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Artist of the Week – Yordan Tachev

11 Oktober, 2011 von · Keine Kommentare

Interview von Jasmina Tacheva mit dem Künstler Yordan Tachev

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Yordan Tachev: “Kunst ist nicht nur ein Weg, der Realität zu entfliehen, sondern auch ein Weg, die Realität so umzuwandeln, dass man sie nicht mehr zu vermeiden braucht…”

Hast du dich selbst entschlossen, Künstler zu werden, oder hat die Kunst dich gewählt?

Jeder hat irgendeine Gabe, aber nicht jeder will sie nähren und wie das englische Sprichwort sagt – you “use it or lose it”. Natürlich hat man immer die Wahl: man kann entweder sein Talent entwickeln oder man kann es aufgeben. Aber ab dem Tag, an dem man sich entschließt, Künstler zu werden, ändert sich das ganze Leben – man wird anders als die Anderen. Für viele ist Kunst kein richtiger Job, sondern nur eine Zeitverschwendung. Eigentlich ist es ein genauso realer Beruf wie ein Ingenieur zum Beispiel – man muss es ständig üben, wenn man auf Fortschritt hofft.

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Wie hat die Kunst dein Schicksal bestimmt?

Wer sich auf den Weg der Kunst macht, muss wissen, dass sie ihn überwältigen wird – sie ist kein gewöhnlicher Job, sondern eine Philosophie, eine Lebenseinstellung. Außerdem, kann man die Kunst am Ende des Tages nicht einfach wie ein Hemd ausziehen. Ein Buchhalter schaut auf die Uhr und sagt: “Gott sei Dank, es ist schon 17.00 Uhr, ich darf jetzt nach Hause”; ein Künstler guckt auf seine Handuhr und sagt: “Oh mein Gott, es ist 17.00 Uhr und ich habe noch nichts gemalt!”. Mit anderen Worten – Ein Künstler hat keine feste Arbeitszeit, er kann nicht einfach nach Hause gehen und seinen “Beruf” vergessen. Das ist nicht möglich, denn man kann nicht sein künstlerisches Selbst von seinem echten Wesen trennen, sie sind das Gleiche! Kunst verändert deine ganze Sicht auf die Welt – die Aufgabe des Künstlers besteht darin, was die Anderen normalerweise ignorieren würden, auf der Leinwand darzustellen, damit es die Leute doch bemerken.

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Wie würdest du die Beziehung zwischen Kunst und Künstler bezeichnen? Wie interagieren sie?

Kunst ist ein strenger Lehrer; sie ist unbeschreiblich weise und reich, aber auch furchtbar anstrengend. Man muss genug Mut haben, um ihre “Prüfung” bestehen zu können, sonst wird man im Test sicher durchfallen. Es hat oftmals in meinem Leben Momente gegeben, in denen ich mich ganz verzweifelt gefragt habe: “Soll ich wirklich weitermachen, es ist einfach zu frustrierend – die Kluft zwischen dem Bild, das ich im Kopf habe, und dem tatsächlichen Ergebnis, ist enorm!”, doch die Antwort ist immer dieselbe: Es gibt so viele neue Dinge zu entdecken, lernen und begreifen. Gerade das ist, was mich antreibt, weiterzumachen.

Meiner Meinung nach, besteht der größte Wert der Kunst in der Tatsache, dass sie einen veranlasst, alle seinen Sinne zu benutzen – zunächst bemerkt man etwas, das man für interessant hält, dann wird dieses Bild in den Verstand übertragen, wo es wahrgenommen wird, um sich dann durch den Arm, die Hand und die Finger auf den Weg zu der Leinwand, zurück zur Außenwelt, wo es hingehört, zu machen.

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Das ist in aller Kürze die Änderungskraft der Kunst. Andererseits aber, verändert jeder Künstler auch zwangsläufig die Kunst – junge Künstler sind aufgefordert, die großen Meister zu imitieren, um eine bessere Technik zu erwerben. Doch egal wie gut man nachahmen kann, wird man dennoch die Spuren seiner Identität, seiner eigenen Unterschrift auf der Leinwand hinterlassen, weil wir alle verschieden und einzigartig sind. Natürlich gibt es auch professionelle Nachahmer, doch um zu ihnen zählen zu können, muss man tief ins Bewusstsein des Meisters eindringen und begreifen, wie er sich entschieden hat, welche Linien zu zeichnen, welche Farben zu verwenden und so weiter.

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Kann dann eine Parallele zwischen Kunst und Fremdsprachen gezogen werden, in dem Sinne, dass man in beiden unweigerlich mit einem Akzent “spricht”? Und in diesem Zusammenhang, glaubst du, dass die Amerikaner den bulgarischen “Akzent” deiner Werke vernehmen können?

Ja, sie können ihn sofort vernehmen. Die Themen meiner Werke sind anders als das konventionelle amerikanische Konzept von Kunst, und anstatt diesen Gegensatz zu verbergen, versuche ich ihn zu betonen.

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Also hat jedes Land eine eigene Kunst, genauso wie es eine eigene Sprache hat?

So denke ich, ja. Die Grammatik ist überall die gleiche, sie ist universal – Form, Farbe, Wechselwirkung von Licht und Schatten. Sie formen die Grundlage, auf der jedes Kunstwerk – mag es amerikanisch, bulgarisch oder nigerianisch sein – ruht. Und dennoch sind die Aussprache und der Wortschatz recht unterschiedlich. Die amerikanische Kunst setzt vorwiegend auf die “Pyrotechnik” – sie muss explosiv, brisant und ansteckend sein, so glaube ich. Es ist kein Zufall, dass Pop-Art ausgerechnet hier geboren war. Sie drückt ihre Philosophie durch einen revolutionären Protest aus und ihre Installationen sind so imposant, dass sie die Zuschauer in ihrer Größe umhüllen können.

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Andererseits ist bulgarische Kunst, so scheint es mir, etwas, das wir alle zusammen, als Nation, in unserem Volksgeist tragen; sie ist rein und spontan wie ein warmes Gespräch unter Freunden. Jede Kunst ruht auf Wurzeln – kulturellen, historischen und ästhetischen. Unsere Nation ist vor mehr als 1300 Jahren entstanden und noch zuvor hatten mehrere alten Völker uns ihre Kultur und Sitten und Bräuche hinterlassen, also möchte ich diese einzigartigen “Wurzeln” offenbaren und nicht unterdrücken.

Hast du dir je gewünscht, von der Kunst eine Pause zu machen und sich auszuruhen?

Kunst ist die beste Ruhe für mich, sie ist die perfekte Form von Meditation. Sie ist nicht nur ein Weg zur Außenwelt, sondern auch ein Weg zu deiner eigenen Seele. In der Tat denke ich, dass die größten Maler, Schriftsteller und alle anderen Arten von Künstlern gerade die Menschen sind, die am effizientesten mit dem Innersten ihrer Seele – dem Unterbewusstsein – interagieren können. Es ist die größte Schatzkammer von Ideen, Eindrücken und Inspiration der Welt und man braucht nur zu wissen, wie sie zu entsperren ist. Für William Burroughs soll der Schlüssel für ihre Tür Heroin gewesen sein, für Jules Paskin – Haschisch. Für mich ist er das frühe Aufstehen um 4.00 Uhr morgens, wenn alle noch schlafen und meine Sinne gerade angefangen haben aufzuwachen. Es ist die beste Zeit zum Schreiben, Zeichnen, zum Schaffen jeglicher Art, weil der Körper sich in diesem sonderbaren Grenzzustand zwischen Schlaf und Wachsein befindet, in dem selbst die kühnsten Launen der Phantasie möglich zu sein scheinen.

dushi

Ist deine Kunst ein Weg, Kritik an der heutigen Gesellschaft zu üben oder eher ein Ausdruck deiner Bewunderung für die Vielfalt und Schönheit unserer Welt?

Sie kann beides sein, aber auch keines. Jedes meiner Werke erzählt eine Geschichte – die Geschichte meiner Seele im Moment seiner Entstehung. So vermitteln manche Werke völlige Freude und andere sind Ausdruck von Wut, Angst oder Verzweiflung. Eines weiß ich aber sicher – Kunst ist nicht nur ein Weg, der Realität zu entfliehen; sie ist auch ein Weg, die Realität so umzuwandeln, damit man sie nicht mehr zu vermeiden braucht, sondern das Leben in ihr ruhig genießen kann. Also: seid zen und kreativ!

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Fotos: Yordan Tachev
Webseite
Musik: Stefan Valdobrev

Kategorien: Frontpage · Visual Arts

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