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Auszug aus dem Roman “Gläserne Schmetterlinge” Teil III

11 April, 2009 von · Keine Kommentare

Ludmila Filipova

twins
Foto: iamchanelle

Kapitel 4

Dr. Antonov leitete das Zentrum für den Notrettungsdienst in Pernik. Er führte zwei Teams auf der Intensivstation, vier Ärzte-, zwei Kinder- und ein Transportteam.

Heute ging er mit finsterer Miene zur Intensivstation. Er trug eine Mappe mit den Bluttests der Griechin, die man in der Nacht mit einem gebrochenen Bein und einem leichten Schädeltrauma eingeliefert hatte. Sie war operiert worden und noch nicht wieder bei Bewusstsein.

In seinem Leben waren Notfälle schon Alltag und endeten nicht selten mit dem Tod. Dr. Antonov hatte sich längst damit abgefunden, oder zumindest wünschte er sich das. Natürlich hatte diese Hartherzigkeit auch ihren Preis. Allmählich starb auch er selbst. Doch Ärzte ziehen es prinzipiell vor, diesen Gedanken so lange wie möglich von sich fernzuhalten.

Jetzt hatte er sich auf die Untersuchungen der Patientin konzentriert. Er verglich sie mit denen ihres Partners – jenes Jungen im Flur, der jeden Augenblick in Ohnmacht fallen konnte vor Sorge. Er gab zu, kein Verwandter zu sein. Der Arzt hatte schon von ähnlichen Zufällen gehört, doch zum ersten Mal stieß er selbst mit einem zusammen. Die Situation war so ungewöhnlich, dass sie fast irreal schien. Ein grässlicher Fehler der Vergangenheit, den die heutige Welt wiedergutzumachen versuchte.

Dr. Antonov schaute zum Bett der Griechin. Die Intensivstation glich einem Vernehmungszimmer, nur dass die Glasscheibe, durch welche das Ärzteteam die Patienten beobachtete, nicht verspiegelt war.

Neben Anastasia stand ein unbekannter Mann. Seine Haltung strahlte Anspannung aus. Eine ähnliche Wirkung hätte ein Mann in einer Militäruniform, selbst wenn er einem den Rücken gekehrt hätte.

An der Anmeldung hatte er sich als ihr Vater vorgestellt. In seinem Pass stand bei Nationalität „Griechisch“. Der Arzt hustete leicht, um die Aufmerksamkeit der kühlen Person auf sich zu ziehen.

„Sind Sie der Vater von Anastasia Stavarekos?“

„Ich bin es, ja!“ Nikos verhielt sich genau seinen Erwartungen entsprechend. Er beherrschte die Situation. Sein Englisch hatte einen betont griechischen Akzent.

Nikos Stavarekos war ein Mann um die fünfundsechzig. Er war groß, seine Figur dürr, doch eine von denen, die sogar im hohen Alter Sexappeal ausstrahlten. Scharfe Züge, ein durchdringender Blick, eitel und egoistisch. Er kleidete sich wie ein italienischer Playboy. Ihm gefielen geschmackvolle, teure Schuhe, Markenjeans, aber die klassischen von „Versace“ und nicht von „Billabong“, ein stilvolles Sakko, ein Fichu statt einer Krawatte, der Duft von „Armani“. Ein mächtiger, selbstverliebter Snob. Sein Markenzeichen war, dass niemand voraussagen konnte, wann er wieder explodieren würde. Oft zog er es vor zu brüllen, statt mit den Menschen zu reden.
„Ich bin extra geblieben, um auf Sie zu warten. Ich wollte mit Ihnen die Untersuchungsergebnisse besprechen“, setzte Dr. Antonov an.

„Was für Untersuchungen?“ Nikos´ Miene verfinsterte sich so, als würden seine nächsten Worte lauten: „Ich habe keinerlei Untersuchungen angeordnet.“ Doch er sagte es nicht.

Der Arzt erschrak.

„Die Standarduntersuchungen!“, verkündete er.

In diesem Moment überflutete ihn eine starke Gereiztheit durch die Aggressivität des Griechen. Antonov hielt sich strikt an die moralischen Normen, und das war die grundlegende Würde, die sein berufliches Selbstbewusstsein stützte. Er empfing fast gleichgültig die Anerkennung der Menschen, weil er davon überzeugt war, sie zu verdienen. Und dieser Mensch griff ihn an, anstatt ihm zu danken, dass er jenen Jungen in Unwissenheit gehalten hatte, um zuerst die Eltern der schwangeren Anastasia Stavarekos über die Situation aufzuklären.

Der Vater sah ihn weiterhin prüfend an. Der Arzt verkündete:

„Ihre Tochter hat die Blutgruppe AB-negativ. Äußerst selten.“ Das weckte Nikos´ Interesse, der leicht die Augenbrauen anhob. Antonov machte eine kleine Pause, um seine augenblickliche Überlegenheit zu manifestieren, und fuhr fort: „Wir haben nach Ihnen gesucht, damit Sie Blut spenden, doch wir haben weder Sie, noch Ihre Frau erreicht. In den meisten Provinzkrankenhäusern in Bulgarien gibt es schon seit Jahren ein Defizit an Blutprodukten. Nur…“, er nickte seitlich mit dem Kopf zum Flur, „der Junge war hier und bot an, Blut zu spenden.“
Nikos versteifte sich. Er lenkte seinen Blick auf den Korridor und fixierte ihn dann wieder auf den Arzt.

„Zu meiner Verwunderung hatte der Junge die gleiche Blutgruppe wie Ihre Tochter“, erklärte Antonov. „Heutzutage ist sie kaum noch anzutreffen. Deshalb habe ich mir erlaubt, einige ausführlichere Untersuchungen zu machen. Die genetische Identität bei Ihrer Tochter und dem jungen Mann erwies sich als fast siebzigprozentig.“

Nikos blickte verständnislos drein. Sein Zorn war spurlos verschwunden, er versuchte bloß zu begreifen, was er gehört hatte. Der Arzt entdeckte Überraschung und Angst in seinen Augen. Er fuhr fort:

„Bei Geschwistern beträgt die genetische Identität ungefähr fünfzig bis sechzig Prozent“, erläuterte Antonov.

„Was wollen Sie damit andeuten?“

„Ich versuche Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Tochter und der Junge, der sie hergebracht hat, höchstwahrscheinlich Bruder und Schwester sind.“

„Was?“

„Mehr noch, ich vermute, dass sie sogar zweieiige Zwillinge sind. Das heißt, dass sie von denselben biologischen Eltern empfangen und zeitgleich ausgetragen worden sind.“

Während Nikos ihn verblüfft ansah, war der Arzt immer noch nicht sicher, was er in einer solch verwirrenden Situation sagen könnte.

„Kann ich davon ausgehen, dass Ihnen diese Information neu ist?“

Doch im nächsten Augenblick neigte sich die Waage in die andere Richtung. Antonov sah ganz deutlich, wie sich im Unbekannten eine irrsinnige Wut zusammenbraute, für einen Moment sogar machte er sich für seine zerschmetternde Faust bereit. Er sah ihn wie eine hypnotisierte Maus an. Er dachte sich, dass ihn wohl nur die Anwesenheit des restlichen medizinischen Personals vor dem Zorn des Griechen gerettet hatte.

„Das ist Wahnsinn! Ein Fehler! …“, brüllte Nikos und trat auf den Arzt zu. „Wem haben Sie von diesen Ergebnissen erzählt?“

„Niemandem!“, antwortete Antonov schnell. „Ich wollte zunächst mir Ihnen reden, so gehört sich das. Ich habe angenommen, dass es ein Problem gibt, denn der Junge wusste scheinbar… auch nichts von dieser Einzelheit… Er sagte, dass er kein Verwandter sei.“

Nikos´ Gedanken kehrten unwillkürlich zu jener Nacht zurück, in der er seine schwierigste Entscheidung hatte treffen müssen. Er sagte, dass er die In-vitro-Prozedur der anderen nur unter der Voraussetzung bezahlen würde, dass sie ihm die gesamten Informationen über die biologischen Eltern zur Verfügung stellten. Und da war noch etwas. Das Wichtigste! Sie mussten ihm garantieren, dass niemand jemals erfahren würde, was passiert sei.

Nikos ahnte, dass er und Evgenia irgendwann ein Kind adoptieren würden und war bereit, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Das würde wohl kaum ein Problem sein. Er hatte sich schon an so viele Hunde gewöhnt, die seine Frau von der Straße aufgelesen hatte. Warum sollte er nicht auch ein Kind annehmen? Wenn er es nicht schaffte, konnte er sich immer noch verstellen. Der Preis war es wert.

Evgenia und er unternahmen seit Jahren erfolglose Versuche, ein Kind zu empfangen. Sie unterzog sich allen notwendigen Tests, er jedoch nicht. Die Ärzte behaupteten, dass die Eizellenreserven seiner Frau vorzeitig erschöpft seien, doch sie verwarf diese Hypothese kategorisch und klapperte weiterhin die Reproduktionskliniken ab. Sie litt an dem in solchen Fällen klassischen Schuldgefühl, dass sie für keinen Nachfolger sorgen und ihre Pflicht gegenüber der Menschheit nicht erfüllen konnte. Dadurch fühlte sie sich unvollkommen, wie eine Frau aus zweiter Hand.

Sie versank in Depressionen. Mittlerweile schämte sie sich sogar vor Nikos. Sie versuchte, dieses Vakuum in ihrer Seele mit der Tatsache zu kompensieren, dass sie ihr Familienvermögen mit ihrem Mann teilte und ihm durch die Beziehungen ihres Vaters, eines namhaften griechischen Politikers, seinen Karriereweg ebnete. Nikos hatte keine Einwände, diese familiäre Situation befriedigte ihn völlig. Er nahm sogar ihren Familiennamen Stavarekos an, der in Griechenland alle Türen öffnete.
Schließlich beschlossen sie, eine In-vitro-Befruchtung zu versuchen. Zu dieser Zeit arbeitete Nikos bei der griechischen Botschaft in Sofia. Doch der andere Grund, weshalb sie eine bulgarische Klinik wählten, war der feste Wunsch von beiden, alles geheim zu halten. Niemand in Griechenland sollte davon erfahren.

Während der Vorbereitungen für die künstliche Befruchtung verlangten die Ärzte eine Untersuchung von Nikos´ Sperma – ein Spermiogramm, wie es in der Medizinsprache heißt. Bisher hatte er sich keinem solchen Test unterzogen, doch sie erklärten ihm, dass er obligatorisch sei, und so willigte er ein.

Wütend schüttelte er den Kopf, um die Erinnerungen zu vertreiben, doch die Bilder liefen weiter in seinem Kopf ab wie ein Filmstreifen.

„Ist das… sicher?“, brachte er kaum heraus. „Was heißt, ich kann keine Kinder bekommen?“ Das Gespräch mit dem Embryologen war einer der erniedrigendsten Momente seines Lebens.

„In der Medizin gibt es keine Sicherheiten, jegliche Wunder sind möglich“, hatte der Arzt damals versucht, ihn zu beruhigen. „Und dennoch müssen Sie sich mit Geduld wappnen… Ich persönlich würde aber in diesem Fall nicht auf die Natur setzen… Die Medizin kann mehr!“

Nikos Stavarekos entsann sich, dass Dr. Antonov immer noch vor ihm stand und ihn erwartungsvoll ansah. Trotz des Schocks, den er gerade erlitten hatte, spürte er eine gewisse Anteilnahme bei dem Arzt. Der Mann hatte offensichtlich Verständnis für seine hysterische Reaktion.

„Wo ist dieser Junge?“, fragte Nikos schließlich verärgert. Den gleichen energischen Ton benutzte er, wenn er ein berufliches Problem lösen sollte – eine stets konkrete und deutliche Stimme, die keine Widerrede zuließ.

„Im Warteraum der Intensivstation… Er wartet. Ich dachte, dass es richtig wäre, zunächst mit Ihnen zu reden… Für die Kinder könnte diese Nachricht…“

Dr. Antonov wandte sich dem großen Fenster der Intensivstation zu. Er rechnete damit, den Jungen am Ende des Korridors zu sehen, doch stattdessen erblickte er die schwerfällige Figur des Sicherheitschefs. Er kam wie eine alte Kampfmaschine mit hoher Umdrehung auf sie zu. Obwohl er ihn nicht hören konnte, malte sich der Arzt aus, wie er bei jedem schwerfälligen Schritt keuchte. Er schaute finster, war offensichtlich stark beunruhigt. Er baute sich in der Tür auf und nickte Antonov zu – ein eindeutiges Zeichen dafür, dass sie sich sofort unter vier Augen unterhalten mussten.

„Würden Sie mich entschuldigen?“ Schnell kehrte er Nikos den Rücken zu und folgte dem
alten Wachmann.

Sie traten hinaus und schlossen die Tür. Der Arzt positionierte sich so, dass er die Intensivstation hinter der Glasscheibe im Blickfeld hatte. Ihm fiel auf, dass der Grieche sich seiner Tochter nicht näherte, als hätte er sie vergessen. Hastig wählte er eine Nummer auf seinem Mobiltelefon, und im Gespräch wurde sein Gesicht violett vor Wut. Wie ein Löwe im Käfig begann er seine Runden durch das Zimmer zu ziehen.

„Ist es was Wichtiges?“, fragte der Arzt leise. „Ich habe einen Notfall.“

„Ich würde Sie nicht stören, wenn es nicht wichtig wäre…“, entgegnete der Wachmann etwas pikiert. „Es handelt sich um den Jungen… Um Emil Duchovnikov.“

„Was ist schon wieder mit ihm?“

Erst jetzt bemerkte er Emil, der sich auf einen der Plastiksitze im Warteraum niedergelassen hatte. Nach seinen Berechnungen musste der Junge bereits mehr als zwanzig Stunden im Krankenhaus verbracht haben. Nun saß er gebeugt und hielt seinen Kopf mit den Händen.
„Gerade ist das im Computer erschienen!“, informierte ihn der Offizier, indem er ein Blatt auseinanderfaltete.

Dr. Antonov erkannte sofort das sympathische Gesicht von Emil, unter dem die Aufschrift „Gesucht“ prangte.

„Was hat er getan?“

„Er wird international gesucht. Der Vater…“, der Beamte deutete mit dem Kopf auf Nikos Stavarekos, „hat gestern eine Klage eingereicht.“

„Weswegen?“

„Wegen Entführung. Er hat angegeben, dass seine Tochter entführt worden sei.“

„Warum sagen Sie mir das erst jetzt?“

Der Wachmann zuckte hilflos mit den Schultern:

„Vermutlich wurde die Klage erst vor wenigen Stunden eingereicht… Als das Mädchen gebracht wurde und wir versuchten, seine Familie ausfindig zu machen, existierte im System noch nichts über ihn.“

Kategorien: Art Café · Frontpage

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