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Artist of the Week – Thomas Frahm

18 Dezember, 2017 von · Keine Kommentare

Interview von Dessislava Berndt mit dem Übersetzer, Autor und Verleger Thomas Frahm

Thomas Frahm

Thomas, du hast 15 Jahre in Bulgarien gelebt? Wie hast du diese Zeit erlebt und was hast du dort für dich gelernt?

Ich habe diese Zeit als eine sehr glückliche erlebt. Mir war alles so fremd, dass ich die Riesenchance hatte, mit 40 Jahren noch einmal als – wie ich es keineswegs scherzhaft nannte – “I-Dötzchen (Erstklässler) im eigenen Leben” ganz von vorn zu beginnen.

Im buchstäblichen Sinne, weil ich ja noch einmal neu Lesen und Schreiben lernen musste wegen der Kirilitsa. Ich musste im Grunde sogar nicht nur die Sprache, sondern überhaupt vollkommen neu sprechen lernen, weil das Bulgarische Laute aufweist, die ein Deutscher kaum artikulieren kann, “s-ch-vashtam” zum Beispiel…

Unbenannt
Thomas Frahm: “Die beiden Hälften der Walnuss.
Ein Deutscher in Bulgarien.”
160 S., gebunden mit Schutzumschlag, 22,00 €
ISBN 978-3-7357-8652-4, https://choraverlag.de/
In fünfzehn Texten kratzt der Autor an Vorurteilen über Bulgarien und am Blattgold touristischer Sehenswürdigkeiten, um freie Sicht auf das verborgene Leben, die komplexen Zeitschichten, die Traditionen, Brüche und mentalen Verwerfungen Bulgariens zu erhalten.

Da ich sofort arbeiten und Geld verdienen musste, war dieser Lernprozess aber keine Quälerei, sondern ein Teil meiner Tätigkeit; ich war also hoch motiviert. Die ständige Erfahrung, dass ich etwas im lexikalischen Sinne nicht verstand, öffnete mich auch für die Erkenntnis, wie viel ein Mensch an Vorurteilen mit sich herumträgt, und wie lange er braucht, um eben nicht nur zu wissen, was ein Wort heißt, sondern auch, was es in der bulgarischen Kultur bedeutet. Das hat – und dies ist mein zweites Glück – eine ungeheure Kreativität provoziert, sodass ich mich bis heute an bulgarischen Themen und an meinen Bulgarien-Erfahrungen abarbeite.

Rila Kloster

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UNESCO-Weltkulturerbe Rilakloster in Bulgarien, Photos: desenze

Die Dauer dieses Abarbeitens hat auch damit zu tun, dass Deutsche immer alles erklären wollen, und von Einfühlung mehr reden als sie wirklich praktizieren. Auch ich habe mich lange auf der Sachebene bewegt, aber irgendwann begriffen, dass es Dinge gibt, die man nicht erklären, sondern nur erzählen kann. Die Hilflosigkeit, die ich anfangs beim Erzählen empfand, ist mein dritter durch Bulgarien provozierter Neuanfang, und so ist es für mich ein weiteres Glück, dass ich nach Jahre langem Kampf 2017 die Sperre im Kopf durchbrechen und einen Roman schreiben konnte, in dem eben “mein” Bulgarien sichtbar wird.

Bulgarien
Karlovo, Bulgarien, Photo: desenze

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Boshentzi, Bulgarien, Photo: desenze

Haben dich damals nicht alle für verrückt gehalten, Deutschland zu verlassen und nach Bulgarien zu gehen? Wie bist du damit umgegangen?

Ich war zwar mit einer Bulgarin verheiratet damals, aber dennoch haben mich Bekannte wörtlich gewarnt: “Das ist doch eine ganz andere Kultur. Du wirst schon sehen, du bist schneller wieder zurück, als du glaubst.” Andere fragten: “Wovon willst du denn da leben?” Selbst meine Frau, als typische Bulgarin, warnte mich, und so gelang es mir, da sie als typische Bulgarin eine sehr starke Frau war, erst nach der Trennung, mein eigenes Bulgarien zu entdecken.

Ja, wie bin ich damit umgegangen? Ganz einfach: Ich bin ja nicht nur in Bulgarien, sondern auch in Deutschland ein Mensch, der absolut nicht der Norm entspricht. Hier wie dort erlebe ich immer wieder, dass Menschen mir ihre eigenen Motive unterstellen, die ich heimtückisch verberge, um mich wichtig zu machen. Das hat mich verwirrt, ich war immer verblüfft, was das dann für Motive sein sollten, denn sie waren mir so fremd, dass ich oft nicht einmal wusste, dass es sie wirklich gab!

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Thomas Frahm: “Oh, Bulgarien. Land und Leute, Kultur und Gesellschaft.”
160 S., Hardcover mit Schutzumschlag,
22,00 €, Fotos und Abb., teils farbig,
ISBN 978-3-929634-77-8, https://choraverlag.de/
Bulgarien wird oft als eine Mischung aus billigem Urlaubsziel und europäischem Sozialfall betrachtet. Dies einseitige Klischee zu kritisieren, kann nur ein erster Schritt sein. Das vorliegende Buch versucht, zu beschreiben, warum es nur ein Klischee ist, indem es Antworten auf die Frage gibt: Was hat Bulgarien denn zu bieten, was uns interessieren, faszinieren, positiv beeindrucken könnte?

So kam es, dass ich einmal gesagt habe: “In Deutschland fühle ich mich wie ein Ausländer, in Bulgarien bin ich ein Ausländer. Darum konnte ich nur dort zur Selbsterkenntnis gelangen und auf dieser Basis zu einem gewissen Realismus, einer gewissen Menschenkenntnis, die nicht mehr von den Grenzen meiner eigenen Person behindert wird.

So habe ich denn auch meinen Roman nicht geschrieben, um zu prahlen, was ich alles über Bulgarien weiß, sondern es war für mich eine Forschungsarbeit, bei der ich herausfinden wollte, ob ich wirklich sagen kann, wie Menschen sind, was sie in bestimmten Situationen tun, fühlen, denken, und warum. Den ersten Versuch hatte ich vor 15 Jahren gemacht; erst jetzt ist mir eine einigermaßen vertretbare Lösung geglückt.

Das Tal der Rosen

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Das Tal der Rosen, Bulgarien, Photos: desenze

Würdest du einen solchen Schritt wieder tun bzw. allen empfehlen?

Ja, auf jeden Fall. Es muss ja nicht für jeden unbedingt Bulgarien sein; aber sich in der Fremde orientieren müssen und dabei auch gezwungen sein, sich über seine eigenen Prägungen, seine Sozialisation, seine kulturellen Gewohnheiten klar zu werden, das sollte im Grunde zu jeder Ausbildung gehören. Denn nur so wird man zu einem verständnisvollen Menschen: dass man sich daran GEWÖHNT, dass es auch anders geht als GEWÖHNLICH.

Du lebst wieder in Deutschland? Wie sieht dein Leben hier aus?

Ich bin nach Deutschland zurückgegangen, weil meine beruflichen Betätigungen an der Gegenseite gescheitert sind. Mit dem Journalismus habe ich aufgehört, als ich merkte, dass vieles von dem, was ich in Bulgarien entdeckte, so von den deutschen Medien nicht erwünscht war.

Irgendwann wollte ich nicht mehr schreiben müssen, was den Redaktionen ins Konzept passt. Die Übersetzerei, die durch viel Glück rechtzeitig begann, hatte mit einem kurzfristigen Interesse im Zuge des EU-Beitritts zu tun. Sobald die Verlage merkten, dass sich bulgarische Romane trotz oft glänzender Kritiken nicht verkaufen, habe ich keine Aufträge mehr bekommen.

Inzwischen war ich über 50. Ich konnte nicht einfach irgendetwas völlig anderes machen, und so bin ich zurückgegangen und habe nach schönen Gesprächen mit den viel gescholtenen Arbeitsberatern vom Jobcenter, die mir, da ich absolut rein gar nichts besitze, Hartz IV gewährten (als Selbstständiger), angefangen, meine in 15 Jahren erworbenen Kenntnisse abseits wirtschaftlicher Rücksichten großer Zeitungen oder großer Verlage neu aufzubereiten, vieles neu zu schreiben, und daraus Bücher zu machen.

Buchtisch Chora Verlag
Buchtisch des Chora Verlags, Photo: desenze

Du bist u.a. Übersetzer, Autor und Verleger. Was macht am meisten Spaß?

Alles hatte und hat seine Zeit, seinen Ort. Die Übersetzerei hat mich gelehrt, dass im Grunde alles im Leben mit Verstehen und Interpretieren zu tun hat. Alles, was ich denke, tue, fühle, schreibe, übersetze, ist eine Interpretation dessen, was ich wahrnehme, und wie ich es kognitiv verarbeite.

Ich habe mal gescherzt: Der schlechte Übersetzer erkennt nur, was er weiß; der gute aber erkennt auch, wo er etwas nicht weiß und versteht. Gutes Übersetzen ist also viel Mühe und Arbeit und Geduld. Das gleiche gilt oft fürs Schreiben, denn es ist auch eine Art der Übersetzung dessen, was man wahrzunehmen glaubt, in Sprache.

Der Spaß beginnt daher erst, wenn man merkt, wie etwas plötzlich gelingt, wie die Plackerei aufhört und alles leicht wird. Wenn ich dann ans Setzen und Gestalten der Bücher gehe, erst dann kommt so etwas wie Glück auf, weil ich dies ja erst dann tue, wenn die Schwierigkeiten überwunden sind. Darum macht mir das Verlegen am meisten Spaß, aber eben nur als Resultat des Schreibens und Übersetzens, die ich für meine Entwicklung brauche.

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Traditionelle Weihnnachtsgerichte, Photo: desenze

Es ist bald Weihnachten. Wie und wo verbringst du die Weihnachtsfeiertage? Findest du Traditionen wichtig?

Leider haben die Prozesse, über die ich zu Frage 1 und 2 geantwortet habe, es bewirkt, dass ich mich vehement gegen alle überkommenen Vorstellungen wehren musste, um nicht unterzugehen. Konventionen und Vorurteile, wie ich sie keineswegs nur von sogenannten “kleinen Leuten”, sondern viel mehr noch von Opinion Leaders wie Redakteuren, Lektoren oder Institutsleitern erlebte, haben mich gezwungen, freie, unabhängige Auffassungen zu entwickeln.

Der Anspruch meines Verlages und meiner Bulgarienbücher ist ja nicht, einfach nur ungeprüft Dinge über Bulgarien weiterzureichen an deutsche Leser, sondern Bulgarien und den Bulgaren ein wenig gerecht zu werden und dabei den Deutschen Dinge zu sagen, die ihnen mal jemand sagen muss.

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Preobrashenski-Kloster bei Veliko Tarnovo, Photo: desenze

Darum kann ich selbst kein sehr traditionsverbundener Mensch sein. Ich finde Traditionen aber schon wichtig, wenn sie aussagekräftig sind, Ausdruck guter menschlicher Eigenschaften wie Ehrfurcht vor der Schöpfung, Dankbarkeit, Offenheit für Kräfte und Mächte, die vorhanden sein können, obwohl wir sie nicht begreifen usw.

Darum habe ich mich ja in meinen beiden Sachbüchern zu Bulgarien (“Die beiden Hälften der Walnuss” und “Oh, Bulgarien”) so intensiv mit bulgarischen Traditionen beschäftigt, sie ganz ernst genommen.

Und so teile ich mich auf: Weihnachten verbringe ich hier in Deutschland bei Verwandten, Neujahr in Bulgarien bei Menschen, die mir sehr nahe stehen.


Banitza, Photo: desenze

Was wünschst du dir für die Zukunft und ganz konkret für 2018?

Bulgarien hat neben vielem Positiven ja auch bewirkt, dass ich, der im Sozialstaat Deutschland groß wurde, einmal hautnah erleben konnte, was Armut und Krankheit bedeuten können oder eben, in der Position des Schwächeren zu sein. Das hat mich noch empfindlicher, auch ängstlicher gemacht. Meine Entschlossenheit, jetzt meine Projekte nicht nur zu träumen, sondern zu realisieren, ist die radikale Reaktion darauf.

Die Muskelspiele der großen Staaten und ihre Egoismen sind so furchtbar, dass ich inzwischen den Frieden als allerhöchsten Wert verehre. Danach kommt das, was den Frieden ausfüllen sollte: Verständnis und Mitmenschlichkeit.

Für mich persönlich wünsche ich mir 2018 nur die nötige Gesundheit und so viel Erfolg, dass ich weitermachen kann mit dem, was ich mir vorgenommen habe. Materielle Bedürfnisse habe ich kaum, gesellschaftliches Ansehen suche ich ebenfalls nicht.

Es gibt noch einige Bücher über Bulgarien, die ich schreiben, übersetzen und/oder herausgeben möchte, weil das, was ich bisher gemacht habe, einfach noch sehr unvollständig ist.

Thomas, vielen Dank für das Interview!

https://choraverlag.de/

Thomas Frahm wurde 1961 in Homberg, Niederrhein geboren.
Er studierte Geografie, Städtebau, Bodenkunde und Philosophie an der Universität Bonn.

Seit seiner Kindheit schreibt er Gedichte. Seine ersten Gedichtsammlungen veröffentlichte er 1987 und 1991 im Wissenschafts- und Kulturverlag „Irene Kuron“. 1992 gründete er den Avlos-Verlag, in dem vor allem Interkulturelle Literatur (Migrantenliteratur) erschien, ab 1995 auch literarische Werke von Schriftstellern und Lyrikern aus Bulgarien, sowie „Regionalliteratur“ aus seiner eigenen Heimatregion, der Niederrhein-Region.

Seit 2000 ist Frahm als freier Schriftsteller und Publizist tätig. Außerdem übersetzt Frahm belletristische Texte aus dem Bulgarischen ins Deutsche. Darüber hinaus schrieb er bis 2010 journalistische Beiträge, vorwiegend zum Themenkreis Bulgarien, für diverse deutschsprachige Zeitungen (u. a. FAZ, SZ, WeLT und Tagesspiegel), Zeitschriften (u. a. wespennest, Merkur, Sinn und Form) und Rundfunkanstalten in Deutschland (WDR, SR, DLF, DRadio). Der Bulgarische Journalistenverband würdigte seine faire Darstellung der bulgarischen Verhältnisse in seinem Essayband „Die beiden Hälften der Walnuss“ im Herbst 2016 mit seinem Spezialpreis.

Frahm gilt laut dem Heinrich-Heine-Institut als „bedeutender Übersetzer aus dem Bulgarischen“. Dafür wurde er 2009 mit einem Arbeitsstipendium des Deutschen Übersetzerfonds ausgezeichnet. 2010 nahm er an der Übersetzerwerkstatt des Literarischen Colloquiums in Berlin tei. Mit seiner Übersetzung des zweiten Teils der Bulgarien-Romantrilogie Zarevs „Feuerköpfe“ gelangte Frahm auf die Short-List zum Preis der Leipziger Buchmesse 2012.

Das Land NRW förderte seine Arbeit 2016 mit Aufenthaltsstipendien für das Europäische Übersetzer-Kollegium in Straelen am Niederrhein. Als sich trotz so viel positiver Resonanz kein deutscher Verlag mehr bereitfand, bulgarische Autoren zu verlegen, gründete er dafür den CHORA Verlag.

Thomas Frahm lebt und arbeitet heute als Autor, Übersetzer und Verleger in Sofia und Duisburg.

Kategorien: Frontpage · Lebensfragen · Szene

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