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Artist of the Week — Neli Tsenova

29 Juni, 2009 von · Keine Kommentare

Interview von Velina Vateva mit der Malerin Neli Tsenova

Übersetzung aus dem Bulgarischen: Dessislava Georgieva

Wenn ein Bild echt ist, dann ist es Fantasie

Glauben Sie, dass ein Maler unbedingt über Kenntnisse des Existierenden, der sogenannten Realität verfügen muss, um eine Fantasiewelt zu erschaffen?

Wenn ein Bild echt ist, dann ist es Fantasie. Die realen Elemente darin, die die Welt des Malers durchlaufen, verwandeln sich in eine neue Realität.

Die Frage nach der Fantasie ist ziemlich umstritten. Manche weisen Menschen behaupten, dass alles, was jemals gedacht wurde, bereits irgendwo existiert. Die Welt des Bildes ist nicht die reale Welt, sondern die Welt der Emotionen, der Fantasie, der Ideen und philosophischen Suggestionen – sie ist ein Teil der geistigen Welt des Malers.


Denn wenn ein Bild die Realität nur imitiert, dann würde es heutzutage von keiner großen Bedeutung sein, sondern wäre bloß eine Lehrstudie. Je umfangreicher die Kenntnisse des Malers über das Dasein sind – darüber, wie die Welt funktioniert, und über die Logik der Dinge, desto stärkere Impressionen kann er aus seiner Fantasie schöpfen und desto philosophischer kann er das Leben begreifen.

Nicht zufällig sagt man, dass die stärkste Periode eines Malers, die sogenannte „reife Periode“, dann einsetzt, wenn der Künstler Lebensweisheit erlangt hat.

So erhalten auch die elementarsten realen Dinge im Leben, die den Geist des Malers durchlaufen, eine sakrale, symbolische Bedeutung und vermitteln eine neue Botschaft. Deshalb ist es unumgänglich, dass er die materielle Welt nicht nur visuell, sondern auch symbolisch kennt.

Glauben Sie an die Realität der Realität?

Alles ist real und nichts ist real. Manche Dinge kann man anfassen, andere nur spüren, doch nichts unterliegt einer absoluten Kenntnis. Deshalb glaube ich, dass die Realität relativ ist.

Im Altertum sagte man: „Der Mensch sieht nur das, was er kennt“. Und es ist, als sei alles Realität in der Realität. Jeder Mensch ist eine Realität – absolut und einzigartig, die gleichzeitig ein Teil der Allgemeinen ist.

Inwiefern täuscht uns die Kunst oder bringt uns einem Wissen näher, welches wir nicht unmittelbar erlangen könnten?

Gemäß der Botschaft, die sie von ihrem Schöpfer übermitteln soll, kann Kunst illusorisch und trügerisch sein. Sie kann wirklicher als das Leben selbst sein, kann ängstigen und beklemmen oder erziehen. Alles hängt von der geistigen Reife des Schöpfers ab.

Meiner Meinung nach ist die Liebe die größte Botschaft in der Kunst – als Grundprinzip des Lebens ist sie Träger der wichtigsten Erkenntnis. Ich male meine Bilder für die Menschen, die sie kaufen und in ihre Wohnungen hängen. Deshalb denke ich, dass ich es mir nicht erlauben kann, negative Emotionen darin zu verschlüsseln, sondern strebe danach, dass sie positiv sind und den Glauben, die Hoffnung und die Liebe stärken.

Was zieht Sie an und ist Ihnen nah – ein Sujet oder das Fehlen eines Sujets?

Das Fehlen eines Sujets bedeutet Raummangel. Das Leben selbst ist ein Sujet. Wenn wir vom elementaren Sujet sprechen – als Erzählung im Geiste der Volkstümlichkeit, so ist es nicht mein Rollenfach. Selbst das abstrakte Bild, das die Fantasie weckt, erschafft Raum, und das stellt bereits ein Sujet dar.

Da ich mit realistischen Symbolen arbeite, könnte anhand meiner Bilder eine Erzählung geschrieben werden, doch das würde die Einbildung profanieren. Mit Worten lässt sich alles beschreiben, doch kann die universelle Botschaft der visuellen Gestalt nicht ersetzt werden. Besonders, weil sie keines Übersetzers bedarf und unmittelbar auf einem emotionalen Niveau wahrgenommen werden kann.

Für mich ist die „lebendige Beschreibung“ die heiligste Bedeutung des Wortes „Malerei“ (im Bulgarischen setzt sich das Wort „Malerei“ aus „lebendig“ und „Beschreibung“ zusammen), und kann es ein Leben ohne Sujet geben? Schließlich bedeutet es ewige Bewegung und Veränderung, eine unendliche Geschichte. Durch Gestalten und Symbolik erzähle ich in meinen Bildern von den Dingen des Lebens, die mich berühren – von der Natur und den göttlichen Anfängen, vom Tempel der Seele und der Natur als Tempel des Menschen, von der Schönheit der Welt und der Liebe, an die man die Menschen erinnern muss.

Ich hoffe, dass die bulgarische Kunst endlich das Grau und die Tragik überwindet, die sie während der jüngst vergangenen Periode durchtränkt haben.

Wann halten Sie Ihre Bilder für vollendet? Gibt es die absolute Vollendung für Sie?

Wohl kaum kann jemals behauptet werden, dass ein Bild endgültig vollendet ist und nichts mehr ergänzt oder entfernt werden kann. Es gibt keine Formel – es ist das persönliche Empfinden des Künstlers.

Manchmal bringt der Maler eine Form bis zur äußersten Vollendung, um die gewünschte Suggestion zu erreichen, und manchmal belässt er sie unvollkommen, um die Vorstellungskraft des Beobachters anzuregen.

Definitiv fertig ist er dann, wenn er entschieden hat, dass er ausgedrückt hat, was und soviel er wollte. Ich selbst verspüre manchmal das Bedürfnis, die Bilder zu ihrer exakten Vollendung zu führen. Die Natur duldet keine leeren Räume, deshalb erlaube ich mir in meinen Bildern keine leeren, unbearbeiteten Elemente.

Und immer, wenn ich nach einiger Zeit eines meiner fertiggestellten Werke betrachte, sehe ich Möglichkeiten zur Veränderung. Deshalb denke ich, dass es keine absolute Vollendung gibt, so wie es kein absolutes Wissen gibt.

Wenn Ihre Bilder für Sie Reisen bedeuten, wohin reisen Sie durch sie?

Ja, Bilder sind für mich geistige Reisen. Tatsächlich kreiere ich eine „eigene Welt“, aber vielleicht existiert sie irgendwo und ich besuche und male sie…?

Wenn nach Ihren Bildern Musik komponiert würde, wie würde sie klingen?

Sie wäre gewiss meditativ – langsam, harmonisch, nach innen vertieft, zur Seele hin. Ich höre jedenfalls solche Musik, wenn ich vor der Staffelei stehe. Das ist meine Musik, und eine solche würde meinen Leinwänden entsprechen.

So wie das Hören dieser Musik nach Einsamkeit verlangt, so tut es auch das Malen. Um in sich selbst hineinzuschauen, muss man mit seiner Seele allein sein. Das ist eine der Botschaften, die ich den Menschen mit meinen Bildern vermitteln will.

Neli Tsenova wurde 1961 in Plovdiv geboren. Mit ihrem Ehemann – ebenfalls Maler, lebt und arbeitet sie in Plovdiv.

Ich habe das Plovdiver Künstlergymnasium absolviert und im Anschluss daran Künstlerische Textilgestaltung an der Akademie in Sofia studiert. Ich kann nur wenige selbständige Ausstellungen vorweisen, da ich langsam arbeite. Viele meiner Bilder sind im Internet zugänglich, weil ich diese Form des Teilens meiner Ideen mit möglichst vielen Menschen für die demokratischste halte. Ich gehöre zu denjenigen Künstlern, die die Realität als Ausdrucksmittel benutzen, deshalb gehört mein Stil auch auf eine Art dem Realismus an, gemäß den Theoretikern auf diesem Gebiet vielleicht dem sogenannten „magischen Realismus“. Aber das ist wohl kaum von Bedeutung.

Es mussten viele Jahre vergehen, bis es mir gelang, mich von den angehäuften Einflüssen meiner Ausbildungszeit freizumachen, um meine „eigene Welt“ innerhalb der Welt der bildenden Kunst zu suchen. Vermutlich ist das der schwerste und schmerzhafteste Prozess für jeden Künstler. Trotz des großen Respekts Lehrern, Lieblingsvorbildern und Schöpfern gegenüber, muss ein Maler seine „eigene Welt“ entdecken, und das geschieht, wenn er sich etwas entfernt und zurückzieht.

Bei mir passierte diese Loslösung ganz natürlich, wie bei den meisten Frauen: ich wurde Mutter. Meine ernsthafte Kunstaktivität begann erst, nachdem mein Sohn relativ selbstständig in der Schule geworden war. Als meine Seele sich von dem ständigen Streben befreit hatte, das kleine Kind zu beschützen und empathisch sein zu wollen, und es mir gelang, Raum zu schaffen für eine nicht weniger zeit- und herzraubende Liebe – die Malerei.

Mit der Zeit stellte ich fest, dass viele Stile der Malerei, die ich gemocht und mit denen ich gearbeitet hatte, nicht für mich geeignet waren. Als Studentin war ich von der abstrakten und dekorativen Kunst fasziniert, die damals neu und modern war und sich dem Status quo widersetzte. Aber auch das war dann überwunden. Das Neue entwickelte sich allmählich, mit der Spezifikation meiner Arbeit. Die Ideen für meine Bilder entstehen und nehmen Gestalt an, wenn ich meditiere. Ich forme und gestalte sie wie auf einem Bildschirm in meinem Kopf, bevor ich danach versuche, diese „Visionen“ auf der Leinwand abzubilden.

Kategorien: Frontpage · Szene · Visual Arts

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