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Artist of the Week — Valeri Poshtarov

4 August, 2009 von · 1 Kommentar

„Die wahre Freiheit besteht darin, sich selbst ständig in Frage zu stellen“

Interview von Natalia Nikolaeva mit Valeri Poshtarov

Übersetzung aus dem Bulgarischen: Dessislava Georgieva

“Zu fotografieren heißt, aufs Neue sehen zu lernen”
Aba Assa

Zunächst habe ich die Fotografien von Valéry Poshtarov entdeckt und war äußerst beeindruckt von diesen Werken – Mosaikstückchen, Geschichtssplitter, Ereignisse, emotionale Intensität. Es war mir eine große Freude, später auch die Bilder und Keramiken des Künstlers kennen zu lernen.

Er studiert plastische Kunst in Sorbonne, lebt in Paris, bleibt jedoch mit Bulgarien, den Rhodopen und Varna verbunden. Seine Werke sind weltweit zu sehen. Am häufigsten stellt er selbstständig in der Galerie „Lehalle“ in Paris aus – ein Ort, an dem Valéry Poshtarov gemeinsam mit Nikola Manev die Liebhaber der bildenden Kunst mit ihren kosmopolitischen Werken erfreut.


Die Brücke der Künste
©Poshtarov

Was gibt Ihnen die Kunst?

Oder was nimmt sie mir eher? Ich persönlich hoffe, dass es letzteres ist – der Kampf lohnt sich nur dann, wenn es mir gelingt, mich selbst vollständig einzubringen – ähnlich wie der folkloristische Glaube an die Einmauerung von Menschen in das Fundament von Kirchen und Brücken. Jeder Künstler ist gleichzeitig auch ein freiwilliges Opfer.

Welcher Moment macht Sie glücklicher: während Sie ein Kunstwerk erschaffen oder nachdem Sie es fertiggestellt haben?

Ich eifere weder der Vollkommenheit nach, noch dem idealen Bild – ein Kunstwerk muss ein emotionales Zeugnis darstellen, und nicht eine bedingte Zierde. Ich mache keine Tapeten, und oft ermüden mich die Bilder, wenn ich sie mir im fertigen Zustand ansehe.


Gorica
©Poshtarov

Was bedeutet es zu malen?

Es ist, als würde man eine Sprache sprechen, die man sich just in dem Moment selbst ausdenkt.


Влизане в Йерусалим

Über welches Talent würden Sie gern noch verfügen?

Ich singe gern, ich habe mir auch einen Dudelsack gekauft, aber offensichtlich kann man vom Ochsen nur Rindfleisch verlangen.


Учителят по китара с дъщеря си
©Poshtarov

Sie arbeiten mit verschiedenen Techniken. Bevorzugen Sie eine davon und aus welchem Grund?

Ich denke, dass die Technik zur Formalität wird, wenn die Herangehensweise richtig ist. In ein und derselben Periode kann ich nicht fotografieren und malen. Bei der Fotografie bin ich strikt von der Realität abhängig, während bei der Malerei die Realität aus mir selbst und der Leinwand besteht.


Lüba

Fotografie ist flüchtig wie Poesie, jedoch ist der Weg bis zu einem guten Foto viel länger als derjenige zu einem akzeptablen Bild. Und dennoch muss ich zugeben: Die wahre Freiheit besteht darin, sich selbst ständig in Frage zu stellen. Das gelingt in der Malerei am geschicktesten.


Жан-Жак Леви
©Poshtarov

Gibt es eine Kunst, die Sie persönlich stark beeinflusst?

Die Musik. Es gibt wohl kaum eine reinere Form des menschlichen Geistes.

Sie haben plastische Kunst in Sorbonne studiert. Welche Lektion werden Sie niemals vergessen? Was bedeutet diese Ausbildung für Ihre Persönlichkeit und Profession?

Die wichtigste Lektion lernte ich in der neunten Klasse im Erdkundeunterricht: Ich löste ein Kreuzworträtsel und benötigte den Namen einer Hauptstadt. Ich fragte die Lehrerin und sie sagte: „Ich weiß es nicht, dafür gibt es Enzyklopädien.“ Seitdem treibe ich keine Haarspalterei und suche auch in der Kunst nicht nach einem Sinn. Und dennoch: Sollte ich jemals Talent gehabt haben, so hat Paris mir die Kriterien geliefert.

Favorisieren Sie die Portraitfotografie und wieso?

Meine Liebe zur Fotografie entstand schon in meiner Kindheit, als ich eine alte Schachtel mit Fotos meiner Oma durchwühlte. Auf einem davon war eine Frau mit durchdringenden schwarzen Augen und langen schwarzen Zöpfen zu sehen. Ich fragte nach ihr, aber meine Oma konnte sich nicht mehr an sie erinnern. Auf der Rückseite des Fotos stand mit Bleistift geschrieben: „Ich schenke dir mein Antlitz, weil die Zeit vergeht und der Mensch vergisst.“

Die Portraitfotografie ist eine sichere Spur in der Zeit und sogar ein Portrait der Zeit selbst. Einzig und allein die Portraitfotografie kann sich in ein Symbol verwandeln – ein gelungenes Portrait ist wie eine Ikone, die die Verwandten küssen und lieben. Noch aufregender ist das Portrait eines Unbekannten, den du entdeckst und erforschst.

Was haben Fotografie und Filmkunst gemeinsam?

Das ist definitiv das Sujet. Ein Film oder eine Fotografie ohne Sujet ist wie ein fader Traum, an den wir uns nicht erinnern können. Die Abstraktion in der Fotografie ist wie der zeitgenössische Realismus in der Malerei.

Welche ist Ihre Lieblingsstadt? Wie fühlen Sie sich in Paris? Erzählen Sie doch von Ihrer Galerie dort.

Jede Stadt gibt mir etwas Anderes. Und Paris ist wie hundert Städte in einer. Kürzlich sagte ein Freund, dass sich Reichtum in der Vielfalt äußere. Tatsächlich ist das völlig logisch, aber es ist uns wohl kaum bewusst.


Трима богомолци

In Paris konzentriere ich mich hauptsächlich auf meine Arbeit und finde eben darin Erlösung, denn die „ewige Metropole“ ist reichlich gesättigt mit Ereignissen, Erinnerungen, Schatten derer, die man längst vergessen oder an die man sich ewig erinnern wird, die von überall her gekommen sind und vergessen haben, wieso sie dort sind und wohin sie gehen wollten, aber auch mit Reisenden und Entdeckern neuer Welten, die auf die Verirrten warten, um sie zu retten… Das alles vermittelt den unruhigen Seelen das Gefühl, dass sie nicht allein sind und dass die Menschheit schon lange eben diesen undeutlichen und verwirrten Weg geht.

Was meine Galerie in Paris betrifft, so meinte ich eine Galerie, mit der ich zusammenarbeite und wo ich neben meinen eigenständigen Ausstellungen oft einzelne eigene Werke präsentiere. Es geht um die Galerie „Lehalle“, die mir durch meinen Freund und Kollegen Nikola Manev bekannt ist und in der nächste Woche eine seiner Ausstellungen eröffnet wird.


Versuchung

Als „meine“ Galerie bezeichne ich eher die Galerie „Kavalet“ in Varna, die von meinem Vater Valéry Poshtarov Senior gegründet und immer von ihm geleitet wurde. Natürlich ist es mir ein Vergnügen, seit ein paar Jahren auch als Künstler mit ihm zu arbeiten.

Was bewegt Sie? Gibt es momentan ein Thema in Ihrer Kunst, das Ihnen besonders nah ist?

Der Mensch! Ja, das ist definitiv der Mensch.


Апостоли и антихристи

Was denken Sie über die Emigration?

Ich habe mich nie als Emigrant gesehen und mag diese Begrifflichkeit nicht. Ich sehe sie als Definition für eine Gruppe von Menschen, die sich sozial und kulturell an eine fremde Gemeinschaft angepasst haben, was ich als Verrat empfinde. Unsere Welt ist ausreichend frei, um auf einen gemeinsamen Nenner zu verzichten – ich mag die Bulgaren im Ausland, jedoch nicht die Emigranten bulgarischer „Herkunft“.

Welche Werke wird Ihre Berliner Ausstellung im September 2009 einschließen?

Ich plane einige meiner bekannteren Fotografien im Großformat zu zeigen, aber genauso Keramiken und Malerei, an denen ich momentan arbeite. Das wird wahrscheinlich auch meine erste Ausstellung mit allen drei Techniken gleichzeitig sein – ich bin auf das Ergebnis dieser fast absurden Interaktion neugierig.

Wovon träumen Sie?

Ich träume von einer echten kreativen Künstlergemeinschaft, und nicht von Pseudoverbänden und Vereinigungen mit administrativem Kapitalcharakter. Ich glaube nicht an die obligatorische Einsamkeit des Künstlers.

Valéry Poshtarov wird 1986 in Dobrich geboren, wo er die ersten sieben wichtigsten Jahre eines Menschen verbringt. Als Sohn der Dichterin Elka Nyagolova und des Galeristen Valéry Poshtarov Senior wächst er inmitten der Kunst seines Geburtshauses auf, das in Künstlerkreisen als das „Rosafarbene Haus“ bekannt ist und einen originellen Mittelpunkt für Maler und Schriftsteller aus ganz Bulgarien darstellt.

Im Jahr 1993 zieht er mit seinen Eltern nach Varna, wo er in der Nationalen Schule der Künste „Dobri Hristov“ das Malen erlernt. Aus dieser Zeit datieren auch seine ersten Teilnahmen – vorrangig mit Fotografien – an verschiedenen Biennalen und Ausstellungen, mit denen er zwei Preise in Bulgarien und Kroatien gewinnt.

Sein Interesse an Fotografie reift im Jahr 2005 zur Idee einer Parisreise. In Sorbonne studiert er plastische Künste. Diese Periode ist mit seinen Ausstellungen „Das, was sich nicht ändert“ oder mit seiner künstlerischen Suche im Genre der klassisch-französischen humanistischen Fotografie aus der Mitte des letzten Jahrhunderts verbunden. Dieser Bilderzyklus wird in Ausstellungen in Paris, Frankfurt, Sofia, Plovdiv und Varna präsentiert.

Er nimmt an über 25 Ausstellungen in Bulgarien, Frankreich, Kroatien, Serbien, Ungarn und Irland teil.
Seine Werke sind Teil der Sammlungen offizieller Institutionen und privater Gesellschaften, darunter

Die Präsidentenschaft der Republik Frankreich
Die Französische Botschaft in Irland
Das Bulgarische Kulturzentrum in Paris
Albena Invest Holding
Planex Holding
Dizarh OOD

Im Moment arbeitet Valéry Poshtarov hauptsächlich mit Malerei und Keramik, wobei er zwischen Paris, Varna und den Rhodopen pendelt.

Eigenständige Ausstellungen:

2007 – „Das, was sich nicht ändert“, Galerie „Kavalet“, Varna, BULGARIEN
2007 – „Das, was sich nicht ändert“, Galerie „SofiaPresse“, Sofia, BULGARIEN
2008 – „Das, was sich nicht ändert“, Galerie „Lehalle“, Paris, FRANKREICH
2008 – „Paris, meine Liebe“, Deutsch-bulgarisches Kulturzentrum Frankfurt am Main, DEUTSCHLAND
2008 – „Portraits vom lateinischen Viertel“, Zentrum „Philomuses“, Paris, FRANKREICH
2008 – Flamingo Grand, Albena, BULGARIEN
2008 – „Einfach Paris“, Hotel „L´Impéral“, Riviera Holiday Club, BULGARIEN
2008 – Haus Balabanov, Plovdiv, BULGARIEN

Geplante Ausstellungen:

September 2009 – Bulgarisches Kulturinstitut Berlin, DEUTSCHLAND

Gemeinschaftliche Ausstellungen:
2005 – Fotografie des Jahres CANON 2004; Sofia, BULGARIEN
2005 – Begegnungen in Arles 2005; Arles, FRANKREICH
2005 – Dritte internationale Biennale „PHODAR“ 2005; Pleven, BULGARIEN
2005 – “Für Chagall mit Liebe”; Sofia, BULGARIEN
2005 – Siebte internationale Ausstellung Gjurgjevac Salon 2005; Gjurgjevac, KROATIEN
2005 – “Kind”; Zaitchar, SERBIEN
2005 – Dritter nationaler Salon für Fotografie VARNA; Varna, BULGARIEN
2007 – “Chachipe”; Budapest, UNGARN
2007 – Galerie-Museum „Nikola Manev“; Tchirpan, BULGARIEN
2007 – Jährliche Ausstellung, Galerie „Kavalet“; Varna, BULGARIEN
2008 – “Frankreich von 27 europäischen Fotografen”; “Europahaus” in Dublin, IRLAND
2008 – L’Alliance Française; Dublin, IRLAND
2008 – Jährliche Ausstellung, Galerie „Kavalet“; Varna, BULGARIEN
2009 – Galerie “Lehalle”; Paris, FRANKREICH

Kategorien: Frontpage · Szene · Visual Arts

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