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Auszug aus dem Roman “Gläserne Schmetterlinge” Teil II

31 März, 2009 von · Keine Kommentare

Ludmila Filipova

alptraum
Foto: Adriano Agulló

Kapitel 2
London, 3. Mai, 1 Uhr

Trisha öffnete schlagartig die Augen. Sie war schweißgebadet, ihr Herz schlug wie wild.
Schon wieder ein Alptraum.

Sie setzte sich im Bett auf und starrte ins Halbdunkel des Schlafzimmers. Sie bemühte sich, nüchtern zu denken. Ist das alles etwa wirklich passiert? Ist es möglich, dass es so real ist? Sie spürte ja sogar noch den kalten Regen auf ihrem Gesicht.

Sie tastete nach ihrer Decke und schüttelte den Kopf. Natürlich war es ein Traum.

Da war viel Blut…

Und der Schmerz… Solch einen starken Schmerz hatte sie bislang nicht empfunden. Ist es möglich, so zu träumen, dass man die Realität nicht von der Fantasie unterscheiden kann, wenn man aufwacht? Ähnliche Dinge sollten eigentlich nur in Filmen passieren, aber sie übertrieb doch nicht.

Trisha wagte es nicht, sich zu rühren. Wie ein Mensch, der reglos unter dem Zahnbohrer liegt, trotz der Betäubung, denn die Erwartung des Schmerzes ist zerstörerischer als er selbst.

Sie hob die Hand und fixierte ihre Handfläche. Sie zitterte immer noch.

Eigentlich dachte sie, dass sie sich bereits an die Alpträume gewöhnt hätte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihr etwas Erschütternderes im Traum erscheinen würde als jenes… Bis sie der letzte Schock dieses Abends hinwegfegte.

Ohne aufzustehen zwang sich Trisha, die unheimlichen Episoden noch einmal durchzugehen, um sie sich gut zu merken. Sie wusste, dass sie es sofort tun musste, denn nach einigen Stunden wäre der Traum verwaschen und verdrängt durch eine unklare, schmerzliche Erinnerung. Wenn sie all dem wirklich ein Ende setzen wollte, musste sie sich ihren Alptraum merken und ihn ihrem Psychiater erzählen.

Trisha stand auf und begann, mit dem Fuß den Boden abzutasten. Sie suchte nach ihrem Hausschuh. Jedes Mal sagte sie sich, dass sie die Hausschuhe wie alle normalen Menschen
nebeneinander stellen müsse, doch sie tat es nie.

Behutsam tastete sie ihren Nacken ab. Dort ließ der Schmerz nicht nach. Sie nahm an, dass sie sich tatsächlich im Schlaf verletzt hatte.

So stark?

Sie gab die Suche nach ihrem Hausschuh auf und humpelte mit einem bekleideten und einem nackten Fuß in die Küche. Jetzt spürte sie auch einen starken Schmerz im Bein. Als hätte irgendetwas sie überfahren, während sie geschlafen hatte.

Sie schaltete kein Licht an, um nicht völlig munter zu werden. Sie öffnete den Kühlschrank, entschied sich für die Flasche mit der kalten Milch und begann gierig zu trinken. Sie schmeckte wie in Wasser aufgelöstes Mehl. Sie hatte nichts mit der Milch gemein, die sie aus ihrer Kindheit kannte.

Trish kaufte nur „Nature Life“. Sie weigerte sich, eine andere Marke auch nur zu probieren. So machte es auch einst ihre Mutter. Sie glaubten nur jenen Herstellern, die behaupteten, dass sie ihre Kühe irgendwo auf den saftigen Weiden Mazedoniens züchteten. Sie hatte keine Vorstellung davon, wo sich dieser Ort befand, aber er klang ökologisch in ihren Ohren.

Offensichtlich verbarg sich der Erfolg dieser Werbekampagne im Etikett von „Nature Life“, auf dem ein vornehmes Foto mit zahmen, zufriedenen Kühen prangte. Aber wer garantierte dafür, dass sie etwas mit der Milch in der Flasche zu tun hatten, oder dass sie in Mazedonien waren? Dennoch vermittelten sie ein gewisses beruhigendes Gefühl.

Trish schleppte sich zurück zum Bett und schlüpfte unter die Decke. Bis zum Morgen blieben nur noch ein paar Stunden.

Kapitel 3
Am Stadtrand von Sofia, 3. Mai

„Nein! Heute Abend werden wir nicht kommen“, sagte Emil monoton.

„Was ist denn passiert?“, die Stimme im Hörer klang sofort besorgt.

Emil biss sich auf die Lippen. Die schlechten Nachrichten könnten der alten Frau schaden. Als Kind hatte er sie „Mama“ genannt. Heute sagte er manchmal „Oma“ zu ihr, obwohl er inzwischen wusste, dass sie weder das eine, noch das andere war. Maria war einfach eine gute Frau, berufen
vom Staat, um ihn großzuziehen. Eine andere Familie hatte Emil jedoch nicht.

„Uns geht es nicht so gut“, fing er an. „Wir kommen ja heute erst an.“

„Aber ich habe doch gekocht. Ich erwarte euch! Kommt doch nur zum Essen vorbei. Das Mädchen, Anastasia, ist bestimmt hungrig… Und ich möchte sie doch auch kennenlernen. Du hast mir schon so viel von ihr erzählt.“

„Nicht heute Abend, Oma. Ich muss auflegen. Bald…“, er hielt inne. Beinahe hätte er verraten, dass der Arzt bald kommen müsste.

„Wie ihr wollt!“, fand sie sich ab.

Emil vernahm ihr Seufzen und fühlte sich noch schuldiger. Maria war der letzte Mensch auf der Welt, den er verletzen wollte. Für ihn war sie mehr als eine Mutter.

Im Alter von einem Jahr und ein paar Monaten habe man Emil in einem Waisenhaus abgegeben. Der Junge habe mit seiner Familie einen schweren Autounfall erlitten. Sie seien auf dem Heimweg aus Griechenland gewesen. Er sei gerade so mit dem Leben davongekommen. Seine Eltern seien noch am Unfallort gestorben. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus in Sandanski sei der Junge auf irgendwelchen unbekannten, bürokratischen Wegen in einem Heim in Pernik gelandet. Maria Atanasova, die damalige Direktorin des Heimes, habe Tag und Nacht an seinem Bett gewacht, und der kleine Emil habe sich wieder vollständig erholt. Er behielt eine Narbe von der Tragödie, an die er sich nicht mehr erinnern konnte: von seinem rechten Ohr fehlte ein Stückchen Gewebe.

Die starke Bindung zwischen dem Waisenkind und der mitfühlenden Frau habe sich damals gefestigt, in den Nächten zwischen Leben und Tod. Emil sei das Lieblingskind von Frau Atanasova geworden. Sie habe ihn wie seine leibliche Mutter umsorgt.

Im Alter von vier Jahren sei ihr sein musikalisches Talent aufgefallen. Sie habe ihm Musikinstrumente gekauft und sein Interesse auf die Kunst gelenkt. Sie habe ihm eine Chance gegeben, die verlassene Kinder selten bekommen. Wer interessiert sich schon für deren Talente, und hat überhaupt irgendjemand die Motivation, sie zu fördern? Wie viele Musiker, Dichter, Schauspieler und Sportler haben wohl ihre Sternschnuppe verpasst!

Mit sechs Jahren habe man Emil in ein Waisenhaus nach Sofia gebracht. Das Gesetz habe es so vorgeschrieben. Er müsse zur Schule gehen. Doch Frau Atanasova habe ihn auch dann nicht verlassen. Jede Woche habe sie ihn besucht, ihm Kleidung und Lieblingssüßigkeiten gebracht, ihn zum Zahnarzt begleitet und zum Musikunterricht.

„Es tut mir leid, Maria“, flüsterte Emil, und seine Augen füllten sich mit Tränen. Hastig wischte er sie ab, als er den älteren Mann im weißen Kittel sah, der sich ihm auf dem Krankenhausflur näherte.
„Haben Sie das Mädchen vom Autounfall hergebracht?“, er klang streng.

„Ja, Anastasia. Wie geht es ihr?“

Die Augen des Arztes hielten auf den Fingern des Jungen inne. Seine Nägel waren fast bis aufs Blut abgekaut. Von Zeit zu Zeit hob er sie wieder zu seinem Mund, wie ein Schüler vor dem Zimmer des Direktors.

„Sind Sie ein Verwandter?“ Der Arzt schaute ihn durchdringend an, als führte er eine kriminelle Ermittlung.

Emil spürte ein Brennen auf seinen Handflächen und Fußsohlen. Er konnte sich kaum beherrschen, nicht loszubrüllen. Mit großer Mühe zwang er sich, die Fassung zu bewahren und das kleine Schild auf der Brusttasche des weißen Kittels zu entziffern. Die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen, deshalb fragte er:

„Sind Sie Arzt?“

„Dr. Antonov“, antwortete der strenge Mann. Es schien, als hätte er dennoch die heftige Bedrängnis des jungen Mannes bemerkt, denn er erbarmte sich und ergänzte: „Ich leite die Intensivstation.“ Und wiederholte: „Sind Sie ein Verwandter?“

„Nein, ihr Freund… Ich bitte Sie, sagen Sie mir, wie es Anastasia geht.“

Das Gesicht des Arztes nahm einen außerordentlich ernsten und besorgten Ausdruck an, als hätte er das allerschrecklichste Geständnis gehört. Er senkte seinen Kopf.

Emil geriet in Panik. Er wusste, dass der Arzt nur mit Verwandten über den Zustand eines Patienten sprechen durfte. Nur konnte er sich in diesem Moment nicht daran erinnern, ob das für alle oder nur für Patienten in Lebensgefahr galt. Oder für Verstorbene? Wenn Anastasia wieder zu Bewusstsein gekommen wäre, dann hätte sie dem Arzt gesagt, dass er draußen auf sie wartete. Doch dieser Mensch hier wusste von gar nichts, er suchte bloß nach Verwandten.

Er schluckte mühevoll. Seine Tränen strömten wieder.

„Bitte, sagen Sie es mir…“, seine Stimme verstummte.

Kurz kam es ihm so vor, als ob der Arzt sich erbarmen würde. Er schien zu zögern, doch schließlich zuckte er nur mit den Schultern.

„Bedauere. Ich kann ihnen noch nichts sagen.“ Und er lief zurück Richtung Schwingtür am anderen Ende des Korridors.

Kategorien: Art Café · Frontpage

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