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Auszug aus dem Roman „Das Tintenlabyrinth“ von Ludmila Filipova, Teil II

14 April, 2009 von · Keine Kommentare

Ludmila Filipova


Photo: lepiaf.geo

Metamorphosen

Seite 413 begann folgendermaßen: “Die Transformation zwischen Orpheus, Christus und sogar Mitra ist in Hunderten von Wandmalereien, Skulpturen und antiken Gegenständen dargestellt. Ein solches ist auch das Monument, das man auf dem Ad Duas Lauros Friedhof in Rom gefunden hat. Die Orpheus-Figur ist in Szenen dargestellt, die die Einheit zwischen dem thrakischen Weisen, dem Alten und dem Neuen Testament symbolisieren. Die Szenen sind kreuzförmig angeordnet.” (The Christian catacombs of Rome, Schnell & Steiner, p. 103.) Manche behaupten, auf dem Fresko stehe unter Orpheus’s Füßen “… 8 Sonnen zwischen Himmel und Hölle…” geschrieben. Heute existiert diese Inschrift jedoch nicht mehr. Sie wurde mit grober Gewalt herausgeschlagen.

Die Katakomben Roms

“Herbert?”, eine männliche Stimme durchfuhr die feuchte Stille und unterbrach seine Gedanken.
Er war es. Der Mann mit den seltsamen Augen – sandgelb, stumm, etwas langgezogener als die typische Form der europäischen Rasse. Er sah aber auch nicht wie ein Asiate aus. Er war einfach anders. sine Gestalt war groß und muskolös. Einfach angezogen, unscheinbar. Gurze Haare. Und seine Haut, recht blaß und weiß, erinnerte an die nordischen Völker.

“Gehen wir”, sagte er knapp.

Herbert nahm die große Taschenlampe. Es war eine mit Gummiüberzug, der sie gegen Schläge schützte. Manchmal kam es in den Tunnels zu Einstürzen. Bisher war aber Herbert nicht auf die Idee gekommen, daß nur seine Taschenlampe abgesichert war.

Sie gingen etwa dreißig Minuten durch die kalten Labyrinthe der Katakombe. Das Licht der spärlich aufgehängten elektrischen Lampen beleuchtete einen geisterhaften Nebel kleiner Tropfen. Es machte sie zu einer Wolke durchsichtiger kleiner Fliegen, die sich ins schwarze Nichts aufgemacht hatten. Die Feuchtigkeit stieg nach oben, um das dichtgewachsene Moos zu bewässern, das an den beleuchteten Stellen das steinerne Gewölbe überzogen hatte. Und wenn sie auf vulkanisches Gestein traf, glänzte sie leuchtend im Glitter, der das Magma wie in einem Goldbergwerk gesprenkelt hatte.

“Warum sind Sie hier”, flüsterte Herbert?

Er flüsterte immer in diesen verlassenen Garbkammern.

“Die Menschen verlieren zu viel Zeit, um an die Möglichkeiten zu denken”, entgegnete der Mann.
Sie gingen auf das südliche Ende zu. Herbert hob die Hand und zeigte ihm das dritte Fresko. Darauf war wieder Orpheus abgebildet, dieses Mal jedoch inmitten einer Schafsherde. Der Mann kniete und fotographierte es. Die Wandmalerei war in der Wissenschaft gut bekannt. Außer aufnehmen konnte er nichts machen.

“Kommen Touristen hierher?”, fragte der Mann mit tiefer Stimme.

“Es ist verboten.”

“Sehr gut.”

Der Mann erhob sich, und die beiden gingen weiter. Sie bewegten sich nur langsam. In diesem Tunnel war die Luft stickig, und der Boden uneben. Es war seit Jahren nicht mehr gelüftet worden. Der Unbekannte beugte sich nieder und hob einen menschlichen Knochen auf. Dann führte er ihn an seine Augen.

“Die Menschen sind gläubig, wenn es um ihre Verwandten geht, und Ignoranten bei unbekannten”, sprach er entschieden, während er den Knochen untersuchte.

Dann blies er den Staub davon und legte ihn in eine der Nischen an der Wand. “Einst hat ein Glaubender seinen Verwandten hier begraben, damit dessen Seele in Frieden ruhe. Und dann hat ein anderer Glaubender diesen wieder ausgegraben”, dachte der Unbekannte.

“Die Touristen klauen sie meistens”, wunderte sich Herbert über die Geste des Mannes. “Sie stellen sie hinter Glas wie Souvenirs.”

“Ich bin kein Tourist.”

Sie gingen weiter durch den schmalen Tunnel. In regelmäßigen Abständen waren in die Wände Nischen eingelassen. Sie erinnerten an Regale für etwa zwanzig dicke Bücher. Einst wurden hier die Leichen hingelegt, und die Öffnungen wurden mit weißem Marmor versiegelt. Die kleineren Nischen waren für Babies. Jetzt waren sie aber alle leer. Schwarz und verlassen. Vom Boden bis zur Decke gab es Platz für sechs Reihen, an beiden Seiten. Und das soweit das Auge reicht. Dann macht der Tunnel eine Kurve und die Öffnungen fangen von vorne an.

Herbert strauchelte und stützte sich an einer der Leichennischen in der Wand ab. Sein Blick versank in der Finsternis. Und dann spürte er, daß er nicht mehr weitergehen wollte.

“Einhundert Tausend…”, flüsterte er.

“Gehen Sie.”

“Einhundert Tausend menschliche Körper sind allein in dieser Katakombe bestattet. Ist das nicht beängstigend? Und ringsherum sind mindestens sechzig Katakomben. So viele Leichen!”

“Die Menschen sterben”, erklärte der Fremde trocken.

“Die Menschen werden den Tod nie akzeptieren. Wie auch die Einsamkeit – es gibt sie immer, man gibt aber nie auf.”

“Genug geplappert!”

“Ich habe auch Angst”, fuhr Herbert fort. “Bin sogar Geistlicher geworden… Was denken sich die Menschen nicht alles aus, um den Tod zu überlisten.”

Der Mann folgte dem Schwarzgekleideten auf den Fersen. Und dieser hörte nicht auf, mit aufgeregter Stimme zu plappern.

Der enge Tunnel mündete endlich in einem weiten Saal. Hier war der Verputz immer noch erhalten. Durch die erodierten Löcher konnte man aber den bröckligen Felsen sehen, wie um daran zu gemahnen, daß alles vergänglich war.

“Viertes Jahrundert”, beeilte sich Herbert zu erläutern.

Die Decke des Raumes war kuppelfürmig. Darunter teilten sich zwei Grabkammern den Platz. Die Wände und die Decke waren sorgfältig von oben bis unten bemalt. Kein Zentimeter war unbemalt geblieben, außer an den erodierten Stellen. Mit bunten Farben in Safrantönen waren Bilder dargestellt, die der Hoffnung auf die Macht der Götter und Heiligen Ausdruck verliehen, die sich um die Toten kümmern mußten.

“All diese Anstrengungen… Eine Höllenarbeit halbnackter Leute unter verfaulenden Leichen in der Kälte, um die Wirklichkeit in Illusionen zu kleiden”, flüsterte Herbert monoton vor sich hin. “Immer, wenn wir am stärksten den Weg der Seelen anzweifeln, kümmern wir uns umso hartnäckiger um die Gräber. Die Anstrengungen geben uns das Gefühl, unseren Wünschen näher zu kommen.”
“So ist es schon immer gewesen.”

“Der Mensch ist zu allem bereit, um zu glauben, daß das Ende nicht unter der Erde ist. Der Himmel ist eine schöne Illusion. Und die Jahrtausende haben sie in Wirklichkeit verwandelt.”

“Da liegen Sie falsch, die Wahrheit ist fast ausgelöscht”, entgegnete der Mann und fügte hinzu: “Ruhe jetzt!”

Der Geistliche machte einige schweigsame Schritte und begann wieder zu flüstern:
“Die Katakomben gehören zu den größten Sehenswürdigkeiten Roms. Sind Sie nicht an Geschichte interessiert?”

“Nein.”

Sie erreichten das vierte Fresko. Herbert deutete zur Decke. Dort war Orpheus im Zentrum eines Oktagons zu sehen. Seitlich von ihm, wie die Strahlen eines Sterns, waren Szenen aus dem Alten und Neuen Testament abgebildet.

“Ein unbekannter Künstler”, kommentierte Herbet. “Die meisten Wissenschaftler nehmen an, daß die Verbindung zwischen David und Orpheus nicht zufällig ist. Beide haben sie die Seelen durch die Kraft des Wortes beherrscht… Über die achteckige Form weiß ich jedoch nichts…”
“Treten Sie zur Seite”, unterbracht ihn der Fremde.

Er betrachtete sorgfältig das Fresko und betastete es mit den Fingern. Zu
Füßen des thrakischen Sängere war ein winziger Text zu sehen. Der Historiker hatte ihn bisher kaum bemerkt. Es fiel ihm auf, daß am Ende ein Verweis zu einer namenlosen Seite mit der Nummer 413 hingekritzelt war. Der Unbekannte holte eine Hacke mit kurzem Griff hervor und schlug auf den beschrifteten Putz ein.

“Was tun Sie da?”, rief der Historiker.

“Beiseite! Ich brauche Sie noch.”

Und wieder schlug er auf das Bild ein, wobei einige große Stücke herausfielen und Staub aufwirbelten. Der Geistliche sprang erschrocken zur Seite. Er hätte weglaufen können, tat es aber nicht.

Der Mann zögerte einen Augenblick, ob er auch noch auf die Decke hauen sollte, hielt aber inne. Es hatte keinen Sinn. Dieses Fresko war schon in einer Reihe historischer Abhandlungen erwähnt. Ohne Inschrift konnte es aber nur von Eingeweihten verstanden werden, die um seine Geheimnisse wußten. Er packte die abgeschlagenen Stücke in einen Sack, den er über die Schulter warf. Mit dem Ärmel wischte er sich den Staub aus dem Gesicht und sagte mit heiserer Stimme:

“Ich möchte die dreifache Gottheit sehen.”

Herbert erhob sich und ging wieder voran. Sie schwiegen. Es waren nur ihre schweren Schritte zu hören, die dumpf in den Tunnels widerhallten. So gingen sie etwa 10 Minuten. Das einzige Licht war das ihrer Taschenlampen. Sie erreichten das Ende der Katakombe. Hier gab es keine elektrischen Lampen mehr und auch keine Hinweise für die Fremdenführer. Die Luft war düster vor Staub und unbestimmten Gerüchen. Herbert beleuchtete den Bogen über dem Eingang zu einer der Grabkammern. Darauf war Orpheus mit dem Helm Mithras dargestellt wie er vor einem Lamm und einem Pfau spielte.

“Knie nieder!”, befahl der Fremde. Auf der hervortretenden Sehne an seinem Nacken war ein schlecht tätowierter achtekiger Mäander zu sehen.

Herbert kannte dieses Symbol. Er ging in die Knie. Seine Hände zitterten, die Finger ließen die Lampe fallen.

“Sie können die Geschichte nicht auslöschen”, flüsterte er.

“Sind das alle Darstellungen, die die Botschaft bergen?”

“Alle… Und das Kreuz, das Sie oben finden werden.”

“Wie kann ich sicher sein, daß du mich nicht belügst?”

Eiskalte Schauer schnitten bereits wie Messer durch Herberts Körper.

“Ich kann nicht lügen.”

Der Historiker hob das eiserne Kruzifix von seiner Brust und zeigte es dem Mann mit den länglichen Augen.

“Sie sind nicht gläubig”, lächelte dieser ihn an.

Dann wandte er sich zum Bild und zerschlug es mit seiner Hacke. Erst das Fresko, dann auch die Inschrift darunter. Der Putz zerfiel zu Staub. An seiner Stelle trat weiches vulkanisches Gestein hervor.

“Sie können die Artefaktezerstören, nicht aber die Geschichte”, sagte Herbert hilflos. Er flüsterte nicht mehr.

“Dreh dich um!”

Der alte Geistliche wandte ihm den Rücken zu. Worte hatten keinen Sinn mehr. Die eiskalten Schauer waren verschwunden. Er wußte was geschehen würde und daß es unausweichlich war. Seinen Körper konnte er nicht spüren, das Warten aber lohnte sich. So viele Jahre… Vielleicht hatten die Verborgenen überlebt. Er würde die Antwort jedoch nichr mehr erfahren.

Es folgte nur ein einziger Schuß.

Dann hob der Mann den leblosen Körper des Historikers auf und zog ihn aus der Mitte des Raumes. Darüber schüttete er einige fomlose Brocken, die von der Decke gefallen waren, den Rest packte er in seinen Sack und ging den Weg zurück.

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