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Auszug aus dem Roman “Gläserne Schmetterlinge” Teil I

26 März, 2009 von · Keine Kommentare

Ludmila Filipova
Übersetzung: Dessislava Georgieva

liudmila filipova

Prolog

„Schuldig!“, verkündete der Richter.

Den Rest hörte Trisha Parson nicht mehr. Ihre Ohren dröhnten. Ihr Kopf pulsierte. Ihre Seele brannte.
Die Menschen im Saal erhoben sich und applaudierten. Dies war das Ergebnis, das die meisten erwartet hatten.

Pavel Valtschanov suchte sie mit seinen Augen. Er wusste, dass sie niedergeschmettert war. Dass sie allein war. Sein Blick war roh. Er verließ den Gerichtssaal und schlüpfte in den Schatten einer dorischen Säule, um auf sie zu warten. Trisha musste hier irgendwo sein.

Er konnte sie nicht einfach so gehen lassen.

Nicht nach all dem, was sie zusammen durchgemacht hatten…

Kapitel 1
Sieben Monate früher
Athen, 2. Mai

Zusammen.

Zum ersten Mal würden sie nur zu zweit sein. In seinem Heim.

Anastasia hatte sich schon das ganze Jahr über nach diesem Augenblick gesehnt. Der Gedanke an Emil hatte ihr Kraft gespendet, ohne die sie es wohl kaum lange auf dem Landgut ausgehalten hätte.

Sie hatte ihre Flucht bis ins kleinste Detail geplant. Sie wusste, dass Nikos in dieser Nacht spät nach Hause kommen würde. Sie hatte seine Einladung zum anstehenden langweiligen Bankiersdinner gefunden. Sie war sicher, dass er hingehen würde. In letzter Zeit ging ihr Vater immer öfter aus. Niemals hatte sie ihn „Papa“ genannt. Warum? Aber hatte sie als Kind das alles etwa ahnen können? …

Sie zuckte zusammen vor Anspannung. Ihr Adrenalin stieg.

Geschickt löste sie ein Schlafmittel in einer Tasse Tee auf, die sie dann Janis brachte. Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, doch er war noch immer der Wirtschafter des Landgutes „Stavarekos“. Der bedauernswerte Greis war so gerührt von ihrer Geste. Er glaubte, dass sie nun endlich begriffen habe, wie sehr er sie liebte.

Sie aber stürzte über den Pfad davon, vorbei an den Büschen und Gräsern, die die Sonne im Vorjahr verbrannt hatte.

Anastasia war klein von Wuchs, mit einem straffen Körper. Dennoch war er zart wie bei einer Porzellanpuppe. Sie hatte langes, schwarzes Haar und helle Malachitaugen. Ihre Stimme war unverwechselbar. Die Fülle und Stärke darin waren ein Kontrast zu ihrem zarten Äußeren. Wenn sie weinte oder lachte, dann wurde ihre Stimme irgendwie heiser. Sie war mit einem grauen Trainingsanzug und Turnschuhen bekleidet. Auf ihrem Rücken trug sie einen Rucksack. Sie ähnelte einem Spion auf geheimer Mission.

Sie rannte. In ihren Gedanken tauchte erneut die Gestalt von Emil auf. Sein heller, bräunlicher Haarschopf. Die Augen – genau wie ihre. Nur die bunten Flecken in seinen waren vielleicht mehr. Sie vergötterte seinen schönen, athletischen Körper, doch die stärkste Wirkung auf sie hatte die Art, wie er sie ansah. Sie spürte, wie sich ihr Magen zu einer Kugel verkrampfte. Dürre Äste und Gräser knisterten unter ihren Füßen…

In den letzten Jahren ließen sich in Athen immer seltener Grünflächen finden. Die Sonne und die Brände hatten alles in Asche verwandelt. Das Landgut „Stavarekos“ erhob sich in unmittelbarer Nähe des Nationalparks am Berg Parnitha. Anastasias Vater hatte ein enormes Vermögen für dieses Land ausgegeben, wo es einst freilaufende Rehe und Füchse gab, in den Bäumen Singvögel flatterten und es nach Grün roch. Doch das Feuer hatte alles verschlungen.

Jetzt versuchte der Frühling erneut, die Erde zu wecken. In der Luft schwebten der ferne Duft von blühenden Orangenbäumen und eine frische Bergbrise. Die Sonne war soeben hinter die westlichen Anhöhen gekippt, und an ihrer Stelle erhob sich der graue Diskus des kalten Mondes.

Anastasia spürte ihren Atem in der Stille, ihr Herz klopfte in ihren Ohren, sie kämpfte mit den Anfällen paranoider Furcht, als würden sie ihre eigenen Schritte verfolgen und ihre kindlichen Ängste zum Leben erwachen. Als sie noch klein war, erzählte man ihr zur Abschreckung, dass dieser Weg zum Schloss des Herrschers des Bösen führte – ein schreckliches Monster, das sie auffressen würde. In Wirklichkeit führte der Weg zum Fluss, doch die gruselige Geschichte hielt das neugierige Mädchen fern von dessen gefährlichen Gewässern.

Während sie an diesem Abend durch die Dunkelheit schlich, begriff Anastasia jedoch, dass das Glück in ihrer Seele die Ängste besiegte. Emil würde sie abholen und ihr die Stadt zeigen, in der er aufgewachsen war. Seine Geburtsstadt kannte er nicht. Er würde sie an die Orte bringen, die seiner Seele am kostbarsten waren, und ihr seine Erinnerungen erzählen. Sie wusste, dass sie diese Stadt lieben würde, wenn er sie lieben konnte. Beide waren seelenverwandt. Als seien sie nach einer Schablone gemacht. Auch sie war allein aufgewachsen. Emil war ein Waisenkind, und sie der Sprössling einer reichen Familie. Und dennoch waren beide allein…

Nikos´ Worte hatten keine Bedeutung mehr. Sieben Jahre lang hatte er sie mit Drohungen aufgehalten. Das war jetzt vorbei! Sie hatte keine Angst mehr. Sollte er doch machen, was er wollte. Selbst wenn sich herausstellte, dass ihre Freiheit nur eine einzige Nacht anhalten sollte, wusste Anastasia, dass es das wert war.

Es regnete wie aus Eimern. Der Himmel wurde finster und bleiern, nachdem sie die bulgarische Grenze überquert hatten. Die Scheibenwischer des Autos verschmierten energisch die großen Regentropfen.
Sie schwiegen. Sie genossen den Moment wie Kinder bei der Bescherung – die Weihnachtsgeschenke gerade eben ausgepackt.

Manchmal scherzte Emil, und sie schüttelte sich vor Lachen. Es überkam sie eine liebliche Ungeduld, sein Heim wiederzusehen. Nur einmal war sie dort gewesen, und das in der Nacht. Damals hatten sie sich kennengelernt, und diese Begegnung veränderte ihr Leben…

Sie schmiegte sich an seinen starken Arm und schloss die Augen. Sie wollte den Moment bis zum Schluss auskosten. Die Empfindung mit ihrer Seele aufsaugen. Rausch und Erregung, in die sie unlängst nur das Kokain versetzte… Sie erschrak durch diese Erinnerung und öffnete die Augen. Eine Panikattacke überkam sie. Was tue ich bloß? Warum vergeude ich mein Leben? In ihrem Bewusstsein sah sie erneut die Partys, die Männer, die Drogen…

Nein!

Sie entspannte sich wieder neben Emil. Ihr neues Leben war mehr wert als das Kokain und die Amphetamine, mit denen sie bisher existiert hatte. Tage ohne Datum, Nächte ohne Schlaf. Nach jenem Tag war alles in eine sich endlos wiederholende Trance zusammengeflossen.

Sie war nicht mehr dieselbe. Sie hatte Emil, und jetzt auch das Baby… Anastasia legte die Hand auf ihren Bauch, um das Leben in sich zu fühlen. Sie spürte es nicht. Es war noch zu früh.

„Hast du Schmerzen?“, fragte er besorgt.

„Nein, nichts… Es ist nichts…“

Sie wollte es ihm in dieser Nacht erzählen. Aber nicht hier. Auch nicht in der Dorfkonditorei bei dem Landgut, wo sie sich trafen. Sie tranken einen Drink, um Mut zu fassen. Sie hatten sich seit Monaten nicht gesehen. Dann tranken sie noch einen und machten sich auf den Weg nach Bulgarien.

Heute Abend würde sie ihm die Neuigkeit erzählen. Sie stellte sich vor, wie beide auf der Terrasse saßen, betäubt von dem Lindenduft. Anastasia konnte sich an zwei Linden neben seinem
Wohnhaus erinnern, die damals göttlich dufteten. Hoffentlich würde es auch am heutigen Abend so sein.

Sie lächelte. Sie schob ihren Arm unter seinen und schlang ihn um seine Hüfte.

„Das kitzelt!“, schmollte er.

„Ich liebe dich!“, entgegnete sie und wollte ihn küssen.

Emil ließ mit der rechten Hand das Lenkrad los und streichelte zart über ihr Haar. Ihre Lippen berührten sich.

Doch nur für einen Augenblick…

Ein grelles Licht blendete sie. Die Hupe des hereinbrechenden LKWs heulte durchdringend auf, Bremsen quietschten.

Es folge ein Aufprall. Ein schrecklicher Aufprall.

Emil hatte versucht, dem Zusammenstoß mit dem LKW auszuweichen, indem er scharf Richtung Leitplanke gelenkt hatte. Das Auto war plötzlich ganz leicht geworden. Es machte einen Satz, kippte über die eiserne Absperrung und wälzte sich nach unten zu einem Feld am Wegesrand. Es überschlug sich einmal. Dann noch einmal.

Dann wurde es still.

Dem schweren Laster gelang es, fünfzig Meter weiter zum Stehen zu kommen. Der Fahrer rannte mit aller Kraft zum Unfallort. An der Leitplanke blieb er verunsichert stehen. Der Wagen von Emil und Anastasia ähnelte einem hilflosen, auf dem Rücken liegenden Marienkäfer. Die Hinterräder drehten sich noch, und obwohl er aus dieser Entfernung unbeschädigt aussah, sickerte das Benzin wahrscheinlich schon hinaus.

Der LKW-Fahrer verstand genug von Autos, um abzuschätzen, dass es jeden Moment explodieren konnte. Vermutlich schob nur der Regen das Unvermeidliche auf.

Der Mann sprang über die Leitplanke und näherte sich zaghaft. Plötzlich bemerkte er eine Bewegung und stürzte zur Vordertür. Ein junger Mann versuchte hinauszukriechen. Während er ihm half, fiel dem Fahrer das Blut auf, das in einem dünnen Strahl aus seinen Haaren rann.

„Anastasia… Wo ist Anastasia?“, flüsterte Emil desorientiert.

„Junge, wir müssen hier weg. Das Auto wird explodieren…“, zerrte der Fahrer an ihm.

„Wo ist Anastasia?“

Dieses Mal klang Emils Stimme heiser. Er entriss sich den kräftigen Armen des Unbekannten und folgte schwankend der Spur des sich überschlagenen Wagens im Gras.

Er fand ihren Körper, regungslos hingestreckt im Straßengraben. Sie ähnelte einer weggeworfenen, lumpigen Puppe am Wegesrand. Der Fahrer beugte sich zuerst über sie.

„Sie atmet!“, verkündete er. „Sie hat einen schwachen Puls.“

Emil vergaß seine Verletzungen, beugte sich nieder und hob den Körper seiner Geliebten auf. Wie im Traum trug er sie zum LKW. Erst nach einem Dutzend Schritten wandte er sich zum besorgten

Fahrer, der irgendetwas von Polizei und Krankenwagen redete.

„Bringst du uns ins nächste Krankenhaus?“, fragte Emil.

„Steig ein. Kein Problem. Pernik ist am nächsten.“

Anastasia rührte sich immer noch nicht. An ihrem Nacken hatte sie eine Verletzung, und ihr rechtes Bein war unnatürlich verkrampft. Vermutlich war es gebrochen.

Kategorien: Art Café · Frontpage

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