Interview von Dessislava Velichkova mit dem Regisseur Radoslav Gizgindzhiev
Übersetzung aus dem Bulgarischen: Dessislava Georgieva
Die kleinen Männer legen alles auf die Goldwaage, und die Großen bringen sie zum Kippen – mit nur einem Schlag, mit einer zufälligen Andeutung…
Radoslav Gizgindzhiev ist der Stein, die die Waage zum Kippen bringt. Er hat ein unbestreitbares Talent, wahnsinnige Ideen und am wichtigsten: den Mut, ihnen zu glauben. Menschen, die nicht an Wunder glauben, zeigt er jeden Tag, dass es sie gibt und dass der Mensch selbst eines ist. Er liebt die Kunst nicht nur, sondern beherrscht es, sich ihr zu widmen – ohne sie zu beherrschen, ohne ihren Platz in den Grenzen des „Annehmbaren“ zu suchen.
Heute wollen wir nicht an der Schönheit zerren und unpassende Stellen mit Fragezeichen versehen… Wir glauben einfach an sie, ohne sie auf unsere Ebene herabzusetzen – sie ist auch so nah genug.
Dein Film „Gespenster“ wird sehr bald im Fernsehen ausgestrahlt. Nur wenige junge Regisseure können sich mit einem solchen Erfolg rühmen. Wie hast du es bis hierhin geschafft?
Vor einiger Zeit traf ich eine sehr gute Lyrikerin – Snezhana Ivanova. Die Welle aus Graphomanen, die heutzutage das Publikum überschwemmt, hatte mich schon ziemlich von der zeitgenössischen Poesie distanziert und verängstigt.
Dann kam sie – ihre Werke lösten einen regelrechten Wirbel in meinem Bewusstsein aus und entflammten meinen Intellekt, so dass ich beschloss, eines Tages einen Film über sie zu drehen. Ihre Poesie stellte sich als sehr kinematografisch heraus. So kam die Idee der „Gespenster“ zustande und der Film ist bereits Fakt.
Am 20. Mai wurde das Buch „Angstüberwindung“ von Snezhana Ivanova gemeinsam mit dem dazugehörigen Film „Gespenster“ präsentiert. Wie hat das Publikum auf euer künstlerisches Duett reagiert?
Nach der Präsentation des Films waren der bekannte bulgarische Regisseur Docho Bodzhakov und der Dramaturg Marin Damyanov sehr beeindruckt. Die Fertigstellung des Films fiel zeitlich mit der Präsentation von „Angstüberwindung“, dem neuesten Buch Snezhanas, zusammen, das ihre bisher besten Gedichte beinhaltet.
Das war der Grund, den Film zur Buchpräsentation auszustrahlen. Ich könnte nicht wie die Leute über ihn sprechen, die ihn bereits gesehen haben, und ich will ihn auch nicht loben. Ich kann nur sagen, dass ich außerordentlich glücklich mit dem Endprodukt bin. Viele verstanden die Lyrikerin Snezhana erst nach dem Film. Ich spreche von Menschen, die sie seit Jahren kennen.
Was hat dich an ihrer Poesie beeindruckt, damit die Idee des Films entstehen konnte?
Das, was mir auffällt ist, dass die Poesie im Laufe der Zeit an Bedeutung verloren hat und jeder Zweite heutzutage Dichter ist. Im Film „Gespenster“ will ich eben nicht nur eine mystische bulgarische Poesie mithilfe audio-visueller Kunst interpretieren, sondern will den Leuten verständlich machen, dass Dichter zu sein eine Berufung ist.
Snezhanas Verse haben Schwingungen antiker Zaubersprüche, in denen die Präsenz Gottes spürbar ist. Es ist wie eine unsichtbare Sprache, die sie wahrnimmt und in ihrer Poesie interpretiert.
Ich denke, dass sie der Dichter der neuen Generation ist – wie ein Krieger des Wortes. Wahrscheinlich klingt das etwas übertrieben, aber ihre Poesie ist eine Tatsache und jeder kann sich davon überzeugen.
Kann der Film als biografisch bezeichnet werden?
Er enthält viele Fakten, doch die stärksten Momente sind in der visuellen Interpretation ihrer Gedichte, was sich als große Herausforderung herausgestellt hat und wirklich inspirierend war.
Darin spielt der bekannte bulgarische Regisseur Pavel Pavlov, der die Poesie Snezhanas kommentiert. Im Film erfährt man die Geschichte der Dichterin und spürt den Geist. Darin seht ihr sie durch meine Augen.
Neben Pavel Pavlov, den du bereits erwähnt hast, spielt auch die Schauspielerin Jana Naydenova im Film mit. Würdest du mehr über ihre Rolle in diesem unglaublichen, für einen Schauspieler aber auch sehr ambitionierten Projekt erzählen?
Sie spielt Snezhanas Geist. Daneben hat sie eigene Songs als Filmmusik zur Verfügung gestellt. Jana ist nicht nur wunderschön und kinematografisch, sondern singt auch großartig.
Kaum hast du „Gespenster“ fertiggestellt, schon arbeitest du an deinem nächsten Projekt – „Regen“…
So ist es. Darin will ich die schönsten Orte Bulgariens zeigen, und zwar durch Gesichter und eine Umwelt, die typisch bulgarisch ist. Ich will ein audio-visuelles Spektakel schaffen, nicht nur bloß Kino.
Vier Gesichter des Regens, über alle vier Jahreszeiten hindurch, durch vier unterschiedliche Geschichten, erzählt in Poesie – vom Kind bis zum Greis. Ich denke, dass die Bulgaren zu ihren Anfängen zurückkehren müssen.
Momentan wird noch an der Technik gearbeitet. Die Musik wird von Veselin Mitev sein. Ich will, dass die Vision mehr aussagt als der Text. Dieser soll nur ein ausbauendes Element oder meine Sichtweise der Vision sein.
Und dennoch wird der Text in deinen Filmproduktionen nie vernachlässigt! Tatsächlich schreibst du die Drehbücher selbst, und tatsächlich ist die Poesie unveränderlich in jeder Szene vorhanden. Können wir das Gleiche von deinem neuen Film erwarten?
Ihr könnt etwas völlig Untypisches fürs bulgarische Kino erwarten. Meine Signatur ist in jede Szene eingraviert. Das ist unumgänglich, obwohl ich es nicht mit Absicht und manchmal sogar unbewusst tue. Natürlich ist der Text wichtig, besonders für Autorenfilme wie ich sie mache.
Das Genre hat ebenfalls viele streng definierte Besonderheiten, aber ich bemühe mich, einen Kontrast zwischen Text und Vision zu erreichen oder die Vision mit Text zu vollenden. Ich versuche zu spüren, was die Augen sehen wollen und im selben Moment herauszubekommen, was die Ohren hören wollen. Diese Sinne unterscheiden sich und sind sehr wichtig. Für mich sind wahre Künstler Propheten. Auf Sanskrit bedeutet das Wort Poesie „Prophezeiung“.
Die Wahrsagungen der Runen wurden anfangs als Poesie geschrieben – eine sehr schöne sogar! Poesie soll überall im Text, in den Filmaufnahmen und in der Musik sein. Ihr werdet also nicht nur in meinem nächsten, sondern auch in meinem übernächsten Film Verse in Filmkadern lesen.
Die Gedichte, die du schreibst, enthalten jenen Gebets- und gleichzeitig Beschwörungston, der auch in deiner Filmkunst durchschimmert. Woher kommen diese klar ausgedrückten Elemente, mit denen du so geschickt umgehst?
Sie kommen von oben, von unten, von der Seite, von innen… Ich weiß es nicht, sie haben keine Richtung. Ich mag Symbole – ich mag es, dem Zuschauer die Möglichkeit zu geben, selbst das Symbol mit seiner Persönlichkeit zu verbinden, sich selbst zu erkunden, seine inneren Analogien zu prüfen. Jeder ist auf seine eigene Weise Schöpfer seines Lebens, und jeder verleiht einer Abbildung seine eigene Nuance, wenn er sie durch seine Pupillen ansieht.
Ich versuche reine Worte zu benutzen und mit Emotionen anzustecken – ob ich es beschwörend hinkriege, weiß ich nicht – das Publikum hat das Wort.
Wann schreibst du?
Abends. Es ist auch schon mal tagsüber vorgekommen. Ich schreibe, wenn mich etwas stark beeindruckt hat und ich es nicht ertragen kann. Ich erlebe es zu 100%, wenn ich meine Empfindung in ein Filmkader oder einen Satz verwandle.
Es gibt Dinge, die ich noch nicht zeigen kann, weil ihre Zeit noch nicht gekommen ist – vielleicht bin ich nicht geduldig, weise genug. Aber irgendwie passiert es mir, dass ich Leute kennenlerne, die stark sinnlich sind, die ungewöhnliche Dinge erlebt haben, und von ihnen erfahre ich mehr über das Leben, erforsche und fühle es wie einen fließenden Strom in mir. Ich bemühe mich, diese Empfindung auf jede mögliche Weise zu visualisieren.
Es freut mich, wenn die Menschen mich verstehen!
Deine Handschrift in der Filmkunst ist absolut einzigartig – es gibt etwas, das nur für dich typisch ist und sogar in deinen frühesten Filmen („Hellblau“ und „Hellblau 2“) zugegen ist. Wie erreichst du diese erstaunliche Fragmentiertheit von Poesie und Filmkader?
Ich sehe die Form, verfolge den Filmkader. Damit die Form lebendig wird, ist es notwendig, eine unsichtbare Bewegung zu erzeugen – die Worte. So entsteht eine Form, die sich sowohl auf unserem Bewusstsein, als auch auf unserem Unterbewusstsein bewegt.
Für mich ist der Obdachlose, der auf der Parkbank schläft, gar nicht so wichtig. Wichtiger sind seine Finger – die Finger, die es gewohnt sind, die Umgebung abzutasten und sie als Zuhause zu identifizieren.
In „Hellblau“ sinniert einer der Helden über das Leben und die Menschen: Warum schenken wir unseren Kindern Plastikpistolen, wenn wir keine Kriege wollen? Dieser Held ist der Teufel. Aber ob er tatsächlich ein Teufel ist, ist ein anderes Thema.
Ich mag genau solche Kontraste und Fragmente. Das ist nur ein Beispiel, das eine Vorstellung vom Zentrum der Zielscheibe geben könnte, auf die ich ziele.
Kontraste. Sofort gehe ich ein Jahr zurück – zu jenen unglaublichen Fotos, die der Fotograf Gencho Petkov für den Wettbewerb „Der zeitgenössische Mann in Aktion“ gemacht hat, während du und der Bildhauer Michail Cherkezov die beiden Extreme verkörpert habt…
Ja, Der Yuppie ist ein Symbol des fortschreitenden Mannes in der materiellen Welt. Er ist die erfolgreiche Wirkung des Systems auf den Mann. Das System kämpft mit der Natur. Und sein logischer Antipode ist der Hippie. Der Hippie ist die erfolgreiche Wirkung der Natur auf den Mann. Ein Symbol des freien und erhobenen Mannes in der geistigen Welt.
Die Verbindung zwischen beiden Gestalten ist das gemeinsame Symbol – der Stein. Der Stein verkörpert die männlichen Anfänge. Er ist der erste der „väterlichen Zeichen“, der „Adamsfels“, ist in biblischen und apokryphen Quellen als „Stein, ohne Hände aus dem Felsen gerissen“ oder als „Stein, der sich in einen großen Berg verwandelt“ beschrieben.
Woran glaubst du?
Ich glaube an das natürliche Gleichgewicht, an mich selbst und an alle inspirierenden und schönen Gottheiten. Wenn ich schöpfe, glaube ich an die Augen der Inspiration. Ich glaube, dass wir weder zum ersten noch zum letzten Mal hier sind und dass der „Zufall“ das Unumgänglichste ist, was uns je passieren kann.
Im Internet läuft schon der Trailer zum Film „Die Minuten“. Was können wir dort erwarten?
Erwartet Hoffnung, Liebe und viel Aufrichtigkeit – wir alle waren mit dieser Emotion geladen, während wir am Film arbeiteten. Es ist ein experimenteller Spielfilm, wieder keinem Genre entsprechend.
Er gehört zu einem Projekt der Philologischen Fakultät der Universität in Veliko Tarnovo – das Drehbuch erstellte ich, indem ich Poesie in Übersetzung verschiedener Studenten und Dozenten benutzte. Es gibt auch eine besondere Überraschung – ein außerordentlich schönes Lied mit Text und Arrangement von Margreta Grigorova.
Die Masse wird das Lied zum ersten Mal hören. Wir haben ganze sechs Helden – der Maler, der Poet, der Gemalte und die Verliebten – alle jung, schön und talentiert. Und wieder arbeite ich mit Jana Naydenova, die in „Gespenster“, „Die Minuten“ und auch in „Regen“ mitspielt.
Die Botschaft des Films ist, dass wir auch in den kleinsten Dingen unterschiedlich sind – Gewohnheiten, Eigenschaften, Aussehen, Religion, Kultur. Aber es gibt auch etwas, worin wir uns alle ähnlich sind, und das ist die Liebe. Der Film heißt „Die Minuten“ – das sind die Minuten, die unsere Persönlichkeit formen – die Minuten der Vergangenheit.
Manchmal kann uns eine Minute sehr lang vorkommen, und manchmal vergeuden wir sie einfach, indem wir Werbung oder eine Seifenoper anschauen, in Gehässigkeit oder Langeweile versinken. Wenn wir unsere Vergangenheit in Filmkader packen, wählen wir nur bestimmte Minuten aus, die wir niemals vergessen würden – die Minuten, die in ihrer Natur bis an die Ewigkeit reichen.
Gibt es etwas, das du den Lesern von Public Republic mitteilen möchtest, ich dich aber nicht danach gefragt habe?
Ich wende mich an die Menschen und möchte sie dazu auffordern, sich selbst zu beobachten. Jeder von uns hat ein bestimmtes Talent – und er ist am wertvollsten, wenn er es einsetzt. Dieses Talent kommt jedoch nur an die Oberfläche, wenn wir uns selbst beobachten.
Lebt bewusst und erlaubt keinem, eure inneren Regeln zu bestimmen. Hört auf euren Geist – er kennt eure Zukunft und würde euch nie in die Irre führen. Seid kreativ! Wenn ihr keine Bilder, Poesie oder Filme erschaffen wollt, dann erschafft einfach Liebe!
Trailer zu den Filmen:
Radoslav Gizgindzhiev studiert Kinoregie im Art College für Leinwandkunst in Sofia. Parallel studiert er Slavische Philologie an der Universität in Veliko Tarnovo. 2007 präsentiert er sein Filmdebüt „Hellblau“. Gerade mal ein Jahr später kommt „Hellblau 2“ heraus.
Er ist Autor der TV-Sendung „Die Wahrheit ist, dass“, die zwei Jahre lang ausgestrahlt wird. Für sein Projektdrehbuch „Die vergessenen Schlüssel“ wird er als einer der besten Drehbuchautoren von TV AXN 2007 ausgezeichnet.
Radoslav Gizgindzhiev führt nicht nur Regie, sondern schreibt die Drehbücher zu seinen Filmen selbst. Dieses Jahr wurde er mit seinem Werk „Metamorphose des Suchenden“ für sein „zum Ausdruck gebrachtes Talent“ im Bereich Poesie ausgezeichnet. Jurymitglied war Nedyalko Yordanov.
Ende letzten Jahres nimmt er als Ko-Autor gemeinsam mit dem Fotografen Gencho Petkov und dem Bildhauer Michail Cherkezov am Fotografiewettbewerb des Goethe-Instituts zum Thema „Der zeitgenössische Mann in Aktion“ teil.
Wenige Tage, nachdem er das Publikum mit seiner letzten Film-Impression „Gespenster“ in Aufruhr versetzt hat, beginnt Radoslav Gizgindzhiev seine Arbeit an der Realisierung des Projekts „Regen“ und seines neuesten Films mit dem Titel „Die Minuten“.





















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