Ein Interview von Antonia Dimitrova mit Polina Raynova
Übersetzung aus dem Bulgarischen: Aleksandra Ingilizova
Polina Raynova: „Der größte Fehler, den man begehen kann, ist sich SELBST einzuschränken“

Ich wurde am 22. Oktober 1989 in Sliven geboren. Dort habe ich das Sprachgymnasium absolviert. Seit zwei Jahren lebe ich in Sofia. Ein Semester lang studierte ich an der UNWE, Fachrichtung Gesellschaftskommunikation und Informationswissenschaften. Danach habe ich mich entschieden, mich zu exmatrikulieren und für Fotografie zu bewerben.
Im Sommer, während ich auf die Resultate gewartet habe, fing ich an zu arbeiten. Ich arbeite immer noch… Und so bin ich zu meiner jetzigen Situation gekommen: erstes Semester Fotografie an der NBU und gleitende Arbeitszeiten (das Geld für das monatliche Auskommen erwies sich wichtiger als ich gedacht habe).
Ich mache keine konkreten Pläne für die nahe Zukunft, die mit Raum und Zeit verbunden sind, Vollzugsfristen und Erreichen von was es auch sei. Ich fühle mich ungebunden und frei mich zu ändern. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich mich weiterhin im Bereich der Fotografie entwickeln will, aber wie das geschehen wird, bleibt als die laufende Herausforderung.

Wann und wie hast du angefangen, dich mit Fotografie zu beschäftigen?
Es war am Anfang der achten Klasse. Damals hat mir mein Vater eine seiner alten Kameras „Zorki 6“ geschenkt. In meinem Alter war er ein leidenschaftlicher Hobbyfotograf und weil er sich auch für Chemie interessiert hat, hatte er eine Dunkelkammer im Keller. So neben ihm fing ich mit einem Film an. Ich fotografiere immer noch auf Film. Ich denke, dass das der beste Weg ist anzufangen und die Grundlagen zu lernen.
Was inspiriert dich?
Die Menschen. Die Menschen für mich sind ein unermessliches weitgehendes Forschungsfeld.

Was genau magst du von den Menschen aufzunehmen – Emotionen, seelische Zustände, Augenblicke?
Nein, Augenblicke würde ich nicht sagen. Die Augenblicke sind vergänglich und mit dem Geschehen hier und jetzt verbunden. Leichter fällt es mir die seelischen Zustände aufzunehmen.
Trotz seiner Unermesslichkeit kann dieser innerliche Raum sogar nur mit einer typischen Geste widerspiegelt werden. Das Detail ist bei der Enthüllung dieser intimen Welt sehr wichtig für mich. Es ist der Schlüssel, die Andeutung für ihre Existenz.
Natürlich muss man sich bei dieser Enthüllung bemühen – genau das ist das Schöne an dem Forschungsprozess.

Wie wählst und prädisponierst du deine Modelle?
Ich suche das Ungewöhnliche in ihnen – meistens ist das etwas ganz Kleines und Unauffälliges. Und was das Prädisponieren angeht, weiß du… ich denke, genau hier ist der Schnittpunkt der Fotografie und dem Journalismus – um zu fotografieren bzw. zu kommunizieren musst du nah genug sein. Die Nähe ist die größte Herausforderung.
Was ist für dich die Kunst? Welches Kompromiss würdest du mit ihr nicht eingehen?
Meiner Meinung nach ist die Gegenwartskunst ein Hybrid, eine Mischung, ein Überlauf. Ich bin komplett dagegen, die Kunst im Rahmen festzuhalten. Die Klassifizierung, das Abstempeln, das Differenzieren von etwas Homogenem ist für mich ein falsches Herangehen.
Ich bin nicht gegen Nutzung aller Methoden für Einmischung ins Bild (damit meine ich Photoshop), weil sie einen starken subjektiven Gesichtspunkt zeigen. Für mich ist das die ideale Variante, verschiedene Techniken zu kombinieren: analoge Technik, Filmeinscannen und Bearbeitung.
Die wahre Kunst ist frei von Grenzen und ich denke, sie deckt auf – egal ob es ein Objekt ist, eine Erscheinung oder das Unterbewusstsein des Autors selbst. Die Kunst offenbart Standpunkte und bietet ein Feld zum Nachdenken…

Wenn wir gerade über Grenzen in der Kunst sprechen – was denkst du über die Grenzen zwischen und in den Menschen selbst?
Das ist ein sehr schweres Thema. Ich denke, ein großes Problem der gesamten Gesellschaft ist die Tatsache, dass Menschen sich und alles um sich herum in Grenzen halten, die den eigenen Regeln und Prinzipien folgen. In einem schlimmeren Fall wird es zu Engstirnigkeit, Ignoranz und Lebensverschwendung, weil der größte Fehler, den man begehen kann, ist, sich SELBST einzuschränken.
Bei mir gibt es genau so Faktoren, die mich beschränken – innerlich und äußerlich, was ganz normal ist. Aber ich versuche dagegen zu kämpfen. Das ist der Sinn der Existenz für mich. Ich glaube nicht, dass ich zu einem Stadium komme, in dem ich nichts zu überwinden haben werde.

Denkst du, dass in Bulgarien ein Pseudokunstumfeld existiert?
Ja, aber es ist nicht das, was mir ins Auge fällt. Vielmehr macht es auf mich Eindruck, dass es ganz viele junge talentierte Menschen gibt, die ihr Potential nicht ausnutzen.
Was ist das Talent für dich?
Das Talent ist nicht etwas, was man sich „aneignen“ kann. Meiner Meinung nach unterliegt es einer Entwicklung und könnte große Höhen erreichen, aber es braucht eine ständige Provokation.

















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