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Artist of the Week — Ilia Karadjov

17 August, 2011 von · Keine Kommentare

Ein Interview von Petya Hristova

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Ilia Karadjov: “Die Lehrtätigkeit gibt mir immer wieder neue Impulse für mein eigenes Flötenspiel…Ich sehe es auch als wichtige Aufgabe, Kinder, Jugendliche und Erwachsene an die Musik heranzuführen.”

Vom 17. Mai bis 25. Juni 2011 hat das 42. Internationale Festival Musikwochen in Sofia stattgefunden. Sie haben ein Konzert anlässlich des 85. Jubiläums der Geburt des genialen bulgarischen Geigers und Ihres Onkels Vasco Abadjiev gegeben. Würden Sie mehr darüber erzählen?

Es war für mich und Jakob Weber eine große Ehre in Erinnerung an meinen Onkel mütterlicherseits am 12.06.11 in einem Saal des „NDK“ in Sofia ein Konzert zu geben. Das Konzert fand im Rahmen des Festivals statt und wurde vom Club Unesco „Leonardo da Vinci“ Sofia (www.unesco-ldv.com) organisiert.
Der Club ist auch Herausgeber des 2009 in Bulgarien erschienenen Romans „Schakona Passion“ von Margarit Abadjiev (margaritabadjiev@yahoo.com), ein Roman, der das Leben des Geigers Vasco Abadjiev zum Thema hat.
In der Mitte des Konzertes hat der Club Unesco den Roman vorgestellt und einige Passagen daraus vorgelesen.

Sie haben mit Ihrem Schüler Jakob Weber berühmte Arien aus Mozart-Opern gespielt. Wie schätzen Sie die Reaktion des Publikums ein?

Dem Publikum schienen diese Bearbeitungen von Arien aus Mozart-Opern für 2 Querflöten sehr gut zu gefallen. Es gab nach jeder Arie Applaus, was wir bei unseren Konzerten in Deutschland mit diesem Programm nicht erlebt haben. Nach dem Konzert kamen zahlreiche begeisterte Zuhörer auf uns zu und wollten Autogramme auf Ihre Programme.

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Wie fanden Sie die Organisation der Veranstaltung? Sind Sie der Meinung, dass die Bulgaren ihre Künstler bewundern und achten?

Wie schon erwähnt, war für die Organisation der Club Unesco verantwortlich. Seit Jahresbeginn war ich mit der Vorsitzenden des Clubs regelmäßig per eMail in Kontakt, um alles für das Konzert zu besprechen. Ich denke, dass der Club seine Arbeit gut gemacht hat. Er hat Plakate, Einladungen und Programme drucken lassen.

Vermisst haben wir die Presse. Ein angekündigter Vertreter von einem Radiosender ist leider nicht gekommen.
Bedauerlicherweise hat die Festivalleitung uns einen Saal im NDK zugewiesen, der für Popularmusik bzw. Jazz gut geeignet ist aber nicht für ein Konzert mit klassischer Musik. Die akustischen Verhältnisse des „Studio 5“ haben den Klang unserer Querflöten eher negativ beeinflusst.

Seit einigen Jahren gibt es immer mehr Bulgaren, die Vasco Abadjievs geniales Geigenspiel bewundern und sich für sein Gedenken einsetzen. Während des Kommunismus wurde er in Bulgarien totgeschwiegen, weil Vasco und seine Eltern 1955 nach West-Deutschland geflüchtet waren und er öffentlich die damaligen bulgarischen Machthaber kritisiert hat. Erst viele Jahre nach der Wende in Bulgarien begannen allmählich Musiker und Intellektuelle den Geiger Vasco Abadjiev in die bulgarische Öffentlichkeit zu bringen in Form von Büchern über sein Leben, CD-Veröffentlichungen von historischen Aufnahmen, eine Webseite im Internet und der erwähnte Roman.

Sie sind Flötist. Warum haben Sie die Flöte gewählt und der Flöte Ihr Leben gewidmet?

Im Alter von 6 Jahren habe ich begonnen Blockflöte zu lernen. Da war es naheliegend mit 12 Jahren auf das größere Orchesterinstrument Querflöte zu wechseln. Dies wurde von meiner damaligen Musiklehrerin des Gymnasiums gefördert, die mir eine Querflöte der Schule hat mit dem Satz in die Hand gedrückt hat: Probier doch mal aus, ob dir diese Flöte gefällt?
So ist sie dann zum Instrument meines Lebens geworden. Das Erlernen des Querflötenspiels wurde auch von meiner Mutter, der jüngeren Schwester von Vasco Abadjiev, gefördert. Ich habe während meiner Schulzeit an mehreren Jugend-Musikwettbewerben mit Erfolg teilgenommen. Als Jugendlicher war für mich schon klar, dass ich Musik studieren werde.

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Lassen Sie sich von Vasco Abadjievs Violinenspiel, von seinen Tonaufnahmen inspirieren?

Ich höre öfter historische Aufnahmen von ihm, die ich auf CDs oder auf Musikkassetten besitze. Ich spüre, dass ich dadurch angeregt werde, in meinem Flötenspiel ähnlich ausdruckvoll und voller Musikalität zu musizieren, wie er es getan hat.

Sie sind in Berlin geboren und haben Ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht. Was bedeutet Bulgarien für Sie?

Ich kann nicht verleugnen, dass Deutschland meine 1. Heimat ist. Aber da Bulgarien die Heimat meiner Eltern ist, fühle ich mich auch dort wie zu Hause. Das Land ist meine 2. Heimat. Weil ich auch Bulgarisch spreche, habe ich auch einen engen Bezug zur bulgarischen Kultur.

Im Rahmen eines Musikerziehungsprojekts der Barenboim-Said Stiftung haben Sie 2008 bis 2010 Kindern im Westjordanland (Westbank) Musikunterricht erteilt. Was für Erfahrungen haben Sie da gesammelt? Wie wirkte sich der Aufenthalt auf Ihre künstlerische Wahrnehmung aus?

Es war sehr interessant dort selber zu erfahren, dass Musik eine internationale Sprache ist. Arabische Kinder und Jugendliche, die von zu Hause aus fast gar nicht mit europäischer, abendländischer Musik in Berührung gekommen sind, interessierten sich plötzlich sehr für diese Musik im Zusammenhang mit dem Erlernen des Instrumentes. Für viele unserer Schüler war der Besuch der Musikschule am Nachmittag die einzige Freizeitbeschäftigung. Die meisten Kinder waren sehr motiviert und einige überdurchschnittlich begabt. Meine begabteste 16jährige Schülerin sagte einmal: „Die Musik versetzt mich in eine bessere Welt. Unsere Welt ist nicht gut“. Und sie meinte damit ihre Heimat, das von Israel besetzte Westjordanland, in dem das Leben sehr schwierig ist.

Während meines 2jährigen Aufenthalts im Nahen Osten habe ich auch sehr viel arabische Musik von ausgezeichneten Musikern gehört. Das hat mich noch weiter in meiner Auffassung bestätigt, dass die arabische Musik künstlerisch auf dem gleichen Niveau anzusiedeln ist wie die klassische abendländische Musik.

Sie unterrichten Querflöte an einer Musikschule in Norddeutschland. Sind Sie zufrieden als Lehrer?

Ich unterrichte sehr gerne. Die Lehrtätigkeit gibt mir immer wieder neue Impulse für mein eigenes Flötenspiel. Manchmal lernt man auch von den hochbegabten Schülern dazu. Ich sehe es auch als wichtige Aufgabe, Kinder, Jugendliche und Erwachsene an die Musik heranzuführen.

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Welches sind Ihre Lieblingsmusikstücke? Was spielen Sie auf der Flöte noch gerne?

Die Werke von Mozart gehören zu meiner Lieblingsmusik. Leider hat er nur 3 Solo-Konzerte für Flöte und Orchester komponiert, die ich sehr gerne spiele. Des weiteren gibt es in Mozarts Sinfonien und Opern sehr viele und wunderschöne solistische Stellen für die Flöte.

Außerdem spiele ich sehr gerne Flötenkompositionen französischer Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts. Während meiner 2jährigen Tätigkeit in Palästina habe ich mit einem englischen Pianisten ein Konzertprogramm mit französischer Flötenmusik einstudiert und in vielen Orten des Westjordanlandes (Westbank) damit Konzerte gegeben.

Welche der anderen Kunstarten gefallen Ihnen? Haben Sie einen Lieblingsmaler, Lieblingsbücher?

Neben der Musik gefällt mir am meisten die Bildende Kunst, vor allem die französischen Maler des Impressionismus, u. a. Renoir und Monet. Zu meinen Lieblingsbüchern gehören die Romane von Thomas Mann.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Der berühmte deutsche Dirigent Wilhelm Furtwängler hat einmal einen Journalisten gesagt, der ihm auch diese Frage gestellt hat, Freizeit, wie sie Leute verstehen, die z. B. in einem Büro arbeiten, kenne er nicht. In unserem Beruf reicht die musikalische Betätigung und die Beschäftigung mit Musik weit in die sogenannte Freizeit hinein. Wenn ich mir z. B. abends ein Konzert anhöre oder in die Oper gehe, was ich sehr gerne tue, mache ich das in meiner „Freizeit“. Außerhalb der Beschäftigung mit der Musik betätige ich mich sehr gerne sportlich: joggen, schwimmen, Rad fahren, Ski fahren. Diese Sommerferien werde ich mit Freunden in den bulgarischen Bergen 2 Wochen wandern.

Wie würden Sie Ihre musikalische Kunst mit einem Wort beschreiben?

Emotionen, Liebe. Musik und auch das Spielen von Musik hat viel mit diesen Gefühlen zu tun.

Lieber Herr Karadjov, vielen Dank für dieses Interview!

Fotos: Ilia Karadjov

Ilia Karadjov studierte Musik mit dem Hauptfach Querflöte in seiner Heimatstadt an der Universität der Künste Berlin. Zahlreiche Meisterkurse u. a. bei Prof. Karl-Heinz Zöller (Hamburg), Prof. Eckart Haupt (Dresden) rundeten sein Können ab.
Seit 1990 arbeitet er als Flötist in verschiedenen Orchestern und Kammermusikensembles. Von 2004 bis 2007 unterrichtete er Querflöte, Blockflöte und Saxophon an der Musikschule Arnstadt-Ilmenau (Bundesland Thüringen). Seit 2007 ist er Musikpädagoge an der Musikschule Norden (Bundesland Niedersachsen) für Querflöte, Saxophon und Kammermusik.
Von 2008 bis 2010 erhielt er von der Barenboim-Said Stiftung den Auftrag, Kinder im Westjordanland (Palästina) Instrumentalunterricht zu erteilen und selbst Konzerte zu geben. Ziel dieses Musikerziehungs-Projektes ist es, Frieden und Aussöhnung im Nahen Osten durch Musik zu fördern.

Kategorien: Art Café · Frontpage · Modern Times

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