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Auszug aus dem Stück “Selma 13″ von Nino Haratischwili

25 Juli, 2010 von · 1 Kommentar

Nino Haratischwili

der Stück “Selma 13″ erschienen im Verlag der Autoren

zimmer
Photo:Or Hiltch

Auf den Tapeten türkise Streifen. Sind schön. Habe ich mir ausgedacht. Und auf der Decke noch Phosphorsterne, die müssen ab. Bin ja nicht mehr 12. Und auf der Kommode eine Nachtischlampe, die eine Herzform hat – ein Geschenk von meiner Großmutter, die jetzt im Heim ist. Eklig. Geht gar nicht mehr. Wird verschwinden. Hab die nur behalten, weil die im Heim ist und ich mir denke, dass man es so macht, ein Andenken von einem Menschen, der den Tod geheiratet hat – mit dem Einzug in das Heim. Und ich muss es respektieren, deswegen bleibt die Lampe. Noch.

Am Fensterbrett ein kleines Aquarium, 2 Goldfische darin. Ich mag die gar nicht, oder sie sind mir egal, so rum. Und ein Blumentopf – hat meine Mutter hierhin gestellt, finde ich blöd. Wird auch verschwinden. Nach meinem Geburtstag, am Tag, an dem sich Dinge ändern werden. So, wie ich sie mir vornehme. Dinge, alles.

Bücher, nicht all zu viele, aber auch nicht all zu wenige. Und eine Stapel „Bravos“ aus einem anderen Leben. Hab da immer die nackten Typen und Mädels mir angesehen, mit Jule, auf dem Schulhof, haben uns dann immer vorgestellt, ob die Jungs aus der Klasse auch so sind, unten rum, meine ich. Ist jetzt auch egal.

Und zwei Kuscheltiere. Da fällt es schwer, so zack und weg mit denen. Ist nicht so einfach. Ein rosa Hase mit einem abgerissenen Ohr, der Heiner heißt und ein Igel mit einer Schürze, auf dem „Home, sweet home!“ drauf steht und der heißt Jule, da ich den von Jule habe, als wir noch Freunde waren. Müssen aber auch weg. Am Tag. An dem sich die Dinge ändern werden.

Und der alte Ghettoblaster. Aber auch das wird sich ändern. An dem Tag… An dem Tag, an dem sich Dinge ändern, wenn ich 14 werde und der Himmel rosa gestreift sein wird, wie ein Kuschelzebra vom Regal eines Spielzeugladens.

Und es wird warm, nicht heiß, man wird die Fliegen summen hören, ein fauler Tag, ganz so, wie ich ihn mir wünsche. Mit einem Fetzen der Sonne, den man in seinem T-Shirt aufgefangen hat, der Wärme verteilt, auch wenn es Abend wird und dunkel…

Dein T-Shirtärmel hat die Sonne in sich und dein linker Arm ist deswegen warm, den ganzen Tag. So ein Tag wird der sein. Und abends wird man die Grillen summen hören und man wird raus sehen – auf die Einöde des Horizonts, der sich vor einem erstreckt, wenn man Heim radelt, nach der Schule und dem ganzen Scheiß. Dein Horizont. Dein Tag.

Der Tag des warmen T-Shirtärmels und ein wenig Gänsehaut, ganz bisschen, genug, um so ein Minizucken zu verursachen – in einem. So ein Zucken, als würde man einem einen feuchten Finger auf die Schläfe legen – im Schlaf. So was. In der Art.

Und die Wanduhr mit einem Autogramm von Robbie Williams, vom Konzert vom vorletzten Sommer. Wo man nicht hin durfte und wo man dem Typen aus 11 A das ganze Taschengeld mitgegeben hat, damit er für einen da hin geht und ein scheiß Autogramm holt; für einen fiebert und mit grölt und mit dem Hintern wackelt und so… und dann kommt der Arsch mit der Mistuhr, ein Trostpreis, ein Ersatz der schlimmste Sorte und du musst dich damit begnügen, weil du nicht hin durftest, der Moment verpasst, weg.

Irreparable Schäden, sage ich nur dazu. Völlig daneben. Und man will heulen und man sagt danke und man hängt den scheiß Teil auf und… glotzt den an und der erinnert einen immer an die grandiose Niederlage, an den verpassten Moment und man denkt, ne, auch wenn ich Mal hin sollte, zum Konzert und mir das holen, was ich will, auch wenn der Robbie einen dann mit aufs Hotelzimmer nehmen sollte und sagen sollte: Oh Baby und eine persönliche Interpretation von „Feel“ singen sollte, wo man sich als die Fleisch gewordenen Reinkarnation von Deryl Hannah vorkäme, auch dann… auch dann würde man es nicht wieder gut machen; der Moment wäre ja weg. Irreparabel, sage ich doch.

Aber man sieht sich die Uhr an, immer wieder und man sieht den billigen Merchadisingabdruck des eigenen Scheiterns und man ist ja masochistisch und so und man sieht ihn sich an und noch Mal und noch Mal und… auch die Uhr wird verschwinden. Zack und weg. Und den nehme ich sogar mit der größten Genugtuung an, darauf kann jeder seinen Arsch verwetten.

Ich warte. Ich trainiere Geduld. Ich trainiere mir das Anhalten der toten Zeit an, obwohl ich weiß, dass die tot ist, dass da nichts kommen wird – ich harre aus, ich bin der Gepard der Betonwelt, ich das Dschungelvieh der Vorgartenrasen, ich bin es, ja, ich bin es, die, die tote Zeit jeden Abend mit Cola light oder Cola light mit Bier gemischt runter schluckt und sich schlafen legt, nächsten Morgen aufwacht und weiß – ein Stück weiter.

Es wird losgehen. Es wird losgehen.

Und der Schrank mit dem Aufkleber drauf: „Ist better to burn out, than to fade away“ und ein Totenschädel daneben. Und ein Foto von mir und Jule, die nicht mehr meine Jule ist und ein Foto von meiner kleinen Schwester, wo man ihre Arschritze sieht – deswegen heb ich die auf, damit ich sie, wenn sie älter wird, erpressen kann, mit dem Bild. Und ein Foto von mir und Michi, der mit den Locken, mit dem alles begann.

Eine Trophäe, ein Zeichen aus den Urzeiten, ein Orakel, eine Prophezeiung, alles.

Michi, der Anbeginn meiner neuen Zeitzählung, das weiß ich: Michi, der mir klar machte, dass ich einen Plan B brauchte, für mein Leben. Der mir klar machte, dass Plan A in meinem Fall nicht funktionierte. Also keine Normalität, wie sie auch immer aussehen mag.

Kategorien: Art Café · Frontpage

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