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Artist of the Week – Gerd Baier

5 November, 2018 von · Keine Kommentare

Interview von Dessislava Berndt mit dem Pianisten und Komponisten Gerd Baier

Jazz Festival Bansko

Das Internationale Jazzfestival in Bansko feierte 2017 sein 20-jähriges Jubiläum. Mit einem der Musiker der ersten Festivalstunde Gerd Baier haben wir darüber gesprochen.

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Gerd Baier, Photo: Privatarchiv

Gerd, du bist seit den ersten Stunden des Internationalen Bansko Jazz Festivals mit dabei. Wie begann für Dich das Abenteuer Bansko und Bansko Jazz?

Bansko war eigentlich kein Abenteuer, sondern Teil einer Reise durch Bulgarien nach dem Fall des “eisernen Vorhangs”. Anlass war die Geschichte meiner jetzigen Frau, deren Vater Bulgare war. So kamen wir auch nach Bansko. Es gab für damalige Verhältnisse gute Unterkünfte und man bekam gutes Essen.

In der Zeit dort komponierte ich das Stück „Bansko“, welches dann auch auf der nachfolgenden CD mit dem damaligen Northside Quartet eingespielt wurde.

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Die CD “Scenario” von Northside Quartet mit dem Stück “Bansko”, Photo: Privatarchiv

Ca. 1 Jahr später reiste ich wieder nach Bulgarien und auch nach Bansko mit dem Vorhaben, dem damaligen Bürgermeister die CD zu geben oder einfach in den Briefkasten am Rathaus zu werfen. Als wir in Bansko ankamen, hingen dort unerwartet Transparente und Plakate mit dem Aufdruck „Internationales Jazzfest Bansko“. Ich war total überrascht.

Mit Hilfe meiner Frau, die ein wenig Bulgarisch spricht, wurde ich dann direkt dem Veranstalter Emil Iliev vorgestellt. Der schaute sich die CD an, sah den Titel Bansko. Er freute sich sehr darüber und sagte, wenn ihr wollt, spielt ihr hier nächstes Jahr auf dem Festival.

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Bansko, Photo:desenze

So kam es und das Northside Quartet spielte zur Eröffnung des Festivals vor ca. 5000 Menschen. Das war für uns damals sehr beeindruckend.

Welche Entdeckungen überraschten Dich auf dieser Reise?

Damals war das Land in einem nicht gerade guten Zustand, die Geschäfte waren leer und das Essen war mäßig gut. Die Währung war katastrophal. Für uns war alles sehr billig, aber für die Bulgaren sehr teuer. In den Städten vor allem gab es viele kaputte Wohnsiedlungen. Ein trauriger Anblick.

Aber wunderschöne Natur, sehr beeindruckend.

Wie waren die Beziehungen zu Land und Leute zu Beginn? Hat sich etwas daran geändert? Wie ist es heute?

Das erste Mal war es so, dass die Menschen in Behörden oder z.B. die Angestellten am Busbahnhof und vor allem das Militär und die Polizei extrem unfreundlich waren und alles andere als hilfsbereit. Im Gegensatz dazu war die einfache Bevölkerung so herzlich und gastfreundlich, dass das alles andere in den Hintergrund schob.

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Mit Sidesteps beim Internationalen Jazz Festival Bansko, Photo: desenze

Heute ist Bulgarien ein Mitglied in der Europäischen Union mit allen Vor- und Nachteilen. Die Bevölkerung ist immer noch sehr gastfreundlich und hilfsbereit. Mit dem Militär hat man ja nichts mehr zu tun und die öffentlichen Behörden sind auch „nicht besser“ wie anders wo in Europa.

Bansko hat mir früher besser gefallen als kleines Städtchen. Heute ist es umrahmt von riesigen Hotelanlagen, was natürlich mir als Bansko-Gast zu Gute kommt, aber ich finde das alles zu übertrieben und hoffe nur, dass die Bürger von Bansko davon auch etwas haben.

Mit welchen Formationen bist du in Bansko aufgetreten?

Northside Quartet

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NORTHSIDEQUARTET mit Monique Heinke, Tobias Jakobi und Philipp Gutbrod, Photo: Privatarchiv

Gerd Baier’s „Trio”

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Gerd Baier’s „TRIO“ mit Monique Heinke und Philipp Gutbrod, Photo: Privatarchiv

Duo Perpetuum

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Duo Perpetuum, Photos: Privatarchiv

Dialog

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Dialog mit Boris Friedel bass & sounds , Photo: Privatarchiv

Sidesteps

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Sidesteps, Photo: Privatarchiv

gerdband

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gerdband, Photo: Privatarchiv

Mit welchen davon gab es bzw. hattest du beim Auftritt besonders Spaß?

Spaß und tolle aufregende musikalische Erlebnisse hatte ich mit allen Formationen. Jedes Mal auf andere Weise. Es ist einfach immer eine besondere Atmosphäre auf dem Platz in Bansko.

Beim Northside Quartet Konzert verpasste der Saxofonist fast seinen Einsatz, weil er bei meinem Solo an den Bühnenrand ging und der Weg dann zu seinem Mikrofon doch sehr weit war. Wir haben uns sehr amüsiert.

Beim Trio Konzert stolperte die Bassistin über einen Kameramann, der sich vor sie auf den Boden gelegt hatte…. aber es ist zum Glück nichts passiert.

Beim Auftritt der Formation Dialog setzten sich ganz viele Menschen direkt vor die Bühne auf den Boden, um der Musik zu lauschen. Eine wunderschöne Atmosphäre entstand. Es war nicht nur ein Dialog zwischen uns Musikern sondern auch ein Dialog mit dem Publikum. Es war kaum noch Platz für die Kameraleute.

Bei Sidesteps tanzten die Menschen vor der Bühne.

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Mit Sidesteps beim Internationalen Jazz Festival Bansko, Photos: desenze

Bei der gerdband war das Publikum auch extrem konzentriert dabei und direkt nach dem Konzert waren alle CDs verkauft. Das hat mich total gefreut, dass die Musik von mir so gut angekommen ist.

Ach, es gäbe noch vieles zu erzählen….

Wie findest Du die Entwicklung des Festivals?

Ich finde gut, dass man sich bemüht, immer wieder internationales Programm zu machen und auch, dass es nicht nur Jazz ist. Das macht es für das Publikum nochmal interessanter und spricht natürlich auch mehr Leute an.

Ich finde auch gut, dass wieder alles auf der großen Hauptbühne stattfindet und sich die Konzerte nicht, wie es an einigen Jahren auch schon gewesen ist, auf mehreren Bühnen in der Stadt verteilen. So bleibt das ganze sehr zentral und es verläuft sich nicht…

Das „Timing“, die allgemeine Organisation und die Betreuung der Musiker sind immer wieder und immer noch sehr gut.

Was toll ist: es kostet immer noch keinen Eintritt, das finde ich etwas ganz Besonderes. Hoffentlich gibt es immer genug Sponsoren, damit das so bleiben kann.

Gut fände ich, wenn die vorderen Reihen vor der Bühne wieder für die Allgemeinheit zugänglich wären, weil dort manchmal einfach zu wenig eingeladene Gäste sitzen und sich ganz viel Publikum hinter der Absperrung drängt, aber der Abstand zur Bühne dann zu groß ist und man so als Akteur nur schwer den wichtigen Kontakt zum Publikum bekommt.

Dr. Iliev, der Gründer und Organisator des Festivals wünschte sich zum 20. Jubiläum, dass das Bansko Jazz Festival genauso bekannt und beliebt wird wie das legendäre Festival in Montreux. Was würdest Du dem Festival als Künstler und Unternehmer empfehlen, um dieses Ziel zu erreichen?

Meine Empfehlung ist, sich Montreux nicht als Ziel zu setzen, weil es was ganz anderes ist. Man kann das, finde ich, nicht gleichsetzen und warum auch?!

Bansko steht für sich und ist ein gutes internationales Festival und ist mit den Jahren ja auch bekannter geworden und wird es auch noch immer mehr.

Und ich finde, es hängt ja viel am Geld, was bei den „großen“ Festivals zur Verfügung steht. Mit viel Geld kann man viel Werbung machen und die ganz großen Stars einladen (Montreux). Dann ist es natürlich „ganz groß“.

Aber das Bansko Festival hat seine eigene Größe und ist auch Einzigartig. Das finde ich das wertvollste als Musiker. Und das alles ist Emil Iliev zu verdanken. Es ist seine Arbeit. Bewundernswert.

Was/wen würdest du noch gern dem Publikum in Bansko vorstellen?

Am liebsten würde ich mein Soloprogramm den Menschen in Bansko vorspielen. Aber das geht auf der Open Air Bühne nicht so gut, weil im Soloprogramm musikalisch sehr viele leise Momente sind. Das ginge gut in dem dortigen Konzertsaal.

Ansonsten fände ich es auch schön, wenn da mal John Scofield spielen würde. Ich bin ein großer Fan von ihm.

Wie sehen Deine Pläne aus?

Immer wieder neue Stücke komponieren, Konzerte geben, gesund bleiben.

Was wünschst du Dir und dem Festival für die Zukunft?

Dem Festival wünsche ich für die Zukunft, dass es noch viele Jubiläen zu feiern hat und mir, dass ich immer wieder mal mit einem musikalischen Beitrag dabei sein darf.

Gerd Baier
piano and composition
gerdband

www.gerdbaier.de
facebook/gerdband

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Gerd Baier, geboren 1961 in Heidelberg, entdeckte die Musik im Alter von drei Jahren. Nach seiner professionellen Ausbildung schien eine Karriere als klassischer Pianist offensichtlich.
Als er jedoch mit zeitgenössischer Musik in Berührung kam, wurde er so begeistert, dass er beschloss, mit Traditionen zu brechen und sich dem Jazz und der modernen Musik zu widmen.

Seitdem entwickelte er einen eigenen Stil, in dem verschiedene musikalische Richtungen miteinander verschmelzen. Gerd Baier engagiert sich in verschiedenen Projekten, hauptsächlich mit seinen eigenen Kompositionen von modernen und zeitgenössischen Jazz.

Zahlreiche Auftritte bei allen wichtigen Jazz Festivals folgten, bei denen er u.a. neben Al Jarreau und David Sanborn mit seiner Formation „NorthSide Quartet“ auftrat.

Seit 2005 stellt er regelmäßig seine neuen Kompositionen in New York vor. Im Februar 2009 erschien er in der New York Times, in einer Rezension über sein Projekt „Perpetuum“, eine Zusammenarbeit mit Philipp Gutbrod und der Tänzerin Emma Desjardins, Mitglied der Merce Cunningham Dance Company in New York.

Kategorien: Frontpage · Musik · Szene

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