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Artist of the Week – Mariana Trifonova

8 Juli, 2009 von · Keine Kommentare

Interview von Dessislava Velichkova mit der Malerin Mariana Trifonova
Übersetzung aus dem Bulgarischen: Dessislava Georgieva

Meine erste Berührung mit Mariana Trifonova verdanke ich ihren Van Gogh-Reproduktionen – echt, realistisch, gefühlt in jeder Hinsicht. Eine Woche später, als ich ungeduldig zum Ausstellungssaal schritt, um nicht nur ihre Werke, sondern auch sie selbst kennenzulernen, verzauberte sie mich mit ihrer unwahrscheinlichen, ich würde sagen Hypersensibilität für die Schönheit. Nach einem kurzen Gespräch, in dem ich mir erlaubte, ihr meine Sucht nach Van Gogh zu offenbaren, nahm sie einfach eines der Bilder von der Wand und fragte mich mit einem charmanten Lächeln: „Soll ich es Ihnen einpacken, oder nehmen Sie es so mit?“
Brauche ich etwa mehr über sie sagen?

Zu meinem großen Glück erklärte sich diese großartige Persönlichkeit damit einverstanden, einige Fragen für die Internetseite Public Republic zu beantworten.

Würden Sie mir mehr von sich erzählen?

Ich male, seit ich denken kann. Als ich noch klein war, beschäftigten sich meine Eltern mit Heimarbeit, die daraus bestand, Zeichnungen auszumalen, die Kindermärchen illustrieren sollten. Damals malte ich zum ersten Mal mit echten Ölfarben und Farbmischern. Mit 13 fing ich an, der Malerin Milka Grudeva Besuche abzustatten. Stundenlang stand ich da und schaute ihr beim Malen zu. Sie gab mir Stillleben auf und wies meiner Arbeit die Richtung. Meine Besuche hielten nicht lange an, dafür gaben sie mir aber eine stabile Basis, auf die ich bauen konnte.


Dennoch ist das erste Atelier, das Sie eröffnen, mit Ihrer Designer-Karriere verbunden. Wann tauschten Sie die Modelle gegen die weißen Leinwände?

Meine beiden Großmütter waren Schneiderinnen, und ich erbte meine Liebe zum Nähen von ihnen. Später studierte ich Modedesign, schloss mit Auszeichnung ab und machte natürlich weiter. Über ein Jahr lang arbeitete ich als Designerin. Später eröffnete ich mein eigenes Atelier für Boutique-Damenbekleidung.

Alles lief wunderbar, der Betrieb wuchs. Ich erinnere mich, mit wie viel Vergnügen ich meine Kollektionen für die Abiturienten vorbereitete. Das ging 13 Jahre so. Allmählich merkte ich, dass mir irgendetwas fehlte – ich schlich mich nachts aus dem Bett und malte. Ich malte nachts.

Und nun schließen Sie Ihre Ausbildung an der Fakultät für bildende Kunst der Universität in Veliko Tarnovo ab…

Ja, mit 33 Jahren wurde mir klar, dass ich noch etwas mehr machen musste. Eines Morgens lief ich mit meiner Schwester an der Fakultät für bildende Kunst der Universität in Veliko Tarnovo vorbei und entdeckte die ganzen Studienbewerber, die sich für die Prüfungen einschrieben. Einige Tage später stand ich neben ihnen in der Prüfung.

Das klingt wunderschön. Wahrscheinlich kostet es sehr viel Mut, sein Leben so drastisch zu verändern, wenn man eigentlich bereits mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht. War das Fällen einer solchen Entscheidung nicht schwer?

Doch, und ich habe dafür bezahlt. Ich schrieb mich als Studentin ein, und es folgten sehr schwere Momente – der Bruch in der Beziehung, später dann die Scheidung. Es wurde immer komplizierter. Die ganze Zeit über habe ich jedoch nicht eine Sekunde lang gezweifelt – ich war bereits dort, mein Platz war dort, ich würde nicht aufgeben!

Ich bin versucht, das Gespräch gleich auf die Van Gogh-Reproduktionen zu lenken… Selbst in Ihrer eigenen Handschrift schimmert ein delikates Erleben seiner Malerei durch – wie sind Sie auf ihn gekommen?

(Sie lacht) Schon nach meinen ersten Arbeiten fingen meine Kollegen und Lehrer an, mich Van Gogh zu nennen.

Es klingt merkwürdig, aber ich kannte seine Arbeit noch gar nicht. Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen, wo ich keine Möglichkeit hatte, die große Kunst kennenzulernen. Dann ging ich in die Bibliothek, um mehr über seine Kunst zu erfahren. Später, in London und Madrid, hatte ich das Glück, einige seiner Leinwände zu sehen.

Van Gogh vergisst man nie. Ich hatte das Gefühl, dass die Farben Klänge waren. Die Bilder leuchteten wie Diamanten. Er ist überwältigend! Ich fühlte mich ihm sehr verbunden. Und dann begann ich, ihn zu erforschen. Ich studierte seine Bilder gründlich, las einen Haufen Bücher und Korrespondenz – alles, und mit jedem Tag kam ich ihm ein Stück näher.

Und heute haben wir das Glück, der Wärme und Feinfühligkeit eines in seiner Zeit verlorenen Malers durch Sie näher zu kommen…

Ja, die Ausstellung “Retrospektive für Van Gogh“ ist bereits eine Tatsache. Vor zwei Jahren versuchte ich, eines seiner Bilder zu interpretieren – ich versank in seiner Welt. Und er ist wundervoll. Mit jedem weiteren Bild verstand ich ihn immer besser und übernahm sein Credo an die Malerei. Aus dem banalsten Sujet erschafft er eine bezaubernde Magie – ein wahrhafter Demiurg.

Sie malen Ihre Bilder an einem Tag – etwas, das für Van Gogh selbst typisch war. Bedeutet das, dass Ihnen seine Arbeit tatsächlich so nahe, fast verwandt ist?

Ja, für mich ist das eine Herausforderung. Wirklich, ich malte ein Bild an einem Tag – seine Technik verlangt das und lässt keinen Raum für Kompromisse. Alles kommt von innen – ich kopiere nicht, ich überlege nicht, ich male einfach. In eineinhalb Monaten malte ich 37 Bilder, und dann noch 13. Ich liebe die Farben. Sie verbreiten Freude und Laune. Sie können Gefühle abbilden, Gedanken und Fantasien.

Ist es möglich, einem Künstler so viel zu widmen, ohne ein Stück seiner eigenen künstlerischen Individualität zu verlieren?

Schon nach meinen ersten Schritten in der Malerei begriff ich, dass die Individualität am wichtigsten ist. Van Gogh war mir vertraut – ich wählte ihn als Lehrer, von ihm lernte ich nicht nur die Technik, sondern auch die Individualität. Er ist mein Fundament.

Von hier an kann ich seine Technik und die Innovationen nutzen, die ich selbst erfinde. Die Deformation, derer er sich bedient, sowie auch die Fluchtperspektive gehorchen einzig und allein der Malerei und der Wirkung von Farbe.

Erzählen Sie mir mehr von der Ihrer Idee zum 120. Todestag des Malers. Ich glaube nicht, dass etwas Vergleichbares schon einmal in Bulgarien stattgefunden hat! Wie stellen Sie sich das vor?

Das ist viel Arbeit, für die ich viel zu wenig Zeit habe, obwohl sie bereits zur Hälfte fertig ist. Ich habe zwei Monate Zeit, in denen die Farben trocknen müssen. Am 27. Juli schießt sich der Maler eine Kanonenkugel in die Brust und erliegt am 29. Juli 1990 um 1.30 Uhr morgens seiner Verletzung. Zum 120. Todestag Van Goghs möchte ich der Öffentlichkeit 120 Reproduktionen seiner Werke präsentieren, und zu jedem Bild meine eigene Freistil-Version. Formalitäten gibt es auch noch jede Menge. Es wird schwer werden!

Ich weiß, dass ich Unterstützung bekommen werde, um meine Idee zu realisieren. Ich muss Menschen finden, die sich hinter sie stellen, ich muss einen geeigneten Ort finden, an dem ich die Leinwände ausstellen kann – immerhin sprechen wir von 240 Bildern. Es wird wirklich schwer werden.

Glauben Sie, dass Sie von bulgarischer Seite Unterstützung für diese Idee erhalten werden?

(Sie lacht) Wahrscheinlich werde ich mich eher an die holländische Botschaft wenden.

Warum?

Wie soll ich sagen? Ich bin 38 Jahre alt und habe immerhin eine Art Lebenserfahrung. Ich habe keine Zeit für Naivität.

Finden sie, dass die Kunst in Bulgarien unterschätzt wird? (Eine dumme Frage, und dennoch hoffe ich auf einen hoffnungsvollen Unterton.)

Sie wissen ja, dass hier recht wenig über Kunst geredet wird. Aber über Politik…

Und das bringt mich prompt auf eines Ihrer Bilder – „Nach Europa“. Würden Sie mir mehr über das Gesicht auf dem Bild erzählen, über die Hände, die nicht bis an den Schlüssel reichen, und über den Weg, der offensichtlich NICHT in unserem Land ist?

Für dieses Bild stand mir meine Nachbarin Modell – Oma Radka, 83 Jahre alt und eine wunderbare Frau, und außerordentlich hingebungsvoll zu ihren Kindern. Offensichtlich befinden wir uns in Europa, sind aber noch keine vollkommenen Europäer. In diesem Bild visiere ich meine Zukunft auf den Moment, in dem ich es gemalt habe. Jetzt sehe ich, dass ich ebenfalls nicht für einen Wohnortwechsel bereit gewesen bin. Ich frage mich, wie es aussehen würde, wenn ich es heute malte…

Und hier kommt natürlich die Frage: Beabsichtigen Sie, als Künstlerin in Bulgarien zu bleiben?

Eigentlich nicht. Ich finde, dass ein Künstler hier regelrecht auf die Probe gestellt wird. Es fällt mir schwer zu entscheiden, wo ich gerne leben würde, wenn ich abreisen sollte. Und dennoch habe ich einen Traum – nach Holland zu fahren und das Van Gogh-Museum zu besuchen. Vielleicht führt mich das Leben selbst. Ich beende momentan meine Magistratur, und dann werde ich arbeiten und meine Träume realisieren können.

In Ihrer Kunst wird eine unglaubliche Entwicklung deutlich – sie durchlaufen viele Schulen, eine ständige Bewegung von Farben, Themen, ganzen Epochen ist spürbar… Und ich werde die Leser mit der Behauptung nicht in die Irre führen, dass Sie mit jeder Sekunde in Ihren Werken wachsen. Was können wir noch erwarten?

Ich beschäftige mich mit ziemlich tiefgehenden Untersuchungen der Malerschule von Tarnovo aus der Periode 1187-1396. Ich habe 40 Leinwände angefertigt, die den kulturellen Aufschwung im Bereich der Architektur, Skulptur, Malerei, Ikonenmalerei, Toreutik, Tiefrelief, Hochrelief widerspiegeln. Und es steht eine Ausstellung bevor, die am 07.07.2009 im Ausstellungsaal „Rafael Mihajlov“ eröffnet wird – sie wird dem 132. Jahrestag der Befreiung von Veliko Tarnovo gewidmet und bis September zu sehen sein.

Gibt es etwas, das sie den Lesern von Public Republic gerne anvertrauen würden, ich Sie aber nicht gefragt habe?

Ja, ich möchte den Menschen wünschen, dass sie mutig sind und an sich selbst glauben. Ich weiß, dass es manchmal schwer ist. Ich habe es im Alter von 33 Jahren getan und weiß nun, dass es für die Menschen, die zum Fliegen geboren wurden, kein Alter oder gar Grenzen gibt!

Kategorien: Allgemein · Frontpage · Szene · Visual Arts

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