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Auszug aus dem Erzählband “Ein Mann mit gutem Geschmack” von Dimil Stoilov – Teil I

13 Mai, 2009 von · Keine Kommentare

Dimil Stoilov
Übersetzung: Dessislava Georgieva

Wie die Türme der Tower Bridge

Tower Bridge
Foto: francesco sgroi

Ihre Brüste seien so groß wie die Türme der Tower Bridge. Das war die kompetente, taktvolle Einschätzung von Petjo der Brechstange aus der achten Klasse. Ausgerechnet dieser aufrichtige Prügelheld und Schulschwänzer war zu solch einer enzyklopädischen Beurteilung der Londoner Sehenswürdigkeiten fähig. Erstaunlich.

Damals, als dieser erschütternd bildliche Vergleich entstand, waren wir noch Siebtklässler und sie zum Glück unsere Mitschülerin. Seit der fünften Klasse schon hatten ihre Türme einen üppigen Kurs eingeschlagen, doch damals waren Spott und Gelächter für all die unwissenden, jungfräulichen Dummköpfe wie mich noch das Äquivalent für Begierde und Wollust. Wir hatten nicht die leiseste Ahnung von den geheimen Windungen des menschlichen Leibes und der menschlichen Seele, und Rubens war auch nicht unser Lieblingsmaler.

„Milky“ – ihr Spitzname war volkstümlich erniedrigend. Namensgeber war nämlich der Milchladen „Edelweiß“ neben der Schule, in dem man die Dickmilch in großen kegelförmigen Aluminiumgefäßen verkaufte. Man schöpfte die Dickmilch mit einer großen Kelle aus dem Aluminiumkegel, um sie in Becher abzufüllen. Auf ihrem Weg zur Waage zitterte und wackelte sie in der Kelle, genau wie die Türme von Milky. Besonders während des Sportunterrichts, wenn sie über den Hof laufen musste und ihr weißes T-Shirt immer den Körper überholte.

Lässt man die „Türme“ außen vor, dann erscheint ein schlankes, hochgewachsenes Mädchen, freundlich und sehr ehrgeizig – in allen Fächern war sie Klassenbeste, sogar in Sport. Irgendetwas Altgriechisches verbarg sich in ihrem Gesicht – ihre Nase stach zu sehr heraus, doch die Linie von der Stirn bis zu ihrem Kinn verlief gleichmäßig und ruhig. Mit ihren großen, hellbraunen Augen und schwarzen Haaren sah sie auf eine seltsame Weise edelmütig aus.

Es war jedoch nicht ihr Edelmut, den die älteren Jungs sorgfältig abtasteten, und so schallte ihr Lachen mal aus irgendeiner Ecke im Flur, mal aus dem hintersten Teil des Hofes hinter dem Springbrunnen oder unter den drei Maulbeerbäumen. Ihr Lachen war erstaunlich. Zunächst ähnelte es einem Schnurren, dann trippelte es wie zu einem schnellen Reigentanz, bevor es sich schließlich erhob und keuchte, als würde es den Mont Blanc erklimmen, und dann schnurrte es wieder…

Wer den Türmen nähergekommen war, erntete ehrfürchtige, respektvolle Blicke. Er hatte es in die erste Liga der Aufgeklärten geschafft. Doch das war schon bald nicht mehr genug. Als Männlichkeitsbeweis galt es nun, den Vulkan ihres Lachens zum Ausbruch zu bringen. Fast jeder prahlte schon mit dieser Errungenschaft, und Milkys Lachen ertönte nun aus sämtlichen Ecken des Flurs und des Hofes, aber wahrscheinlich machten die anderen Mädchen sie einfach nach, oder wir bildeten uns das schon ein.

Es kursierten viele Geschichten darüber, wie man sich ihr näherte, wie sie einen teuflisch ansah und selbst die fremde Hand auf einem ihrer Türme kreisen ließ, bis man darunter die harte Spitze spürte. Es waren bloß Gerüchte, aber Einiges stimmte. Denn in der siebten Klasse kam ich endlich auch zum Zug.

Alles fing damit an, dass ich die Wahl zur Brieftaube gewann. Neugierig pendelte ich also zwischen Milky und Petjo der Brechstange, um die aufregenden Einzelheiten der nächsten Verabredung auszurichten. Das Rätsel um diese ihre Männerwahl konnte ich nie lösen, denn das einzig Sinnvolle, das ich jemals von Petjo gehört habe, betraf die Londoner Brücke und deren Türme. Aber von mir aus…

Mit diskreter Genauigkeit muss ich gestehen, dass Milky täglich mehrere Anwärter mit ihren Nachrichten beglückte. Natürlich war ich nicht ihr persönlicher Briefträger. Aber eines Tages baute sich Petjo die Brechstange an der Imbissbude vor mir auf und raunte mir zähneknirschend zu:
„Hör mal, du Pfeife! Du wirst der einen mit den Tower Bridge-Türmen gefälligst sagen, dass sie mir eine Nachricht schicken soll, verstanden?“

„Verstanden!“, krächzte ich und rannte los – ohne meinen Imbiss. So kam ich unbeabsichtigt zu meinen Botschaftsdiensten, mit denen ich aber scheinbar Pluspunkte sammelte. „Den Mittler“ hatte ich bis dahin noch nicht gesehen, und von Leslie Poles Hartley hatte ich auch nicht die leiseste Ahnung.

Milky wusste meine Diskretion zu schätzen, denn für sie wechselte ich schon mal den Brieftaubenkurs und brachte ihre Botschaften auch zu anderen auserwählten Empfängern. Schließlich war sie von meiner Loyalität so ergriffen, dass sie mich auf eine ihrer Parties einlud. In der geräumigen Wohnung auf der „Vitoshka“ beeindruckten mich weder die Möbel, die Teppiche, das Kristallgeschirr, noch die Bilder oder Fotos – ihr Großvater hatte in Deutschland studiert, ihre Großmutter in Frankreich, bis zu ihren Eltern kam ich nicht mehr. Ich erinnere mich nur, dass ich damals eine Pall Mall geraucht habe – die erste Zigarette in meinem Leben.

Ich musste beim dritten Zug fürchterlich husten, trank dann zwei Gläschen Amaretto, ein absolut schales Zeug, und fand mich dann schließlich neben Milky auf dem Teppich sitzend wieder. Aus der Anlage dröhnte gute Musik – Bee Gees, Smokie, Grand Funk und Eagles. Bei „Hotel California“ war Milky irgendwie zärtlich gestimmt, und wie ich so neben ihr saß, packte sie meinen Kopf, drückte ihn gegen einen ihrer Türme und schwang leicht im Takt der Musik mit, die uns „Herzlich Willkommen“ an einem besonders schönen Ort hieß.

Mein Ohr versank in ihrer Brust, es fühlte sich an, als würde es auf einer Herdplatte brutzeln, mein Atem stockte, und ich spürte wie die Wärme durch meinen ganzen Körper floss. Meine Gedanken schwebten zu einem exotischen Ort, irgendjemand wies mir den Weg. Unmerklich hatte sich mein ganzer Körper in ein riesiges Ohr verwandelt, das sich in einer gemütlichen Höhle eingekuschelt hatte. Als das Lied zu Ende war, schob mich Milky etwas unsanft beiseite und widmete sich ihren anderen Gästen, doch in mir war die Berührung geblieben. Auch ich gehörte nun zu diesen hoffnungstragenden Auserwählten, die es bis zu den Türmen geschafft hatten. Ich war einfach ein toller Typ!

Milky und ich gingen nur noch einige Monate auf dieselbe Schule. Von „Hotel California“ wusste sie natürlich nichts mehr, doch mein Ohr brummte und errötete immer noch wie eine Herbstsonne. Sie schrieb sich dann in das englischsprachige Gymnasium ein, ich wählte das Deutsche. Nach Jahren liefen wir uns noch ein paar Mal in der Sofioter Universität über den Weg, tranken gemeinsam Kaffee und tauschten Erinnerungen an unsere sorglosen Schuljahre aus. Eine erschütternde Beziehung mit einem Nigerianer hatte sie schon hinter sich.

Sie sei sogar ein bisschen verheiratet gewesen, doch schon nach einer Woche habe sie kalte Füße bekommen und sei nach Bulgarien zurückgekehrt, als Jungfrau zweiter Wahl. Sollte sich ihr Selbstbewusstsein unter ihren üppigen Brüsten verstecken, so war es kein Bisschen erschüttert worden durch dieses Abenteuer.

Mehr noch – die Türme, delikat entblößt, hatten beeindruckende Ausmaße erreicht und lechzten wie ein seufzender Magnet nach jedem ernstgemeinten Männerblick. Die Ideen, Pläne, Projekte brodelten nur so aus ihr heraus – sie studierte und arbeitete zeitgleich als Übersetzerin in irgendeiner englischen Firma. Sie benahm sich, als gehöre ihr die Welt, in der nicht nur die Männer ihr gefälligst zu Füßen liegen sollten. Ich versuchte nicht einmal etwas über mich zu erzählen, sie interessierte sich offensichtlich auch nicht sonderlich dafür. Für sie war ich eben nur ein rachitisches Gräschen, das sich abseits des Weges zur ruhmreichen Zukunft krümmte.

Einmal bat sie mich innerhalb von zwei Tagen ein zwanzigseitiges, deutschsprachiges Angebot aus der Bauchtechnik zu übersetzen. Sie stellte es so geschickt unschuldig an, dass es am Ende aussah, als hätte ich mit den Fäusten auf dem Boden trommelnd selbst darum gebettelt. Der Gefallen kostete mich eine schlaflose Nacht.

„Ich hätte die Zeit lieber mit dir als mit den trockenen deutschen Bautermini verbracht.“, scherzte ich am nächsten Tag. Ich vernahm das Schnurren und den schnellen Reigen im Lachen, die Türme wackelten wohlgesonnen. Doch es gab kein Erklimmen. Sie bedankte sich herzlich, sie würde es ihr Leben lang nicht vergessen. Ich bezahlte auch diesmal den Kaffee in der Wiener Konditorei.
Zwanzig Jahre lang war sie wie vom Erdboden verschluckt.

Ich habe sie weder gesehen noch gehört. Schon lange reizten mich die gut ausgestatteten Frauen nicht mehr, denn ich hatte den Zauber der kleineren, festeren Formen für mich entdeckt. Drei meiner Gedichtbände waren schon erschienen – ein Beweis früherer seelischer Sünden. Widerwillig hatte ich mein Junggesellendasein zu den Akten gelegt. Meine Werbeagentur ging bankrott, ich fand in der Redaktion einer seriösen Zeitung Unterschlupf und beglückte von da an die Leser mit wirtschaftlichen Beobachtungen und Analysen.

Auf der „Vitoshka“ liefen wir uns in die Arme. Sie verließ gerade eine Boutique, beladen mit Papiertüten voller Einkäufe. Ich hatte soeben meine düsteren Wirtschaftsprognosen für den Wohlstand des Durchschnittsbulgaren in den nächsten zwanzig Jahren ausgespien, und meine Seele schmeckte bitter wie der Satz schlecht gemahlenen „Brazilia“- Kaffees. Ich freute mich, sie zu sehen, und später fragte ich mich lange Zeit – warum eigentlich?

Man sah ihr die Jahre nicht an, die Gründe dafür erfuhr ich sogleich. Als Untertanin Ihrer Majestät der Königin von England lebe sie jetzt im Zentrum von London, nördlich vom Hyde Park, ganz in der Nähe der Oxford Street. Die Metro nehme sie immer an der Paddington Station. Sie sah müde von ihrer Einkaufstour aus, die Tüten schienen schwer zu sein, also lud sie mich selbst ins nächste Café ein. Ihr Mann stelle Baumaschinen her, erzählte sie. Alle möglichen Berufe habe sie ausprobiert, nun sei sie Chefin einer Veranstaltungsagentur, außerdem noch Vorsitzende einer Stiftung zur Pflege bulgarisch-englischer Kulturbeziehungen und organisiere Ausstellungen für Bilder, kleine Plastiken, Töpferhandwerk, Holzschnitzereien.

„Die Engländer stehen auf sowas. Aber genug von mir, wie geht es dir, was machst du so?“
Ich kann nicht sagen, was dieses plötzliche Interesse an meiner Person ausgelöst hat. Ich glaube, es war meine höhnische Bemerkung darüber, dass ihr das Töpfern als Handwerk wohl liege, weil es in der Ausführung dem Formen einer weiblichen Figur ähnele. Und es gibt weiß Gott Körper wie den ihren, die immer wieder den Ofen der Leidenschaft entfachen.

Ich erzählte ihr von meiner Menschenliebe, faselte noch anderen Blödsinn und merkte, wie sie meine Erfolge und Misserfolge scannte. Es war ihr nicht begreiflich, wie ich nach meiner Selbständigkeit wieder als Angestellter arbeiten konnte. Mit ihrem Talent und meinen Geschäftsbeziehungen könnten wir doch gemeinsam eine Werbeagentur gründen, deutete sie kurz an. Eifrig packte ich meine Kenntnisse über die bulgarische Werbemarktstruktur aus, dann tauchte die Idee in ihre großen braunen Augen und erlosch gänzlich.

„Kann ich dich um einen Gefallen bitten? Ich habe da so einen Text, den du dir als Fachmann doch mal ansehen könntest. Was meinst du?“
Vermutlich habe ich an dieser Stelle bloß geistig verwirrt gestammelt, dass mich das sehr glücklich machen würde.

„Es ist nichts Anspruchsvolles, nur ein paar zusammengewürfelte Ideen, und wenn es doch was geworden ist, dann würde ich es gern herausgeben. Es ist sehr intim und persönlich. Gewidmet ist es meinen Großeltern, die mich aufgezogen haben, während meine Eltern Arabien bereisten.“
Zum ersten Mal erfuhr ich etwas Intimes und Persönliches von ihr. Aber weinen musste ich zum Glück noch nicht.

„Ich weiß nicht, inwiefern ich dir nützlich sein kann“, trat ich den Rückzug an.
„Nun sei doch nicht so bescheiden. Du hast doch schon drei Bücher veröffentlicht. Eines habe ich im Büro von Petjo gesehen. Weißt du noch, unser Mitschüler?“

Natürlich wusste ich noch. Petjo die Brechstange. Tower Bridge. In seiner kleinen Werkstatt, wo er Unfallautos ausbeulte, hatte er mal meinen zerknitterten Skoda geliftet. In der naiven Hoffnung auf einen kleinen Preisnachlass schenkte ich ihm damals eines der Büchlein. Schon seinerzeit, beim Vordrängeln am Imbissstand, habe er gemerkt, was für ein prima Typ ich sei, sagte er lobend. Und nahm mir jegliche Aussicht auf Rabatt. Später eröffnete er eine Kfz-Werkstatt und einen Autosalon. Eine zweifelhafte Ehre, dass mein Buch nun sein Büro schmückte.
„Versprich mir, dass du es dir ansiehst!“

Ich versicherte, den Text mit der nötigen Strenge, Gerechtigkeit und Ehrlichkeit zu prüfen. Was blieb mir auch anderes übrig? Dieses Mal zahlte sie den Kaffee, und das war gut so.

Schon am nächsten Tag flatterte ein großer weißer Briefumschlang in die Redaktion. Neugierig zog ich ein Blatt heraus und stieß auf eine unleserliche Schrift, niedergekritzelt mit einem schmierigen Bleistift des Typs 3B. Um mir den Abend zu verderben, sah ich mir den gesamten Inhalt des Umschlags erst zu Hause an. Meine düstersten Vorahnungen erwiesen sich als rosafarbene Puffwölkchen im Vergleich zum Unwetter, das mich in Wirklichkeit erwartete. Nach einem mehrstündigen Kampf hatte ich aus drei Seiten voller krakeliger Auswüchse ganze zehn Wörter entziffert. Ich erwartete ihren Anruf wie auf einem Kaktus sitzend.

„Halloo“, das „o“ war lang gezogen, laut und energisch. „Was machst du, schöner Mann?“ Ohne die Antwort abzuwarten fuhr sie fort: „Also, wann sehen wir uns wieder? Ich schlage vor, um sechs „Bei Schwejk“ auf ein Bier mit Bratkartoffeln. Das passt dir doch oder? Also bis bald, ich hab noch viel zu tun!“

Mit lauter schönen Menschen hatte ich selbst genug zu tun! Ich steckte bis zum Hals im Aufklärungsprozess eines Kommunalgeschäfts mit Grundstückskonzessionen. Am liebsten hätte ich entgegnet, dass ich nicht ihr schöner Mann sei, dass ich die Redaktion wie ein frisch erblühter Kaktus ziere, dass ein Treffen gar keinen Sinn habe, und dass ich mit meiner Frau und meiner Tochter eigentlich zur selben Zeit bei „Happy“ Pizza essen wolle. Ich fühlte mich wie ein blöder, pickliger, pubertierender Siebtklässler, dem man irgendwelche Zettelchen in die Hände schiebt und ihn wieder zur gehorsamen Brieftaube macht. Am besten, ich ließ mich an unserem Treffpunkt gar nicht erst blicken.

Um Punkt sechs war ich da. Ich leerte gerade mein großes Bierglas, da kamen sie angewackelt: Zuerst die zwei Türme, dann die Untertanin der Queen höchstpersönlich. Sie trug eine große Papiertüte mit der eingestanzten Aufschrift „Beauty“. Über ihrer Oberlippe hatten sich einige Schweißperlen gebildet. Mit eleganter Geste holte sie ein Päckchen Taschentücher aus ihrer Handtasche. Der Duft von Rosenöl stieg mir in die Nase, als sie mit dem Taschentuch den Tau unter ihrer Nase wegtupfte. Dann wischte sie sich damit über die hohe Stirn, weitete etwas das Dekolleté ihres blauen, geometrisch gemusterten Sommerkleides und steckte ihre Hand in den provokativen Spalt.

„Es ist heiß, nicht?“
Wahrscheinlich um die 30 Grad, erstattete ich mir selbst Bericht.
„Du bist nicht böse oder, schöner Mann? Ich hatte Ärger mit den Mietern meiner Geschäfte auf der „Solunska“. Eine äußerst lästige Angelegenheit. Sie hätten kein Geld, die ewige Ausrede.“ Sie legte ihre Hand auf meine und ließ ihre Finger sanft rauf und runter streichen.
„Wahrscheinlich halten auch die Menschen in England eine Uhr für überflüssig.“
„Du suchst Streit. Das steht dir nicht.“

Ihre Finger strichen weiterhin über meinen Handrücken.

„Ich rufe sofort den Kellner. Bleiben wir beim Bierchen? Und jetzt raus mit der Sprache: Was hältst du von meinem Text?“
„Gar nichts.“
„Wie?“, schluchzte sie überrascht. „Es stimmt schon, die Aufzeichnungen sind ganz anspruchslos…“
„Wir lieben immer die, welche uns bewundern.“
„Was soll das heißen? Ich verstehe dich nicht. Ist es tatsächlich so schlecht? Dann hat es wohl keinen Sinn…“

Ein unruhiger Schatten schlich sich auf ihr gespanntes, helles Gesicht. Zum ersten und letzten Mal beherrschte ich die Situation und eine wohlige Wärme der Schadenfreude durchströmte meinen Körper. Es war nur ein winziger Racheakt dafür, dass ich in diesem Moment das Pizzaessen mit meiner Frau und meiner Tochter versäumte.
„Das stammt von La Rochefoucauld. Ich wollte herausfinden, ob du nicht eher zu La Bruyère tendierst, aber vielleicht ist es falsch, dich mit den Moralisten des 17. Jahrhunderts zu vergleichen.“ Nun lächelte sie beruhigt.

„Ach, darum geht es. Warte, warte, lass mich kurz nachdenken… Ja, ich glaube es ging so: Nur wenige Menschen sind klug genug, hilfreichen Tadel nichtssagendem Lob vorzuziehen.“

Der Punkt ging an sie. La Rochefoucauld. Ich eröffnete ihr die schlichte Wahrheit, dass ich einfach nichts hatte entziffern können. Möglicherweise schauspielerte sie einfach gut, als sich ihre großen Mandelaugen mit Tränen füllten. Eine Dummheit kommt selten allein, also schlug ich ihr drei Varianten vor. Sie könne ihren Text mit der Schreibmaschine abtippen oder ihn mir per E-Mail schicken oder auf Audiokassette aufnehmen.

Es stellte sich heraus, dass sie in einigen Tagen schon wieder nach London abreisen musste. Dort bestünde auch nicht die geringste Chance, eine Schreibmaschine mit kyrillischer Tastatur aufzutreiben. Zum Heulen. Und einen eigenen Computer habe sie auch nicht. Great tragedy. Am besten sei die Audiokassette, ich sei ja so klug. Besonders nach der siebten Klasse, fügte ich vorsichtshalber hinzu. Also würde sie mir den Text auf eine Audiokassette diktieren und ich könnte ihn beim Schreiben gleichzeitig redigieren. Auf jeden Fall würde sie das wieder gutmachen. Dann fiel mein Blick auf ihr noch provokanter geöffnetes Dekolleté, und ich spürte die Wärme ihres Oberschenkels unter dem Tisch.

Diesmal erkundigte sie sich überraschend gesellig, ob ich denn Zeit hätte, auch mal „nur so“ zu schreiben, für die Seele. Ich sei mir meiner Seele nicht mehr so sicher, entgegnete ich mit heller Finsternis und schob ihr mein neuestes Buch als Geschenk zu.
„Oooh, toll, das sieht klasse aus. Ich werde es mit Vergnügen lesen.“ Ihr Gackern war unehrlich übertrieben. Ob ich denn an einer Veröffentlichung meiner Gedichtsammlung in England mithilfe ihrer Stiftung interessiert wäre.

Zugegeben, da hatte sie mich schon ein wenig an der Angel. Es gibt keinen Textkritzler, der nicht in den Katakomben seines kranken Bewusstseins einige angekettete Narzisse hütet. Und wer würde diese Gelegenheit versäumen und stattdessen seine Gedichte in der Nähschublade verstecken wie Emily Dickinson, dieser Dummkopf. Ich definitiv nicht.
Wir knabberten an unseren Bratkartoffeln mit Käse, benetzten unsere Lippen mit der herben Flüssigkeit der Marke „Männer wissen warum“ und lösten die ungezähmten Pferde der schöpferischen Illusion von ihren Zügeln. Und zu Hause warteten sie auf das Pizzaessen und waren gar nicht erfreut über meine zweistündige Verspätung.

Keine fünfzehn Tage später stellte die Sekretärin des Chefredakteurs verlegen einen Anruf aus London zu mir durch.
„Halloo, halloo, schöner Mann, bist du es? Hier regnet es, und neblig ist es, furchtbar! Wie geht es dir? Und deiner zarten Seele?“
Ich hatte mich schon an die Fragen gewöhnt, die keine Antwort erforderten, und wartete auf die wesentliche Information.

„Deine Idee war genial, ich könnte dich küssen. Die erste Kassette ist schon fertig, ich schicke sie dir zu. Es funktioniert, du wirst sehen. Vielleicht werden es fünf oder sogar noch mehr. Ein Bekannter reist heute nach Bulgarien, er wird dich anrufen, wahrscheinlich schon morgen. Küsschen.“
„Küsschen“, antwortete ich wie ein dämliches Echo.

Der Typ machte mich tatsächlich schon am nächsten Tag ausfindig. Ein Abgeordneter, der hier einige Tage zu Besuch war. Wie verabredet postierte ich mich also um Punkt zwölf neben dem Polizeibeamten hinter dem Parlamentsgebäude und wartete mehr als eine halbe Stunde, bis ich die wertvolle Sendung endlich in Empfang nehmen konnte. Für ihn war ich etwas mehr als ein Amtsbote und wesentlich weniger als eine Vertrauensperson.

Solch ein seltsamer Hybrid verlangt wohl eine spezielle Behandlung, also brachte mich der Abgeordnete notgedrungen in die Parlamentsbar und lud mich auf einen Pickwick-Tee ein. Ganz nebenbei erzählte er, wie er fast eine Audienz bei der Queen bekommen habe, er aber dafür ausschließlich mit Personen verkehre, die ihrem Rang beinahe ebenbürtig wären, und das sei mehr als tröstlich. Und noch, dass er das British Museum, das Parlament und Westminster Abbey besucht und Fotos von Big Ben sowie Tower Bridge gemacht habe.

Als er von den endlos und überdimensional weisen Gesprächen in Milkys Cottage berichtete, entschied ich mich, die Konnotation der zuletzt genannten Sehenswürdigkeit doch für mich zu behalten. Ich verabschiedete mich rechtzeitig bevor er mein hybrides Wesen ganz entschlüsseln und mir mit seinen ganzen Heldentaten als bescheidener Patriot auf die Nerven gehen konnte.

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