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Artist of the Week — Mira Bonzheva

12 Oktober, 2009 von · Keine Kommentare

Interview von Margarita Drumeva mit Mira Bonzheva

Übersetzung aus dem Bulgarischen: Dessislava Georgieva

„So klein wie ein Berggipfel…“


Mira in der Rolle der Lyrikerin in „Timon von Athen“ von W. Shakespeare.
Foto: Iliya Ivanov

Die Persönlichkeit von Mira Bonzheva verbinde ich immer mit einem nicht gemalten Bild von Picasso: orangefarbene Striche, der fast weibliche Körper einer Gitarre, Gesichter, die zur Hälfte hinter einem Bühnenvorhang verschwinden, eine Staffelei mit einem unfertigen Bild, das von einem Scheinwerfer erhellt wird, fliegende, dicht beschriebene Zettel und Malerpinsel, viele bunte Schals und verstreute Mädchenhaare, ein Filmband, ein trauriger „Clown mit Kaugummi am Hut“…

Und durch sie zieht sich ein roter Faden wie das Seil einer Glocke hindurch… Aber was auch immer ich mir vorstelle – es ist immer klein. „Klein wie ein Berggipfel…“, wie Mira in ihren Gedichten schreibt. Und was es dort gibt, erfahren wir am besten von ihr selbst.


“Long Live R`N`R”.
Foto: Mira Bonzheva

Wo findest du in diesem Übermaß an Lauten, Farben, Gestalten, Träumen und Realität tatsächlich das Zentrum?

Ich bin nicht sicher, dass ich es gefunden habe. Jene, die ihr Zentrum entdeckt haben, nennt man weise… Aber ich denke ich weiß, wo ich danach suchen soll – in den augenscheinlich einfachen Dingen. Wenn man liebt, nach Liebe sucht, in die Augen eines Tieres blickt, einen Baum berührt oder barfuß durchs Gras läuft.

Nach alldem spürt man die Notwendigkeit, etwas zu erschaffen – einen Laut, eine Farbe, Form, Gestalt… Und danach muss man wieder durchs Gras laufen, um erneut mit dem Singen anzufangen…


“Die Hälfte von mir”
Mira Bonzheva

Nach welchem Lied ist dir nach der letzten Wanderung durchs Gras?

Wenn Sterne den Himmel überschütten,
dann will ich mit der bezaubernden Stimme einer Meerjungfrau singen –
jenes wundervolle Lied des Herzens.
Damit die Welt es hört und für einen Moment anhält.

Ja, ich will davon singen, wie wenig Zeit wir auf dieser Welt haben und dass wir sie nicht verlieren dürfen. Und wie wenig wertvoll die für uns heute „wichtigen“ Dinge irgendwann sein werden. Aber wichtiger ist, dass wir jeden Tag wenigstens einen unserer Dämonen besiegen…


In einem Käfig
Foto: Dessislav Dimitrov

Hast du keine Angst, dass dieses „Lied des Herzens“ von Vielen nicht verstanden wird? Wie viele Menschen achten schon auf ihre inneren Dämonen, geschweige denn, sie zu bekämpfen…

Auch wenn es nur einer versteht – das ist genug. Der Sinn der Kunst liegt für mich darin, den Menschen etwas zu sagen – etwas Wichtiges und vielleicht nicht immer Angenehmes, aber unbedingt auf eine schöne Art. Ob ich Angst habe – nein, nur manchmal, wenn ich auf dieses Unverständnis stoße, werde ich wütend.

Im Endeffekt „singen“ wir alle, um gehört zu werden. Und wenn auf der anderen Seite der Bühne niemand diese Notwendigkeit verspürt, dann ist es, als würden die Kräfte schwinden… Zum Glück ist es nur vorübergehend, dann „singen wir wieder los“. Aufhören geht doch nicht!


Foto: Dessislav Dimitrov

Es gibt keinen anderen Weg. Sonst implodiert man… Denkst du nicht, dass die Menschen, mit denen du auf der Bühne lossingen würdest, im Laufe der Zeit weniger werden?

Leider ist es so! Aber Gott sei Dank gibt es noch verrückte Köpfe, die sich daran erinnern, wieso sie genau das tun wollten, und sie tun es gut! Und es gibt ja auch Formen der Kammerdarstellung, es gibt Pinsel und Leinwände – du bist allein. Natürlich ist es besser, wenn man sich nicht nur darauf beschränkt, aber…


Mira Bonzheva

Als du plötzlich allein warst, hast du junge Leute zusammengetrommelt und eine Theaterschule eröffnet. Erzähl uns vom „Kleinen Theater hinter der Schulbank“.

“Kleines Theater hinter der Schulbank” – das ist ein mühevoll geborenes und aufgezogenes Kind. Interessant ist, dass diese jungen Menschen selbst zu mir kamen und sich mit Theater beschäftigen wollten. Es ist unglaublich, denn heute sagt man, dass sich Teenager nicht für Kunst interessieren würden…

Aber es stimmt nicht ganz! Oft nenne ich diese Leute Soldaten. Sie arbeiten unter unheimlich schweren Bedingungen, aber sie geben nicht auf! Gemeinsam verwandelten wir den vernachlässigten Kinosaal der Schule „Vapcarov“ in Silistra in ein „kleines Theater“.


“Albena”
Foto: Lubliana Todorova

Wir lernten zu sprechen, zu atmen, anständige Leute zu sein, die Theaterethik zu schätzen, und nach eineinhalb Jahren Arbeit lief die Premiere von Yordan Yovkovs „Albena“ – unsere erste Vorstellung.

Das ist die Antwort auf das ewige Jammern, dass in Bulgarien nichts Wertvolles zustande kommt, weil es kein Geld für Kunst gibt. Es stimmt – es gibt kein Geld, aber das ist nicht der ausschlaggebende Punkt. Schlimmer ist es, wenn es keine Ideen und keine Liebe gibt.


“Albena”.
Foto: Lubliana Todorova

Ich bin Zeugin davon, wie sich der verstaubte und verschimmelte Saal in einen zauberhaften Ort verwandelt hat, den 16 Kinder im Alter von acht bis 18 Jahren bald darauf „Zuhause“ nannten. Wo genau befinden sich die Tomatenpflöcke aus deinem Garten?

Im Bühnenbild. Die Gemüsekisten aus dem benachbarten Lädchen sind ebenfalls dort! Beleuchtung – sechs Gartenwannen und ein geschenkter Scheinwerfer aus der Garage eines Freundes. Aber wenn die 350 Sitzplätze des Saals belegt sind, dann ist die gegenwärtig.


“Albena”

Am Ende der Vorstellung sehen wir die feuchten Gesichter und geröteten Augen der Menschen vor uns, die uns für das danken, was wir getan haben, und uns versichern, dass sie sich noch lange daran erinnern werden.


“Terra inkognita

Du hast schon über 30 Rollen in verschiedenen Theatern in Bulgarien gespielt. Kann man sagen, dass du von jeder Heldin etwas mitgenommen hast?

Eher habe ich jeder Heldin etwas von mir gegeben. Sie alle sind sehr unterschiedlich und wenn ich etwas von ihnen übernehmen würde, würde es gefährlich werden. Außerdem bin ich eine unverbesserliche Individualistin. Aber eines ist unbestreitbar: Ich habe viel von diesen unglaublichen Frauen gelernt! Auch wenn ich in Männerrollen geschlüpft bin, und einmal sogar einen kleinen Jungen gespielt habe.


“Zeitlosigkeit”
Mira Bonzheva

Welche Rolle würdest du am allermeisten spielen wollen? Jene, die scheinbar für dich geschrieben worden ist?

Vielleicht ist es ein Makel /wir alle haben welche/, aber – ich bin halt „gierig“. Ich will alles ästhetisch spielen!!! Aber… kürzlich bekam ich von einer sehr guten Freundin eines der wertvollsten Geschenke in meinem Leben, nämlich eine Dramatisierung nach dem Roman „Letzte Liebe“ von William Wharton.


“Еnseits”
Foto: Iva Simeonova

Mir ist noch nie etwas Poetischeres, Realeres, Tieferes und Traurigeres begegnet als dieses Material. Ich werde keine Ruhe finden, bis ich es realisiert habe. Mit genau bestimmten und sehr besonderen für mich Leuten.


“Ungeräuchert Zigarette”
Foto: Mira Bonzheva

Welches ist dein Theater in Wirklichkeit?

Mein Theater? Jenes, in dem die Gedanken scharf wie ein Rasiermesser und die Emotionen stark und tief sind. Auf der Bühne sind die Charaktere lebendig, und während man ihnen zuschaut, ist man nicht sicher, ob man nicht in Wirklichkeit auf einer Ausstellung ist – erfüllt mit Bildern, die perfekt in ihrem kompositorischen Verhältnis sind!


“Mit der Sonne”
Mira Bonzheva

Vielleicht willst du deshalb in deiner neuesten Aufführung, deren Autorin du bist, live malen und singen? „Lebensdurst“ ist die intime Geschichte von Janice Joplin. Was verbindet dich mit ihr?

Eine lange und wichtige Periode aus meinem Leben – die Musik. Außerdem hat mich ihre Persönlichkeit schon immer bewegt, nicht nur ihre einzigartige Stimme. Ich will den Menschen sagen, dass sich hinter dem Star eine sehr sensible, talentierte, intelligente und einsame Frau verborgen hat.

Ich erinnere mich an die Konzerte von „PENNY LANE” – sie waren echte Rock-Shows und viele konnten nicht glauben, dass das alles in einer so kleinen Stadt wie Silistra passiert. Aber ihr habt auch Festivals besucht…


“PENNY LANE”

Diese Band wurde mit viel Liebe und Energie gegründet – ein echtes Blumenkind! Jedes unserer Konzerte war von außerordentlicher Energie erfüllt und blieb unvergesslich. Wir waren oft Gäste auf den Blues-Festivals „Blues on the beach“ in Sozopol, auf dem Jazz-Blues-Fest in Rousse und in vielen Clubs im Land.


Foto: Aleksej Minev

Neben allen anderen Dingen spielst du Gitarre und schreibst wundervolle Songs. Worum geht es am häufigsten in deinen Liedern?

Um die Liebe in all ihren Formen und um die ewigen existenziellen Dilemmata.


“Irgendwann”
Mira Bonzheva

Sind die existenziellen Dilemmata auch in deinen Bildern zu finden?

Eigentlich sind sie nichts anderes – sie sind meine Dilemmata. Ich habe nie Malen gelernt. Ich habe versucht, mir die nötige Basis selbst beizubringen, um mir zu erlaben, an die Leinwand zu gehen… Diese Bilder sind „Fotografien“ meiner Befindlichkeiten. Dort bin ich und das, was mir am wichtigsten ist.


“Geheimnisse”
Mira Bonzheva

Die Fotokamera gehorcht in deinen Händen genauso wie die Szene, die Pinsel und die Laute. Menschen wie du haben wahrscheinlich keine Zeit zum Schlafen und versuchen scheinbar diese Welt zu belohnen…

Ich habe immer Zeit für alles. Es ist nicht so kompliziert, wie es aussieht. Ich habe Zeit zum Schlafen, zum Trödeln, zum Biertrinken mit Freunden und zum Beenden meiner Arbeit…


Mira Bonzheva

Ich liebe es, Häuser und Fenster zu fotografieren. Es ist, als ob man für einige Sekunden ein Teil vom Leben der Menschen würde, die darin wohnen. In der Welt gibt es alles – man muss nur sein Herz öffnen, um es zu sehen! Und alles ist so klein wie… ein Berggipfel…


“Ohne dich”
Mira Bonzheva

Mira Bonzheva ist Schauspielerin im Dramatischen und Puppentheater „Sava Dobroplodni“ in Silistra. Sie hat die Nationale Akademie für Theater- und Filmkunst „Krastyo Sarafov“ mit der Fachrichtung Schauspiel abgeschlossen. Sie hat über 30 Rollen auf Bulgariens Bühnen gespielt und an vielen Theater- und Musikfestivals in Frankreich, Rumänien, Moldawien, der Türkei und Österreich teilgenommen. Für diverse TV-Sendungen hat sie ebenfalls geschauspielert: „In Aktion“, „Wirrwarr“, „Unbekannte Welt“. Moderiert hat sie „Risiko gewinnt, Risiko verliert“, „Hallo-hallo“, „Wer ist mehr am meisten“ und im Zirkus „Balkanski“. Mira Bonzheva hat an verschiedenen bulgarisch-amerikanischen Filmproduktionen von „New Image“ teilgenommen, hat den nächtlichen Block bei Radio „7 dni“ und eine Rock-Sendung bei Radio „Menes“ moderiert. Sie ist Sängerin der Blues-Rock-Bands „Glasgow kiss“ und „Penny Lane“, mit denen sie an vielzähligen internationalen und nationalen Blues-, Rock- und Jazz-Festivals teilgenommen hat. Sie ist Leiterin und Gründerin der Theaterschule „Kleines Theater hinter der Schulbank“ in Silistra, deren Premiere „Albena“ nach Yordan Yovkov kürzlich aufgeführt wurde.

Kategorien: Frontpage · Szene · Visual Arts

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