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Auszug aus dem Roman „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ von Ilija Trojanow

4 Dezember, 2008 von · Keine Kommentare

Ilija Trojanow

Ilija TrojanowSein erster Roman „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ (Carl Hanser Verlag), der von der Exilerfahrung einer Familie vom Balkan in einem italienischen Asylantenheim handelt.
Alex` Vater erträgt den Alltag seines diktatorischen Heimatlandes nicht länger- und hinter dem Horizont lockt das Gelobte Land. Schwupp, fliegt der Junge über den Grenzzaun, die Eltern fliehen hinterher…

 

Ilija Trojanow

 

Bericht über das Gelobte Land

…Ich nehme den Koffer mit, sie zerrte an den Wagentür, der Fluchthelfer bremste, kurbelte das Fenster hinunter. Was wollte die Hysterikerin denn?
Entschuldigt, den kleinen Koffer, bitte.
Der Fluchthelfer wand sich über den Sitz nach hinten, um die Tür zu öffnen, zuckte nur mit den Mundwinkeln, wartete, bis die Tür sich schloß. Der Vater hustete ein Argument nach dem anderen aus, gegen diese Wahnsinnstat, die sie nur hemmen und behindern würde und die sowieso ohne jeglichen Sinn…

Sie schauten die Rücklichtern hinterher, verräterische Wegweiser, die sich auflösten. Gehen wir, sagte der Vater. Der einzige, der stoisch schwieg, die ganze Zeit schon und von nun an erst recht, war Alex.

Als sich die erste der beschriebenen Lichtungen vor ihnen öffnete, war dem Vater schon wohler zumute und das kräfteraubende Angehen gegen einen herbstlich tobenden Wind ließ ihm für Sorgen keine Zeit. Sie waren mitten in der Lichtung, als der Wind in Tobsucht fiel und sie aus allen Gedanken herausriß. Er riß sie an sich und stieß sie ab. Und der Koffer erwies sich als größte Last, als fetteste Beute. Ein letzter Stoß, der Hand entrissen, auf und davon, knallte er gegen einen Baumstamm, sprang auf und… hinaus fielen hinaus purzelten kleine große Stücke wochenlang abgewogen in Gedanken, in Händen zusammengetragen, Souvenirs an das zurückgelassene Leben: ein geklöppeltes Tuch mit aerodynamischen Spitzen; einige Spielfiguren von Alex, die sich zur Choreographie der plötzlichen Bö verrenkten; eine Bluse, eine Miniaturikone, ein kleines, aber nützliches Wörterbuch, das nach Mitteleuropa führen sollte, nun aber richtungslos über den Boden hüpfte, sich wiederholt öffnete und schloß, als ringe es um Sprache, einige Seiten verlot, die wie Reklameblätter umhersegelten, sich in den Wipfeln um die Lichtung herum verhedderten und im Unterholz verhaspelten. Das Rosenmeer flog als letztes heraus, flatterte unentschlossen vor den hypnotisierten Augen der Mutter, wurde von einem zielstrebigen Windstoß erfasst, strich an einigen Ästen vorbei und verschwand. Das Tuch wurde von einem Dorn aufgespießt, der Umschlag des Wörterbuchs fiel den Flüchtenden vor die Schuhe. Der Vater trat schnell darauf, um das Unheil zu stoppen. Die Mutter wäre den Sachen hinterhergerannt, wenn es ihr der Wind erlaubt hätte. Der Vater schrie etwas von Weitergehen, klappte den halbleeren Koffer zu, zog mit der anderen Hand Alex hinter sich her, duckte sich noch mehr in das Pfeifen und Heulen hinein. Im nächsten Waldstück hatte die Mutter beide Hände frei, um Alex festzuhalten, das letzte, was ihr blieb, auf dem Weg ins Gelobte.

Als sie die Grenze erreichten, standen eine Mauer im Weg und ein gelangweilter Soldat Wache. Der Fluß. Den sie hätten durchqueren sollen, war nicht da. Die Mutter, von Angst und Wind entkräftet, stand gelähmt zwischen den Bäumen, gab sich auf, ihr Gesicht nur Vorwurf, gegenüber Ehemann, Leben, sich selbst. Der Vater zählte die Schritte des Soldaten: insgesamt achtzig zum Wachhäuschen, dann zurück. Das Gewehr baumelte am Rücken, uninteressiert.

Wenn er umdreht, laufen wir los; wir müssten es schaffen, bis zu Mauer, ich heb euch rüber.
Die Mutter nickte unmerklich, heftete ihren Blick an die Mauer. Der Wachhabende erreichte das Häuschen, blieb stehen, fischte aus seiner Hosentasche ein Tuch und schnäuzte sich ausgiebig. Alex zupfte an der Hand
der Mutter, stupste sie an. Sie war zu aufgeregt, um zu verstehen, was er wollte. Der Soldat räusperte sich, laut und ungeniert, wie einer, der sich allein glaubt, und schritt wieder aus.

Der Vater zog Alex an der Hand, und dieser die Mutter, und die Familienkette ruckte ein letztes Mal an, hinter dem Rücken des Soldaten, der die Grenzmauer entlangschritt, ruhig und hustend, ein Zeitauslöser, achtzig Schritte müssen noch verstreichen. Die Familie eilte über die Lichtung, vorneweg der Vater, dahinter der Sohn und am Schluß die Mutter, der durch den Kopf schoß, dass es nun endgültig zu spät war, nein zu sagen, anzuhalten. Die Kette näherte sich der Mauer, der Soldat seiner Drehung und es gab keine Notbremse mehr. Vielleicht warf ihr dieser ernüchternde Gedanke einen Knüppel zwischen die Beine, vielleicht stolperte die Mutter über eine bodenständigere Wurzelknolle: Sie fiel hin und schrie auf.

Die Kette wurde auseinandergerissen, der Soldat vollzog eine Frühdrehung, und drei Erwachsene und ein Kind sahen sich einem Problem gegenüber, das für alle neu war. Der Vater starrte den Soldaten an, Alex schaute zu seiner Mutter hinab, der Soldat blickte verstört zurück. In wenigen Augenblicken begriffen sie, daß sie auf diese Situation nicht vorbereitet waren, daß sie etwas schrecklich falsch machen konnten. Denn Soldaten schossen Alternativen durch den Kopf, und mit ihnen ging ihm auf, dass es eine, und nur eine, Lösung gab: So zu tun, als er kehrtmachte und seinen Marsch langsamer in die andere Richtung fortsetzte. Der Vater schnellte hoch wie eine niedergedrückte Feder, die plötzlich losgelassen wird; vor lauter Schwung hatte er Alex über seinen Kopf gehoben, noch ehe der alles begriffen hatte, über seinen Kopf gehoben, noch ehe der alles begriffen hatte, und auch schon über die Mauer geworfen.

STOP. Halten wir ein. Zuschauer, Sie auf den Tribünenplätzen im Westen, die Sie alles überschauen, oder ihr im Osten, die ihr zwischen Zaunlatten kiebitzt oder auf Bäumen geklettert seid, Ihre und eure Phantasie ist gefragt. Dies hier könnte eine entscheidende Szene sein. Alex fliegt über den Eisernen Vorhang, in diesem Fall eine einmetersechzig hohe Mauer, seine Eltern haben diese letzte Hürde noch vor sich, ein Soldat schreitet mit gedämpfter Verwirrung davon. Alles scheint klar zu sein und in bester Ordnung: Alex segelt mit dem Hintern voran ins Gelobte, der Soldat wird sich bald eine Suppe schmecken lassen, und die Eltern werden die hohe Latte zum anderen Leben bald übersprungen haben. Ihr auf den kostenlosen Plätzen, ihr merkt, ich sage nicht: zum besseren Leben; ich warnte euch ja, Phantasie wird gefragt, und zwar mehr, als im Kiosk zu erwerben ist.

Keine Angst, Zuschauer, das wird keine Walt- Disney- Szene, kein Feentanz Handstandüberschlag Sidestep Chorus; es werden keine Flaggen gehisst. Wir treten nur aus der Zeit aus und sehen Alex in der Luft, mit offenen Augen, in Käferhaltung, die Arme ausgestreckt, wie ein Sieger, der sich ergibt, zwanzig Zentimeter über der Mauer. Und ohne musikalische Untermalung.

Der italienische Bauer, der mit seinem Heukarren die Schotterstraße an der Grenzmauer entlangfuhr, hörte nicht das Kind auf seinen Karren fallen; er war schön im Alter leichter Gehörlosigkeit. Bäuerinnen, die den Vorgang aus größerer Entfernung beobachteten, sprachen von einem Engel, der auf Friaul geschwebt war. In der Kneipe wußte man das Gerücht gleich richtig einzuordnen.
jetzt fliehen bei denen schon die Engel
so ein Quatsch, Dummkopf du, seit wann kommen die Engel von drüben?

Ähnlich soll sich auch der Pfarrer geäußert haben, als ihm ein Wunder in seinem Distrikt, aber dieses schien nun doch eine Spur inopportun zu sein.

Der Bauer verpaßte seinem Gaul einige Stockhiebe, der Karren ratterte den Hügel hinunter. Alex richtete sich gemütlich im Stroh ein, schaute sich den Himmel an, der über ihm lebte, und wartete darauf, dass auch seine Eltern
hinabfielen. Als sich diese jedoch über die Mauer gehievt hatten und um sich schauten, sahen sie weit und breit keinen Alex, nur in der fernen Senke des Schotterweges einen Karren, der den Ausblick in Staub hüllte.

Photo by Thomas Dorn

Kategorien: Art Café · Frontpage

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