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Artist of the Week – Plamen Bratanov

31 August, 2009 von · Keine Kommentare

Die Skulptur als Diagnose

Interview von Vanya Nikolaeva mit dem Bildhauer Plamen Bratanov
Übersetzung aus dem Bulgarischen: Dessislava Georgieva

“Kunst erlaubt uns, uns selbst zu finden und gleichzeitig zu verlieren…” – Thomas Merton

Ich erinnere mich an meine kindlichen, vollkommen gescheiterten Versuche, mit Ton umzugehen…In meiner Vorstellung sahen die Figuren perfekt aus, ich dachte, ich könnte sie sogar berühren…, bis zu dem Moment, in dem der Ton hilflos in meine unsicheren Finger geriet. Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, mich davon zu überzeugen, dass sich das Material längst nicht mehr so gestresst in meinen Händen fühlt. Und dieses Gefühl war wunderbar! Deshalb kann ich nur erahnen, was man empfindet, wenn man tatsächlich etwas mit seinen eigenen Händen erschafft. Wenn man etwas widerspiegelt, das sich im Herzen befindet.

Ich freue mich, euch Plamen Bratanov und seine kleine große Skulpturenwelt vorzustellen.

Plamen Bratanov schließt sein Studium der Fachrichtung Bildhauerei an der Universität in Veliko Tarnovo ab. Er lebt und arbeitet in Varna. Er nimmt an nationalen und internationalen Ausstellungen teil und ist seit rund 25 Jahren Mitglied im Verband der bulgarischen Maler (SBH). Er arbeitet vorrangig im Bereich des Wandreliefs, des Reliefs und der Kleinplastiken. In Polen erhält er Auszeichnungen für seine Wandreliefs, in Ungarn für seine Kleinplastiken und in Bulgarien für einige seiner Skulpturen.

Wie kam es dazu, dass die Bildhauerei ein Teil deines Lebens wurde? Womit hat sie dich gefesselt und fesselt dich weiterhin?

Es war Zufall. Malen mochte ich schon als kleines Kind, für die Bildhauerei begeisterte ich mich aber im Wehrdienst. Mir fiel etwas Modellierton in die Hände, ich formte eine Figur daraus, es gefiel mir, und später machte ich dieses Hobby zum Beruf. Ich weiß nicht, womit mich dieses schmutzige und schwierige Handwerk fesselt, aber es ist seit langer Zeit ein Teil von mir, und ich bin vollkommen einverstanden mit der Behauptung, dass die Bildhauerei kein Beruf, sondern eine Diagnose ist.

Wie ist das Gefühl, ein Schöpfer zu sein? Existiert etwas „Göttliches“ in der Kunst selbst?

Wir alle sind „Kinder Gottes“, jedoch ist es ziemlich anmaßend, uns mit dem Schöpfer zu vergleichen. Er hat zwar auch „Ton“ benutzt, allerdings in einer anderen Hinsicht. Wir sind nur seine Ebenbilder. In der Kunst jedoch muss es unbedingt einen göttlichen Funken geben, damit auch die Anderen mit deinen Emotionen angesteckt werden.

Welches ist das größte Kompliment, das du für deine Werke bekommen hast?

Jeder Mensch ist mehr oder weniger eitel, und es scheint, als gelte das vor allem für die sogenannten „Menschen der Kunst“. Ohne überflüssige Bescheidenheit kann ich sagen, dass ich viele anerkennende Worte bezüglich meiner Arbeiten gehört habe. Es ist angenehm, Komplimente zu bekommen, jedoch bin ich selbst am zufriedensten, wenn das Resultat meiner Mühen mit meinen vorherigen Vorstellungen und Erwartungen übereinstimmt oder sie sogar übersteigt. Leider ist das nicht immer der Fall. Aber vielleicht ist das auch gut so.

Was stützt das Leben der Kunst? Warum existiert sie eigentlich?

Durch Kunst wird die Materie zum Träger emotionaler Information. In diesem Sinn ist sie ein Kommunikationsmittel zwischen den Menschen sowie zwischen Schöpfer und Menschen. Und die Kunst existiert, weil auch wir existieren.

Wofür hättest du gerne mehr Zeit?

Möglicherweise klingt es paradox, aber seit kurzem fehlt mir die Zeit für die Bildhauerei. Ich habe neue Ideen und den Wunsch, sie zu realisieren, aber ich habe keine Zeit.

Womit ist dir deine erste Ausstellung in Erinnerung geblieben?

So wie es bei vielen Dingen der Fall ist, die uns zum ersten Mal passieren, hege ich viele Empfindungen für diese Ausstellung – allein deswegen, weil sie mir die künstlerische Jungfräulichkeit genommen hat. Außerdem fand sie in Kardam, der Geburtsstadt von Lili Ivanova, statt. Dort präsentierte ich Bilder und Kleinplastiken – bis heute meine beiden Lieblingsarbeitsbereiche.

Was macht die wahre Kunst aus – großes Talent oder große Hartnäckigkeit?

Jemand hat sich mal die Mühe gemacht, das prozentuale Verhältnis zwischen Talent und Anstrengung in der Kunst auszurechnen, aber ich weiß nicht, nach welchen Kriterien sie gemessen werden. Doch mit Sicherheit warte ich nicht darauf, dass die Muse von allein auf meiner Schulter landet, sondern verfolge sich jeden Tag.

Galerien und private Sammler aus mehreren Ländern besitzen Werke von dir; du hast viel im Bereich der Kunst erreicht… Was motiviert dich zur Weiterentwicklung?

Ich denke nicht, dass ich weiß Gott wie viel in meinem Bereich erreicht habe. Das behaupte ich nicht aus Bescheidenheit, sondern aus einer realen Selbsteinschätzung heraus. Und wahrscheinlich beantwortet gerade sie die Frage nach der Motivation. Wenn ein Mensch mit dem Resultat seiner Arbeit nicht völlig zufrieden ist, dann strebt er beim nächsten Mal nach einem höheren Niveau. Außerdem ist die Kunst ein Territorium der Suchenden, und wenn ein Künstler beschließt, dass er den Gipfel erreicht hat, dann ist er zum künstlerischen Tod verurteilt.

Mit welchem Gedanken beginnt dein Tag / sollte dein Tag beginnen?

Meine Nächte sind oft unruhig, erfüllt von Sorgen um Fristen, Verantwortlichkeiten, Zeitmangel. Doch Gott sei Dank beginnen meine Tage mit Optimismus und Gedanken an die schönen Dinge.

Woran glaubst du?

Ich bin ein orthodoxer Christ, wenn wir von Religion sprechen. Im allgemeineren Sinne bin ich eher fragend als gläubig.

Was bedeutet Veränderung für dich – Notwendigkeit oder Wahl?

Bewegung ist Leben. Und in diesem Sinne ist Veränderung eine lebensnotwendige Bedingung der Entwicklung. Natürlich existieren im Leben eines jeden Werte, die man schätzen und schützen muss. Deshalb: Veränderung – JA, aber nicht in allen Dingen und zu jedem Preis. Die Wahl liegt bei uns.

Wie wäre die Welt, wenn den Menschen die Phantasie fehlen würde?

UNVORSTELLBAR

Gegen welches andere Talent würdest du dein Gespür für Bildhauerei eintauschen?

Musik ist für mich die Königin der Künste, und wenn ich Talent hätte, würde ich mich ihr widmen. Leider erschöpft sich mein Können mit dem ungeschickten Klimpern auf der Gitarre. Dafür bin ich aber ein guter Zuhörer und Schätzer.

Mich führt in Versuchung…

Es gibt viele Versuchungen um mich herum, und manchmal besiegen sie mich. Ich meine, einen Willen zu haben, aber mir ist nichts Menschliches fremd, wie man sagt.

Mein Leben würde ich vergleichen mit…

Für eine Bilanz ist es mir noch zu früh, aber wie ich es auch immer definieren würde – es ist mein Leben und ich bin nicht unzufrieden.

Kategorien: Frontpage · Szene · Visual Arts

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