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Auszug aus dem Roman „Das Tintenlabyrinth“ von Ludmila Filipova, Teil III

12 Juni, 2009 von · Keine Kommentare

Ludmila Filipova


Снимка: Andréia

Über die Diebe des Glaubens

Seite 473 begann mit einem Vers:
“Ohne Glauben bin ich nichts
und verliere mich in Angst und Wut
Woran glaubst du, fragte er.
Egal,
Hauptsache du hörst nicht auf…”

Die Sonne durchdrang wie weiße Saiten den eisigen Vorhang, so wie Sand durch ein Sieb. Sobald sie die ersten Strahlen spürte, erhob sich Vera leise im Bett und schaute auf die Uhr. Es war erst sechs. “Wunderbar”, dachte sie, “ich werde so gegen acht da sein. Und wenn diese Zahl tatsächlich so wichtig ist, dann wird auch die Uhrzeit entscheidend sein.” Sie lächelte bei diesem aufdringlichen Gedanken.

Sie stand auf und zog sich an. Futch schnarchte, als ob aus seiner Brust Steine anstatt Luft herausströmten. Sie weckte ihn nicht. Aus Erfahrung wußte sie, daß er von allein nicht so bald die Augen öffnen würde. Neben dem Bett lagen drei leere Flaschen, und er selbst stank nach sauerem Wein.

Den letzten Schritt wollte Vera allein gehen. Sollte sie etwas herausfinden, würde sie Futch entschädigen. Das Erleben der Entdeckung wollte sie jedoch für sich allein.

Bevor sie hinausging, stöpselte sie das Laptop vom Netzteil ab und nahm es unter den Arm. Aus dem Arbeitszimmer ihres Vaters nahm sie die Tontafel und hängte sich den Rucksack um. Auf Zehenspitzen verließ sie die Wohnung und zog erst vor der Haustür die Schuhe an.

Die Hausmeisterin des Gästehauses war schon aufgestanden und werkelte vornübergebeugt vor dem Kamin. Ihr graues Haar war hastig zu einem Zopf geflochten, und ihr Körper war von einer roten Schürze eingeschnürt. Sie erblickte Vera und lud sie zum Frühstück ein. Vera konnte nicht nein sagen. Sie brauchte Energie, besonders nach einer schlaflosen Nacht. Zu sehr fühlte sie sich erschöpft.

Während sie Kaffe trank und Krapfen in Puderzucker tunkte, schaltete sie den Computer ein und öffnete das Postfach von Futch. Er hatte eine Mail. Sie öffnete sie. Die Nachricht war von irgendeinem James aus London. “Das muß die Antwort sein”, dachte Vera. Darin stand nur:

Die früheste Verwendung in Ägypten der Hieroglyphe, über die du fragst, ist etwa 3000 v. Chr. – “Einige Jahrhunderte nachdem die Mäander in Thrakien verschwunden sind”, dachte Vera und fuhr mit dem Lesen fort. – Die Bedeutung: Sie sollte einen “Beschützer” symbolisieren und hatte 8 und auch 7 Spitzen. Mit der Zeit wird die Form zusehends stilisiert und vereinfacht, damit es leichter ist, sie in die Steintafeln zu meißeln. Meistens wird sie mit 6 oder 7 Spitzen dargestellt. Sie hat auch die Bedeutung “Tempel”, später wurde damit der Buchstabe “H” gezeichnet. Solltest du speziell an der Acht interessiert sein, so ist sie das Symbol des Gottes der Weisheit. Und der achteckige Stern ist das uralte Symbol der Sonne.

Melde dich, wenn ich weiterhelfen kann.

James

Ein klebriger Kloß Krapfen blieb ihr im Hals stecken.

“Natürlich, die Sonne… Die Inspiration aller Götter”, flüsterte Vera.

Sie trank einen großen Schluck Kaffee und sprang auf. Sie lief den Hang hinunter zum Eingang zur Höhle. Der Himmel hing regenbereit und ganz tief, über der Schlucht hatte sich feuchter Nebel ausgebreitet.

Die Straßen waren leer, sonnenlos und ganz still, so wie es sich gehört, wenn eine Stadt schläft. Und diese geisterhafte Einsamkeit einer falschen Welt ohne Menschen, nur aus Kulissen bestehend, läßt die Wachgebliebenen nach den Spuren der gelebten Tage suchen.

Das Hotel lag am Ende des Ortes, damit die Zimmer die Aussicht hatten auf die grünen Weiden, eingerahmt von den zähnefletschenden Kiefern der weißen Felsen. Der Weg führte vorbei an der Dorfkirche am Rand eines dichten Tannenwaldes. Sie taucht nur allmählich über dem Hügel auf – zuerst das metallene Kreuz, auf gleicher Höhe mit der Spitze einer silbernen Moschee, dann die kupferbeschlagene Kuppel, der steinerne Glockenturm, der sie unter dem Himmel festhielt, und das Gebäude selbst, das wie eine eingefallene Hütte aussah. Über dem Eingang prangte ein eisernes Kreuz in einem Stern, wobei die ganze Figur acht Strahlen hatte.

Die Tür war zur Hälfte verglast, und darauf war, den Flügeln einer Fledermaus gleich, ein ausgebleichtes, ehemals schwarzes Tuch gespannt. Jemand war hier gestorben.

In ihrer Eile hätte Vera das christliche Gotteshaus wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen, stünde nicht vor dem Gartentor ein Junge. Dürr und zusammengekauert, sah er so klein und verwundbar vor dem Hintergrund der Felsrücken aus, daß Vera stehenblieb und näher kam. Sie fragte ihn was er da ganz allein mache, und er antwortete, er bete und spreche mit seiner Mutter und seiner Schwester, die bei einem Feuer umgekommen seien.

“Warum bist du aber so früh hergekommen?”

“Ich hatte einen fürchterlichen Albtraum”, sprach das Kind, wobei er das Wort “fürchterlich” betonte. “Papa hat gesagt, daß uns die Kirche Gott näher bringen kann und auch den Toten… Sie sehen uns vom Himmel aus zu und eines Tages werden wir alle zu ihnen kommen und wieder mit ihnen zusammen sein.”

“Und was hast du geträumt?”

“Daß Mama und mein Schwesterchen den Himmel verlassen haben und mich nicht mehr sehen, und ich ihre Stimmen nicht mehr höre, die ich sonst höre.”

Eine unsichtbare Hand packte Vera am Hals und begann sie zu würgen. Auch sie wollte die Stimme ihrer Mutter hören, wußte aber, daß dort, Oben, nur Wolken und Luftströme waren. Daß der Körper ihrer Mama in der Erde verfault war, und daß ihr eigener auch eines Tages dort faulen wird. “Es ist schön, an den Himmel zu glauben”, dachte sie. Sie strich dem Jungen übers Haar und meinte:

“Wenn die Kirche aufmacht, kannst du eine Kerze für ihre Seelen anzünden…”, sagte sie, obwohl sie selbst so etwas nie tat. Sie wußte aber, daß der Junge es brauchte.

“Sie werden mich davonjagen”, gab er zurück.

“Warum? Sie werden…”

“Ich bettele. Papa sammelt Kräuter. Und der Priester ist böse und sagt, daß ich die Touristen störe.

Vera wandte den Blick zur Seite. Der Junge schaute sie nachdrücklich an. Sie wollte ihm etwas sagen, um seinen Schmerz zu lindern.

“Meine Mutter ist auch tot…”, sprach sie leise.

Bisher hatte Vera diese Worte noch nie ausgesprochen.

“Und wo ist jetzt deine Mutter?”

“Wie?… Auf dem Friedhof”, wunderte sich Vera.

“Und meine ist im Himmel. So ist es besser. Was arbeiten Sie?”

“Ich schreibe ein Buch.”

“Worüber?”

“Das ist kompliziert.”

“Macht nichts.”

“Ich suche nach der Wahrheit über die erste Zivilisation und über die uralten Wurzeln der Geschichte über den Sohn Gottes, die nicht mit Jesus anfängt…”

Er starrte auf das Kreuz auf dem Kirchendach.

“Sie dürfen so etwas nicht schreiben!”, rief der Junge.

“Warum?”

“Weil, wenn Sie den Himmel wegnehmen, Mama und Bozhura keinen Ort mehr haben wohin sie
gehen können.”

“Nein… Es wird ihn wieder geben.”

“Wo?”

Vera gab keine Antwort.

“Ist Ihre Mutter nicht ihm Himmel?”, fragte das Kind.

“Weiß nicht…”

“Vielleicht ist sie noch nicht angekommen. Deshalb wissen Sie es nicht. Fragen Sie sie bald wieder mal danach. Und lassen Sie die Geschichte Gottes in Ruhe.”

“Ich schreibe aber über die Wahrheit!”

“Wenn es die Wahrheit ist, werden meine Kräfte nicht ausreichen, Papa zu retten. Und er mich. Solange ich aber weiß, daß Gott uns beschützt, und Mama über uns wacht, habe ich keine Angst vor Morgen. Angenehmen Tag!”

Dann ging das Kind davon. Veras Hände kühlten ab wie verbrannte Kohlen und umklammerten den Rucksack, in dem sie die gestohlene Tontafel ihres Vaters trug. Denn sie glaubte, daß sie der letzte Beweis gegen die menschlichen Illusionen war.

* * *

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