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Artist of the Week – Fabien Prioville

29 Februar, 2016 von · Keine Kommentare

Interview von Dessislava Berndt mit dem französischen Choreograph und Tänzer Fabien Prioville
Übersetzung aus dem Englischen: Dessislava Berndt

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Wenn man in Wuppertal lebt und ein Fan der Arbeit von Pina Bausch ist, verfolgt man alles was mit der Companie oder mit der Arbeit ehemaliger Tänzer zu tun hat. Insbesondere nach dem Tod von Pina Bausch ist es sehr spannend zu beobachten, wie sich das Tanztheater in Wuppertal weiter entwickelt.
Fabien Prioville ist mehr als ein ehemaliger Tänzer des Pina Bauschs Tanztheaters wo er sieben Jahre lang Mitglied war.

Er lernte am Centre National de Danse Contemporaine (CNDC) in Angers, arbeitete später mit Édouard Lock und seinem Ensemble „La La La Human Steps“ in Kanada sowie mit Philippe Blanchard in Stockholm. 1999 wurde er Mitglied des Pina Bausch Tanztheaters Wuppertal.

Seit 2006 ist er freier Choreograph und Tänzer und arbeitete u.a. zusammen mit Josef Nadj und Davis Freeman. Auftragsarbeiten gab es sowohl an der New York Juilliard School als auch in Japan und Australien.

2010 gründete er die „Fabien Prioville Dance Company“. Dabei entstanden sechs Produktionen. Sein erstes Solo-Projekt “Jailbreak Mind” wurde in Koproduktion mit dem Tanzhaus NRW und Trafó Budapest realisiert.
“Experiment on chatting bodies” war mein erster Kontakt mit der Arbeit von Fabien.

Ich war fasziniert von der frischen und ungewöhnlichen Performance von Pascal Merighi und Fabien Prioville vor unseren Augen, auf einer Bühne in Deutschland, aber auch von den über eine Skype-Live-Schaltung mit uns verbundenen Tänzern.


Danach ging ich regelmäßig zu seinen Aufführungen:

“The Smart Phone Project”- ein Stück, bei dem das Publikum dank der neuen Kommunikationstechnik aktiv per Smartphone und einer dafür speziell entwickelten App des Bonner Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik involviert wird;

“Time for us”- ein Stück mit seiner Frau Azusa Seyama, in dem sie ihre Erfahrungen als Paar mit uns teilten und

"time for us" Trailer 1 from fabien prioville dance company on Vimeo.

“SOMA”- Performance mit anderen ehemaligen Tänzern des Tanztheaters Wuppertal und japanischen Künstlern, in der zwei wichtige Aspekte seines Lebens einflossen – die Erfahrung als Tänzer mit dem Tanztheater Wuppertal und seine enge Verbindung zu Japan.

Aufgrund dieser spannenden Projekte wollten wir mehr von diesem außerordentlichen Künstler und seiner Arbeit erfahren. Ich traf Fabien im Opernhaus Wuppertal, wo er freundlicherweise für unsere Fragen zur Verfügung stand.

Fabien, Du nutzt neue Technologien in deinen Stücken wie z.B. Skype in “Experiment on chatting bodies”, Smart Phone App in “The Smart Phone Project” und Infrarotkamera in “SOMA”. Warum und was bedeutet das für dich?

Wenn ich über Skype and Smartphones spreche, sind es für mich soziale Technologien, die jedermann nutzt. Und ich fand es interessant, weil sie jeder täglich in der Hand hat und benutzt und daher einen Bezug dazu während der Performance hat.

Z.B. in “Experiment on chatting bodies” starteten wir das Stück damit, dass sich eine Frau über Skype unterhält. Dabei wird sie von lautem Rauschen und Geräuschen begleitet und wir denken, dass man sie nicht so gut verstehen kann, weil die Verbindung so schlecht ist. Und das kennt jeder, der mit jemanden über Skype gesprochen hat und dabei Unterbrechungen und schlechte Verbindung hatte.

Wenn ich diese Technologie in meinen Stücken nutze, habe ich das Gefühl, dass egal wie laut ich spreche, ich kann sie nicht nutzen, obwohl wir sie alle haben und teilen. Ich möchte daher, dass die Menschen ihre eigenen Erfahrungen damit verbinden.

Für mich bleibt aber in allen diesen Technologien am Ende der soziale, menschliche Faktor in unserer Verbindung und in dem was wir über Gesellschaft und Kommunikation untereinander verstehen.
Es geht um die Schaffung eines Statements auf der Bühne und das Erreichen von anderen Menschen; alles ist virtuell und ich versuche für diese zwei Realitäten (die Reale und die Virtuelle) einen Ausdruck zu finden.

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Time for us, Foto: Mischa Lorenz

Auch im “Smart phone project” ist die Idee gleich: es geht um das Smartphone als „Verlängerung“ des Menschen. Ich wollte mit dieser Verlängerung spielen und sie ins Theater bringen.

“Time for us” hat keinen Leitfaden, keine Statements, es ist nur ein Ausdruck von Dingen, die uns beschäftigen.

SOMA war für mich ein weiteres spezielles Projekt und eine große Herausforderung, zwei verschiedene Kulturen und zwei Gruppen von Menschen mit all deren Erfahrungen zusammenzubringen.

Die Japaner waren auch keine professionellen Tänzer, nur Schauspieler: Es ging darum, mit dem Körper zu kommunizieren und die Bewegungen zu übersetzen. Mit der Infrarotkamera haben wir versucht, einen tieferen Blick in den Körper zu werfen und eine einheitliche Textur zu finden, um Background und Kultur abstrakt erscheinen zu lassen.

Du warst in SOMA nicht auf der Bühne als Tänzer. Warum?

Das Publikum in Deutschland ist nicht daran gewöhnt, aber ich habe viele Stücke gemacht, bei denen ich nicht auf der Bühne bin. In SOMA haben wir zehn Leute auf der Bühne und daher wenig Platz, außerdem waren für mich der Abstand und die Kontrolle von außen nötig. Daher entschied ich mich dafür, es von Anfang an so zu machen.

Selbstverständlich kann das auch in anderen Stücken wieder passieren. Der Choreograph kann Teil des Stücks auf der Bühne sein oder nicht. Ich liebe beides. Für mich ist das einfach nur ein anderer Zugang zum Stück.

Wie war es mit anderen Künstlern und ehemaligen Kollegen vom Tanztheater zu arbeiten?

Für SOMA sind meine ehemaligen Kollegen mit mir nach Japan gereist und haben dort das Leben mit den Japanern geteilt. Ich war froh, dass Thusnelda und Clementine ihren Platz als Individuen in dieser besonderen Konstellation gefunden hatten.

Wahrscheinlich werde ich in Zukunft wieder mit Pascal, Thusnelda und Clementine zusammen arbeiten. Sie sind tolle Tänzer und auch Freunde.

Meine Frau ist momentan sehr mit ihrem Programm am Tanztheater Wuppertal beschäftigt. Sie ist aber immer neben mir, wir tauschen uns aus und sie unterstützt mich immer wenn es möglich ist.

Wie entsteht ein Stück?

Meine Ideen kommen hauptsächlich von den Dingen, die mich im normalen Leben umgeben und mich nachdenklich machen. Ich liebe es, die Menschen und die Gesellschaft zu beobachten. Ich denke gern über die Menschen und all das was sie bewegt und beeinflusst so zu sein wie sie sind. Es könnte alles sein, was ich für eine Inszenierung passend halte.

Wenn ich mich mit einer Idee beschäftige, dann denke ich nur daran, welche Erfahrung das Publikum damit haben könnte. Daher ist meine Arbeit nicht auf meine Ansichten konzentriert und ich versuche diese nicht für das Publikum verständlich zu machen. Mir geht es in erster Linie um die Erfahrung des Publikums.
Außerdem geht es darum, welche Art Erfahrung ich dem Publikum mit diesem Stück geben möchte.

Ich arbeitete sehr sorgfältig bei SOMA und traf meine Entscheidungen mit großer Vorsicht, weil das Stück anders war, als das was man hier von mir kennt. Das war in Ordnung für mich, weil jedes Stück ein Versuch sein sollte, eine neue Erfahrung zu schaffen und zu bekommen.

Asuza und du haben vor kurzem “Time for us” in Atlanta vorgeführt. Wie war das?

Vor zwei Jahren war ich eingeladen von Lauri Stallings über meine Arbeit im Zusammenhang mit dem Film “Pina” von Wim Wenders zu sprechen. Dieses Jahr wurden wir erneut eingeladen, das Stück “Time for us” im Goat Farm Arts Center zu präsentieren. In Atlanta hatten wir noch drei weitere Shows und das Publikum empfang uns sehr herzlich. Jeden Abend hatten wir stehende Ovationen, die Menschen waren begeistert.

"time for us" Trailer 2 from fabien prioville dance company on Vimeo.

Kannst du uns bitte etwas über deine Zukunftspläne erzählen?

Ich setzte die Arbeit an einem neuen Stück für 2017 fort, in dem ich zu meinen Wurzeln gehen werde. Es ist Teil des Kreises, bei dem es darum geht, wie man mit der Erfahrung und mit dem Nachlass von Pina Bausch umgeht. Das wird das letzte Stück sein, in dem ich darüber sprechen möchte.

Ich möchte eine Gruppe von Tänzern formen, mit denen ich öfters zusammen arbeiten kann. Auf der anderen Seite mag ich keine Routine. Ich suche Herausforderungen, um meine Arbeit immer wieder zu durchdenken, da ich mich nicht gern wiederholen möchte. In allem was ich mache, kann man aber eine Verbindung entdecken, weil am Ende des Tages bin ich derjenige, der die Entscheidung für das Stück trifft. Leute können mich daher nicht so richtig einordnen. Ich liebe es, die Menschen zu überraschen und neugierig auf mein nächstes Stück zu machen.

Wie war der Einfluss von Pina Bausch auf deine Entwicklung?

Alle meine Arbeiten haben nichts mit Pina Bausch zu tun. In meinem nächsten Stück ist aber der Einfluss von Pina Bausch beabsichtigt.

Die Arbeit mit Pina Bausch zeigte mir den Prozess des Entstehens und wie ich meine eigenen Kompositionen erschaffen kann. Und ähnlich wie sie möchte ich mich um alles kümmern – Musik, Szenografie, Licht, Bühne.
Pina Bausch war nicht die einzige, die mich beeinflusst hat. Es waren auch „La La La Human Steps“, andere Choreographen und Erfahrungen.

Wer oder was inspiriert dich?

Aufführungen im Allgemeinen inspirieren mich. Pina Bausch ist meine größte Inspiration. Ivo Dimchev Solo Arbeiten, Josef Nadj, Philippe Blanchard… Aber ich habe kein Idol.

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The Smart Phone Project, Foto: Fabien Prioville Dance Company

Hast du andere Interessen?

Technologie. Musik.

Wie findest du die Musik für deine Stücke?

Entweder arbeite ich zusammen mit Musikern oder suche selber. In SOMA hatten wir fantastische Musiker, die live auf der Bühne spielten. Im nächsten Stück wird es noch besser und mehr klassisch werden – mit Klavier, Schlagzeug, Vokal und Klarinette. Und wieder live auf der Bühne. Das mag ich sehr. Die Arbeit mit Musikaufnahmen erleichtert aber grundsätzlich die Aufführung.

Wie archivierst du deine Stücke?

Ich habe ein gutes Körpergedächtnis. Und ich nehme meine Stücke auf.

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The Smart Phone Project, Fotos: desenze

Wie ist die Erfahrung bei der Zusammenarbeit mit anderen Künstlern?

SOMA war eine überraschende Erfahrung, da wir mit sehr jungen und auch älteren Menschen (72 Jahre alt) arbeiteten. Bei einem Vorsprechen in Tokio fanden wir unsere japanischen Mitstreiter. Es war erstaunlich, die Fähigkeiten eines solchen älteren Körpers zu erleben. Die 72-jährige Tänzerin ist eine unglaubliche Frau, hat mit Klaus Kinski vor vielen Jahren gearbeitet und ist nachwievor sehr aktiv.

Was ist das Wichtigste, das man über dich wissen sollte?

Das ich nie aufhören werde. Achtet darauf und seid gespannt!

Was ist die größte Herausforderung für dich?

Ich bin Franzose, spreche Englisch mit meiner japanischen Frau, versuche mich als Choreograph. Bei mir ist alles international; obwohl ich in Deutschland lebe, lebe ich auch mit der ganzen anderen Welt. Ich habe viel zu tun in Japan, aber auch zunehmend in Frankreich und England.

Ich gehöre zu keinem Ort, weil ich gern an anderen Plätzen und immer auf der Suche nach einer neuen Erfahrung bin.

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Time for us, Foto: Mischa Lorenz

Du wirst Anfang Dezember in Paris auftreten. Hast du Angst?

Ich denke darüber nach. Ich habe aber keine Angst, weil dies das Ziel der Terroristen ist. Die Franzosen sind historisch bedingt Kämpfer. Und keiner kann uns Angst einjagen. Wir sind etwas egoistisch und irgendwie arrogant, aber gerade das wird uns retten, weil wir dadurch stärker als die Terroristen sind.

Ich denke, es wird nicht mein Schicksal sein, im Dezember in Paris zu sterben. CENTQUATRE-PARIS ist ein sehr bekanntes Theater und ich bin glücklich, das “The Smart Phone Project” dort zu präsentieren.

Fabien, vielen Dank für das Interview und viel Glück bei allen deinen Projekten!

Kategorien: Frontpage · Modern Times · Szene

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