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Artist of the Week — Tedy Moskov

28 September, 2009 von · Keine Kommentare

Interview von Velina Vateva mit Stefan (Tedy) Moskov

Übersetzung aus dem Bulgarischen: Dessislava Georgieva

Tedy Moskov: “Das Theater als Vergnügen, Energie, Polyphonie, Reise”

Beginnen wir mit deiner Komödie „Die Schönheit schläft“. Es ist verrückt, aber offensichtlich klappt es, zwei so unvereinbare Autoren wie Charles Perrault und Freud zu vereinen?

Das ist ein Scherz, sie lassen sich überhaupt nicht vereinen. Der Untertitel ist ein Köder fürs Publikum, das mit Charles Perrault und Sigmund Freud etwas anfangen kann. Ein Scherz über die Theorie Freuds, die scheinbar auf „Dornröschen“ angewendet wird.

Und schluckt das Publikum diesen Köder?

Meistens ja. Die Vorstellung ist ausverkauft.

Während der Vorstellung fiel mir auf, dass viele Menschen unheimlich auf die ersten Signale reagierten – sie sahen nur die oberste Bedeutungsschicht.

Auf diese Weise eröffnet sich ihnen aber auch die zweite, die tiefere Schicht. Sonst geht es nicht. Wenn man nur in der zweiten Schicht agiert, dann kommt auch nur die „zweite Schicht“ zur Vorstellung, nämlich nur fünf Personen.

Bedeutet das, dass eine Vorstellung maximal zugänglich sein muss, um ein breites Publikum anzusprechen?

Sie muss für alle sein. Zu mir sollen sowohl Kinder, als auch Erwachsene kommen.

Fellinis „Amarcord“ begreifen Tölpel und Schlauköpfe, Kinder und Greise. Das ist mein wichtigstes Ziel. Niemand soll sich langweilen – weder der Kluge, noch der Dumme.

Einmal sah ich einen Zeichentrickfilm von Salvador Dalí und Walt Disney. Er wirkt auf jeden. Seltsame Figürchen sind dort zu sehen, nicht sehr ausdrucksstark, aber sie sind so seltsam, dass es verwunderlich ist, dass sie sich überhaupt bewegen.

Dafür gibt es dort aber keine Geschichte, der man folgen kann.

Wo gibt es schon eine Geschichte, der man folgen kann, außer im Stumpfsinn.

Ich arbeite immer nach einem sujetlosen Prinzip. So ist es bei der polyphonen Musik. Die Symphonie bildet ein Sujet – einen Prolog, eine Schürzung und Lösung des Knotens sowie ein Finale. Bei der Polyphonie dagegen fließen die Themen parallel.

Vermutlich ist die Sujetlosigkeit viel komplizierter.

Kompliziert ist das Aufrechterhalten solcher Vorstellungen. Denn nur die Energie verbindet die einzelnen Episoden miteinander. Nicht die Logik. Das aufrechtzuerhalten, ist ein Albtraum.

In Deutschland ist es einfacher, weil die Schauspieler dort disziplinierter sind. Die hiesigen lassen sich ablenken.

Kannst du sagen, wie deine Vorstellungen beim deutschen Publikum ankommen?

In Hamburg komme ich sehr gut an. Dort habe ich mein eigenes Publikum.

Aber Hamburg ist nicht Deutschland und auch kein repräsentativer Auszug Deutschlands. Es ist eine Weltstadt – die Beatles hatten dort ihren Durchbruch, nicht in London.

Ich habe auch in Bremen, Düsseldorf, Stuttgart, Bochum und Darmstadt gearbeitet. An manchen Orten ist das Publikum schwieriger – die spontane, auf den ersten Blick einschichtige theatralische Handlung brachte es durcheinander, aber schließlich konnte ich es doch für mich gewinnen.

In Bremen war es am schwierigsten – dort stellte ich eine Kollage aus „Macbeth“ und „König Ubu“ mit dem Titel „Macbu“ vor. Jarrys „König Ubu“ ist eine Parodie Macbeths. Die Stücke entwickelten sich parallel – eines als Zerrspiegel des anderen. Es wurde äußerst mühsam in Bremen akzeptiert. Ein bestimmter Personenkreis – Studenten und jüngere Leute – nahm es ruhiger auf und verstand, worum es ging.

Bremen hat sich wohl als ein etwas mehr provinzieller Ort in Deutschland entpuppt. Aber vielleicht habe ich auch etwas falsch gemacht.

In Darmstadt ist es auch etwas schwierig, obwohl die Vorstellungen dort gut liefen.

Ist Vorwissen, eine Basis, auf die man sich stützen kann, notwendig, um deine Vorstellung zu verstehen, wenn man sie besuchen will?

Früher habe ich für Menschen gearbeitet, die meinten, den Text zu kennen – als ich „Romeo und Julia“ und Tschechow aufführte.

Nun müssen wir im Theater schon aufklärerische Funktionen erfüllen – Geschichten erzählen, nicht zerstören. Wenn heute jemand „Das Frühstück im Grünen“ von Picasso sehen würde, dann wüsste er nicht, dass das Bild von Manet ist. Er muss auch das Original sehen.

Wenn es möglich wäre, das Original und die Groteske gleichzeitig zu sehen, wäre das am besten. Aber das ist schwer zu erreichen.

Wo reißen diese Bindeglieder? Warum fehlt dieses Wissen?

Zuerst sind sie in meiner Generation gerissen. Das Publikum ist nicht ungebildet, weil es nicht lesen will, sondern weil es falsche Historie und Literatur, eine lange Zeit falsch eingepflanzte Deutung der Kunst gelesen hat. Und heutzutage findet es im Internet das, was am einfachsten zu erreichen ist, und das hat keine Tiefe.

Kann das Theater etwas Zerbrochenes wieder richten?

Ich denke überhaupt nicht daran, was das Theater richten oder nicht richten kann – das erinnert mich an die früheren ideologischen Programme. Ich mache Theater, solange es mich unterhält. Es unterhält mich immer weniger. Also höre ich vielleicht sehr bald schon auf. Was sollte ich anderes tun, als Vergnügen zu empfinden.

Wenn du heute die Comedysendung „Die Straße“ drehen würdest, würde sie anders aussehen?

Wahrscheinlich. Ich könnte wieder damit anfangen, jedoch müsste ich sehr genau überlegen, wie das gehen soll.

Eine neue Generation wird geboren. Die Generation meines 21-jährigen Sohnes ist ganz anders und hat andere Werte.

Wie siehst du die neue Generation?

Ich sehe sie belehrend und kritisch – wie ein zorniger alter Mann. Vorausgesetzt, dass sie nichts gelesen hat, überrascht sie mich jedoch mit manchen Einsichten, von denen ich wirklich nicht weiß, wie sie sie erlangt.

Was würdest du zum folgenden Zitat von Romain Gary sagen: „Ich bestehe nicht darauf, glücklich zu sein – ich bevorzuge das Leben.“

Ich liebe es, mit mir selbst zu flirten und so zu tun, als wäre ich unglücklich, selbst wenn ich am glücklichsten bin. Diese Dinge gefallen mir, ich mag die unerwiderten Lieben, die komplizierten, ausweglosen Situationen.

Man kann nicht erklären, was einen anzieht. Wenn man einen Charakter zu erläutern beginnt, dann tötet man ihn. Ein Vogel kann nicht erklären, warum er fliegt. Und derjenige, der das erklären kann, kann keineswegs losfliegen.

Nichts kann erklärt werden. Die Analyse, die Konstatierung tötet.

Ich hatte ein Gedicht von Ivan Metodiev, in dem es hieß, dass der Engel fliegt, während der Teufel erklärt.

Mir fällt ein anderer Vers von ihm ein: „Sagt dem Spatz nicht, dass er fliegt. Sonst stürzt er ab.”

Ja, das ist aus seinem Gedichtband „Ärsche und Wolken“, eines meiner Lieblingsbücher. Ich überlege es zu inszenieren. Er kommt dem, was ich tue, sehr nah.

Wir sprachen Ivan Metodiev an. Anfangs fand ich seine Gedichte schrecklich brutal. Doch später erkannte ich die Verletzlichkeit in dieser Brutalität.

So ist es. Zudem verhilft er den feinen Dingen zur Sichtbarkeit. Auf diese Weise heben sie sich noch deutlicher ab. Außerdem existieren die Dinge nebeneinander her – es gibt niemals nur das eine oder das andere. Und das ist auch schön – aus Müll eine Skulptur zu machen, die zart und rein ist. Es geht.

Kann die Schönheit denn rein von allen Zusätzen sein, sauber und makellos?

Diese Dinge bewegen mich nicht. Mit dieser Schönheit befasse ich mich nicht. Die Schönheit muss ungehobelt, eigen, provozierend sein. Schön an einem Ort und hässlich an einem anderen. Wenn man Michelangelos Pietá an jeden Ort der Welt bringt, dann würde man sie sicherlich überall harmonisch aufnehmen. Wenn man damit jedoch kleine Kinder zermalmt und von überall das Blut strömt, würde man sie wahrscheinlich anders wahrnehmen.

Die Dinge sind ständig in Bewegung, Veränderung, Interaktion. Und das ist wunderbar!

Kürzlich erzählte man mir folgende Geschichte: Ein Amerikaner lauschte der Jazzmusik eines Inders. Eine Passage gefiel ihm besonders und er bat den Inder, sie noch einmal zu spielen. Dieser spielte etwas Anderes. Der Amerikaner fragte: „Warum hast du es nicht wiederholt!?“ Und jener antwortete: „Sieh dir den Baum an, sein Laub – sind sie etwa die gleichen? War dieser Vogel etwa dort?“ Jeder Augenblick ist einzigartig, er kann nicht wiederholt werden.

Ja, aber wir können ihn nicht immer einfangen.

Manche können es. So hieß meine erste Vorstellung: „Manche können es, andere nicht“. Das ist ein Zitat aus „Puh der Bär“.

Das gehört bestimmt zu deinen Lieblingsbüchern.

Na ja, ich lese es schon lange nicht mehr. „Tao Te Puh“, das Buch vom Tao und von Puh dem Bären von Benjamin Hoff gefiel mir sehr – es ist ein Regie-Lehrbuch. Man kann alles durch seine Sicht der Dinge brechen. Und Regie bedeutet, Texte mit Konzepten zu durchsetzen. Wenn sie unbekannt sind, dann wird jede Konzeption sinnlos – man muss sie bloß erzählen.

Du musst etwas kennen, um es zu deuten. Und das Publikum muss es kennen, um es zu sehen und die Deutung zu verstehen. Wenn man sich einen Scherz erlaubt, während die Kenntnis des Ursprünglichen fehlt, dann kann dieser nicht verstanden werden. Deshalb muss in einer Vorstellung alles enthalten sein – vom Niedrigsten bis zum Höchsten. Um das Publikum zu packen. Wenn diese Stille erreicht wird, die alle umschließt, dann ist das wirklich schön. Ich habe sie selten erreicht. Wenn ich sie erreiche, dann freue ich mich.

Eine deiner letzten Vorstellungen heißt „Es reist Odysseus“. Wohin reist Stefan Moskov?

Ich bin ständig in Bewegung, bleibe nicht stehen. Wenn ich Wurzeln schlage, kann ich nicht mehr losziehen. Aristoteles glaubte, dass Philosophie nur in Bewegung betrieben werden könnte, deshalb lief er mit seinen Schülern im Kreis.

Man muss an den Dingen vorbeigehen, niemals bei ihnen anhalten. So sind wir beschaffen – wir werden älter, wir reisen ständig. Wir reisen unaufhörlich dem Tod entgegen.

Vielleicht stoßen wir ihn auch von uns weg, während wir ihm wie Odysseus entgegen reisen.

Oder wir kommen ihm näher, eins von beiden. Aber da wir wissen, dass alles relativ ist, ist es nicht klar, ob er sich auf uns zubewegt oder ob wir auf ihn zugehen. Wenn er aufhört, auf uns zuzukommen, gehen wir auf ihn zu und umgekehrt. Wir sind mit dem Tod verbunden.

Ich werde dich nicht im Rahmen der Fragen als optimistisch oder pessimistisch darstellen. Aber wo positionierst du dich?

Morgens bin ich Optimist, abends Pessimist. Und mittags werde ich schläfrig.

Pessimisten, Optimisten und Zentrum – das sollten die drei politischen Bewegungen sein.

Was würdest du über die Selbstironie sagen?

Ich demonstriere sie gerne, obwohl ich sie nicht so sehr besitze.

Es ist schwierig in unserer Umgebung – Heuchelei, Hass, Einschmeichelei – langsam bin ich dessen überdrüssig.

Wie schaffst du es, dem zu entkommen?

Ich fahre mein Auto, ich reise, genieße die Natur, mir kommen irgendwelche Ideen, ich schreibe sie auf.

Ich liebe es, mit meinem Auto zu reisen. Kürzlich kam ich über Berkovitsa aus Smolyan zurück, und das ist schwer zu realisieren, von Süd- bis Nordbulgarien zu fahren, um nach Sofia zu kommen.

In Wirklichkeit ziehst du also die Zickzack-Wege den direkten vor?

So ist es, ja. Eine Odyssee. Nicht direkt nach Ithaka.

Die Welt wird es nicht mehr lange geben, wir müssen sie sehen, bevor sie zu Ende geht. Mit unserem heutigen Lebensrhythmus spüren wir sie jedoch nicht. In Rom war ich zum ersten Mal für vier Stunden und die Stadt kam mir schrecklich vor. Später lebte ich dort ein Jahr lang und finde, dass es keine schönere Stadt gibt.

In New York war ich für einige Tage im Januar, und Tschirpan, die Stadt in Zentralbulgarien, kommt mir schöner vor. Ich weiß nicht wie es wäre, wenn ich nochmal hinfahren würde. Es war mein Traum dorthin zu fahren, ich wollte den Geburtsort von Gershwin sehen. Aber immer, wenn wir etwas so sehr wollen und es zum Schluss bekommen, fragen wir uns: „Wollte ich das wirklich“…


Fotos: Nikolai Nikolov

Kategorien: Art Café · Frontpage · Szene

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