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Auszug aus “Der Stadtplan von Paris” von Kristin Yurukova, Teil II

9 Juni, 2009 von · Keine Kommentare

Kristin Yurukova
Übersetzung: Dessislava Georgieva


Foto: foxspain

Der Spaziergang

Seine bienenfarbigen, hellen Augen starren wachsam und sogar scharf in meine; man kann sich bei solchen Augen nicht entspannen – solche anspruchsvollen Augen eines zunächst sich selbst gegenüber anspruchsvollen Menschen.

Der Verzicht auf alle möglichen irdischen Freuden /”Wie sehr er sich wohl vor meiner Zigarette ekelt!”/ hat ihm einen Scharfsinn verliehen, der an Magie grenzt. Sein Gesicht ist länglich und groß, irgendwie passt es nicht zu seinem niedrigen Wuchs, und ich vergesse keine Sekunde lang, dass er wie sein Vater ein konsequenter Tolstoist und Abstinenzler ist.

Es ist spürbar, dass er in jeder auch noch so wenig nennenswerten Situation eine moralische Auswahl des Menschen trifft – von einer Philosophie geleitet, von der ihn keine Qualen trennen können.

Er schreitet voran mit Jordan Kovatschevs “Ich kann aber keinen hassen oder Bosheit zu ihm hegen”, was aber natürlich ist für einen Anhänger des Tolstoismus und einen persönlichen Freund Kovatschevs, der seinerseits mit Rajendra Prasad und Gandhi, mit den Tolstoisten, den Vegetariern, den Pazifisten und den Menschenrechtlern aus der ganzen Welt befreundet ist.

In der abgenutzten Tasche, die er ewig mit sich schleppt, liegen Seiten aus den Zeitschriften ´Gesundes Leben´ und ´Pädagogik´ mit Angaben über “die bulgarische Fährte im Leben der tolstoischen Kommune ´Leben und Arbeit´“, darunter befindet sich auch ´Figaro´ vom 3. Oktober 1947 mit einem Artikel von François Mauriac . Darin tauchen die Namen von Nikola Petkov, Lenin, Georgi Dimitrov auf, wiederholt auch irgendjemand namens Jean Kanapa .

“Nein, nicht nur Camus hat über Nikola Petkov geschrieben, über ihn weiß man nur eben mehr; auch Mauriac hat das getan.“

Herr Stiliyan, der Besitzer der Tasche und des Buketts aus vegetarisch-pazifistisch-tolstoischen Ideen weiß nicht, dass seine Geliebte, die Sekretärin von GeMeTo und Nikola Petkov, bereits am 24. Mai verhaftet wurde. Übrigens wusste sie nicht, dass sie seine Geliebte war, doch das schmälerte seine Gefühle für sie in keinster Weise.

“Ich bin in der wildesten Umgebung aufgewachsen, zu zehnt wälzten wir uns ein einer Stube herum. Wenn meine Mutter entschied, dass sie “noch ein Kind zur Welt bringen” wollte, ging sie mit meinem Vater ins Bett. Sonst mied sie seine Nähe, völlige Abstinenz, doch “zu den Huren” ließ sie ihn auch nicht. Sie beleidigte ihn als „Aasfresser“ und schimpfte, dass er den Hals vom Fleisch nicht vollbekam.

Es war, als ob er tatsächlich durch ihre Flüche starb: Gerade hatte er sich ein Lämmchen geröstet und wollte es mit Wein begießen, da zeterte sie weiter: „Daran ersticken sollst du!“, als er plötzlich schnaubte und die Augen verdrehte – er hatte sich an einem Bissen verschluckt.

Unsere Mutter brachte uns auf den Äckern zur Welt; sie presste uns heraus wie eine Katze, legte uns in das Seihtuch und pflügte weiter. Ich bin auf den Acker geplumpst, genauso wie ein Erdklumpen, und seitdem zieht es mich ständig zu den Feldern. Dort ist es wohlig warm und ich spüre, was in mir gedeiht.

Die Tatsache, dass Mara Ratscheva die Sekretärin vom “Retter aller Äcker” war, wie ich sowohl Nikola Petkov als auch GeMeTo nannte, hatte sicherlich eine Bedeutung, denn schließlich warteten wir alle darauf, dass sie den Marsch der Maschinenpistolen gegen unsere Äckerchen stoppten. Meine Mutter hatte die Hunde gegen den Bürgermeister aufgehetzt, der ihr weismachen wollte, dass die Felder gemeinschaftlicher Besitz werden sollten, nachdem sie zunächst die giftigsten Flüche gegen ihn ausgesprochen hatte.

Fortan hockte das ganze Dorf vor den Türen um zu sehen, wann ihre Flüche den Bürgermeister einholen würden, denn ihre Flüche „blieben hängen“. „Ein Entkommen gab es nicht“.

Ich war am Ende meines Jurastudiums, als ich anfing, Mara hinterherzulaufen, dabei war sie eine reale Bedrohung für meine Alkoholabstinenz. Früher einmal hatte ich ordentlich getrunken und erst dann damit aufgehört, als meine Mutter mir drohte, mich dermaßen zu verfluchen, dass mein ganzes Hab und Gut davon betroffen sein würde.

Gut, aber jetzt, wenn ich die weichen, kindlichen Wangen von Mara sehe, ihre geschwungenen Augenwinkel, die Wogen ihrer Lippen, dann möchte ich sofort wieder trinken – beängstigend. Ich schlucke meinen Speichel hinunter, beiße mir auf die Lippen und hoffe, dass der Kelch an mir vorübergeht. Bis zur Selbstbekenntnis bin ich sogar gekommen, aber sie nahm sie wohl kaum ernst, denn sie war ständig unter Männern, und nur Gott weiß, wie oft sie schon solche Geständnisse gehört hatte.

Gleich nach ihrer Ermordung begegnete ich einem der Bauern, die aus der Bauernpartei unter der Leitung von Nikola Petkov ausgetreten waren. Wie, meinen Sie, hat er mir das soeben Geschehene erläutert? “Die Angelegenheit mit den Anhängern der Bauernpartei ist endlich gelöst, GeMeTo ist nicht mehr unser Führer und Nikola Petkov auch nicht, und ihre Sekretärin ist heute aus dem zweiten, nein, aus dem vierten Stock gesprungen, damit ihre Verbrechen nicht aufgedeckt werden.

Dem bulgarischen Dorf eröffnet sich endlich eine leuchtende Zukunft. Das schändliche Kapitel über GeMeTo und Nikola Petkov in der bulgarischen Bauernbewegung wurde endlich zugeschlagen. Jetzt, da uns Genosse Stalin selbst seine Hand reicht, ist unsere Zukunft gesichert.”

Genau in solchen Floskeln sprach er, und ich war damals Gerichtskandidat in Sofia, als bei Gericht jemand das Gutachten über das ermordete Mädchen in Umlauf brachte. Ich denke, dass auch die grüne Bauernflagge diese Expertise veröffentlicht hatte. Kannst du dir vorstellen was es bedeutet, das geliebte Mädchen zerstückelt zu sehen?

Die Welt war plötzlich ein verzauberter Kreis, in dem ich jaulte und mich hin- und herwarf, doch es gab kein Entrinnen vor dieser Liste, die ich vor meinen Augen sah: „herausgerissene Nägel, Anzahl – alle, abgetrennte Finger – Anzahl 3, abgetrennte Ohren – Anzahl 2, abgetrennte Brüste – Anzahl 1, rechts, gezogene Zähne – alle, Zunge – Anzahl 1, herausgerissen“.

Das Muster wurde vom englischen Colonel C. V. Bailey gemäß den Angaben, die der Arzt der Mutter des Mädchens beim Foreign Office gemacht hatte, erstellt. Die gleiche Liste war von Barnes für Washington erstellt worden. „Was ist die Misshandlung von Petkovs Sekretärin bloß für ein Horror!?“, fragt Churchill. „Müssten wir die Russen nicht durch unseren Botschafter darüber unterrichten, dass wir all diese Fakten öffentlich machen werden – so, wie sie uns erreicht haben –, und dass wir die Wahrheit mit all ihrer Widerwärtigkeit ans Licht bringen werden?“

Es ist nur, dass die Idee der Bekanntmachung nicht verwirklicht wird, damit “die Russen nicht beleidigt sind”; mit dem gleichen Argument wahrscheinlich haben sie nicht versucht, Nikola Petkov vor dem Galgen zu retten. Die Namen von Amerikanern, Engländern und Russen reihen sich aneinander, es sind immer irgendwelche ganz großen Leute mit bedeutenden Ämtern im Rücken, und unter ihnen erscheint wie eine fleischlose Vision dieses zwanzigjährige Mädchen, das ein schwer krankes Mütterchen und seine Götzen hat. Irgendwie denkt niemand daran, sich darum zu kümmern, solange die Flucht des Anführers der Bauernpartei – ihres persönlichen Vorgesetzten – vorbereitet wird.

Sie – die alles Gute und Schöne vereint hat – unter den Ungeheuern der heimatlichen Geschichte; sie schreitet mit ihnen, als ob es sie nicht gäbe, verstehst du, von ihr strahlte Licht aus, und sie dachte, dass das Licht unbesiegbar sei, als ob sie sich in einer Kapsel aus Licht befände, die sie unerreichbar für das Böse machte. Und noch etwas: Sie glaubte daran, dass es nichts Böses gab, das sie nicht eigenhändig in etwas Gutes verwandeln konnte.

Mit beiden Händen und ihrem ganzen Herzen hatte sie sich der Tätigkeit hingegeben, die Bösen zum Guten zu führen. “Was kostet uns das schon?“, sagte sie, „Lass den Menschen spüren, dass du ihn liebst, und er wird sich dir voll anvertrauen und bereuen.“

Damals war sie um die 20 Jahre alt, sie wohnte wie auf einer Wolke inmitten ihrer Jungfräulichkeit und ihres Vertrauens in jegliches Dasein. Sie bewegte sich durch den Raum wie eine Note in der Musik. Die Melodien sprudelten und sie schuf sie weiter, ohne als Urheberin Anspruch zu erheben. Das Wichtigste war, dass es den Leuten, die sie umgaben, gut ging. Ihre unschuldige Ausstrahlung sonderte sie von uns allen ab. Sie war von Männern umringt; ob sich jemand von ihnen fragte, was Politik für so ein hilfloses Wesen in jenen Jahren der Maschinenpistolen bedeutete?

Während wir über Politik sprachen, erzählte Mara von ihrer Mutter; sie fragte sich, ob sie ihr die Stunden verzeihen würde, in denen sie nicht bei ihr war. Sie zitierte ständig ihre Ansichten. Zu mir sagte sie: “Sie versteht mehr von Politik als ihr alle, weil sie es mit dem Herzen einer Mutter begreift. Selbst wenn ihr das wolltet, wärt ihr nicht dazu fähig.”

Und Mara träumte, sie sah sich als Helferin der fähigsten Leute, die die Freiheit bestimmt bis vor die Füße des Volkes bringen würden, die den Wahnsinn unbedingt aus unserer Geschichte vertreiben würden. Und die Leute spürten ihren Traum, sie begannen sich mit ihm zu schmücken, und es wurde ihnen leichter ums Herz.

Deswegen suchten sie sie auf, damit sie ihnen blühenden Unsinn erzählte – wie den Verbündeten der Alliierten Kommission jeden Augenblick einfallen würde, dass sie hier waren, um das Land zur Demokratie zu bringen, und nicht zur bolschewistischen Diktatur.

Das war ihre Solidarität mit allen Opfern, sie suchte Opfer, verstehst du, damit sie ihnen half. Außer dass sie sich um ihre kranke Mutter kümmerte, beschäftigte sie sich tatsächlich die meiste Zeit damit, an jemandes Bett zu wachen, in dem ein Prügelopfer aus einem der Clubs lag, und die gab es wie Sand am Meer.

Wir gingen nur ein oder zwei Mal aus und spazierten über die Zaren-Straße, nicht öfter. Danach aßen wir Eis auf der Rakovski Straße. Das Gefühl, dass sie neben mir war, ließ mich erzittern. Ich war so überzeugt davon, der erste Mann in ihrem Leben zu sein, wie ich davon überzeugt war, dass ich sie zu meiner Frau machen würde.

Wenn ich über unseren Spaziergang spreche, fällt mir auch ein anderer Spaziergang ein: Jener schicksalhafte Spaziergang, der auch hätte nicht stattfinden können, nicht wahr? Dann hätten wir jetzt glücklich verheiratet sein und unsere Enkelkinder großziehen können, aber wie man sieht, habe ich nie geheiratet, nicht wahr? Was für eine Deckung war sie also für den unter Hausarrest gestellten und zur Ermordung bestimmten Doktor G. M. Dimitrov? Mit deiner Sekretärin im Arm bist du ja viel leichter zu identifizieren als ohne sie.

Es interessiert mich überhaupt nicht, ob ihr Chef ein britischer Agent war oder nicht, und noch weniger, wie seine Flucht organisiert worden ist, wie schnell alles gehen musste, durch welchen Ausgang er sich hinausgeschlichen hat, und wie er, als er seine Schirmmütze über seinen Kopf gestülpt hat, fast nicht mehr erkannt werden konnte.

Das Einzige, was mich beschäftigt, ist die Rolle des kleinen Mädchens, das in etwas hineingeraten war, in das es gar nicht reingehörte. Statt ein Haus zu bauen und Kinder großzuziehen, tut sie gut und gerne alles, um ein Teil der Geschichte zu sein, und zwar genau während dieser verfluchten Jahre. Nichts, gar nichts konnte den Flüchtling davon abbringen, Mara zu besuchen. Er verlässt ganz unschuldig seine Wohnung auf der Straße “Graf Ignatiev” – die am besten bewachte Adresse in Sofia. Die Schlüsse daraus, wie das passieren konnte, kannst du selbst ziehen.

Er überquert den Platz vor der Volksversammlung, ich sehe, dass er es eilig hat, und mit ihm – ihr Schicksal. Für ihre Mutter ist er der teuerste Gast: Seht nur, wer ihr Haus mit seinem Besuch ehrt – der Führer des Volkes selbst. Für die Mutter habe es auch nichts Wichtigeres auf der Welt gegeben, als der Bauernbewegung zu dienen. Was waren das bloß für Leute, die keinen einzigen Augenblick lang an sich selbst dachten! Sie habe vor Freude gestrahlt und ihn gebeten, ihr letztes Geld zu nehmen – es sei ja für Bulgarien.

Wenn Mara von der Arbeit heimgeht und ihr Idol bei ihrer Mutter vorfindet, dann fühlt sie sich nicht bloß geschmeichelt – sie ist das Glück selbst. Sie springt wie beim Damespiel auf einem Bein, klatscht in die Hände und skandiert: “Doktor G. M. Dimitrov ist gerettet, Bulgarien ist gerettet!” Kinderkram.
Manchmal schrie sie sogar auch: “Unser Vasil Levski ist gerettet!”

Da sieht man, worin das Übel wurzelt – in dieser Erziehung mit Levski und Botev , in der Bezeichnung jedes bulgarischen Kindes als Fortsetzung des Geistes von Levski und Botev. Ist es möglich, nur im eigenen Interesse zu handeln, wenn man sich an ihnen misst? Natürlich nicht, denn man liebt sie mehr als sich selbst.

Was für ein Bulgarien, was für eine Rettung? Jenes Bulgarien, das sich auch damals nicht darum geschert hat, wie viele Bauern einfach so, ohne jegliche Schuld wegen nichts ermordet wurden, nur weil sie ihre Ochsen Beltscho und Sivuschka geliebt haben. Jenes Bulgarien, das es eilig gehabt hatte, dem Nachbarland Jugoslawien, um dessen Prosperität es sehr besorgt war, einen fetten Teil seines Territoriums zu schenken, und das zu den Bulgaren noch grausamer war als jeder andere bulgarische Feind.

Niemand sollte erfahren, dass der Bauernführer in ihrem Haus eingekehrt war. Ihre Mutter atmete kaum, aber sie freute sich über ihn; wem sonst sollte die Tochter in ihrer Güte ähneln. Fröhlich und lachend hakte sich Mara beim Doktor unter, ein seidenes Kleid, Schuhe mit Korksohlen, eine Locke, die ihr immer in die Stirn fiel, und große Kastanienaugen – wie Schmetterlinge auf ihrem runden Gesicht. Sie überqueren irgendeine Straße, und sie ist dermaßen begeistert, dass sie das Schwatzen nicht lassen kann.

Als sie beide nach rechts abbiegen, danach nach links, wird der Frühlingsduft intensiver, es riecht nach Großstadt und Blumen, und wenn das Volk noch so verarmt ist, spürt man, dass das eine Hauptstadt ist. Sie läuft nicht einfach, sondern hüpft vielmehr vor Freude. Sie beide überlisten die anderen – wollen wir doch mal sehen, wer klüger ist.

Die Wachen mit den Maschinenpistolen sind an seinem Haus zurückgeblieben, hier aber gibt es nur Spaziergänger wie sie. Niemand kennt den Doktor, auf den Plätzen von Sofia ist scheinbar niemand von den hunderttausenden Versammlungen, die zuletzt von ihm organisiert wurden, und bei denen sich erstmalig so viele Leute vor der erloschenen Feuerstelle der Freiheit eingefunden haben.

Und selbst wenn man sie erkannte, wer sollte sie schon verraten – so sicher war sie sich des glücklichen Endes. Bisher hatte sie immer Glück gehabt. Eben sie hat man als Sekretärin eingestellt, mit ihr nämlich verkehrten die Leute aus diesen Rängen. Ihr Leben hat nur durch sie eine Bedeutung. Taps, taps, geradewegs über die gelben Pflastersteine vor der Volksversammlung, von wo aus seine und Nikola Petkovs Worte hallen.

Danach das Haus von einem ausländischen Freund. Das Haus ist leer, und während Mara den Kryptographen in der britischen Gesandtschaft sucht, taucht der Doktor in die Mondsonate ein und lässt sich durch ihre Wellen wie ein Mondstein glätten. Und sie? Sie fürchtet noch immer keine Gefahr – „solange Sie wohlauf sind“.

“Ich gratuliere Ihnen zur Ihrer Rettung”, hat sie ihm wenigstens mit ihren Blicken gesagt, denn für Worte war keine Zeit, als sie ihn dem Ausländer übergab. Schwerfällig und langsam – wie nach getaner Arbeit – machte sie sich auf den Rückweg, und ihre Jugend ließ erneut nicht zu, dass das schwarze Gewässer des Zweifelns ihre Freude trübte. Ihr Körper selbst sang die „Ode an die Freude“.

Das Einfallen in die Villa des Amerikaners Maynard Barnes bedeutet für den Doktor den Anfang seiner Freiheit. Aber wieso geht nur er hinein? Wieso fragen sich Bailey, als er den Doktor durch den russischen Korridor zur Villa des Amerikaners führt, und auch Barnes selbst nicht, was dem Mädchen hätte zustoßen können, das Arm in Arm mit dem bedeutendsten Häftling der Republik spazieren gegangen war und ihn in die Hände von Amerikanern und Engländern übergeben hatte.

Theoretisch bieten sie ihr die Flucht an, aber würde sie ihre kranke Mutter zurücklassen? Ob sie sich wohl wieder vor Glück taumelnd auf den Heimweg gemacht hat, weil sie nun ein Teil der Rettung des neuen Levski war? Vielleicht war das die Erklärung dafür, dass sie nicht einmal versucht hat, sich zu verstecken.

Sie war wohl tief berauscht, wahrscheinlich hat sie sich das bäuerliche Bulgarien auf den Versammlungen vorgestellt, hier 200.000, dort 500.000, die zustimmend skandierten wie sie: “Vasil Levski ist gerettet!” Still und friedlich eilt sie nach Hause, sie muss ihre Mutter baden, und das ist eine so komplizierte Prozedur.

Als sie verhaftet wird, streckt sie wie eine Ente ihren Kopf durch die Maschinenpistolen hindurch, um ihrer Mutter letzte Hinweise zu geben: “Solange ich weg bin, darfst du deine Medizin nicht vergessen. Und immer mit viel Wasser.“

Und danach, als sie sich angeblich vom Gebäude der Miliz gestürzt hat, aber eigentlich die Folterungen ihren Körper langsam und schmerzhaft Stück für Stück getötet haben, verkündeten jene Anhänger der Bauernpartei, die staatlichen, offiziellen, kollaborierenden, kurz: die kommunistischen, dass mit ihrer Liquidierung endlich “Ruhe” eingetreten sei.

Was für Spionagetheorien und Geheimnisse wohl in ihren ketzerischen Köpfen herumgegangen sein mögen. Aber auf die so viel einfachere Erklärung für die Geschehnisse kamen sie nicht: dass das Mädchen dazu erzogen worden war, sich vor Levski und jedem anderen, der in seine Fußstapfen trat, zu verneigen.

“Und du, mein Mädchen, denke daran, dass es für eine Frau nichts Wichtigeres gibt, als Kinder zu gebären und ihrer Liebe zu folgen, selbst bis ans Ende der Welt. Die Führer werden auch ohne dich Führer sein, aber ohne deine Liebe zu verwirklichen bist du ein Nichts, sieh mich an.”

Das waren grausame Worte für ein Mädchen wie Neda, das einzig und allein nur das gewollt hatte – seine Liebe zu verwirklichen, ihr bis zum letzten Atemzug ergeben zu sein; doch die Liebe ist ja bei ihr, aber nicht der Geliebte, und die Einsamkeit rasselt hässlich wie die weggeworfene Blechbüchse neben der Baracke.

Der Aristokrat ist nicht bei Neda, er hört nicht, was man ihr sagt, aber er findet sie zu Asche zerfallen mit verkohlter Seele. Neda saß in ihrer Ecke, wiederholte unverständliche Wörter und wippte mit ihrem Körper vor und zurück, und aus dem Ganzen wurde klar, dass das ein nicht endendes Greinen war, das nicht aus dem Hühnerstall für Menschen, sondern aus dem für Hühner kam.

Sie versteckte sich vor den Menschen in der Ecke, und wenn irgendein Huhn aufflatterte, hob sie panisch ihre Hände vors Gesicht. Der Zusammenbruch war so offensichtlich, dass dem Aristokraten schlecht wurde: “Bravo, so weit habt ihr sie mit eurem Gerede gebracht!”

Er kauerte sich in ihre Nähe, so nah, dass er die Spritzer ihres Speichels spürte. “Neda hat Angst“, er umarmte ihre Schultern und begann, mit ihr hin- und herzu- schaukeln. „Aber das geht vorbei, es wird nichts Schlimmes passieren.“ “Wie ni-i-chts?”, stotterte das Mädchen. „Und Mara Ratscheva?” ”Vergiss, vergiss den Teufel und all seine Helfer, lass uns die Hühnchen füttern, sieh dir dieses übermütige an, oder das da, das dicke.”

Dann gelang es ihm, sie irgendwie abzulenken, und er erzählte ihr Witze über Don Juan und über sein Poem, das er ihm gewidmet hatte. Am Ende seufzte Neda und tauchte in seine Strophen ein. Er ließ sie die Silben darin zählen, um festzustellen, ob er die Form eingehalten hatte.

Danach brachte der Aristokrat irgendwelche Brettchen und fing an, daraus eine Schatulle zu zimmern. “Hier kannst du alles hineinlegen. Schau, ich werde darauf deine Initialen einritzen, damit man weiß, dass sie nur dir gehört.” ”Warte, sieh nach, ob der Stadtplan von Paris reinpasst”, wollte Neda über ihren wertvollsten Besitz wissen. ”Guck, er passt genau, als ob wir das ausgemessen hätten.”

Am nächsten Tag brachte ihr der Aristokrat Stricknadeln aus dem Dorf mit. Er hatte den Zaun einer alten Frau repariert, und statt Geld, hatte er nur die Stricknadeln und etwas Wolle verlangt. “Schau, so strickt man“, er wickelte den Faden um seinen Finger und man sah, dass er keine Ahnung hatte, wie er anfangen sollte. „Und dabei hat die Oma mir alles erklärt, ich bin aber auch dumm.“

“Warte, ich zeige es dir“, unterbricht Neda sein Maulen. „In der Schule hat man uns das beigebracht, wir haben Schals gestrickt.” “Nun, das Enkelkind der Oma hat keinen Schal für den Winter, würdest du ihm einen stricken?” “Dir kann ich auch einen stricken.”

So standen die beiden zwischen Stricken und Strophen über Don Juan den rasenden Überfällen der Trauer gegenüber.

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