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Auszug aus dem Roman „Das Tintenlabyrinth“ von Ludmila Filipova

20 März, 2009 von · Keine Kommentare

Ludmila Filipova
Übersetzung: Aleko Diankov

schrift
Foto:Grafik Mekanik

Prolog

Im Januar 2007 beginnt die etappenweise Restaurierung einzigartiger Mauskripte in einer der ersten Bibliotheken Roms. Einst stand diese am Anfang der ältesten befestigten Straßen Europas, der Via Appia Antica, nahe der Porta San Sebastiano. In diesen Tagen eben fand man eine unbekannte Handschrift, sehr zur Überraschung der Historiker. Sie wurde auf annähernd zwei Jahrhunderte datiert und hob sich dadurch hervor, daß sie weder einen Autor, noch einen Titel, sondern nur eine Katalognummer hatte.

Auf dem ledernen Einband, in den die Seiten eingenäht waren, prangte ein eingraviertes Zeichen, einem Mäander oder Labyrinth ähnlich. Darüber stand “Die Hölle” geschrieben, darunter “Der Himmel”, und im Zentrum – “Die Tänarus Pforte”. Um den Fund irgendwie in die neue Kartothek aufnehmen zu können, nannten ihn die Kuratoren des Archivs “Das Tintenlabyrinth”.

Der Inhalt, so meinten sie, erinnere an ein wundersames Rätsel, zusammengestellt aus Artefakten, Bildern und Texten, von denen manche anscheinend lange nach der ursprünglichen Niederschrift hinzugefügt worden waren. Auf dem ersten Blick hatten sie keinen Zusammenhang.

Erst eine vertiefte Analyse zeigte, daß all diese Dinge für den Leser wie ein roter Faden durch ein Labyrinth sind. Und obwohl jedermann seinen Ausweg aus diesem Wirrwarr von Worten zu finden vermochte, konnte niemand herausfinden was das eigentliche Rätsel war.

Denn die Handschrift hatte keinen Anfang. Und kein Ende. Sie waren vernichtet. Der letzte Satz schimmerte bläulich und unvollendet auf Seite 406. Die Bibliothekare ließen dem Manuskript die alte Katalognummer, um das Wiederauffinden zu erleichtern.
Denn sie wußten – jede Handschrift ist erschaffen, um entdeckt zu werden…

Die Gestaltlosen

Seite 407 beginnt mit dem Photo einer tiefen Höhle und einem Zitat:

“Als zu dem Himmel empor der rhodopeische Sänger
Lange die Gattin beweint, jetzt auch zu versuchen die Schatten,
Wagt er hinab zur Styx durch des Tänarus Pforte zu steigen.
Und durch luftige Scharen bestatteter Totengebilde
(…)und sanft zum Getöne der Saiten singet er:
O ihr Gewalten des unterirdischen Weltraums!
(…)Blutlos horchten die Seelen und weineten.
(…)Schnell erklommen sie nun durch Todesstille den Fußsteig,
Jäh empor, und düster, umdrängt von dumpfigem Nachtgraun.”
Ovid, “Metamorphosen”
Zehntes Buch. Orpheus und Eurydice

Auf dem Weg zwischen der Unteren und der Oberen Welt

Er schöpfte mit der Hand aus dem milchweißen See und spürte die salzige süße Flüssigkeit zwischen seinen Fingern hindurchrinnen. Schnell goß er sie in den Tonkrug. Niemand wußte, ob es Oben noch Nahrung gab. Dann streckte er die Hand aus nach dem in Stein gehauenen Gesicht des ersten, der von der Erde hinabgestiegen war zu den Sterblichen. Er hatte ihnen die Hoffnung wiedergegeben, daß die Menschen nicht unwiderbringlich in der Finsternis verloren waren. Orpheus nannten sie ihn. Dieser Mensch gab ihnen Musik, das Wort und die Aussicht auf eine Rückkehr. Und sie beschenkten ihn mit einem weiteren Teil des Wissens, das sie aus ihren Landen mitgebracht hatten. Und zeigten ihm den Weg zurück.

Ein letztes Mal blickte er in die bodenlose Finsternis und setzte dann seinen Weg aufwärts zum Ausgang fort.

Nur langsam kletterte er den steilen felsigen Pfad hinauf. An manchen Stellen war er fast senkrecht.
Feucht, schwarz und schmal. Spitze Steine zerkratzen seine Füße, trotz der rissigen Haut. Stunden schon war er unterwegs. Und wußte überhaupt nicht, ob er jemals hier herauskommen würde. Er hatte kein Recht, umzukehren. Und auch nicht aufzugeben. Daher hörte er auf, über Oben und Unten nachzudenken, reihte nur einen Schritt an den nächsten und eine Hand nach der anderen über den feuchten Felsen.

Die schmale felsige Rinne führte zum Fuße einer riesigen Höhle, die jedoch viel kleiner war als ihre Welt. Er kroch weiter nach oben, bis er die Graue Zone erreichte. Fand die Treppe und stieg hinauf. Hier gab es sogar einen Handlauf, an dem er sich festhalten konnte. Natürlich wußte er nicht, wer ihn montiert hatte.

Stufe um Stufe, ohne halt zu machen.

Der Höllenlärm herabstürzender Wassermassen übertönte seine Gedanken. Und der eisige Nebel durchnäßte seinen Leib.

Wer hatte die Stufen in den Felsen gehauen? Niemand hatte es je erzählt. Niemand war je von Oben zurückgekommen. Würde er es schaffen?

Ein warmes Licht begann, seinen nackten Körper zu umhüllen.

Wie sehr wollte er glauben, daß sich die Welt endlich geändert hatte! Und daß die Sieben Sterne, welche das Ende verkündeten, an ihre Plätze zurückgekehrt wären, damit er nach Hause konnte.
Dort wartete man auf ihn, wie auf all jene, die nie zurückgekommen waren.

Jede neue Generation mußte einen Krieger nach Oben schicken, um nachzuprüfen, ob die Hölle die Erde immer noch verschlungen hielt. Ob die Schatten immer noch die Plätze der versteckten Menschen einnahmen. Und obwohl sie schon zu viele der ihren spurlos verloren hatten, hörten sie nicht auf, neue zu schicken. Denn sie glaubten, daß alles, was je angefangen, auch ein Ende finden mußte. Und sie wußten, würden sie je die Hoffnung auf eine Rückkehr aufgeben, würde ihr Menschsein nicht mehr sein.
Die Geschichte der Ereignisse war seit Tausenden von Jahren mündlich überliefert worden, bis heute. Möglich natürlich, daß sie irgendwo verfälscht worden war, und daß die Wahrheit nicht mehr dieselbe war. Von Oben war jedoch noch nie jemand zurückgekommen, um zu berichten.

“Werde ich sie je wiedersehen?”, dachte er. Das war seine letzte Frage. Vollkommen nutzlos.
Wie beim Tod. Man weiß nie, wohin er einen führen wird. Vielleicht nirgendwohin. Vielleicht in die Hölle, vielleicht in den Himmel. Wie auch immer, es wird geschehen, und deshalb soll man, anstatt sich zu fürchten, das Unbekannte genießen. Nur ein einziges Mal wird man es erblicken und die Antwort auf das ewige Rätsel aller Generationen zuvor finden. Überflüssig also, aus Angst oder Begeisterung das Wesentliche aus den Augen zu verlieren.

In der Ferne sah er den Tunnel. Oben, am Ende der Treppe, neben der weißen Zypresse, im klaren Licht. Bisher hatte er darüber nur aus Legenden und Sagen gehört.

Er konnte es spüren aber nicht sehen – es kroch über seine Haut, weich und wärmend. Es wurde immer stärker, immer weißer. Fieberhaft schlug sein Herz und sandte Schwall um Schwall seines Blutes in jeden Teil des Körpers. Und seine Sinne schärften sich bis zum Äußersten.

Er erschauerte. Das Licht begann zu brennen, die Augen sahen nichts mehr. Er wartete. Man hatte ihn gelehrt, daß die Sinne einige Stunden brauchten, um sich anzupassen. Und die Augen können sehen, wenn auch vorwiegend in der Finsternis.

Geleitet wurde er vom unwiderstehlichen Wunsch zu ergründen, was geschehen war, bevor die Ersten die Erde verlassen hatten. Und was die Sieben Sterne angerichtet hatten, wie es die Sagen berichteten.

Sein ganzes Leben hatte er sich auf diesen Tag vorbereitet. Ein einziger Augenblick, nach dem alles anders sein würde.

Das Leben hier war tatsächlich verschieden. Die Bäume wuchsen von unten nach oben, nicht umgekehrt. Und die Blätter hatten Farbe. Unten waren sie alle farblos, irgendwie fleischlos. Hier gab es eine Unzahl von Tieren und Wesen, die einander töteten und fraßen. Jedes Lebewesen kämpfte verbissen um sein Überleben. Und je weiter er vorankam, desto öfter sah er, daß eines sterben mußte, damit ein anderes weiterleben konnte. Eine wundersame Welt. Eine schreckliche Welt. Vielleicht nannte man sie deshalb die Hölle.

Endlich hörte er Geräusche. Anders als die tierischen. Es hörte sich wie Sprache an, eine unbekannte Sprache. Außer Worten gab es aber auch Schreie, Stöhnen und Schmerz.

Er betrat einen staubigen Weg und sah in der Ferne hohe buntbemalte Häuser. Zu schön, um von dieser Welt zu sein.

Er vernahm einen fürchterlichen Donner, dann sah er Flammen. Und in den Flammen Menschen.
“Die Sage stimmt”, sagte er sich.

Und die Hölle war immer noch auf Erden.

Kategorien: Art Café · Frontpage

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