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Artist of the Week – Heinz-Christian Schill

4 November, 2010 von · Keine Kommentare

Hans-Christian Schill

Geboren 1939 in Freiburg i. B.
Berufsziel: Priester, Bischof, Kardinal, Papst in Rom.
Wurde dann aber Konditorlehrling, Versicherungskaufmann … dann 4 Jahre Musikhochschule Freiburg, Meisterklasse für Violine.
Dann Violinist im Philharmonischen Orchester der Stadt Freiburg.
Nach 2 Jahren Umzug nach Hamburg, dort lange Jahre als Computerspezialist tätig.

Seit 10 Jahren arbeitet er als „freier Maler – gibt “in Maßen“ Violinunterricht.

Das Interview wurde in bulgarischer Sprache mit Rossitza Yotkovska geführt und wird auch auf der bulgarischen Seite von Public Republic erscheinen.
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Mit Heinz-Christian lernten wir uns vor Jahren in Hamburg kennen, d.h. zunächst entdeckte ich eines Tages in der Universität am schwarzen Brett folgende Anzeige:

Deutscher Kunstmaler, Geiger,
sucht bulgarischen Gesprächspartner
für ungezwungene Unterhaltungen in der
bulgarischen Sprache.

Für eine Bulgarin, die unter Bulgaren in Deutschland lebt, die ihre Unterhaltungen lieber auf Deutsch führen, ist eine solche Anzeige ein richtiges Abenteuer.

Unsere Bekanntschaft erwies sich noch interessanter: Heinz-Christian ist eine Persönlichkeit, dessen „Rollenfächer“ sehr breit sind. Sein ganzer Lebensstil ist durch seine „Darstellungskunst“ gekennzeichnet: Deutscher von Geburt, tritt er gerne als Bulgare auf; Computerspezialist von Beruf, bekundet er seine Begabungen als ausgezeichneter Maler, außerdem ist er ein anerkannter Geiger.

In den folgenden 2 Jahren trafen wir uns regelmäßig und führten interessante Gespräche auf Bulgarisch. (Er hat mir streng verboten, auch nur ein einziges deutsches Wort zu benutzen.) Irgendwann fragte er mich dann beiläufig: Kannst Du überhaupt Deutsch?

Später ging ich nach Bulgarien zurück und wir hatten uns einige Jahre aus den Augen verloren. Verloren schon, aber nicht vergessen: Ich stelle Ihnen Heinz Christian Schill vor.
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Heinz-Christian, Du siehst Dich selbst irgendwie als „multiple Persönlichkeit“: Maler, Geiger, „Bulgare im Geiste“. Ich schlage vor, dass wir uns zunächst mit dem „Maler“ beschäftigen.

Aber Ja! – mit sehr großem Vergnügen!
Ich zeige hier eine Kugelschreiber-Zeichnung, die ich vor einigen Jahren mit Unterstützung einer halben Flasche Rotwein angefertigt habe.

Hans-Christian Schill

Eines Tages – Jahre später – dachte ich: „Dieser wunderschöne Einfall hat es doch wirklich verdient, mir zu einem weiteren Bild zu verhelfen.“ Ich fand dann ein von mir selbst gemachtes Foto mit welkem Laub.
Hier ist es:

Hans-Christian Schill

Dann, mithilfe eines Computerprogramms, legte ich beide Bilder übereinander. Hier ist das Ergebnis:

Hans-Christian Schill

Das Ganze wurde dann auf Leinwand gedruckt in der Größe 70 x 50.
Und erst danach begann ich mit der Arbeit – oder besser mit dem Vergnügen – des „Malens“. Wichtig ist, viele Strukturen und Farb-Wirkungen waren ja zufällig entstanden – und so entwickelte ich mit Akryl und Öl das eigentliche Bild.

Hans-Christian Schill
„Uralte Legende“ – Öl/Akryl, 70 x 95

Heinz-Christian, wir haben oft über den Begriff des „Zufalls“ in Deinen Bildern gesprochen. Das ist ein von Dir hochgeschätzte Element, ist es nicht so?

Genau so ist es! Ich habe z.B. viele meiner Bilder auf der Basis „Fotos von welkem Laub“ entwickelt.
Hier 3 wunderschöne Beispiele:

Hans-Christian Schill
„Narrenfahrt“ – Akryl/Öl, 70 x 105

Hans-Christian Schill
„Gosse Oper II“ – Akryl, 80 x 70

Hans-Christian Schill

Gibt es eine Vorplanung Deiner Bilder – oder eine Vorzeichnung – oder ist es eher so, dass diese sich irgendwie von selbst entwickeln?

Das letztere ist natürlich der Fall, Du weißt es, ich weiß es, aber danke, dass Du mir Gelegenheit gibst, diesen Fakt immer wieder erneut zu unterstreichen.

Ich habe vor einigen Jahren eine Art „Credo“, was meine Malerei betrifft, entwickelt – auch heute habe ich eigentlich nichts hinzuzufügen, ich kann nur sagen „ER hat immer noch völlig recht!“

Meine Bilder und Zeichnungen entstehen ohne einen bestimmten Plan und entwickeln sich irgendwie nach dem Zufallsprinzip. Sie sind nie abgeschlossen, irgendwann reicht es eben. Oft sind sie dann maßlos überfüllt, was aber beabsichtigt ist … und sie verstoßen gerne gegen die “Regeln” nach dem Motto:
“Warum den einfach, wenn es auch kompliziert geht”.

Die Bilder entwickeln sich langsam, sie wachsen wie fremde Pflanzen und man weiß nie, was daraus werden wird. Sie wollen nicht symbolisch oder tiefenpsychologisch gesehen werden, und sie drücken keine Gefühle aus. Ich fange das Bild zwar an, aber bald übernimmt es die Regie – ich betreue nur.
Das Bild wuchert sozusagen von allein, es schwadroniert – und am Ende versteht man gar nichts.

Als Autodidakt arbeite ich aus dem Bewusstsein heraus, niemanden verpflichtet zu sein. Ich spekuliere auf niemanden Geschmack und male nicht in eine bestimmte Richtung. Ich strebe keine “Handschrift” an.

Die Bilder haben weder ein Anliegen noch ein bestimmtes Programm. Es handelt sich um unsinnige, oft auch für mich selbst rätselhafte Erfindungen, die darauf bedacht sind, den Betrachter zu erfreuen – und manchmal auch zu verwirren.

Und als begeisterter Betrachter sieht sich – sozusagen in der ersten Reihe – vor allem der Maler selbst.

Hans-Christian Schill
„Frühling – Sommer – Herbst – Winter“

Welche Rolle spielt der Film «Опасен чар» /”Gefährliche Charme“/ für Dich als „Bulgarist“?

Diesen Klassiker des bulgarischen Films sah ich 1993 in Varna im Fernsehen. Obwohl ich nicht e i n Wort verstand, war ich hingerissen von der Handlung, den Darstellern und der ganzen Ausstrahlung überhaupt. Ich besorgte mir dann gleich eine Videokassette – und, wie es der Zufall will, fand ich das gleichnamige Taschenbuch auf dem „Flohmarkt“ in Varna.

In Hamburg sprach mir ein bulgarischer Student – Ivo Marinski – dann die Dialoge des Films s e h r langsam auf eine Kassette, die ich dann immer und immer wieder anhören konnte. Die kyrillische Schrift hatte ich mir schon angeeignet – so konnte ich diese Dialoge mühsam und sorgfältig aufschreiben. Also Hören, Lesen, Schreiben und Sprechen.
Mit Ivo habe ich in der Folgezeit dann oft bulgarisch trainiert, so wie später auch erfolgreich mit DIR, liebe Rosi.

Schon 1994, bei meinem nächsten Aufenthalt in Varna, hatte ich ein umfangreiches Repertoire an Worten und Redensarten – alles ausschließlich aus diesem Film.
Ich sprach irgendwie wie ein Papagei – bei den Leuten machte das gewaltigen Eindruck: „ … dieser Deutsche kann ja tatsächlich bulgarisch!“
Der Nachteil war: wenn die Leute dann m i c h ansprachen, fragten, reagierten auf Bulgarisch, verstand ich fast gar nichts.

Es war also wichtig für mich, ich wollte so schnell als möglich w i r k l i c h bulgarisch beherrschen.
Meine Methode: Ich ließ mir einzelne Artikel aus Zeitungen – und zwar ausschließlich Interviews – langsam auf Band sprechen.
In Hamburg konnte ich dann Lesen und Hören.

Die ersten Worte des kleinen Romans – der übrigens n a c h dem Film geschrieben wurde – habe ich auf der folgenden Zeichnung verewigt.

Hans-Christian Schill
“Общирният хол беше претрупан“
/„Das geräumige Wohnzimmer war überfüllt ….“/

Hans-Christian Schill

Du behauptest, dass Deine Bilder keinerlei Gefühle ausdrücken. Haben doch Deine Gefühle mit den Bildern nichts zu tun?

Meine Bilder sind im Grunde Theaterbühnen. Die Handlung ist immer dramatisch, aber unerklärlich, die Darsteller unbekannt und geheimnisvoll.

Während dieser Tätigkeit – Malen/Zeichnen – denke ich kaum nach, aber immer höre ich dabei Musik. Händel-Opern und -Oratorien, Bach und nochmals Bach, sowieso Mozart, auf alle Fälle Brahms, Schumann.
Ich glaube, dass die gefühlsmäßige Unerklärbarkeit und die oft pathetische Schönheit dieser Musik sich in meinen Bildern widerspiegelt.

Hans-Christian Schill
„In der Kathedrale” – Öl, 100 x 70

Hans-Christian Schill
„Gesungen und Getanzt“ – Öl, 60 x 50

Auf welche Art unterscheidet sich, Deiner Ansicht nach, der Bulgare vom Deutschen, und wie würdest Du aus den beiden Persönlichkeiten den Idealen Weltbürger formen?

Liebe Rosi, auf diese Frage habe ich geradezu – aber unbewusst – gewartet. Mit Nichts anderem als mit dieser Aufgabe bin ich in meinen Werken unablässig beschäftigt, nur die Lösung habe offensichtlich immer noch nicht gefunden.

Ich will es erklären. Bisher habe ich ungefähr 240 Bilder und Zeichnungen erschaffen. Anlässlich einer vor kurzem stattgefundenen Ausstellung von 74 meiner Bilder und Zeichnungen in meinem Wohn-Atelier hat eine interessierte Besucherin sich die Mühe gemacht, alle auf diesen Werken versammelten Gestalten und Gesichter zu zählen.
Das Ergebnis war 458 (vierhundertachtundfünfzig).

Wir waren einschließlich meiner Person zu fünft. Niemand wollte es zunächst glauben, d.h. jeder hat für sich nochmals gezählt, immer ein anderes Ergebnis. Der Grund war einfach der, dass sich auf den Papieren und Leinwänden auch halbfertige, oder unklare Geschöpfe tummeln. (Tier oder Mensch oder Pflanze oder was weiß ich nicht). D.h., hochgerechnet auf die insgesamt ungefähr 240 seiner Werke, hat der „Meister“ also ungefähr fast 2000 Geschöpfe in die Welt gesetzt.

Euer von mir hochgeschätzte bulgarische Zeichner und Maler Evgeni Bosiatzki hat vor ca. 10 Jahren in einem Interview gesagt: „Der Maler ist eigentlich wie Gott, ständig erschafft er neue Geschöpfe, die es vorher nicht gegeben hat […]“ Den Zeitungsartikel habe ich heute noch, er gehört zu der Sammlung von Interviews, mit denen ich damals bulgarisch trainiert habe. Leider ist der Maler vor ca. einem halben Jahr verstorben.

Im folgenden zeige ich einige Bilder, die typisch für meine Manie sind, überall Gesichter und Gestalten zu entdecken und auszuformen – oder auch nicht.

Hans-Christian Schill
„Tag-Traum / Nacht-Traum“ – Bleistift, 40 x 26

Hans-Christian Schill
(Noch ohne Titel) – Akryl/Öl, 60 x 43

Hans-Christian Schill
„Romeo und Julia“ – Graphit, 46 x 34

Was für Bilder hast Du z.Zt. in Arbeit? Vielleicht kann man einige sehen und wenn möglich, machst Du einen Kommentar dazu.

Diese Frage kommt mir wie gerufen, ich danke ganz herzlich. Bei dieser Gelegenheit kann ich mir, sozusagen, „einen kleinen Ärger“ von der Seele reden.
Erlaube aber bitte eine Korrektur deiner Frage. Der Begriff „in Arbeit“ gefällt mir nicht – ich bin von Natur aus ziemlich „faul“ – im ganz positiven Sinne. Besser also:

Mit welchen Bildern hast Du z.Zt. das Vergnügen?

Ich will zunächst den „kleinen Ärger“ erklären:
Hier in der Nähe – in Hamburg-Pöseldorf – gibt es ein Damenstift, etwas wie eine Art Kloster, es gibt auch eine s.g. Äbtissin. Im Laufe der Jahre hatte ich dort hin und wieder mit meinen Musik-Kollegen einen Streichquartett-Abend veranstaltet.

Die Mutter-Äbtissin kennt mich also – auch als Maler – und hatte bei mir einen „heiligen Johannes“ bestellt, der in ihrer kleinen Privatkapelle hängen sollte. Ich hatte ihr dann zwei-drei Entwürfe gemacht.

Diese letzte Fassung fand dann die helle Begeisterung der frommen Frau, und der Entwurf wurde den anderen Damen des Hauses vorgestellt.

Hier also das Bild: (wie gesagt, ein Entwurf, die endgültige Fassung wird die Größe 1,87 x 1,24 haben, auf Leinwand gemalt und in einen kostbaren goldenen Barockrahmen gefasst.)

Hans-Christian Schill
Entwurf für „Heiliger Johannes mit den Tieren des Waldes“

Hier nun begann der Ärger – die Besatzung des Stiftes ist in etwa zwei gleich große Lager gespalten: – PRO und KONTRA – und wegen des Bildes nun völlig zerstritten. Was kann man da machen?

Ich hatte auf der vorhergehenden Fassung des Gemäldes den heiligen Mann „ohne Lendenschurz“ – so wie sich das eigentlich gehört – dargestellt. Ein Blick in die Kunstgeschichte genügt. (Caravaggio, Pontormo, Michelangelo usw. usw.)

Die einen bevorzugen nun „mit Lendenschurz“, die anderen „ohne“ (die ehrwürdige Äbtissin ist übrigens für „ohne“.)

Übrigens hatten zwei der frommen Damen doch allen ernstes vorgeschlagen, dem Heiligen eine richtige Badehose zu verpassen. Dieses lehne nun wieder ICH als Maler entrüstet ab. (Nur über meine Leiche!)
Nun soll demnächst seine Eminenz, der Erzbischof von Hamburg, entscheiden.

Lieber Heinz-Christian, das ist ja nun wirklich „starker Tobak“, wie man in Hamburg sagt:)
Kann man auch die anderen Werke sehen, mit denen Du zur Zeit das Vergnügen hast?

Gerne – aber nicht alle, das würde den Rahmen sprengen.

Hans-Christian Schill

Dieses herrliche Werk habe ich vor 7 Monaten begonnen – kann mir mal jemand sagen, wie es weitergehen soll?

Hans-Christian Schill

Auch hier bin ich noch nicht zufrieden – vielleicht zu wenig bevölkert? Ich möchte auf jeden Fall noch einen Bischof hineinmalen.

Es gibt noch 6 – 8 angefangene Bilder / Zeichnungen, die ich aber hier nicht zeigen will.

Hans-Christian Schill

Wie bereits gesagt – irgendwie noch nicht fertig.

Lieber Heinz-Christian, meine Fragen über die Persönlichkeit des „Bulgaristen“ hast Du nur teilweise beantwortet. Wie Du mir schon gesagt hast, gibt und gab es für Dich in Bulgarien im Laufe der Zeit auch viele interessante – ernste und lustige – Erlebnisse und Eindrücke, die erzählenswert sind. Ich halte mir also das Recht vor, mich damit zu einem späteren Zeitpunkt – in einem neuen Interview – zu befassen.

Einverstanden!

Es ist tatsächlich so, dass das Haupt-Augenmerk meines Auftritts auf der Bühne „Public Republic Art“ auf den „Maler und seine Bilder“ gerichtet war.
Ich danke Dir und der Chefredakteurin Natalia Nikolaeva ganz herzlich für die große Ehre und Freude, mich auf diese Art vorzustellen zu können.

Die Leser – und vor allem auch die bulgarischen Landsleute – sind immer willkommen mich zu besuchen, um „bei Speis und Trank“ meine Bilder und Zeichnungen anzusehen.

Als Abschluss zeige ich noch einige „freundliche Bilder“.

Hans-Christian Schill
„Im Blickpunkt“ -Farbkreide

Hans-Christian Schill
„Juvenile Übertreibung“ – Öl auf Holz

Hans-Christian Schill
„Im Garten der Leonore“ – Akryl/Öl, 50 x 40

Hans-Christian Schill
„Tagtraum“ – Farbkohle, 30 x 20

Hans-Christian Schill
„Der goldene Hahn“ – Öl auf Leinwand

Hans-Christian Schill
„Ohne Titel“ – Öl auf Leinwand, 55 x 38

Kategorien: Art Café · Frontpage · Visual Arts

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