Zu Favoriten hinzufügen
Public Republic random header image

Artist of the Week — Nikolai Urumov

29 August, 2012 von · Keine Kommentare

Interview von Natalia Nikolaeva mit Nikolai Urumov

Der Anlass für das Interview mit Nikolai Urumov ist seine bevorstehende Vorstellung von “Über Sex, Politik und anderes dummes Zeug” am 22. September in Hamburg auf Einladung der „Deutsch-bulgarischen Gesellschaft Hamburg“.

Ich habe Nikolai Urumov im Februar in Berlin kennengelernt, als er seine One-Man Show auf Einladung des Bulgarischen Kulturinstituts, Berlin vorgestellt hat. Erst ließ ich mich von der Atmosphäre dieser „lustigen und faszinierend wagemutigen Aufführung“ verzaubern. Danach sprach ich mit Nikolai Urumov, der mich mit seinem natürlichen Verhalten („ich lebe mit keinem Gefühl von Außergewöhnlichkeit“), seiner Leichtigkeit des Ausdrucks, der Selbstironie, dem Sinn für Humor beeindruckte.

Die Popularität und die ernsthafte Karriere des Schauspielers im Kino und im Theater (über 55 Filmrollen und noch so viele Theaterrollen, zweimal Askeer-Preisträger und einmal Träger des Preises „IKAR“) beginnen mit dem Film „Und jetzt wohin?“ („А сега накъде”). Diese existenzielle Überschrift stellt sich als bedeutend für das schauspielerische Auftreten von Nikolai Urumov heraus, dessen Rollen immer ausgeprägt, unvergesslich und spannend sind und zur Reflexion und Autoreflexion herausfordern.

Hinter dem Zwinkern, dem lustigen und komischen Anfang, charakteristisch für den heutigen Homo Ludens, die Dimensionen des Klügerwerdens, der Tiefe und neue Übersichten von klassischen Sujeten und Ideen öffnen sich vor dem Zuschauer. Eine Provokation, wozu nur ein begabter und interessanter Artist wie Nikolai Urumov fähig ist.

Nickolay Urumov

Als Kind haben Sie davon geträumt, Schauspieler zu werden, ist das richtig?

Ja! Ich war in der 4. Klasse, als ich mich entschied, dass ich Schauspieler werden möchte. Im Sommer verwandelte sich mein Dorf Bulgarevo, das sich am Meer, zwischen Kap Kaliakra und Rusalka befindet, in ein kleines Hollywood, weil viele Filmproduktionen da aufgenommen wurden.

Ich mag um Drehteams herumrennen und war ein „Jack aller Gewerke“ und ein Liebling der Filmstars. Dann verzauberte mich die Kinomagie und ich entschied mich, dass ich Schauspieler werden will!

Meine Teilnahme am Kulturheimkollektiv in Baltschik, der Duft nach Bühne und das Treffen mit meinen Lieblingsschauspielern und den dort arbeitenden Regisseuren prägten diesen Traum von mir.

Wann bezeichnen Sie eine Aufführung als erfolgreich? Wann ist der Dialog mit dem Publikum realisiert?

Wenn wir uns mit dem Publikum in derselben Sprache unterhalten, wenn wir einander fühlen und spüren… Man kann es mit keinen Wörtern beschreiben… Es ist ein Atem… Ein Glanz in den Augen… Ein Herzklopfen… Eine Aufregung… Eine Erwartung…

Nikolay Urumov

Wie ernst sollte man sich wahrnehmen? Und der Schauspieler?

Es könnte für einen Menschen nicht stichhaltig sein, sich ernsthaft wahrzunehmen, aber für den Schauspieler auf der Bühne ist es obligatorisch.

Wie verändert sich der Humor des Bulgaren? Und der politische Humor?

“Der Sinn für Humor des Bulgaren hilft ihm nämlich, die Abwesenheit von allem anderen leichter zu ertragen.“
/Ein Zitat von “Über Sex, Politik und anderes dummes Zeug”/

Sie definieren “Über Sex, Politik und anderes dummes Zeug” als Stand-Up Komödie. Warum richten Sie sich an dieses, in Bulgarien nicht so populäre, Genre?

Weil dieses Genre herausfordernd, unabhängig und frei ist. Es setzt gegenseitige Provokation voraus und das Risiko ist groß, aber das sind der Spaß und das Adrenalin!

Womit forderte Sie der Text von Mitko Dinev heraus, um ihn fürs Szenarium Ihrer One-Man Show auszuwählen?

Der ungequälte, geistreiche, witzige und weise Verfasser, bzw. der Text, ist der Grundlage, auf der die Aufführung gebildet ist.

Sie sagen, dass Sie im Kino „die Rollen von Exzentrikern, Besessenen, Idioten und Flegeln. Und im Theater – komische, charakteristische und satirische naive Typenfiguren von dem kleinen Menschen.” spielen. Ist es für Sie eine größere Herausforderung, die Rollen von den bösen Jungen zu spielen?

Diese Art von Personen ist auch von meinen Kinoidolen – Jack Nicholson, Robert De Niro, Al Pacino und Anthony Hopkins – bevorzugt. Ich habe diese bösen Jungen, meine Rollen, gern! Ich bemühe mich, sie zu hören und zu verstehen!

Wie entdeckten Sie die Gestalt von Sancho Panza durch Ihre Verwandlung in diese Rolle wieder?

In unserer Inszenierung im Nationaltheater “Iwan Wazow” /von dem Regisseur Al. Morfov/ gingen die Gestalten von Sancho Panza und Don Quijote so ineinander, dass jeder Mensch Don Quijote sein könnte, nur wenn er daran glaubt! Und auch… „Es ist nicht so wichtig, eine Idee zu haben. Das Wichtigste ist, sie bis zum Ende zu verteidigen!”

Was für eine gegenwärtige Übersicht der Gestalt von Bai Ganyo verliehen Sie in Ihrer Rolle?

Unser Bai Ganyo ist keine ethnografische Person. Er ist kein einschichtiger und geradliniger negativer Held, der alles Zynisches, Vulgäres und Abgeschmacktes trägt. Er ist ein richtiger Mensch, einer von uns, mit seinen positiven und negativen Seiten!

Wir fingen an, den Roman von hinten nach vorne zu lesen, und entdeckten, dass sich Aleko bei seinem Held drei Seiten vor dem Ende entschuldigt, dass er ihn so schlimm beschrieben hat. Dann hebt er auch seine positiven Züge hervor. Am Ende sagt er: „Du bist nicht der Schlimme, mein Bai Ganyo, dein Umfeld ist schlimm!“

Würden Sie Ihr Lieblingszitat vom Musical “Die falschverstandene Zivilisation” mitteilen, in dem Sie die Rolle von Margaridi spielen?

Diese Welt ist eine Theaterbühne, wo die Zivilisierten als rightige Schauspieler lügen! Für die Europäer sind die Ungebildeten das, was das Vieh für die Menschen ist. Die Europäer kommen zu uns, lügen uns mit etlichen schönen Wörtern und Versprechungen, nehmen unser Geld, unsere Frauen und Kinder weg! Na ja, Europa hat sich mit einfältigen Nationen wie die Unsrige bereichert!

Nikolay Urumov - Laluger

Wie hat Sie das Monodrama “Ziesel” bewegt?

Das ist mein Leben, das sind meine Eltern, meine Verwandten, meine Mitbürger… Ich kenne diesen Menschen! Ich kenne seinen Kummer, sein Leid, seine Freude!

Wodurch ziehen Sie die Kinorollen heran? Und die Theaterrollen? Haben Sie persönliche Bevorzugungen?

Durch ihre Exzentrizität und ihre Wahrheit!

Würden Sie mitteilen, wie Sie die Kreativität von Ihr und von Ihrer Tochter entwickeln?

Das ist ein unbewusster Prozess. Man wird vom Leben und der Umgebung geprägt und in diese Richtung gebildet.

Was steht für Sie bevor?

Ich weiß nicht! Mal sehen!

Nikolay Urumov

Was ist das größte Kompliment, das Sie bekommen haben?

Rumen Leonidov hat gesagt, dass ich wie entfesselt spiele, als er mich in der Aufführung „Bai Ganyo“ angesehen hat.

Und Georgi Russev entschuldigte sich bei mir, dass er in der Pause weglaufen sollte und mich in der Vorstellung „Der Sturm“ von Shakespeare nicht sehen konnte, obwohl ich schon 15 Minuten am Anfang der Vorstellung auf der Bühne als Prospero war und meinen einleitenden Monolog sprach. Er hat mich nicht erkannt!!!

Und das dritte Mal war, als der Regisseur Petar Popzlatev nach dem Film „Blueberry Hill“ gesagt hat, dass ich wie “naturschtschik” („натуршчик”) spiele!

Was ist Ihr Lieblingsaphorismus oder Lieblingzitat?

Denn in den Räumen dieser Wunderwelt ist eben
Nur ein Traum das ganze Leben;
Und der Mensch, das seh ich nun
Träumt sein ganzes Sein und Tun,
Bis zuletzt die Träum’ entschweben.

Calderón de la Barca

Wovon träumen Sie?

Ich träume nicht von Unsterblichkeit und leichten Wegen,
nur von einer warmen Jacke im Winter träume ich.
Penjo Penev

Nikolay Urumov

Nikolai Urumov ist ein bulgarischer Schauspieler. Er hat am Gymnasium in Baltschik gelernt. 1990 absolvierte er die Nationale Akademie für Theater- und Filmkunst „Krastyo Sarafov“ in Sofia, im Fach „Schauspielkunst für dramatisches Theater“, in der Klasse von Prof. Nikolay Liutzkanov. Er nimmt eine Planstelle bei dem Dramatischen Theater „Sofia“; dem Satirischen Theater; dem Nationaltheater „Iwan Wazow“ und dem Jugendtheater „N. Binev“ ein. Im neuen Theatersaison kommt er in die Truppe vom Nationaltheater „Iwan Wazow“ zurück.

Urumov nimmt an Aufführungen vom Jugendtheater, dem Theater 199 „Valentin Stoitschev“, dem Armeetheater und den Theatern in Plovdiv, Dobritsch und Stara Zagora teil. Er hat mit Regisseuren wie Nikolay Liutzkanov, Wili Tsankov, Krikor Asaryan, Stojan Kambarev, Assen Schopov, Elena Tsikova, Krassimir Spasov, Alexander Morfov, Galin Stoev, Lilia Abadzhieva, Nikolay Lambrev, Plamen Markov, Borislav Tschakrinov, Boiko Bogdanov, Bina Haralampieva, Rimas Tereras, Juri Botussov u.a. gearbeitet.

Seine Theaterrollen sind mehr als 50: Prospero in „Der Sturm“ von Shakespeare; Malvolio in „Zwölfte Nacht“ von Shakespeare; Gagalju in „Narrenschule“ von Michael de Garderod; Hlestakov in „Revisor“ von Gogol; Kuligin in „Drei Schwester“ von Tschechov; Sancho Panza in „Don Quijote“ von Servantes; Bai Ganyo in „Bai Ganyo“ von Aleko Konstantinov; Margaridi in „Die falsch verstandene Zivilisation“ von Dobri Voinikov; Arpagon in „Geizhals“ von Molliere; Veliko in „Januar“ von Jordan Raditschkov; Clove in „Das Ende des Spiels“ von Becket sind nur ein Teil seiner Theaterrollen. Seine berühmteste Rolle, die Urumov schon mehr als 10 Jahre spielt, ist die Rolle von Bai Ganyo in „Bai Ganyo“ (nach Aleko Konstantinov) von Georgi Danailov, Regisseur Petar Kaukov, im Theater in Plovdiv. Wegen dieser Rolle gewinnt Nikolay Urumov viele Preise und Nominationen.

Er wurde zweimal Askeer-Preisträger und einmal Träger des Preises „IKAR“. 2000 gewinnt Nikolay den Askeer-Preis für haltende Männerrolle, für die Rolle des Karakalpakov in „Zweikampf“ von Iwan Wazow im Nationaltheater „Iwan Wazow“. Und im Jahr 2009 – den Askeer-Preis für führende Männerrolle, für die Rolle von Clove in „Das Ende des Spiels“ im Theater-199 „Valentin Stoitschev“. Den Preis „IKAR“ für beste Männerrolle gewinnt er 2004 für die Rolle von Margaridi in „Die falsch verstandene Zivilisation“ von Dobri Voinikov.

Für das Monodrama „Leben in Kartons“ von Ivan Kulekov, Regisseur Nevena Miteva, bekommt Nikolay internationale Anerkennung und viele Preise.

Er spielt auch im Monodrama „Ziesel“ nach Alexander Urumov, Regisseur Juri Datschev, ein Koproduktion des Theaters „Bulgarische Armee“, Sofia, und des Dramatischen Theaters „Jordan Jovkov“, Dobritsch. Mit dieser Rolle gewinnt er 2011 den Preis für besten Schauspieler auf dem Internationalen Festival des Monodramas in Bitola, den Preis für beste Männerrolle in Schumen und den Preis „Tscudomir“ in Kazanluk für „den komödischen Hit des Jahres“ im Jahr 2012.

Kategorien: Frontpage · Modern Times · Szene

Tags: , , , ,

Keine Kommentare bis jetzt ↓

  • Noch hat keiner kommentiert. Machen Sie den Anfang!

Kommentar schreiben