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Artist of the Week – Ilija Trojanow “Heimat existiert nur als Plural, wird sprachlich aber meist im Singular verwendet.”

16 Oktober, 2017 von · Keine Kommentare

Interview von Dessislava Berndt mit dem Autor, Publizisten, Übersetzer und Verleger Ilija Trojanow

Die CityKirche in Wuppertal ist für ihr qualitativ gutes und anspruchsvolles Veranstaltungsprogramm sowie für die gute Zusammenarbeit mit anderen Partnern bekannt. Auf Einladung des katholischen Bildungswerks und in Kooperation mit der Buchhandlung v. Mackensen und dem Kulturbüro der Stadt Wuppertal wurde die CityKirche für einen Abend Heimat von gesellschaftspolitisch interessierten Menschen und begeisterten Lesern. Diese hatten das große Glück, den mehrfach ausgezeichneten Autor Ilija Trojanow bei seiner Lesung und im Gespräch mit Hubert Spiegel von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zu erleben.

Zahlreiche Ausschnitte und Geschichten aus dem neuen Buch „Nach der Flucht“ wurden mit viel Humor präsentiert und kommentiert. Wenn Sie ihr Land verlassen mussten, werden Sie sich mit Sicherheit darin finden. Mehr noch. Der Autor spricht einem einfach aus dem Herzen. Das Thema „Flucht“ hat ihn die ganzen Jahre begleitet und unterbewusst so sehr beschäftigt, dass das Buch in wenigen Wochen „eruptiv“ entstanden ist.

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Und wenn Sie keine solche Erfahrung gemacht haben, sollten Sie das Buch erst recht lesen. Es ist ein Versuch, anderen diese Erfahrungen und dann hoffentlich mehr Verständnis für die „eigene Kategorie Mensch“ -den Geflüchteten- beizubringen. Herr Trojanow hat eine bedeutende Stimme in Deutschland und im Ausland. Hoffentlich erreicht diese durch das Buch noch mehr Menschen und findet mehr Beachtung in öffentlichen Debatten.

Im Folgenden lesen Sie unser Interview mit Ilija Trojanow, der mehrfach Gast bei uns war.

Was ist für Sie Heimat?

Da müssen Sie das neue Buch lesen (lacht), weil ich tatsächlich die 100 Seiten gebraucht habe, um zu zeigen wie schwierig die Frage nach Heimat ist und wie komplex, vielschichtig, kaleidoskopisch und fragmentarisch sich für einen Geflüchteten diese Frage immer wieder stellt. Also die Frage ist quasi nicht zu beantworten und in einem Satz zusammenzufassen.

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Ilija Trojanow im Gespräch mit Hubert Spiegel, Foto: desenze

Die ist deswegen nicht zu beantworten, weil man bei dem Begriff Heimat erst einmal bei jedem Gespräch klären müsste „Was meinen Sie überhaupt unter Heimat?“. Das ist ein unglaublich diffuser Begriff.

Wo sind Sie dann zu Hause?

Das ist einfach: In meiner Wohnung, bei den Menschen, die ich liebe. Das ist aber bei jedem Mensch so, glaube ich.

Warum beschäftigt Sie das Thema „Flucht“ wieder einmal? Mit dem Roman „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ hatten Sie sich dies bereits 1996 vorgenommen?

Erstens, weil das Thema unerschöpflich ist. Zweitens, weil jene, die eine Fluchterfahrung haben, bei den öffentlichen Debatten ziemlich selten zu Wort kommen.

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Ilija Trojanow im Gespräch mit Hubert Spiegel, Foto: desenze

Es reden unglaublich viele Leute über Migration, Flucht, Flüchtlinge, aber die allermeisten Leute, die darüber reden, haben selber keine persönliche Erfahrung und ich glaube schon, dass es einen großen Unterschied macht.

Die Reaktion auf das Buch hat es bewiesen. Ich habe so viele Zuschriften bekommen wie noch nie zuvor von sehr, sehr vielen Menschen mit einer ähnlichen Biographie wie wir beide, die mir alle gesagt haben, sie haben zum ersten Mal etwas gelesen, das ihrer Lebenserfahrung entspricht.

Weil ich tatsächlich glaube, dass jemand, der das nicht erlebt hat, manches einfach nicht versteht. Es ist der Versuch den anderen zu erklären was es bedeutet.

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Ilija Trojanow in der CityKirche Wuppertal, Foto: desenze

Viele der Phänomene sind unabhängig davon aus welchen Gründen man in ein anderes Land geht. Das ist für das restliche Leben nicht so entscheidend, ob man aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen oder aus anderen Gründen geflohen ist.

Wenn man das eigene Land verlässt und in ein anderes geht, ist man zwischen den beiden hin- und hergerissen. Was hat Ihnen geholfen, damit umzugehen?

Es hat mir geholfen irgendwann diesen Zustand zu umarmen und nicht als Problem zu sehen, sondern als eine Chance und zu sagen, das hat natürlich bestimmte Belastungen und bestimmte Zumutungen, aber es eröffnet mir sehr viele Perspektiven, sehr viele Möglichkeiten, die andere Menschen nicht haben.

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Ilija Trojanow nach der Lesung, Foto: desenze

Insofern ist es ganz einfach: Das ist die Frage, ob man das Glas als halb leer oder halb voll bezeichnet. Man kann es als großen Gewinn für sich selber ansehen.

Was kann man über den Menschen Trojanow sagen?

Das weiß ich nicht. Es gibt ein schönes afrikanisches Sprichwort der Shona aus Simbabwe: „Mensch kann man immer von den anderen genannt werden.“ Ich glaube, dass es eine sehr profunde Weisheit ist. Man sieht sich selber nicht.

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Der Buchtisch der Buchhandlung v. Mackensen, Foto: desenze

Eine der Einsichten, die man gewonnen hat – wenn man ein bisschen gelebt hat – zeigt, dass das Selbstbild und das Fremdbild nie deckungsgleich sind.

Insofern bin ich manchmal überrascht über positive Beschreibungen meiner selbst, die ich höre und entsetzt über negative Beschreibungen und beides ist mir nicht so bewusst. Die Frage müssen also andere beantworten.

Sie können gar nicht sagen, ob Sie beispielsweise ein lustiger oder ein nachdenklicher Mensch sind?

Ich glaube, dass man als Schriftsteller immer nachdenklich ist und die Bücher zeigen es. Es gibt fast kein Buch von mir, das kein Humor hat. Humor ist sehr wichtig für mich und ist ein Impfstoff gegen Verzweiflung, gegen Misanthropie. Ohne Humor ist es schwierig.

Also, Humor und vielleicht die Reiselust zeichnen Sie aus?

Ja, aber Reisen sind kein Charakteristikum von mir. Man kann quasi ganz unterschiedlich sein und trotzdem reisen. Das bezeichnet einen Menschen nicht. Bei mir ist das Reisen eine Folge der Biographie. Wir sind so oft umgezogen. Ich bin aufgewachsen in verschiedenen Ländern, Kontinenten. Das ist für mich normal, ist aber nicht bewusst gewählt worden.

Und was ist mit dem Zufußgehen?

Das ist eine spätere Entdeckung von mir. Ich habe festgestellt, dass das Zufußgehen die adäquate Form der Annäherung an die Fremde ist.
Eigentlich nur zu Fuß kann ich die Welt so wahrnehmen wie ich es mir ersehne. Es ist eine Art Kulturtechnik.

Sie wurden mehrfach ausgezeichnet. Was bedeuten Ruhm und Bekanntsein für Sie?

Nicht viele Auszeichnungen sind erfreulich. Es werden zwar mehr Bücher verkauft und man bekommt Preisgeld, was sehr praktisch ist, aber es hilft mir nicht bei der Arbeit. Die Arbeit eines Schriftstellers ist immer schwierig und extrem unsicher, weil man mit jedem Buch neu anfängt und nicht weiß, ob es gelingen wird. Da spielt es keine Rolle, ob man einen bekannten Namen hat oder nicht, ob man Preise bekommen hat oder nicht.

Jeder sich selbst ernst nehmender Künstler macht sich selber Druck. Seriöser Künstler zu sein bedeutet, einen hohen Anspruch an sich selbst zu haben. Und der Anspruch, den ich an mich selber richte, ist eh höher als andere von mir erwarten.

Was gibt Ihnen einen Sinn im Leben?

Menschliche Beziehungen natürlich und das Schreiben. Ich kann mir ein Leben ohne Schreiben nicht vorstellen. Das ist für mich mit Sicherheit sinnstiftend.

Wie oder wann haben Sie festgestellt, dass Sie schreiben müssen/wollen?

Ich wusste es glaube ich mit 16. Das war aber zunächst eine Sehnsucht. Eine Sehnsucht muss ja übersetzt werden in Lebensführung und das dauert lange, weil man herausfinden muss, ob es nicht eine Illusion ist.

Und richtig sicher war ich mir als der erste Roman „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ erschienen ist. Das war mit 30. Dann wusste ich, dass das für mich das Richtige ist.

Wie suchen Sie sich die Themen aus?

Es fliegen mir ständig Themen zu. Ich reise durch die Welt mit offenen Augen und Ohren. Ich habe eine lange Liste mit Themen, Interessen, Ideen, Skizzen. Ich könnte mich jetzt irgendwo einschließen, in einem Kloster und hätte Ideen für 20 Bücher.

Die Ideen sind unterschiedlich intensiv in meinem Kopf. Wenn sich eine Idee konkretisiert, sich verdichtet und besonders dominant wird, dann entscheide ich „Darüber schreibe ich“.

Wovon träumen Sie?

Metaphorisch gesprochen träume ich von einer besseren Welt, wie viele Menschen. Für mich selbst bin ich wunschlos glücklich. Ich bin ja extrem privilegiert.

Herr Trojanow, vielen Dank für das Interview!

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Ilija Trojanow ist ein vielfach ausgezeichneter deutschsprachiger Autor; sein Roman »Der Weltensammler« erhielt 2006 den Leipziger Buchpreis.

Als Sechsjähriger ist Ilija Trojanow mit seiner Familie aus Bulgarien über Jugoslawien und Italien nach Deutschland geflohen. 1971 erhielten er und seine Familie in Deutschland politisches Asyl. Diese Erfahrungen der Flucht und des Ankommens in einer fremden Umgebung sind für ihn bis heute prägend und wirken in ihm fort. Der Geflüchtete ist für Trojanow eine eigene Kategorie Mensch.

»Nach der Flucht« ist kein autobiographischer und dennoch ein sehr persönlicher Text. Trojanow versammelt Erinnerungen, philosophische und psychologische Betrachtungen, verwebt diese mit Aphorismen und Dramoletten sowie Zitaten aus Texten der Weltliteratur.

Trojanow wendet sich gegen eine Reduktion der Geflüchteten auf sozioökonomische Fragen und behördliche Rahmenbedingungen. Behutsam und poetisch nähert er sich zentralen und existentiellen Begriffen wie Heimat, Fremde, Fremdsein an und sensibilisiert für die Komplexität des Prozesses des Ankommens. »Die Gefahr ist nicht, dass wir überfremdet werden, sondern dass uns die Fremde ausgeht.»

http://trojanow.de/

Kategorien: Art Café · Frontpage · Lebensfragen · Szene

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