl zu vermitteln, sich von der Musik packen zu lassen und das Instrument so zu spielen, wie man die Musik fühlte. Und ich dachte, dass das genau meine Idee vom Musizieren ist.

Sicherlich hat auch die mystische Komponente, die Giora Feidmann in seiner Musik transportierte, eine Rolle gespielt, denn das hatte ich vorher in der Musik vermisst. Bevor ich mich entschied Musik zu studieren, hatte ich in Erwägung gezogen Theologie zu studieren, weil ich eine gewisse Affinität zum Mystischen habe.

Wie seid ihr als Band überhaupt zusammen gekommen?

Andreas Kneip (Kontrabass) und Claus Schmidt (Gitarre) kenne ich vom Studium an der Musikhochschule in Köln. Claus hatte auch in einer anderen Band mit Klezmer zu tun gehabt und hat einfach bei uns mitgemacht.

Ensemble Noisten Pressefoto: Abdruck honorarfrei zur redaktionellen Berichterstattung über "Ensemble Noisten" und mit folgendem Urheberhinweis:  Foto: Ensemble Noisten / Bernd Thissen
Ensemble Noisten; Foto: Bernd Thissen

Und Devan, unseren Trommler und Tabla-Spieler, habe ich 1984 in Neuss kennengelernt, wo er in einer Kirche beim Integrationstag Tabla spielte. Wir haben später zusammen gespielt und improvisiert und das war auf der emotionalen Ebene sehr stimmig. Wir konnten uns zunächst nicht unterhalten, aber beim Spielen und in der Musik waren wir wie Seelenverwandte, wie miteinander verschmolzen. Danach hatten wir uns aus den Augen verloren, aber irgendwann wurde der Kontakt wiederhergestellt und so ergab sich, dass wir seitdem zusammenspielen. Und es hat bis jetzt immer gut funktioniert.

Das heißt, ihr habt eine Festbesetzung als Gruppe, die oft mit verschiedenen Gästen spielt?

Ja, so ist es. Wir hatten mit unserer ersten CD angefangen und danach, zwei Jahre später, musste die nächste CD gemacht werden. Deswegen machte ich Akquise und kam in Kontakt – über Hajo Jahn- mit der Lyrik von Else Lasker Schüler. Die Kombination von Musik und Lyrik fand ich spannend, weil die lebendige Klezmer-Musik hervorragend dazu passte.

Manchmal kommt aber einfach das eine zum anderen. In Recklinghausen habe ich die Schauspielerin Hannelore Hoger kennengelernt und über sie ihre Tochter Nina Hoger. Sie war unser erster Gast, mit dem wir nun seit 10 Jahren zusammenarbeiten.

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Nina Hoger und Ensemble Noisten, Foto:Jens Möller

Mir ging es bei der Musik nicht um die Religion, sondern um die Spielweise, um das Einzigartige in dem Tun, um das Energetische. Und als ich den Auftritt von einem Derwisch (Talip Elmasulu) und den Ney-Flötisten Murat Çakmaz sah, fragte ich beide einfach, ob wir zusammen etwas machen können. Und es hat sich gefügt und so ergab sich, dass wir weitere Gastmusiker bekamen und das Projekt „Klezmer trifft Derwisch“ seit 2006 zusammen entwickeln.

2014 entwickelten wir diesen jüdisch-islamischen Dialog zu einem trialogischen Projekt – Nina Hoger liest Meister Eckhart Texte (christlicher Mystiker aus dem 12. Jh.) zur jüdischen Musik, Derwischtanz und Sufi-Musik. So entstand im künstlerischen Bereich ein jüdisch-islamisch-christlicher Dialog.

Wir traten mit dem Projekt in verschiedenen Städten auf: im Kunstverein Geldern, bei den Jüdischen Kulturtagen in Berlin, in Frankfurt, in Wuppertal, in Düsseldorf, in Mülheim, in Essen…

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Ensemble Noisten, Foto: Eigenarchiv

Was braucht man als Band um erfolgreich jahrelang zusammenzuarbeiten und die Prüfungen der Zeit zu bestehen?

Man kann eine Idee vom Musikmachen haben, aber was in der Tat umgesetzt wird, ist eine andere Sache. Es gibt viele Bands, die eine Idee haben, können diese aber nicht umsetzten, denn man braucht zur Umsetzung kontinuierlich Ziele, also z. B. Auftritte.

Das hat bei uns gut geklappt. Auch für die erste CD-Produktion damals hatten wir Unterstützung bekommen. In der Kulturabteilung der Stadt Wuppertal arbeitete Herr Rasch, der sich sehr für die jüdische Musikszene einsetzte. Mit seiner Unterstützung bekamen wir einen Zuschuss zur Mitfinanzierung der CD von der Stadt Wuppertal. Ansonsten hätte ich mich nicht getraut, die erste CD zu produzieren. Das war 1999 und zur damaligen Zeit war die CD wichtig für uns, denn alle fragten uns, ob wir eine haben.

Zudem braucht eine Band immer Ziele. Es gibt die Ebene des Zusammenspiels, des Auftrittsziels und die Ebene des Geldverdienens. Wenn alles stimmt, dann geht man eher gemeinsame Wege. Natürlich gibt es Konflikte, wenn man oft zusammen ist.

Wenn man aber die Ziele gemeinsam verfolgt, dann versucht man mit Differenzen und Problemen umzugehen. Bei uns existiert eine entsprechende Aufteilung von Zuständigkeiten, so dass sich irgendwie jeder um etwas kümmert.

Wie kam es zu dem aktuellen Projekt „Klezmer trifft Derwisch trifft Orgel“, das so erfolgreich ist?

Bei dem Projekt „Klezmer trifft Derwisch“ kam die Orgel neu dazu. Murat hatte mir mal vom Orgelfestival in Düsseldorf erzählt, das die Orgel anders als üblich darstellt, also auch im Spannungsfeld „Interkultur“. Wir konnten den Kölner Organisten Robert Mäuser für eine Zusammenarbeit bezüglich dieses Projektes gewinnen und so entwickelte sich das Projekt „Klezmer trifft Derwisch trifft Orgel“.

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Robert Mäuser mit Ensemble Noisten im Bürgerhaus Langenberg, Foto: Dessislava Berndt

Zum ersten Mal wurde es 2015 in der Christuskirche in Düsseldorf aufgeführt und hat uns alle sehr bewegt.

Bei diesem Projekt ist es spannend, dass die Musik, die vermeintlich so unterschiedlich klingt, einen gemeinsamen Faden hat. Unsere Tonalität entsprang damals aus dem Psalmsingen im Judentum. Die Orgel kommt ganz ursprünglich aus dem orientalischen Raum. Man denkt, dies ist unsere Kultur, so wie wir sie kennen, aber wenn man sich damit intensiver beschäftigt, stellt man fest, es ist doch gar nicht so. Es fließt alles ineinander. So haben wir hier Sufi-Musik, Orgelmusik (u.a. von Bach) und Jüdische Musik miteinander verknüpft.

Wie kam es zu dem Auftritt in Velbert Anfang 2017?

Ich lebe nach dem Motto „Vision-Ziel-Tat“. Wenn ich eine Idee habe, dann schreibe ich mir Ziele auf, die ich nachgehe. Dabei mache ich viel Akquise, aber manchmal ergibt sich einfach einiges.

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Der wunderschöne Konzertsaal im Bürgerhaus Langenberg, Fotos: Dessislava Berndt

Ich hatte guten Kontakt zu Frau Franzel vom Historischen Bürgerhaus Langenberg, da wir dort in der Vergangenheit ein paar Konzerte gemacht hatten. Das Bürgerhaus wurde 2016 neu eröffnet und die Programmleitung suchte nach etwas passendem für die Orgel. Frau Franzel war sehr offen und nahm unser Projekt „Klezmer trifft Derwisch trifft Orgel“ ins Programm auf, um die Orgel zu bespielen.

Das Konzert in Velbert war sehr gelungen und wurde mit stehenden Ovationen belohnt. Mich hat es dabei überrascht, Dich am Ende des Konzerts so bewegt zu sehen. Ich fand es sympathisch, dass auch Musiker ihre Gefühle offen zeigen und nicht nur die Zuschauer von der Musik sichtlich bewegt sind. Was macht für euch einen gelungen Auftritt aus?

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Ensemble Noisten & Gästen im Bürgerhaus Langenberg, Foto: Dessislava Berndt

Wenn wir merken, dass irgendwas in diesem Augenblick passiert. Wir sprechen auch nach dem Auftritt darüber – was gut und was nicht so gut war.

Dieser Auftritt war gelungen, weil wir noch nie ein Konzert hatten, wo die Orgel eine ganze Wand einnimmt. Du musst dir vorstellen, dass die Orgelklänge, der Orgelsound einfach durch dich hindurchgeht, wenn du auf der Bühne stehst. Im Kontext mit den Klezmerstücken war das unglaublich. Zudem ist die Akustik im Saal einmalig und der Tonmeister hat alles ganz gut gemischt.

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Ensemble Noisten & Gästen im Bürgerhaus Langenberg, Foto: Dessislava Berndt

Man muss sich vorstellen, dass man bei den Vorbereitungen einen gewissen Stress und auch Anspannung hat. Man arbeitet am eigenen Projekt, das sich weiter entwickelt und am Ende vom Publikum total angenommen wird. Dieser Moment ist für mich die höchste Form der Anerkennung.

Gerade das letzte Stück war mitreißend. Es hat mich beim Spielen auf allen Ebenen berührt und wenn man eine Einheit mit dem Publikum bildet und spürt, ist es ein absolut stimmiger Moment. Und das berührte mich einfach. Deshalb habe ich geweint, weil es mich einfach gefühlsmäßig überkommt.

Bei dem Auftritt in Velbert und auch in anderen Städten erlebt man das Gemeinsame. Die Idee ist, dass sich verschiedene Religionen durch diese Art der Musik treffen und Grenzen überwinden. Dann entsteht für kurze Zeit etwas Neues, da die Grenzen für einen Moment verwischt sind und keine Rolle spielen.

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Ensemble Noisten & Gästen im Bürgerhaus Langenberg, Foto: Dessislava Berndt

Von mir aus sollen die Politiker erstmal eine Runde Tanzen und dann die Probleme besprechen. Denn vielleicht gibt es danach keine Probleme mehr.

Was würdest Du (jungen) Musikern mit auf dem Weg geben?

Ich bin gern bereit, meine Erfahrung zu teilen. Ich weiß, dass es auch für viele hochkarätige Musiker schwierig ist, sich zu behaupten. Man muss freundlich sein, seine Vorstellungen sehr präzise formulieren und die Leute begeistern können.

Man muss Kontakte aufbauen und dran bleiben, offen sein und Mut haben. Und sich nicht zu schade sein, immer wieder nachzufragen. Niederlagen oder Absagen gehören dazu.

Der Beruf des Musikers verändert sich ganz massiv: Orchester schließen, es gibt weniger Stellen und zusätzlich mehr Musiker. Und dann gibt es Musiker, die aus der ganzen Welt zu uns kommen, weil wir eine tolle Musiklandschaft mit vielen Musikhochschulen und gute Verdienstmöglichkeiten haben. Aus Kostengründen wird aber bei uns momentan alles zusammengestrichen.

Die Superstars werden hofiert, aber die anderen müssen das tun, was einem das Management auf dem Weg vorgibt. Es gibt eine enorme Erwartungshaltung.

Ich bin daher ganz froh, mein eigener Herr zu sein. Am Ende des Tages ist es auch schön, den Veranstalter selber zu kennen und weitere Projekte nachzuschieben.

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Ensemble Noisten mit Gästen im Bürgerhaus Langenberg, Foto: Dessislava Berndt

Ihr mischt auch andere Stile miteinander?

Ja, wir spielen nicht den reinen Klezmer. Es ist für uns wie ein Spiel. Wir mischen dem Klezmer Flamenco, Jazz und andere Einflüsse bei.

Giora Feidmann hat mir die Mystik beim Klezmer vermittelt und die Brave old World – die Tanzklänge und den Groove des Klezmer.

Ich merkte auch, dass ich nie Lust hatte, an einer Stelle stehen zu bleiben. Der Reiz war immer Klezmer mit meinen Ideen zu koppeln, um Klezmer für uns lebendig und authentisch zu machen und sozusagen mit raffinierten Zutaten anzureichern. Das passt zu unserer CD „Curry auf Oliven“, wo wir das Spannungsverhältnis zwischen einer südeuropäischen Frucht und einem asiatischen Gewürz haben und ausprobieren, ob es uns und den Zuhörern gefällt und schmeckt. Und wenn man nichts Neues ausprobiert, weiß man es auch nicht, ob es einem schmeckt.

Auf der CD ist ein indisches Klezmerstück dabei. Mir war nicht bewusst, dass in Indien und China auch Juden leben.

Dazu haben wir ein kleines Kochbüchlein herausgebracht. Die Zuschauer haben uns viele Rezepte geschickt und wir haben die besten bei einem Kochcasting ausgesucht und in das Buch aufgenommen.

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So haben wir immer neue Ideen. Im WDR 3 gab es eine Sendung, die den Namen „Curry auf Oliven“ trug, weil die Redakteure das so gut fanden. 2014 hat der Redakteur die Currysuppe in der Sendung nachgekocht und unsere CD dabei mitten in das Blubbern vorgestellt…

Was sind eure Pläne und Wünsche für die Zukunft?

Es wird demnächst ein Hörbuch erscheinen mit einer Mischung aus Musik („Klezmer trifft auf Sufi-Musik und Orgel“) und Texten der Mystikern Meister Eckhart, Rumi und jüdischen Mystikern (gelesen von den Schauspielern Nina Hoger und Felix von Manteuffel).

Abwechselnd kommen Texte und Musik aus den Richtungen Islam, Christentum und Judentum und so wollen wir zeigen, dass alles aus einer Hand ist und nur andere Ausdrucksform hat. Ein sehr spannendes Projekt, das zum 26. März erscheinen wird. Das Hörbuch heißt „Tanz Jerusalem, unsere Lieder auf deinen Lippen“ und entstand in Zusammenarbeit mit dem Griot Hörbuch Verlag.

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Die Musik zum Hörbuch aus dem Projekt „Klezmer trifft Derwisch trifft Orgel“ werden wir am 26.3.2017 in Köln Bocklemünd, in der Kirche „Christi Geburt“ präsentieren. Und im September freuen wir uns sehr auf die Orgelakzente und Orgeltage in der Stadthalle Wuppertal.

Persönlich wünsche ich mir, dass das Hörbuch gut ankommt und medial einschlägt. Es richtet sich an alle, die Freude haben, diese drei Stile zusammen mit mystischen Texten zu hören.

Reinald, vielen Dank für die interessanten Einblicke in das Schaffen und die Projekte des Ensemble Noisten und weiterhin viel Erfolg!

www.ensemble-noisten.de

Ensemble Noisten sind:

Reinald Noisten
(Klarinette)
Studium an der Musikhochschule Köln, Teilnahme an verschiedenen Meisterkursen, u.a. bei Giora Feidman, Brave old World

Claus Schmidt
(Gitarre)
Studium an der Musikhochschule Köln, Teilnahme an verschiedenen
Meisterkursen, Fernsehproduktion (NDR) mit Giora Feidman, Mitglied verschiedener Klezmer- und Klassikensembles

Andreas Kneip
(Kontrabass)
Studium an der Musikhochschule Köln, Mitglied verschiedener
Jazz und Rockensembles

Shan-Dewaguruparan
(Tabla, andere Schlaginstrumente)
Studium bei V. Ambalawaanar, Mitglied verschiedener srilankisch-tamilischer Ensembles

Kategorien: Frontpage · Musik · Szene

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