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Artist of the Week – Marvin Dillmann

22 Juni, 2015 von · Keine Kommentare

Ein Interview von Dessislava Berndt mit dem Didgeridoo-Spieler Marvin Dillmann

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Foto:Marvin Dillmann

Marvin, wie kamst Du zum Didgeridoo-Spielen?

Es gibt den einen speziellen Moment, wo ich am Hafen von Sidney den Aborigine, den Straßenmusiker, gesehen habe. Er war bemalt, saß auf Känguru-Fell und spielte für die Touristen. Für mich als damals kleines Kind (11 Jahre alt) war es faszinierend, einen Ureinwohner zu sehen. Er winkte mir zu und ich durfte mich zu ihm setzen. Er gab mir ein erstes Instrument und ich durfte es ausprobieren, brachte aber kein Ton heraus. Dann gab er mir ein kleineres, es passierte aber wieder nichts. Erst nachdem er mir zeigte wie ich die Lippen bewegen muss, um spielen zu können, habe ich meinen ersten Ton herausbekommen. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis.

In Deutschland zurück hatte ich ein Bambusinstrument, mit dem ich fleißig geübt habe. Ich habe relativ schnell viele Töne rausbekommen, aber die Zirkularatmung konnte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht umsetzen. Das war frustrierend, da ich immer wieder aussetzen und Luft holen musste.

Mein Vater hat mir dann eine englische Spielanleitung organisiert und mich motiviert, diese Atemtechnik zu erlernen. Nachdem ich längere Zeit geübt habe, konnte ich es irgendwann. Und dann fing das eigentliche Spielen erst an.

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Foto: Marvin Dillmann

Wie ging es mit Deiner musikalischen Entwicklung weiter?

In einem Workshop hat Sven Molder (red. Didgeridoospieler, der Ende der 90er Jahre als einer der profiliertesten und professionellen Didgeridoospieler Europas galt), bei dem ich Instrumente gekauft habe und der Kontakt zu Aborigines hatte, verschiedene Spielstile vorgestellt. Dabei hat mich eine rhythmische Geschichte fasziniert. Er hat es aber in Ansätzen gespielt und nicht weiter fortgeführt, weil es sehr körperintensiv und anstrengend war. Nachdem ich diese Rhythmik für mich entdeckt hatte, habe ich weiter geübt und mit 13 Jahren konnte ich mit einer Band bei dem Polterabend meines Onkels etwas Rhythmisches spielen. Es hat die Leute erstaunt, dass man mit diesem Instrument Musik machen kann und mich motiviert dran zu bleiben.

Ich habe in dieser Zeit auch Kalle Waldinger kennengelernt und zum ersten Mal 1999 Solo und 2000 mit einer Formation mit Perkussion und Schlagzeug beim Schülerrockfestival mitgemacht.

Das hat mir Türen geöffnet und ich konnte viele Musiker kennenlernen und mit ihnen üben, u.a. mit vielen Schlagzeugern wie Mickey Neher. Wir hatten uns angefreundet und oft getroffen. Er konnte mir Vieles zeigen, auch 6/8-Rhythmen und afrikanische Rhythmen, die ich versucht habe auf dem Didgeridoo umzusetzen.

So hatte ich in den Jahren doch irgendwie immer Leute um mich, die mir etwas gezeigt und beigebracht haben.

Man sieht Dich mit unterschiedlichen Didgeridoos spielen, kannst uns etwas mehr dazu erzählen? Welche anderen Instrumente spielst Du?

Ich habe unterschiedliche Didgeridoos: Ein Original aus Australien bestehend aus einem von Termiten ausgehöhlten Stamm eines Eukalyptusbaumes. Ein anderes Didgeridoo ist aus gepressten Hanffasern eines Schweizer Herstellers. Mit einem Teleskop-Digderidoo, das verschiedene ineinander verschiebbare Rohre hat, kann ich die Tonhöhe verändern. Umso kürzer die Verschiebung desto höher sind die Töne, umso länger desto tiefer. Dieses Didgeridoo ist von einem Hersteller aus Süddeutschland und ein moderner Nachbau. Weiterhin spiele ich Djembe und Maultrommel.

Du bist in Wuppertal geboren und aufgewachsen. Was gefällt Dir hier?

Ich habe heimatliche Gefühle und bin stark verbunden mit dieser Stadt. Als Wuppertaler hat man ein ambivalentes Verhältnis zur Stadt – einerseits ist es manchmal sehr frustrierend hier zu sein, man hat das Gefühl Wuppertal bremst einen in vielerlei Hinsicht aus.

Andererseits sind hier Dinge möglich, die woanders nicht möglich sind. Es ist eine außergewöhnliche Stadt mit einem speziellen Schlag von Menschen, die eine gute alternative Kunst- und Kulturszene hat. Wuppertal ist ein guter Boden, um hier kreativ zu wachsen.

Wie kam es zur Einladung, bei einem ökumenischen Gottesdienst in einer katholischen Basilika Didgeridoo von einem Moslem spielen zu lassen?

Beim Geburtstag einer Freundin saßen wir vor der St. Laurentius Basilika und ich hatte für sie ein Ständchen gespielt. Die Türen der Basilika waren offen, da dort die Vorbereitungen für eine Finissage liefen. Dr. Werner Kleine (Pastoralreferent) hatte das mitbekommen, wollte gern den Klang des Didgeridoos in der Kirche hören und bat mich daher drin zu spielen. Es war ein fulminanter Klang und er hatte mich gefragt, ob ich nicht spontan bei der Veranstaltung zu den Lesungen zweier Autoren begleitend spielen kann. Danach waren das Publikum und er so begeistert, dass ein weiterer Auftritt in der Laurentiuskirche vorgemerkt wurde.

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Foto: Marvin Dillmann

Durch einen Beitrag für das katholische Bildungswerk bzw. Radio KiloWatt wurde dieser Kontakt später noch intensiviert und bei einem folgenden Treffen mit Dr. Werner Kleine hatten wir überlegt, was passend und möglich wäre. So kam es zu dem Auftritt beim ökumenischen Gottesdienst am 29. Mai.

Für den 18. September ist eine weitere Aktivität im Rahmen von Wuppertal 24 h live in der St. Laurentius Basilika geplant: Eine Nacht der Mystik, bei der sich verschiedene Traditionen und Vertreter der drei großen monotheistischen Religionen zu einem besonderen Dialog treffen sollen. Dabei werden Dr. Werner Kleine (ein Katholik), eine befreundete Sängerin und Musiktherapeutin Hagit Noam aus Israel (eine sephardische Jüdin, die sich aber auch mit indischen Mantras beschäftigt und Lieder von Hildegard von Bingen singt) und ich (ein Sufi-Moslem) Texte und Gesänge unserer mystischen Traditionen darbieten.

Dabei geht es darum dem einen allumfassenden Gott, der alle verbindet, künstlerisch-musikalisch zu gedenken und zu zeigen, dass es Unterschiede nur im Formellen gibt.

Du hast mit verschiedenen anderen Künstlern gearbeitet. Wie war die Zusammenarbeit?

Ich kenne Mario Triska seit fast zehn Jahren. Wir haben oft zusammen gespielt, aber die Zusammenarbeit war nicht so intensiv wie jetzt bei der gemeinsamen CD.

Letztes Jahr spielten wir begleitend zu dem Satsang der Satsang-Lehrerin ShantiMayi. Diese war völlig begeistert von unserem Zusammenspiel und lud uns zu ihrem Ashram (red. klosterähnliches Meditationszentrum) in Südfrankreich, in den Pyrenäen ein. Wir waren dort sechs Tage lang und haben zusammen musiziert. So entstand die Idee einer gemeinsamen CD. Der Perkussionist von ShantiMayi Sahara aus den USA hat uns dabei unterstützt. Daher haben wir uns MaMASah genannt. Die CD wird „Living Silence“ heißen und wird bald auf dem Markt sein. Die Musik ist sehr kraftvoll und kann einen einfach wegfegen. Vieles ist improvisiert, aber es finden sich auch Komposition von Mario und mir auf der CD.

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Marvin Dillmann und Alfonso Gravina, Foto: desenze

Die Zusammenarbeit mit dem Komponisten und Klavierimprovisationskünstler aus Wuppertal Daniel Bark war auch sehr gut. Seit 2010 geben wir gemeinsame Konzerte und spielten schon auf einigen Festivals wie das Wuppertaler Jazzmeeting 2012, das Viertelklangfestival 2012 und das Sufi Soul Festival 2011 und 2012. Ich denke, dass wir in Zukunft wieder zusammen arbeiten werden.

Mit Alfonso Gravina, einen anderen Didgeridoo-Spieler, hatten wir beispielsweise Auftritte beim Teilklangfestival oder im Trinkwasserbehälter bei Wuppertal 24h Live.

Was weißt du über Bulgarien?

2006 habe ich im Rahmen des von Arkadi Schilkloper organisierten Global Vilage-Festivals mit Elitsa Todorova und Stoyan Yankoulov (red. bekannte bulgarische Musiker, die u.a. den 5. Platz bei der Eurovision 2007 gewannen) gespielt.

Ich habe zudem eine Schalplatte von einem bulgarischen Frauenchor mit diesem speziellen Gesang. Das habe ich eine Zeit lang gern gehört. Und von einem bulgarischen Bekannten habe ich viel über die Mystik, Traditionen, Kraftorte und Spiritualität der Menschen in Bulgarien gehört.

Also, es gibt eine Verbindung zu Bulgarien und ich hoffe, dass diese demnächst intensiviert werden kann.

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Foto: Marvin Dillmann

Was bedeutet Musik für Dich?

Musik ist auf der einen Seite Ausdruck meiner Seele (wenn ich spiele), auf der anderen Seite ist sie wie Nahrung für die Seele (wenn ich Musik höre).

Wovon träumst Du?

Einfach davon, dass wir mit dem was wir machen, mehr Menschen erreichen und vor größerem Publikum und mit anderen Musikern spielen können.

Marvin, vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg bei allen aktuellen und zukünftigen Projekten!

Marvin Dillmann wurde 1983 in Wuppertal geboren. Als er mit 11 Jahren seine Großmutter in Australien besucht, kommt es zum ersten Kontakt mit dem Musikinstrument der austsralischen Ureinwohner, dem Didgeridoo. Dort kauft er sich ein Instrument aus Bambus und beginnt zu spielen, zunächst auf Hochzeitsfesten und in Fußgängerzonen. 1999 nimmt er mit großem Erfolg am 13. Schülerrockfetival in Wuppertal teil. Danach folgten Auftritte im Lokalradio und im Lokalfernsehen, auf Stadtfesten und anderen Veranstaltungen. Ein Jahr später, beim 14. Schülerrockfetival, belegt er den ersten Platz und gewinnt einen Plattenvertrag von Virtual Volume. Marvin entwickelt seinen einzigartigen Spielstil weiter. Rhythmusgefühl und Improvisation zeichnen sein spielerisches Können aus. Heute ist er als Perkussionist und Mitglied der Sufi-Musikformation Muhabbat Caravan in Deutschland und Europa unterwegs. Die Zusammenarbeit mit dem Geiger Mario Triska und dem Perkussionisten Sahara dokumentiert die erste CD „Living Silence“, das bald erscheinen wird.

Kategorien: Frontpage · Musik · Szene

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