Ein Interview von Sandra Schmidt mit dem Grafikdesigner Peter Dahmen
Peter Dahmen – Papier zum Leben erwecken

Wie bist Du darauf gekommen Klappobjekte/Pop-Ups zu entwerfen?
Schon als Kind haben mich Klapp-Bilderbücher sehr fasziniert. Da ich selbst kein eigenes Pop-Up-Buch hatte, habe ich mir diese Bücher in Buchhandlungen und in der Bibliothek angeschaut. Da ich gerne mit Papier gebastelt habe, habe ich dann zu Hause versucht, die Effekte aus den Büchern nachzubauen.
Für einige Jahre habe ich das Thema nicht weiter verfolgt.
Im dritten Semester meines Designstudiums (1989) gab es dann den entscheidenden Impuls durch eine Semesteraufgabe im Fach “Gestaltungslehre”: Sie lautete “Papier und Pappe dreidimensional”. In dieser Zeit habe ich etwa ein bis zwei Klappobjekte pro Woche entworfen und gebaut.
Die besten Arbeiten aus meinem Studium zeige ich in dem Youtube-Video, welches ich im Januar 2010 aufgenommen habe.
Kannst Du Dich an das erste Objekt erinnern? Und wenn ja, welches war es?
An meinen ersten Entwurf kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Aber ich weiß noch gut, wie sehr ich mich gefreut habe, als zum ersten Mal einer meiner Entwürfe in Serie gefertigt wurde. 1990 habe ich im Auftrag einer Werbeagentur eine Klappkarte für eine Bronzegießerei entworfen.
(siehe Foto)

Wann hast Du die besten Ideen dafür?
Oh, das ist ganz unterschiedlich und lässt sich leider kaum beeinflussen. Es gibt Tage, da sprudeln die Ideen nur so aus mir heraus, während es anderen Tagen sehr viel Anstrengung kostet, bis ein Entwurf mir gefällt. Oft kommen Ideen auch ganz unverhofft. Vor ein paar Wochen hat mir eine Freundin eine Postkarte zugesendet, auf dem Goethes Farbkreis abgebildet war. Das hat mich zu dieser Klappkarte inspiriert:
(siehe Foto)

Manchmal stehen die Termine auch schon fest, zu denen Ideen fertig sein müssen.
Da ich geplant hatte, Anfang Januar eine Pop-Up-Karte zur Kundenakquise zu versenden, habe ich im November verschiedene Entwürfe angefertigt. Ich habe mich schließlich für diesen Entwurf entschieden: (siehe Foto)

Für die Serienproduktion habe ich allerdings noch einige Änderungen vorgenommen.
So sieht die fertige Karte aus:
(siehe Foto)

Die Einzelteile habe ich in einer Auflage von 100 Exemplaren per Laserstanzung herstellen lassen. Zusammenkleben muss ich die Teile zwar noch immer von Hand,
aber immerhin entfällt so das aufwendige Ausschneiden.
Gibt es ein Pop-Up, was Du besonders gerne magst?
Das spannendste ist immer das Objekt, an dem ich gerade arbeite.
Interessant finde ich, dass nicht unbedingt komplizierte Technik nötig ist, damit Menschen begeistert sind. Vor kurzem habe ich einen technisch recht einfachen Schmetterling entworfen. Da ich ihn allerdings nicht aus Karton, sondern aus Papier angefertigt habe, schwingen die Flügel leicht nach, wenn die Karte geöffnet wird. Die Bewegung sorgt für einen sehr lebendigen Effekt. Diese Karte gehört im Moment zu meinen Favoriten. (Siehe Bild)

Abgesehen davon kann ich mich besonders für architektonische und abstrakte Figuren begeistern. (Siehe Bild)

Manche Pop-Ups sehen so wahnsinnig kompliziert aus, wie lange braucht man von der Idee bis zur Umsetzung?
Für die Entwicklung eines einfachen Pop-Ups benötige ich etwa acht Stunden von der Idee bis zum fertigen Entwurf.
Wenn die Klappkarte aus sehr vielen Einzelteilen besteht, oder wenn die Formen kompliziert auszuschneiden sind, dann benötige ich auch schon mal zwanzig oder dreißig Stunden zur Fertigstellung. Das aufwendigste Pop-Up, das ich je gebaut habe ist die „Kugel“, die in dem Youtube-Video als letzte Figur zu sehen ist. An diesem Klappobjekt habe ich etwa sechzig Stunden gearbeitet.
Wenn ich eine neue Idee habe, fertige ich zunächst einige relativ grobe Layouts an. Bei den ersten Entwürfen geht es darum, mir über die technischen Aspekte Klarheit zu verschaffen. So lege ich fest, wo Stützen eingebaut werden müssen, an welchen Stellen ich die Teile festkleben kann, wo Einschnitte und Falze positioniert werden sollen, u.s.w. Wenn der technische Teil feststeht, geht es weiter mit neuen Entwürfen, mit denen ich das endgültige Aussehen festlege.
Die Zeichnungen entstehen zum Teil von Hand, zum Teil am Computer.
Die Funktion und die Wirkung eines Papierobjektes kann ich aber erst beurteilen, wenn alle Teile ausgeschnitten und zusammengeklebt sind – und das Ausschneiden ist leider meistens sehr viel Arbeit.

Konntest Du alle Deine Ideen bisher umsetzen?
Leider geht auch immer mal etwas schief, so dass ich nach einigen Arbeitsstunden feststelle, dass eine Idee sich nicht in der geplanten Weise umsetzen lässt. Dann geht’s wieder von vorne los mit neuen Entwürfen.
Zum Glück habe ich noch sehr viele Ideen für Papierskulpturen, und immer wieder werde ich neu inspiriert. Es ist so viel machbar, dass ich keine Sorge habe, mir könnten in den nächsten Jahren die Ideen ausgehen.

Wie wichtig sind Dir die Farben bei den Pop-Ups?
Viel wichtiger als die Farbigkeit ist mir die Form meiner Modelle.
Lange Zeit habe ich ausschließlich weiße Objekte gebaut. Vor einigen Wochen habe ich nach langer Pause wieder einige farbige Pop-Ups entworfen, die mir selbst auch gut gefallen. Motive, die von der Natur inspiriert sind, zum Beispiel Blüten oder Schmetterlinge, lassen sich ganz gut in Farbe umsetzen. Das ist aber eher die Ausnahme.
Die meisten Klappobjekte, insbesondere architektonische Formen, gefallen mir in weiß am besten.

Wie stellst Du Dir Deine Zukunft vor?
In den nächsten Wochen werde ich den Schwerpunkt meiner kreativen Arbeiten noch stärker auf den Bereich ‘Papier’ legen. Ausgelöst durch mein YouTube-Video habe ich einige Anfragen für den Entwurf von Pop-Ups bekommen.
Seitdem bin ich mit verschiedenen Firmen im Gespräch, darunter ein Hersteller von Grußkarten, für den ich eine Kollektion entwickeln soll und eine Werbeagentur, die in ihrem nächsten Firmenmagazin eines meiner Klappobjekte präsentieren möchte.
Das Organisationsteam einer Kunstausstellung hat mich mit der Herstellung einer Kleinserie von Pop-Ups beauftragt, die als Präsent an die Sponsoren verschenkt werden.
Außerdem werde ich in den nächsten Monaten zusammen mit einem befreundeten Illustrator ein Klapp-Bilderbuch entwerfen.
Ob alle diese Projekte auch wirklich realisiert werden, ist nicht gewiss. Trotzdem bin
ich ganz überwältigt, wie viel Aufmerksamkeit ich in den letzten Wochen mit meinen Arbeiten erzielen konnte.
Da mir dieses Thema sehr am Herzen liegt, werde ich mich auch in Zukunft mit dem Entwurf von Klappkarten beschäftigen. Außerdem sammle ich wieder Ideen für großformatige Papierskulpturen, denn ich möchte gerne in ein paar Monaten ein neues Video bei Youtube präsentieren.

Ich habe das große Glück, dass ich als Grafikdesigner einen Beruf habe, der mir auch nach vielen Jahren immer noch sehr viel Spaß macht. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.

Diplom-Designer,
Jahrgang 19671988–1993
Studium “Visuelle Kommunikation”
an der Fachhochschule Dortmund.
Während der gesamten Studienzeit
Mitarbeit in verschiedenen Werbeagenturen1994–2002
Freiberuflicher Grafikdesigner,
Projekte unter anderem für folgende Kunden:
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA,
Deutscher Bundesjugendring DBJR,
Deutsche Verkehrswacht,
Westfalenhallen Dortmund,
BITS-Hochschule, Iserlohn,
Dortmund-Project,
Stadt Dortmund,
Heyda-Werk, Hagen2002–2007
Festanstellung als Grafikdesigner
und Leiter der Werbeabteilung
bei der Fa. Heyda-Werk, Hagen.
Alleinverantwortlich für die Konzeption,
Gestaltung und Umsetzung aller Publikationen,
Papierprodukte, Verpackungen
und des Corporate DesignsSeit März 2008
Wiederaufnahme der freiberuflichen Tätigkeit.Schwerpunkte:
Papier- und Flächendesign,
Illustration,
Logo- und Corporate Design
Screendesign
Pop-Up Karten
















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